Andrej Kurkow: Frieden mit Putin unmöglich

Der Krieg wird bis zum Tod Putins dauern, solange wird es keinen Frieden geben

von Benedict Neff
Kurkov über Putin
Andrej Kurkow: "Die Zeit für Putin wird zu Ende gehen."

Der wohl bekannteste Schriftsteller der Ukraine, Andrej Kurkow, kam zwar 1961 in St. Petersburg zur Welt, aber er lebt seit seiner Kindheit in Kiew. Er schreibt russisch, seine Bücher erscheinen in 42 Sprachen. Für sein „Tagebuch einer Invasion“ (Haymon-Verlag, 2022) erhält Kurkow im November den Geschwister-Scholl-Preis. Sein Roman „Samson und Nadjeschda“ (Diogenes) erscheint noch in diesem Jahr erstmals auf Deutsch. Mit Andrej Kurkow sprach Benedict Neff über den Krieg, Kritik an Wolodymyr Selensky und tote ukrainische Soldaten.

Benedict Neff: In Ihrem „Tagebuch einer Invasion“ schreiben Sie, dass Putin nach dem Krieg möglicherweise einmal zu den Ukrainern sagen werde: „Es war nicht persönlich gemeint“ – wie ein Mafiaboss. Halten Sie das noch für ein realistisches Szenario?

Andrej Kurkow: Nein, nicht wirklich. Die Zeit für Putin wird zu Ende gehen. Seine Position ist schwach geworden. Er wird mittlerweile schon von China und Indien kritisiert. Russland ist zunehmend isoliert. Die russische Armee wurde immer als zweitstärkste Armee der Welt gehandelt, jetzt ist Putin frustriert darüber, wie schlecht es um sein Militär tatsächlich steht. In seiner Wut darüber rächt er sich an der ukrainischen Zivilbevölkerung. Die Kämpfe um die künftige Macht in Moskau haben schon begonnen.

Diese Spekulationen prägen auch die Debatte im Westen. Faktisch weiß man aber kaum, was hinter den Kulissen läuft.

Das stimmt, aber dass Putins Macht erodiert, zeigt sich an den öffentlichen Auseinandersetzungen, in die seine Generäle verwickelt sind. Das gab es so vorher nicht. Der Krieg wird bis zum Tod Putins dauern, und danach ist die Frage, wie sich die Machtverhältnisse im Kreml klären. Solange Putin lebt, wird es in der Ukraine keinen Frieden geben.

Warum kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Weil der Krieg auf drei Ebenen geführt wird. Zum einen geht es darum, die Ukraine zu vernichten und in die Russische Föderation zu integrieren. Zum anderen ist es ein Krieg gegen die ukrainische Identität: die Sprache, die Kultur und die Geschichte. Auf der obersten Ebene wiederum geht es um einen Kampf von Russland und Iran gegen Amerika und Europa. Das ist die Weltkriegsdimension. Deshalb werden Europa und Amerika die Ukraine so lange mit Waffen beliefern, wie der Krieg dauert. Denn wenn die Ukraine verliert, hat auch der Westen verloren. Es wäre ein großer Triumph für Putin und die Mullahs.

Die Welt glaubte an die Stärke der russischen Armee. Sie auch?

Nein.

Warum nicht?

Ich weiß viel über die Korruption in der russischen Armee. Alles, was in Russland groß ist, ist halb gestohlen und halb Dekoration. Es hat mit der Realität wenig zu tun.

Sie sind ethnischer Russe. Würden Sie sich auch als Russe bezeichnen?

Nein.

Warum nicht?

Ich war ein sowjetischer Typ, dann ein postsowjetischer, und schließlich wurde ich Ukrainer russischer Herkunft. Meine Muttersprache ist Russisch, aber ich habe keine Beziehung zu Russland. Zum letzten Mal war ich 2013 in Russland, an einem Festival in Perm, das danach verboten wurde. Ich sprach da Russisch mit russischen Intellektuellen und hatte das Gefühl, es mit Fremden zu tun zu haben.

Was war das Fremdartige?

Sie haben eine andere Mentalität, andere Werte. Sie sagten zum Beispiel, Demokratie funktioniere nicht in Russland. Die Russen seien nicht bereit dafür, sie würden einen Zaren brauchen, eine starke Hand, weshalb der Kult um Stalin auch zunehme. Diese Russen hatten etwas Sowjetisches in ihren Gedanken, etwas Heuchlerisches. Ich weiß gar nicht, ob das ihre Meinung war oder die Meinung, von der sie dachten, dass ich sie gern hören würde. Es war eine seltsame Erfahrung: Sie sprachen dieselbe Sprache wie ich, und doch konnte ich manchmal nicht verstehen, was sie meinten.

Andrej Kurkow

Tagebuch einer Invasion

Haymon
352 Seiten
Klappenbroschur
19,90 Euro
ISBN 978-3-7099-8179-5
Zum Verlag

Erfahren Sie Ablehnung, wenn Sie heute in der Ukraine Russisch sprechen?

