„Mein Land hat einen Krieg begonnen“

Anna Michailowa, 57, Historikerin, Moskau: „Ich bin gebrochen und habe keine Hoffnung mehr“

Schämt sich für Russlands Krieg: Anna Michailowa
Anna Michailowa über den Krieg ihres Lands: "Und wieder schämte ich mich unendlich.“

Ich bin Historikerin, schon mein ganzes Leben lang. Schon in der fünften Klasse habe ich beschlossen, Historikerin zu werden. Ich erinnere mich gut, wie ich zum ersten Mal die Moskauer Universität besuchte, im April 1979, ich wollte wissen, wo sich die Schule der jungen Historiker befindet. Seitdem bin ich dort.

Das Thema meiner Dissertation lautete „Die Sozialpolitik während der Novemberrevolution in Deutschland“. Ein für mich wahnsinnig langweiliges Thema, und wäre nicht die Perestroika gewesen, wäre nicht Gorbatschow gekommen und dieser radikale Bruch mit allem, ich weiß nicht – angesichts dessen, was meine Professorin von mir gefordert hatte: drei Verweise auf Lenin, zwei auf Marx und so weiter –, ob ich meine Dissertation überhaupt verteidigt hätte oder nicht.

Ich bin ein Kind der Perestroika. 1985, als Gorbatschow an die Macht kam, war ich im dritten Studienjahr. Und ganz allmählich, das heißt, eigentlich gar nicht so allmählich, wurde alles anders. Wir begannen Fragen zu stellen. Früher hatten wir keine Fragen gestellt, das war ganz ausgeschlossen.

Warum akzeptierten die Deutschen Hitler?

Mit dem Nationalsozialismus wollte ich mich beschäftigen aus dem einfachen Grund, weil Stalin meinen Urgroßvater, einen Donkosaken, hatte erschießen lassen. Meine Großmutter, also seine Tochter, hatte ihn sehr geliebt. Aber sich mit seiner eigenen Geschichte zu beschäftigen, das ist sehr schmerzhaft, deshalb habe ich auf eine fremde Geschichte umgeschaltet, auf den Nationalsozialismus.

KARENINA-Serie
Flucht und Exil
Seit Februar 2022 sind hunderttausende Menschen aus der Ukraine und zahlreiche russische Oppositionelle nach Deutschland geflüchtet. Viele von ihnen möchten darüber berichten, bevor die Erinnerung verblasst. Unsere Dokumentation von „Interviews gegen das Vergessen“ entsteht in Kooperation mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Ich habe mich mit der Geschichte des Alltags beschäftigt. Das war damals, in den 1990er-Jahren, für Russland eine völlig neue Vorstellung, die man lange nicht akzeptierte. Die Geschichte des Alltags ist die Geschichte des Lebens, sie erzählt, dass in Wirklichkeit die kleinen Leute Geschichte machen, dass vom Verhalten der eigenen Großmutter doch auch ein klein wenig abhing, und dass sie, als typischer Vertreter einer bestimmten Gruppe, einer bestimmten Epoche, auch ihren Betrag zur Geschichte geleistet hat. Das war furchtbar interessant.

Für mich war es sehr interessant zu verstehen, wie die Deutschen Hitler letztendlich akzeptiert haben. Auf welche Weise entstand dieser nationale Konsensus, wie haben sie ihn unterstützt, wie haben sie dieses Regime aufgebaut und wie sich anschließend davon distanziert. Dabei geht es um die Überwindung der Vergangenheit, über die Aufarbeitung der Vergangenheit. Mich interessierte die Mittelklasse, die, ob sie wollte oder nicht, Hitlers eigentlicher Rückhalt war, und wie sie, mehr oder weniger gebildete Menschen, diesen Konsensus, dieses Überleben organisierten.

Ich schrieb darüber ein Buch, das ich nach einem Satz betitelte, der mich damals besonders beschäftigte, und der mir heute, anläßlich meiner Ausreise aus Russland, geradezu wie Sturmgeläut in den Ohren klingt: „Wir führten ein ganz normales Leben.“ Denn bei meinen Respondenten war es genauso, das war – wie übrigens auch in den Lebenserinnerungen, die ich las – immer der erste und der letzte Satz in den Interviews.

