80 Jahre Überfall auf die UdSSR

Es war nicht Hitler, es waren viele

Hannes Heer und Christian Streit bilanzieren den Überfall auf die UdSSR vor 80 Jahren

Auf dem Weg in die Sowjetunion 15 6 1941
Offenbar guten Muts und gern dabei: Deutsche Soldaten am 15.6.1941 auf dem Weg gen Osten.

Es hat lange gedauert, bis das deutsche Parlament einen Konsens bezüglich des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion finden konnten. Erst vor zehn Jahren stimmten Sprecher aller Fraktionen folgenden grundlegenden Fakten unmissverständlich zu: Was am 22. Juni 1941 begann, war ein Vernichtungskrieg, den Deutschland geplant und begonnen hatte, Wehrmacht, Polizei und SS waren an den Verbrechen beteiligt, die Sowjetunion zahlte den höchsten Blutzoll aller betroffenen Nationen.

In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Krieg galt: Adolf Hitler war schuld an den Verbrechen, die Masse der Deutschen war ihm lediglich gefolgt, gezwungenermaßen. Hatten das die Entnazifizierungskammern nicht eindrücklich bewiesen?

In Adenauers Republik blickte man nicht zurück. Erst langsam schauten die Nachkommen auf die Taten und Täter von damals, auf die Masse, nicht nur „die Nazis“.

Als 1985 Helmut Kohl den „Zusammenbruch“ des sogenannten Dritten Reichs als „Befreiung“ bezeichnete und wenig später Bundespräsident Richard von Weizsäcker die deutsche Schuld unmissverständlich einräumte, war der Widerspruch noch immer heftig. Wir, unsere Eltern und Großeltern waren doch kein Nazis, hieß es noch immer sehr empört auf der Rechten, oder, ganz wie es die Freien Theateranstalten in Berlin es seit 1994 täglich kritisch formulierten: „Ich bin’s nicht, Adolf Hitler ist es gewesen.“

Dabei hatte Lutz Niethammer diesen Mythos mit seinen Forschungen über die „Mitläuferfabriken“ längst gebrochen. Aber es durfte nicht wahr sein, was wahr war.

Die Legende von der „sauberen Wehrmacht“

Auch die Wehrmacht galt weiter als „sauber“, obwohl Ende der 1960er-Jahre erste kritische Blicke auf die Nazi-Armee gefallen waren – bis schließlich Hannes Heer und andere 1995 – die Deutschland teilende Mauer war bereits gefallen – eine große Ausstellung kuratierten: „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1945“.

Die Wehrmacht hatte nicht, wie nach 1945 von den alten Generälen behauptet, Distanz zur Partei gehalten. Erdrückende Beleg zeigten, dass die Wehrmacht vielmehr die Pläne des Weltanschauungs- und Vernichtungskriegs unterstützt, mitgetragen, vollzogen und dabei in der Sowjetunion permanent gegen das Kriegsvölkerrecht verstoßen hatte. Und die Etappe machte mit.

Und so folgten alle den Ansichten, die Hitler Ende März 1941 einhundert Befehlshabern und Stabschefs des Ostheers offenbarte, das bald die Sowjetunion überfallen sollte: Vernichtung des Bolschewismus bedeutet Vernichtung - der Kommissare, der kommunistischen Intelligenz und einer ganzen Gesellschaft.

Der Kampf im Osten werde ein anderer als der im Westen, machte Hitler klar. Bedenken müssten überwunden werden. Bei diesem Kampf müsse einer der Gegner auf der Strecke bleiben.

Auch wenn sicher noch immer zutrifft, dass nicht jeder Kriegsteilnehmer Nazis war, so ist bedauernd zu konstatieren: Die meisten Offiziere befahlen nicht pflichtschuldig, sondern zustimmend, was den sowjetischen Opfern Hunger, Krankheit, Tod bescherten. Und ihre Untergebenen verrichteten das Befohlene willentlich, häufig ohne Skrupel, und das nicht nur wegen der offenbar „erfolgreichen“ Propaganda der Partei – und zwar aus vielen unmenschlichen (oder gar doch menschlichen, allzumenschlichen?) Gründen.