Auf der Straße gibt es keine Probleme. Bei Veranstaltungen spreche ich schon seit langer Zeit hauptsächlich Ukrainisch. Zu Hause und mit vielen Freunden spreche ich weiter Russisch. In Charkiw sprechen weiterhin 90 Prozent Russisch, in Kiew 70 Prozent. In Mariupol haben alle Menschen Russisch gesprochen. Vielleicht zeigt nichts deutlicher die Absurdität dieses Kriegs. Die Leute in Mariupol waren Putins erste Opfer, dabei behauptete er, er wolle russischsprachige Menschen vor den Ukrainern verteidigen.

Hat der Krieg bei Ihnen zu einer Ablehnung gegen die eigene Muttersprache geführt?

Nein. Aber das gibt es. Der bekannteste Schriftsteller aus Donezk, Wolodymyr Rafejenko, hat erklärt, er werde kein Wort mehr auf Russisch schreiben – er musste zweimal vor den Russen fliehen. Jetzt lernt er Ukrainisch.

Ich schreibe weiterhin auf Russisch. Für mich ist das keine Frage. Ich wurde in den vergangenen dreißig Jahren immer mal wieder von Nationalisten bearbeitet, die meinten: Wenn du ein ukrainischer Schriftsteller sein willst, musst du auf Ukrainisch schreiben. Ich sagte denen immer: Ukrainische Literatur besteht auch aus Literatur von Minderheiten wie etwa den Krimtataren oder den Ungarn in der Karpatenregion. Auf Facebook schreiben nun viele Intellektuelle, Russisch sei die Sprache des Feindes. Das ist Unsinn. Die Hälfte unserer Soldaten an der Front spricht Russisch.

Und in Zukunft?

Die meisten Leute bleiben bei der Sprache, die sie schon immer gesprochen haben. Aber bei der jungen Generation ändert es sich. Sie spricht Ukrainisch oder ist zweisprachig. Das Russische wird an Bedeutung verlieren.

Hat sich Ihre Verbindung zur russischen Literatur verändert, lesen Sie, nun unmittelbar konfrontiert mit dem gewaltsamen russischen Imperialismus, Dostojewski und Tolstoi anders?

Ich lese sie nicht mehr, aber ich hatte ohnehin keine Sympathien für beide, mein ganzes Leben. Ich liebe Tschechow. Aber ich habe kaum Zeit zum Lesen. Die junge Generation hat auch kein Interesse mehr an der russischen Literatur. Es kam auch nicht viel Spannendes in den letzten Jahren. Die Mehrheit der russischen Schriftsteller unterstützt Putin.

Ich bin vor fast zwanzig Jahren durch die Ukraine gereist, damals war mein Eindruck, dass das Land Russland sehr viel nähersteht als dem Westen. Sie charakterisieren Russen und Ukrainer in Ihrem Tagebuch hingegen als komplett verschieden: Die Ukrainer suchten die Freiheit, die Russen Stabilität. Hat man sich in den letzten Jahren so auseinandergelebt, oder war die Verschiedenheit schon immer da?

Nach der Wende 1991, als die Ukraine offiziell unabhängig geworden war, wurde die ukrainische Identität stärker. Vor allem in der Westukraine, weil hier auch die Geschichte mit der Sowjetunion kürzer war. Die Westukrainer waren viel dynamischer. In jener Zeit war die Ukraine in zwei Teile geteilt. Es gab eine Grenze zwischen den Mentalitäten: die russisch-sowjetisch-kollektive Mentalität vom Zentrum nach Osten und die individualistische Mentalität vom Zentrum nach Westen.

Vor fünfzehn Jahren gab es dreimal so viele Unternehmer im Westen wie im Osten. In den letzten Jahren wurden die Unterschiede kleiner. Und der Krieg schweißt das Land nun weiter zusammen. Putin möchte das Land einnehmen oder spalten. In Wahrheit führt er die Nation zusammen.

Ihr Tagebuch beginnt schon vor dem Krieg: Da hat man das Gefühl, dass Sie deutlich skeptischer auf den ukrainischen Präsidenten blicken. Hat sich Ihr Bild von Selensky gewandelt?

Ein bisschen. Ich sehe seine Rolle in Kriegszeiten positiv. Ob er auch tatsächlich eine positivere Figur geworden ist, werde ich erst nach dem Krieg beurteilen. Jetzt macht er seine Arbeit sehr gut, aber was er vorher geboten hat, war falsch.

Was meinen Sie konkret?

Er hat viele Freunde aus dem Showbusiness in einflussreiche Positionen gehievt, obschon sie keine politische Erfahrung hatten. Er verteidigte auch Freunde, die in Kriminalfälle verwickelt waren.

Gibt es Kritik an der ukrainischen Regierung in der Ukraine?

Immer.

Immer?

Natürlich. Die Ukrainer akzeptieren die Macht nicht, das hat Tradition. Sie wählen einen Präsidenten, um ihn zu hassen. Der Gewählte ist verantwortlich für alles, was schiefläuft im Land. Selensky kassiert jeden Tag harte Kritik in den sozialen Netzwerken.