Wenn man sie fragte, wie es gewesen war, gaben sie zur Antwort: „Nun ja, mit dem oder jenem war wohl was, aber wir führten ein ganz normales Leben.“ Je nach der historischen Epoche wiederholten sie ruhig oder sogar beharrlich immer wieder ein und dieselbe Phrase: „Wir mussten überleben, wir versuchten zu leben, wir versuchten weiter zu lächeln. Wir konnten keinen Widerstand leisten und lebten weiter. Ja, man musste dies und das tun, und dann auch noch jenes. Ach, das war alles sehr schlimm, ganz furchtbar war das, aber das haben wir erst später begriffen.“

Und die Menschen mussten, zum Beispiel, in Hitlers Organisationen eintreten, sie durften nicht sagen, was man nicht sagen durfte, sie mussten sagen, was man sagen musste, sie mussten ihre Loyalität zum Regime demonstrieren, weil das Regime verlangte, das man es liebte. Im Haus gegenüber wurden ein paar Juden abgeholt, aber die Leute sagten nur: „Das war ja nicht meine Familie, und man kann sowieso nichts machen. Doch, ja, ich war mit diesem Mädchen befreundet.“

Verstehen Sie, ich habe niemanden verurteilt. Ich fühlte mich nicht im Recht, jemanden zu richten. Ich bin Historikerin, Analytikerin, keinesfalls eine Richterin. Aber es hat mich tief in der Seele getroffen, es tat weh, das zu hören und zu verstehen. Sie führten vermeintlich ein ganz normales Leben, aber in Wirklichkeit haben sie Schritt für Schritt sich selbst aufgegeben, ihre Persönlichkeit, ihre Überzeugungen, die doch gar nicht der Ideologie des Nationalsozialismus entsprachen.

Und dann, darüber habe ich auch mit meinen Studenten gesprochen, kam es eben so, dass sie immer tiefer in diesen Sumpf hineingerieten, und einen Weg zurück gab es nicht. Das ist ein Handel mit dem Gewissen.

Abreise aus Moskau

All diese Jahre, bis zum 1. September 2022 – das ist das Datum meiner Kündigung – habe ich an der Historischen Fakultät gearbeitet, publiziert und an Konferenzen teilgenommen. Nach dem Urlaub habe ich gekündigt, und seit dem 1. September gehöre ich nicht mehr der Historischen Fakultät an. Am 3. Juni 2022 reiste ich aus, offiziell hatte ich das als Dienstreise deklariert.

Ich fuhr zuerst nach Frankfurt/Oder, für einen Vortrag über mein Projekt mit anschließendem Seminar an der Europa-Universität Viadrina. Mein Projekt wurde unterstützt vom Deutschen Zentrum Kulturverluste in Magdeburg und dem Deutschen Historischen Institut in Moskau. Bei dem Projekt geht es um eine sehr interessante Frage: die Dokumentation der Archivbestände des nicht zustande gekommenen Adolf-Hitler-Museums in Linz.

Der 24. Februar: Ich konnte kein normales Leben mehr führen“

Ich hielt eine Lehrveranstaltung über Landesgeschichte für Germanistik-Studenten unseres Fachbereichs. Und an eben jenem 24. Februar sollte ich über meine Epoche sprechen, über den Nationalsozialismus, um 9 Uhr morgens. Ich schalte den Computer ein, alle meine Studenten erscheinen. Und da sitzt in diesem Zoom-Fenster ein junger Mann in einer Wyschywanka [der traditionellen ukrainischen bestickten Trachtenbluse, Red.] und ihm rollen die Tränen übers Gesicht. Und ich musste meine Vorlesung halten.

Ich stand unter Schock, weil es unmöglich war, die Sache nicht beim Namen zu nennen – mein Land hatte einen Krieg begonnen. Ich war außerstande, so zu tun, als wäre nichts passiert. Ein normales Leben zu führen. Mit mir ging etwas Furchtbares vor sich.

Ich bin Historikerin, mein Fachgebiet ist das Deutschland in der Zeit des Nationalsozialismus. Ich fühlte mich, als würde ich buchstäblich in der Hülle meiner Respondenten stecken, in ihrer Haut, in ihrem Körper.

Es war wie ein grausiges Déjà-vu, als befände ich mich gleichzeitig in den Jahren 1939, 1941 und 1945. Ich weiß, womit das endet, der Krieg und die Besetzung fremden Gebiets. Ich ziehe keinerlei Parallelen, aber ich hatte Angst. Ich konnte kein normales Leben mehr führen.

Ich bin ein Kind der Perestroika

Und das Schlimmste ist, dass ich ein Kind der Perestroika bin. Ich bin gebrochen und habe die Hoffnung verloren. Wenn wir jetzt gut 30 Jahre in Frieden gelebt haben – abgesehen davon, dass das alles schon 2014 anfing –, dann sind wir jetzt in so eine Schreckenswirrnis geraten, in so eine Besonderheits- und Sonderweghölle, dass ich es kaum ertragen kann.

