Sozialismus ist nicht reformierbar

Der Prager Frühling war Gorbatschows Vorbild, aber er übersah, dass menschlicher Sozialismus unmöglich ist

von Richard Swartz
Ist Sozialismus reformierbar? Prag zeigte: Nein
Gorbatschows Experiment: Kann es einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz geben? Lehre aus Prag 1968: Kaum, weil das System und die Beharrer es nicht zulassen.

Wer zu spät komme, den bestrafe die Geschichte, sollen die mit gutem Grund berühmten Worte Michail Gorbatschows an Erich Honecker in Ostberlin im Oktober 1989 gelautet haben. Es war als Warnung gemeint. Bis zuletzt widersetzte sich der ostdeutsche SED-Generalsekretär Gorbatschows Glasnost (Offenheit, Transparenz) und Perestroika (Umgestaltung, Umbau), und nur einen Monat später fiel die Mauer.

Gorbatschow bekam recht. Im selben Jahr hatte Honecker noch versichert, dass sie weitere „fünfzig oder hundert Jahre“ stehen werde. Ohne Mauer war der zweite deutsche Staat – die realsozialistische DDR – praktisch abgeschafft.

Doch Geschichte ist voller Ironien, und die berühmte Warnung hätte mehr noch als Honecker ihrem vermeintlichen Urheber selbst gelten können: In der Weltgeschichte ist selten zuvor jemand klarer zu spät gekommen als gerade Michail Sergejewitsch Gorbatschow.

Nachdem er die Macht verloren hatte und die Sowjetunion aufgehört hatte zu existieren, sagte Gorbatschow häufig, dass er zu schnell vorgegangen sei. Dies sei das Einzige, was er bereue.

Aber er irrte sich; es war keine Frage des Tempos. Seine Absicht, den Realsozialismus radikal zu reformieren, ihn effektiv und attraktiv zu machen, kam nicht nur zu spät, sondern war von vornherein zum Scheitern verurteilt – es gab nichts zu reformieren, nichts weiter- oder umzubauen. Stattdessen würde jeder methodische Versuch, es dennoch zu tun, paradoxerweise dazu beitragen, das realsozialistische System unwiderruflich abzuwickeln.

Mitunter erinnert Gorbatschow an Christoph Kolumbus, der glaubte, den Seeweg nach Indien gefunden zu haben, stattdessen aber den neuen Kontinent Amerika entdeckt hatte, ohne sich dessen je bewusst zu sein. Zwar war am Ende ihres Lebens beiden klar, die Welt verändert zu haben, nicht jedoch, dass ihr Werk auf fatalen Missverständnissen beruhte, auch wenn Gorbatschow als Held tragischer ist als Kolumbus.

Gorbatschow und der Prager Frühling

Gorbatschow leitete seine Reformpolitik Mitte der achtziger Jahre ein, fast zwei Dezennien nach dem Prager Frühling, dem ersten – und vor Gorbatschow einzigen – Versuch, die realsozialistische Gesellschaft in Osteuropa von Grund auf zu reformieren. Dass dies gerade in der Tschechoslowakei geschah, war kein Zufall: In der Welt des Realsozialismus war die ČSSR das reichste und am höchsten entwickelte Land, das einzige mit demokratischen Traditionen aus der Zwischenkriegszeit und einer bedeutenden Industrie, die ins 19. Jahrhundert reichte, während sie anderswo in Osteuropa nach dem Krieg erst aufgebaut werden musste.

Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Februar 1948 wurde die Gesellschaft des Lands in das Korsett stalinistischer Diktatur und Planwirtschaft gezwängt; nicht verwunderlich, dass es sofort zu einer Zwangsjacke wurde, dass vor allem der tschechische Landesteil gezwungen war, von der alten Substanz zu leben, und das politische Regime zu zeitweise harten Repressionen griff, um die Unzufriedenheit in Schach zu halten.

Zwanzig Jahre nach der Machtergreifung ließ sich das nicht länger halten: Nach einigen Jahren der „Lockerung“ – nicht zuletzt in jenen Bereichen, die von Gorbatschow später unter dem Schlagwort Glasnost angepackt wurden – stellte sich die Kommunistische Partei an die Spitze einer Umwandlung der Gesellschaft. In diesem Punkt ist der Prager Frühling einzigartig: eine Umwandlung, die von oben begann, weder nationalistisch noch antikommunistisch, friedlich und nicht revolutionär, mit dem Ziel, das Bestehende grundlegend zu reformieren – nicht zum Einsturz zu bringen.

Ironischerweise sollte Gorbatschow bereits in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre eine der führenden Figuren des Prager Frühlings kennenlernen, als sie beide an der juristischen Fakultät der Lomonossow-Universität in Moskau studierten. Der Tscheche Zdeněk Mlynář und er wurden enge Freunde.

Der arme Bauernsohn Gorbatschow war aus der Provinz nach Moskau gekommen, eine Rolltreppe war für ihn eine zivilisatorische Sensation. Mlynář stammte aus dem urbanisierten Zentraleuropa. Für Gorbatschow – der keine Fremdsprache konnte und keine Auslandserfahrungen hatte – muss es die erste Begegnung mit einer fremden und dennoch derselben sozialistischen Welt gewesen sein, wenn auch auf einem so viel höheren Niveau in ihrer Entwicklung und mit Problemen, vor denen die Sowjetunion noch nicht stand. Die Diskussionen mit seinem tschechischen Freund waren für ihn wohl wie ein Blick in ein Labor, in dem auch die sowjetische Zukunft, noch in der Ferne, gemacht wurde.

Zdeněk Mlynář wurde zum vielleicht wichtigsten Theoretiker des Prager Frühlings. Er war der Mann hinter dem sogenannten Aktionsprogramm der Kommunistischen Partei, dem großen Plan, mit dem man die Gesellschaft zu reformieren dachte, dessen praktische Umsetzung aber vom Einmarsch im August 1968 gestoppt wurde.

Mlynář hatte eine für den zentraleuropäischen Realsozialismus nicht ganz ungewöhnliche Biografie: Parteimitglied mit sechzehn, dann Apparatschik, Politiker und Reformer, 1970 aus der Partei ausgeschlossen, danach Dissident und Entomologe, 1977 ins Exil nach Wien gezwungen, bis zum Ende einer der weltweit führenden Experten für den real existierenden Sozialismus.

Eine Gesellschaft für, nicht gegen die Bürger

Fest steht, dass Gorbatschows Reformen Anbindungen an den Prager Frühling im Allgemeinen und an dessen Aktionsprogramm im Besonderen hatten. Hier fand er seine Vorbilder: eine Gesellschaft für und nicht gegen ihre Bürger, die Einsicht, in der Wirtschaft dem Markt einen größeren Einfluss zulasten des Plans zu gewähren, mit höherem Konsum und Preisen, die Angebot und Nachfrage widerspiegelten, nicht politisch diktiert waren.

Fest stand auch, dass Veränderungen dieser Art vom existierenden System rasch erstickt würden, wenn nicht zeitgleich die Meinungsfreiheit die Zensur ersetzte. Mlynář hatte in seinem Aktionsprogramm mehrfach die Notwendigkeit von „Pluralismus“ betont, ohne damit ein Mehrparteiensystem zu befürworten.

Also Plan und Markt? Einparteistaat und Pluralismus? Informationsmonopol und Meinungsfreiheit? Das glich der Quadratur des Kreises.

Das Programm des Prager Frühlings enthielt eine lange Reihe solcher Selbstwidersprüche, und ein erfahrener Ökonom, der Ungar Ferenc Jánossy, legte den Finger auf die Wunde: Paart man zwei Katzen, bekommt man ein Kätzchen, bei zwei Hunden einen Welpen – paart man aber eine Katze und einen Hund, wird überhaupt nichts draus.

Panzer stoppten die Reformen

Solche inneren Widersprüche hätten die Reformpolitik mit Sicherheit gesprengt und dazu geführt, dass in der Tschechoslowakei stattdessen die Demokratie wiedererrichtet worden wäre. Doch der Einmarsch kam dazwischen; aus streng machtpolitischem Blickwinkel fällte Leonid Breschnews Politbüro die richtige Entscheidung, als man den Reformversuch mit Panzern stoppte.

Der Einmarsch rettete die bestehende Ordnung. Aber der Preis war verheerend. Der reformierte Sozialismus „mit menschlichem Antlitz“ starb in Prag, und nicht nur dort; der Realsozialismus konnte nur niedergerissen und durch etwas ganz anderes ersetzt werden. Was nach dem Einmarsch von 1968 übrig blieb, war nichts als ein gut zwanzig Jahre langer Transfer hin zum endgültigen Begräbnis.

Gorbatschow hat es nie verstanden: Als er dort ansetzte, wo sein Freund und die tschechischen Genossen in Prag enden mussten, war es, als versuchte er, einer Leiche neues Leben einzuhauchen.

Zdeněk Mlynář traf ich vor seinem Tod 1997 oft. Es ging das Gerücht, dass Gorbatschow seinen Freund in der Tschechoslowakei kurz nach dem Einmarsch besucht haben soll, als Mlynář aus der Partei bereits ausgeschlossen war und zu Hause als Persona non grata galt.

Mlynář ließ das immer unkommentiert, und ich habe ihn nicht danach gefragt. Aber die vielen und langen Gespräche überzeugten mich davon, dass er bis zuletzt – genau wie Gorbatschow – der Meinung war, die Kommunistische Partei und das System hätten reformiert werden können. Im Grunde war keiner der beiden Demokrat.

Zumindest in Gorbatschows Fall ist das kein Vorwurf – wie hätte er einer werden können? Aufgewachsen während des Kriegs und in Stalins Sowjetunion?

Zu viel verlangt.

Es reicht allemal, dass er wie kein anderer dazu beitrug, ein diktatorisches Gesellschaftssystem im Großen und Ganzen friedlich abzuwickeln – im Glauben, dass er es reformierte.

Der schwedische Schriftsteller Richard Swartz lebt in Stockholm, Wien und Sovinjak (Istrien). Zuletzt ist bei Zsolnay erschienen: „Austern in Prag. Leben nach dem Frühling“, 2019.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 16.9.2022 erschienen in: Neue Zürcher Zeitung / © Neue Zürcher Zeitung. Aus dem Schwedischen von Andrea Fredriksson-Zederbauer.

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