KARENINA-Kommentar

Verzeihen ist möglich

Überfall auf die UdSSR: Erinnerung als Verpflichtung – und Basis für eine neue Russlandpolitik?

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Es ist eine eher beiläufige Zahl. Doch sie zeigt das ganze Ausmaß der Tragödie. Von den sowjetischen Frontsoldaten der Jahrgänge 1922 bis 1924 haben nur drei Prozent den Krieg überlebt. Fast eine ganze Generation wurde ausgelöscht. Die wenigen Überlebenden blieben gezeichnet.

Man muss sich solche Zusammenhänge wohl in Erinnerung rufen, um zu verstehen, welches Ausmaß an Leid hinter jenen nüchternen Opferzahlen stehen, die man aus den Geschichtsbüchern hinreichend kennt. Gerade die Sieger im Großen Vaterländischen Krieg, wie man ihn auf sowjetischer Seite nannte, haben einen unvorstellbar hohen Preis bezahlt, und Leid und Zerstörung haben die nachfolgenden Generationen noch lange geprägt.

Es wird wohl kaum eine sowjetische Familie gegeben haben, die nicht an Leib und Leben versehrt wurde, die keine Gefallenen zu beklagen hatte, und in der die furchtbaren Erlebnisse nicht auch den Alltag bestimmten, ob man es nun wollte oder auch nicht.

Die zahllosen Kriegsversehrten haben damals das Straßenbild in der Hauptstadt so sehr beherrscht, dass Stalin sie aus dem öffentlichen Blickfeld verbannen ließ. Sie passten nicht ins politische Selbstbild einer siegreichen Nation. Im Volksmund hat man die beinlosen Krüppel auf ihren rollenden Hockern auch Samoware genannt.

Wenn wir heute dieser Opfer gedenken, dann ist das eben keine Verbeugung vor einem Regime. Dann ist es das Mindeste, was wir Deutschen heute zurückgeben können an jene, die auch für unsere Befreiung kämpften und sie selbst nicht bekamen.

Großmut gegenüber den Deutschen

Die große russische Historikerin Irina Scherbakowa hat ihre Familiengeschichte „Die Hände meines Vaters“ genannt und seine in Stalingrad erlittene Versehrung beschrieben. Sie steht wie eine große Metapher über dem ganzen Buch.

Trotzdem habe ihr Vater nie schlecht von den deutschen Soldaten gesprochen. In seiner Welt, der eines literarischen Menschen aus einer gebildeten Familie, wollte er Sieger sein über würdige Gegner, nicht über Täter. Was die deutschen Soldaten und Einsatzgruppen in seinem Land angerichtet hatten, passte nicht in sein Bild der deutschen Kultur.

Es ist diese Großmut gegenüber uns Deutschen, die uns so sprachlos macht und es uns eigentlich verbieten müsste, in jene Debatte über aktuelle Geschichtsbilder und deren politische Instrumentalisierung sofort wieder einzusteigen, sobald sich nur der geringste Anlass dafür bietet. Wir können den Russen, wiewohl den Menschen in diesem einst riesigen sowjetischen Reich wohl nie verzeihen, was wir ihnen angetan haben.

Der blinde Fleck in unserem Gedächtnis

Dass in diesem Jahr der achtzigsten Wiederkehr des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion nicht sofort wieder die Militärhistoriker und politischen Geostrategen das Wort ergreifen, sondern der Millionen sowjetischer Kriegsgefangener gedacht wird, ist freilich schon ein gewaltiger Fortschritt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die angemessenen Worte dafür gefunden. Er hat einen unbegreiflich blinden Fleck in unserem kollektiven Gedächtnis benannt, den wir – zumindest im Westteil unseres Landes – lange ignoriert haben.

Das Schicksal der Opfer im Osten ist uns fremd geblieben, oder in den langen Jahrzehnten des Kalten Kriegs auch fremd geworden. Man darf es heute nicht wieder aufteilen wollen: In die genehmeren Kapitel und in solche, die zu unserer Sicht auf die Dinge schon wieder nicht passen. Und wir müssen leider erkennen, wie es schon nicht mehr möglich ist, vor den einst gemeinsamen Ehrenmalen noch gemeinsam Trauer zu zeigen.

Wir reden gerne von Haltung. Wir sollten manchmal auch schweigen. Was nicht heißt, die großen historischen Fehlstellen zu ignorieren, die unser Geschichtsbild immer noch aufweist. Wie jenes grauenvolle Massaker von Babyn Jar am Stadtrand von Kiew, das buchstäblich verschüttet war in der ideologischen Trümmerlandschaft des Kalten Kriegs. Es ist heute ein exemplarischer Konfliktfall geworden für die erinnerungspolitischen Kontroversen der postsowjetischen Zeit.

Wir können auch die Augen davor nicht verschließen, dass Geschichtspolitik inzwischen zu einer mächtigen Waffe autoritärer Regime geworden ist, die ihre Machtsicherung immer offensiver historisch begründen.

Die politisierte Geschichte

Der Grad ist jedenfalls schmal geworden, auf dem unvoreingenommenes, man möchte fast sagen ziviles Gedenken überhaupt noch möglich erscheint. Es geht auch nicht um das tatsächliche Datum, an dem dieser deutsche Vernichtungsfeldzug begann; und den militärischen Sieg über furchtbare Invasoren. Es geht um die Bedeutung dieses Kriegs für das historische Bewusstsein der sowjetischen und heute einer postsowjetischen Nation.

Das Gedenken richtet sich eben nicht nur auf das historische Geschehen selbst. Erinnert wird eine längst wiederum historisch gewordene Form der Erinnerung. Der späte Stalin scheint durch.

Selten werde Geschichte, urteilt der Politikwissenschaftler Andrei Kolesnikov vom Moskauer Carnegie-Institut, „so politisiert und mythologisiert und mit solcher Aggressivität instrumentalisiert, wie es das herrschende Regime in Russland gegenwärtig tut“. Ein freier Diskurs scheint hier nicht mehr möglich. Westliche Sichtweisen und anderslautende Darstellungen werden inzwischen als Teil eines hybriden Kriegs empfunden.

Erinnerung: uns Verpflichtung, der Welt ein Mahnmal

Die Chance, wenigstens in der gemeinsamen Vergangenheit noch einen Grund für eine gemeinsame Verantwortung zu finden, ist mit diesem Gedenktag an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion jedenfalls nicht größer geworden. Aber vielleicht sollten wir etwas bescheidener vor unserer eigenen Haustür kehren, bevor wir den Russen, den Ukrainern oder Polen schon wieder Geschichtsunterricht erteilen wollen.

Die „Erinnerung an jenes Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen“, so hat es Frank-Walter Steinmeier jetzt formuliert, bleibe uns Deutschen „eine Verpflichtung und der Welt ein Mahnmal“.

Das wäre ein Vorsatz, auf dem sich eine künftige deutsche Russlandpolitik wieder begründen ließe. Sie wird viele kleine und unspektakuläre Schritte erfordern. Aber das notwendige Zeichen von Empathie – das ersetzen sie eben nicht.

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