Ich habe immer versucht, meine Respondenten zu verstehen. Mein Buch endet mit einem Fragezeichen. Wie kann man ein normales Leben führen, wenn solche Dinge vor deinen Augen geschehen? Das war ein russischer Blick auf die deutsche Geschichte. Und jetzt spürte ich auf einmal, dass ich sie verstand – und es grauste mir. Es hat mich einfach erschüttert.

Eine Woche lang habe ich nur geweint. Ich spürte, dass ich tatsächlich dabei war, verrückt zu werden. Ich wartete, dass es vorbeiginge, dass wir uns zurückzögen, dass das alles nur ein böser Traum wäre. Ich glaube, dass viele von denen, die ausgereist sind und von denen, die es aus unterschiedlichen Gründen nicht konnten, sich wünschen, dass es vorbei wäre, dass wir aufwachten. Aber wir wachen nicht auf.

Am Abend des 24. Februar versuchten wir, mein Mann und ich, zu einer Protestaktion zu gehen. Im März 2014 waren wir auf einem Meeting gegen die Annektierung der Krim gewesen. Damals sah ich zum ersten Mal seit vielen Jahren so viele gute Augen. Aber 2022 auf dem Puschkinplatz standen schon die Spezialkräfte in Zweierreihen mit Schlagstöcken und in voller Kampfmontur bereit.

Mein Mann packte mich und sagte: „Halt. Wir sind nicht mehr die Jüngsten, wenn du jetzt eins über den Schädel kriegst, dann ist es aus.“ Und er brachte mich weg. Und wieder schämte ich mich unendlich.

Jetzt möchte ich etwas Praktisches tun. Nach meiner festen Überzeugung ist das schrecklichste und tatsächlich tiefste Gefühl der Hass, der Hass zwischen den Völkern, zwischen den Menschen. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis der alltägliche Hass zwischen den Deutschen und den Franzosen überwunden wurde, aber er wurde überwunden. Deshalb überlege ich jetzt, was ich tun kann. Ich möchte etwas für die Ukrainer tun. Wenn ich etwas tun kann, als Übersetzerin, als Sozialarbeiterin, als Deutschlehrerin, oder als Russischlehrerin, wenn ich konkret etwas für die Menschen tun könnte, das wäre großartig.

Ich liebe mein Land, wirklich. Das Land, das einmal da war, und das wir vor meinen Augen gemacht haben, seit ich erwachsen wurde. Ich dachte, so würde es bleiben. Ich würde gern dorthin zurückkehren, aber jetzt will ich es nicht. Weil ich dort nichts tun kann, leider.

Mit Anna Michailowa (Name geändert) sprach Tatiana Firsova am 5.9.2022. Die Transkription übernahm Anastasiia Kovalenko, aus dem Russischen übersetzt haben Olga Kouvchinnikova und Ingolf Hoppmann.

Wie die Interviews entstehen

In dieser KARENINA-Serie kommen Zeitzeugen aus der Ukraine und Russland zu Wort. Wir möchten nicht nur erfahren, was die einen bei der Flucht vor dem Krieg, die anderen bei der Flucht vor Unterdrückung sowie sie alle im Exil erlebt haben, sondern auch verstehen, wie sie denken. Deswegen fragen wir sie nicht nur über das Erlebte, sondern auch über ihre persönlichen Gedanken zum Geschehen in Osteuropa.

Unsere Gesprächspartner eint unabhängig von Alter, Ausbildungsniveau, Muttersprache und Beruf der Wunsch, ihre Geschichten mit uns zu teilen.

Die Interviews dauern unterschiedlich lang: von etwa 20 Minuten bis zu mehr als zwei Stunden. Viele erzählen gerne und sprechen sehr offen, andere sind zurückhaltender. Wir halten unsere Fragen offen, lassen erzählen, nicht antworten. Das führt manchmal zu sehr langen Texten. Aber werden dabei offener, reicher.

Wir kürzen die Ergebnisse wo nötig, um den Text lesbarer zu machen. Aber die Wortwahl bleibt die der Sprechenden. So bleiben die Erzählungen authentisch. Es sind allesamt individuelle Zeugnisse von „Flucht und Exil“ mitten in Europa.

Lesen Sie weitere „Interviews gegen das Vergessen“ aus der KARENINA-Serie „Flucht und Exil“.

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