Krieg in der Ukraine

Ukraine: Die Zeit der Unerbittlichen

Die Zaghaften und Furchtsamen haben den Kampf um die Ukraine-Strategie verloren

Kampf um die Ukraine-Strategie
Der KARENINA-Podcast: Zweifeln verboten über die Antwort auf Putin-Russlands Krieg
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Droht ein Angriff mit Atomwaffen? Müssen andere Nationen in Russlands Nachbarschaft wie die Ukraine mit einem Überfall rechnen? Wie kann der Krieger im Kreml mit seiner servilen Clique gestoppt werden? Mit mehr Waffen oder vielleicht doch ohne? Und gibt es realistische Wege zu Verständigung und Frieden?

Seit Tagen schlagen Offene Briefe und Intellektuellen-Essays auf Deutschlands battle ground ein, den Zeitungsseiten. In der sogenannten Zivilgesellschaft erleben wir einen unerbittlichen Lagerkampf, in dem es nur zwei Seiten gibt: Es gibt „uns“ und „die Anderen“. Gut und Böse. Es ist ein Stellungskrieg der Schriftsteller, ein Kampf der Künstler, Infight der Intellektuellen.

Letztendlich geht es in dieser Debatte über die Lageeinschätzung der „Intellektuellen und KünstlerInnen“ um die Frage: Auf welcher Seite stehst du? Es geht um Selbstversicherung diesseits und Anklage derer jenseits des Grabens.

Jene, die in diesem barbarischen Krieg Putin-Russlands gegen die Ukraine (und den Westen und seine Werte) noch auf baldigen Frieden hoffen, auf Waffenstillstand und Verhandlungen setzen, haben die Schlacht längst verloren. Noch dürfen sie ihre besorgten Briefe in Talkshow-Tribunalen verteidigen. Dort allerdings gleicht die Aufstellung der von „Der heiße Stuhl“: Einer allein gegen zwei, drei, vier andere – und den Moderator. Ein uphill battle.

Angst vor einem großen Krieg? Vor dem Einsatz von Atomwaffen? Für die Ängstlichen ist jetzt keine Zeit mehr. Nur wer sich furchtlos zeigt, hat auch von „Bild, BamS und Glotze“ (Schröder) nichts zu fürchten. Die Furchtsamen dagegen ernten Spott und Häme, Demütigung und Beschimpfungen.

KARENINA und Twitter

In diesem Kampf um die Deutungshoheit, der entschieden zu sein scheint, wird auch in den sogenannten sozialen Medien scharf geschossen. In der Twitter-Blase, in der wir uns als @karenina­_pdo bewegen (auf Facebook firmieren wir unter @kareninapdonline), werden Andersdenkende als „Putinidioten“ und „echtes Ar…“ abgekanzelt, die „Unreflektierten“, die „furchtbare Frau“, „Menschen ohne Expertise“ und angebliche „Kreml-Propagandisten“ werden dazu verdonnert, endlich „die Klappe zu halten“. Unverblümt wird von den Redaktionen verlangt, sie in den Medien nicht mehr zu Wort kommen zu lassen. Der Bundespräsident dagegen verlangte gerade, diese Debatte mit „Respekt und gegenseitiger Achtung“ zu führen.

Manche begrüßen den „wachsenden Hass auf Russland“. Manche machen das ganze russische Volk zu einem „Volk von Mittätern“, von dem sich distanzieren solle, wer nicht Mitverantwortung tragen will. Und es gibt Politikberater, die schon vor dem Angriff Putin-Russlands auf die Ukraine forderten: „Sanction Russia back 2 stone age.“ (In Deutschland erzeugten derartige Forderungen bzw. Ankündigungen schon einmal die Angst, ihr Land solle in einen Kartoffelacker verwandelt werden, was letzte Kräfte mobilisierte.)

Ist das noch im Rahmen? Kann man so sehen. Zumal nirgendwo – das muss klar gesagt werden – das Publikum so aufgepeitscht wird wie in Talkshows und „Nachrichtensendungen“ der russischen Staatsmedien.

Keine Zeit für Zweifel

Gehörst du zu uns oder zu den Anderen? Ja, schon. Aber Zweifel bleiben.

Wer kennt schon heute das Ende? Wer weiß, welche Szenarios sich bewahrheiten werden? Wer weiß, was auf welche Entscheidungen folgt? Und doch scheinen, nachdem die Politik des Dialogs seit Willy Brandt für gescheitert gilt, derzeit keine Zweifel erlaubt. Die Suche nach realistischen Wegen zu Verständigung und Frieden steht derzeit nicht auf der Agenda.

Wer für Waffenruhe und Verhandlungen eintritt, wer Auswege im Bereich des Möglichen, des Realistischen sucht, sieht sich dem Vorwurf der „Politik der Furcht“ und der mangelnden Solidarität ausgesetzt. Selbst die Istanbuler Vorschläge der ukrainischen Delegation sind heute offenbar von gestern.

Jetzt ist nicht die Zeit der Zaghaften. Und so sind die Stimmen derer kaum zu hören, die darauf hinweisen, dass auch Staaten mit einem Diktator an der Spitze nach dem Ende ihres Irrwegs nicht verschwunden sein werden.

Die Furchtsamen fragen sich allerdings, ob diese ganze Welt verschwinden könnte, wenn nicht Vernunft einkehrt und der Wille zu Verhandlungen. Die Unerbittlichen lehnen das ab. Das bereitet Magenschmerzen. Kann aber sein, dass sie am Ende Recht behalten. Nichts ist unmöglich, aber niemand weiß Genaues.