Die Behauptung einer „sauberen Wehrmacht“ ist längst widerlegt. Die Dokumente, die das zeigen, füllen Archive und Bibliotheken. Der neu aufgelegte und erweiterte Band von Hannes Heer und Christian Streit über den „Vernichtungskrieg im Osten“ fasst den Stand der Forschung unmissverständlich zusammen. Dabei zeigt sich: Was bei der Wehrmachtsausstellung noch heftig umstritten war, ist heute Konsens.

Hannes Heer / Christian Streit

Vernichtungskrieg im Osten. Judenmord, Kriegsgefangene und Hungerpolitik

VSA Verlag
240 Seiten
Paperback
19,80 Euro
ISBN 978-3-96488-039-0
Zum Verlag

Konsens ist, dass die Wehrmacht am Holocaust, der mit dem Überfall auf die UdSSR begann, beteiligt war – und zwar schon bei der Planung: dass nämlich nicht eine hitlerhörige Generalität und ein paar Offiziere den Massenmord an den Juden zu verantworten hatten, sondern die Truppe insgesamt, „ohne dass es zu auffälligen Formen von Widerstand gekommen wäre“, wie Hannes Heer im aufpolierten Buch schreibt. „Dafür verantwortlich war ein schon vorhandener und durch den Krieg radikalisierter antisemitistische rund antislawischer Rassismus, der es erlaubte, den in den Befehlen verlangten totalen und partiellen Genozid an Juden und Slawen als legitimes Kriegsziel plausibel zu machen.“

Die Barbarisierung von Millionen Soldaten

Durchgesetzt bei den Truppen führte das zur „Barbarisierung von Millionen Soldaten“ (Hannes Heer). Die durften nach Gusto handeln, nach den „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“ vom 19. Mai 1941, der „rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden“ verlangte. Und nach dem sogenannten Kommissarbefehl vom 6. Juni, wonach die Kommissare der Roten Armee, „wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen“.

Ob eine erneute Verteidigung der Wehrmachtsausstellung mit einer beträchtlichen Wir-hatten-Recht-Attitüde in solch einen Band gehört, mag jeder selbst beurteilen. Fakt ist: Grundsätzlich hatten die Macher der damals umstrittenen Schau eine Auseinandersetzung um ein beschwiegenes Teilkapitel der deutschen Geschichte angestoßen. Was heute so glasklar erscheint, musste über mehrere Generationen langsam in die Köpfe der Täter und Nachfahren gepflanzt werden. Dazu haben die Autoren über Jahrzehnte beigetragen. Das Buch erhellt den langen Streit über die Frage, wer beim „Vernichtungskrieg im Osten“ Schuld auf sich geladen hat. Es waren viele.

Lesen Sie außerdem in der KARENINA-Serie „22. Juni 1941: Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR“:

Johann Michael Möller kommentiert den 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion, die Großmut der Menschen in der UdSSR in der Zeit nach 1945 und was wir daraus für Schlüsse ziehen könnten.

Alexander Dynkin: 'Victor ist den Heldentod gestorben'. Der Präsident des IMEMO über die Toten seiner Familie und wie es weiterging

Andrei Kortunov: Feinde für ewig? Was der 22. Juni 1941 heute für Russen und deren Verhältnis zu den Deutschen bedeutet

Hans-Heinrich Nolte: Wieso überfiel Hitler die UdSSR? Ziel von ‚Unternehmen Barbarossa‘: Annexion Osteuropas als koloniale Basis deutscher Weltmacht

Nina Petljanowa: „Der Krieg und die Psyche der Soldaten: Weltkriegsveteran Daniil Granin: ‚Den Krieg, den ich erlebt habe, findet man nicht in Dokumenten‘“

Jörg Echternkamp: Stalingrad: Die Schlacht als Metapher. 22. Juni 1941: Überfall auf die UdSSR, Stalingrad und das Gedächtnis der Deutschen

Peter Köpf: Vergessene Opfer: Sowjetische Kriegsgefangene. Die Verbrechen der Wehrmacht an 5,7 Millionen Rotarmisten – und Rotarmistinnen

Das KARENINA-Interview mit der Kuratorin der Ausstellung "Dimensionen eines Verbrechens", Babette Quinkert, über Hunger, Mord und "Flintenweiber"