Was wird gerade am meisten kritisiert?

Die Regierung hat im neuen Budget viel Geld für den Straßenbau eingeplant. Viele Leute sagen nun, all das Geld müsse in die Armee fließen. Im Sinne von: Wer braucht neue Straßen, wenn sie im Krieg sowieso wieder zerstört werden? Ich glaube, sie haben recht.

Das heißt, Selensky ist im Westen eine Lichtgestalt und in der Ukraine ein normaler Politiker?

Natürlich. Selensky hat auch viel Unterstützung in der Ukraine, aber im Westen ist er ein Superstar.

Bei der Lektüre Ihres Tagebuches dachte ich: Sie sind mit dem Westen eigentlich ziemlich gnädig. Dabei hat man auf die Annexion der Krim kaum reagiert, die Öl- und Gasgeschäfte gingen weiter. Sind diese späte Reaktion des Westens und die jetzige Anteilnahme angesichts jahrelanger Passivität nicht ziemlich heuchlerisch?

Der Krieg, den wir jetzt erleben, ist eine Folge der Tatenlosigkeit des Westens nach der russischen Annexion der Krim. Sich dies ständig zu vergegenwärtigen, hilft aber auch nicht weiter. Ohne westliche Hilfe können wir den Krieg gegen Russland nicht gewinnen.

Sie schreiben, dass Sie Ihr Facebook-Konto zeitweise nicht mehr öffnen wollten, weil Sie da dauernd mit Posts konfrontiert wurden, in denen Frauen ihre gefallenen Männer betrauerten. In den deutschen und Schweizer Medien wird kaum über die ukrainischen Toten berichtet, man scheint über sie auch nicht viel zu wissen. Ganz im Gegensatz zu den russischen Toten. Das erweckt manchmal fast den Eindruck eines klinischen Kriegs auf ukrainischer Seite.

Von offizieller Seite kriegen die Ukrainer praktisch auch nur positive Nachrichten von der Frontlinie. Aber es gibt sehr viele tote ukrainische Soldaten. Wie viele es sind, weiß man nicht. Mir ist es wichtig, dass es auch ehrliche Nachrichten gibt. Diese Ehrlichkeit erleben Sie auf Facebook.

Das heißt, auch in den ukrainischen Medien werden die toten ukrainischen Soldaten kaum thematisiert?

Ein bisschen. Ich kann es Ihnen zeigen. Ich lese jede Stunde ukrainische Nachrichten. Hier, sehen Sie: Das ist wie ein Ticker zu ukrainischen Militäroperationen, Meldung an Meldung. Nach vierundzwanzig Nachrichten von Operationen an der Frontlinie heißt es: Ein Soldat wurde in der Nähe von Wuhledar getötet. Oder: Ein Soldat aus Krementschuk wurde getötet. Es gibt keine Gesamtstatistik, nur einzelne Meldungen.

Gibt es noch etwas, das Ihnen in der Berichterstattung zum Krieg in der Ukraine fehlt?

Vielleicht eine Sache. Dieser Krieg zerstört die russische Gesellschaft. Zuerst haben alle das Land verlassen, die mit Putin nicht einverstanden sind. Jetzt flüchten alle, die Angst haben, vom Militär eingezogen zu werden. Wie diese Migration das europäische Leben beeinflussen wird, wissen wir nicht.

1918 flüchteten viele russische Aristokraten nach Frankreich, jetzt sind es ganz unterschiedliche Schichten: einfache Leute, Oppositionelle, Kriminelle. Die Leute bringen auch ihre russische Mentalität mit.

Auch Millionen von Ukrainern haben ihr Land verlassen, vor allem Frauen und Kinder. Kehren sie wieder in die Heimat zurück?

Mein Gefühl ist: 30 Prozent werden nicht mehr zurückkehren. Eine halbe Million ukrainische Kinder gehen seit September in Europa in die Schule. Sie integrieren sich, fangen an, eine andere Sprache zu sprechen. Je länger dies dauert, desto schwieriger ist es, sich wieder zu lösen. Die Ukraine wird nach dem Krieg viele Probleme haben. Das halbe Land wird ruiniert sein. Es wird weniger junge Menschen geben. Und auch das Ungleichgewicht in den Erfahrungen wird zu Spannungen führen: Viele Frauen haben im Frieden gelebt, die Männer im Krieg.

Schwindet die Angst im Krieg?

Ganz eindeutig. Man gewöhnt sich an den Krieg. Die Restaurants in Kiew sind wieder voll. Nach den zwei größeren Anschlägen in der Altstadt reagieren die Leute wieder etwas schneller auf die Sirenen bei Luftangriffen. Vorher hat man gar nicht mehr reagiert. Alle versuchen so zu leben, als gäbe es keinen Krieg.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 26.10.2022 erschienen in: Neue Zürcher Zeitung / © Neue Zürcher Zeitung

Nichts verpassen!

Tragen Sie sich hier ein für unseren wöchentlichen Newsletter: