Memorial

Putin und Stalins langer Schatten

Als noch möglich war, was Memorial heute nicht mehr darf: Stalins Verbrechen dokumentieren

Memorial Stalin Putin

Im eisigen März 1979 machte sich ein Team des DDR-Fernsehens, mit mir als jungem Korrespondenten, auf den Weg in den Hohen Norden Jakutiens. Von Ust-Nera aus ging unsere Fahrt auf dem zugefrorenen Fluss Indigirka bis zur Siedlung Artyk.

Wir begleiteten fünf Fahrer, die mit ihren Lastwagen Ausrüstungen zu einer Silbermine bringen sollten. Nach einer Woche sahen wir auf dem „Simnik“, der Eistrasse, vor uns ein sonderbares Gefährt. Zwei riesige Schlitten, auf denen Holzhütten montiert waren, gezogen von einem uralten sowjetischen Kettentraktor.

Zwei Männer, beide um die 40, mit langen Bärten, und eine ältere Frau waren unterwegs. Sie sollten aller 500 Meter die Eisdecke der Indigirka messen, um zu prüfen, ob sie für die schweren Lastwagen befahrbar ist.

Wir kamen ins Gespräch: Juri und Konstantin waren Chemie-Ingenieure aus Leningrad. Weil sie auf einer Versammlung die Industriepolitik von KPdSU-Generalsekretär Breschnew kritisiert, Korruption und Misswirtschaft angeprangert hatten, kamen sie vor Gericht. Angeklagt wegen „antisowjetischer Propaganda“, verurteilt zu 20 Jahren Verbannung nach Sibirien.

Ich konnte das kaum glauben. In der DDR, in der Schule und beim Studium, wurde uns das Leben in der Sowjetunion in rosaroten Farben gemalt. Kein Wort über Stalins Verbrechen, kein Wort über politisch Verfolgte unter Breschnew.

Und nun standen mir, dem jungen DDR-Journalisten, auf der Indigirka leibhaftige politische Verbannte gegenüber. Für mich brach eine Welt zusammen, die uns eingehämmerte heile Welt der Sowjetunion.

Seit fünf Jahren waren Juri und Konstantin schon in Jakutien. Zu Breschnews Zeiten nicht mehr zu Zwangsarbeit im Gulag eingesperrt. Sie konnten sich frei bewegen in Jakutien, mussten sich einmal im Monat bei der Miliz melden. Aus der im Sommer grünen, im Winter weißen Hölle Sibiriens gab es kein Entkommen. So zogen die beiden Verbannten zusammen mit der Köchin Olga als Eis- und Landvermesser durch Taiga und Tundra. Der KGB hatte die Ingenieure aus dem politischen Leben Leningrads verbannt.

Gorbatschows größte Leistung: Glasnost

Dieses Erlebnis im März 1979 war für mich eine Art Initialzündung für eine intensive Auseinandersetzung mit der sowjetischen Geschichte. Ich besorgte mir Solschenizyns Bücher, las Wolfgang Leonhardt, redete mit dem Schauspieler Wladimir Wyssozki und dem Regisseur Juri Ljubimow im Taganka-Theater über das „System Gulag“, und erkannte für mich: Von der Oktoberrevolution bis in die Gegenwart zieht sich eine Blutspur politischer Verbrechen. Bis in die Mitte der 1980er-Jahre, bis ein Mann an die Spitze der KPdSU gelangte, der alles ändern sollte: Michail Gorbatschow.

Die größte Leistung des im heutigen Russland wenig beliebten Politikers ist „Glasnost“. Das Erzählen der Wahrheit über die Ermordung von Millionen Sowjetbürgern, von tausenden Kommunisten aus aller Welt, die vor faschistischer Verfolgung in die UdSSR geflohen waren.

Gorbatschow ließ die KGB-Archive öffnen und die Zeitungen berichten: über den kommunistischen Terror im Bürgerkrieg, über die Vernichtung der Bauernschaft, über die Ermordung der Mitglieder des Leninschen Zentralkomitees, über die Schauprozesse und die Ermordung Trotzkis, über die Terrorjahre 1936 – 1938, über die Verbannung von Russlanddeutschen und Tschetschenen, über die Ermordung sowjetischer Heerführer und der Kremlärzte. Die Liste war entsetzlich lang.

Für die noch an der Macht befindlichen Stalinisten in der DDR war sie zu lang. 1988 ließen sie den Sputnik verbieten. Den sowjetischen Readers Digest, der Stalins Verbrechen in deutscher Sprache dokumentierte.

Doch auch in Moskau regte sich Widerstand. Bereits 1990 schrieb der bekannte sowjetische Journalist Otto Lacis: „Schon im dritten Jahr der Perestroika wurden immer häufiger Stimmen laut, es sei an der Zeit, mit dem Geschreibsel über Stalin Schluss zu machen, alle hätten das schon satt.“

Ende 1988 hatte Gorbatschow der Gründung von Memorial zugestimmt, der Menschenrechtsorganisation, die sich um die Aufdeckung politischer Verbrechen von 1917 bis in die Gegenwart verdient macht und politisch Verfolgten Schutz bietet. Dass Memorial nun, Ende Dezember 2021, in Putins Russland verboten wurde, löste im Westen heftige Empörung aus. Den aufmerksamen Beobachter der politischen Entwicklung in Russland aber hat das wenig überrascht.

Im Omsker KGB-Archiv

Zwar hatte Gorbatschow die KGB-Archive weitgehend geöffnet für die „Opfer der Stalinschen Repressionen“, wie das offiziell bis heute heißt, auch für Journalisten und Mitarbeiter von Memorial. Auch unter Präsident Jelzin blieb das so. Dennoch dauerte es oft Jahre, bis ein Zugang genehmigt wurde.

Der Russland-Deutsche Bruno Reiter, Landrat des Kreises Asowo im Gebiet Omsk, östlich des Ural, musste sechs Jahre warten, bis ihm endlich 1995 die Türen des KGB-Archivs geöffnet wurden. Ich durfte ihn mit einem Kameramann des ZDF begleiten.

Reiter war Mitte der 1930er-Jahre in einem Dorf deutscher Siedler an der Mittleren Wolga geboren worden. Seine Eltern, deren Vorfahren unter Katharina der Großen aus Deutschland eingewandert waren, arbeiteten im Kolchos. Nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion bekamen sie, wie alle Russland-Deutschen, im Spätherbst 1941 den Befehl, das Nötigste zusammenzupacken.

Sie wurden in Güterwaggons nach Sibirien verfrachtet. Die Familie Reiter ins Gebiet Omsk. In Eiseskälte zimmerten die Männer Hütten. Bis die fertig waren, hausten die Familien in Erdhöhlen. Reiters Großeltern starben auf dem Treck, zwei kleine Geschwister verhungerten.

Bruno überlebte. Seinen Eltern wurde Arbeit im örtlichen Kolchos zugewiesen. Sie durften nur noch Russisch reden, der Gebrauch der deutschen Sprache war streng verboten.

Jede Woche mussten sich die Eltern bei der Miliz der Kreisstadt melden. Zu Fuß marschierten sie zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück, bei jedem Wetter. In der Dorfschule mussten Bruno und die anderen deutschen Kinder separat sitzen. Sie galten als Kinder von „Volksfeinden“.

Zwei Offiziere des russischen Inland-Geheimdienstes FSB (KGB-Nachfolger) begleiteten Bruno Reiter in den riesigen Archivkeller von Omsk. Nach langem Suchen fand er die Akte über seine Familie. „Verdächtig der Kooperation mit dem Feind“, hatten die Geheimdienstler über seine Eltern notiert. „Singen zu Hause deutsche Kirchenlieder, reden in der Familie deutsch“, hatte ein Denunziant mitgeteilt. Deshalb hatte der NKWD (KGB-Vorläufer) die Eltern von Bruno Reiter als „Volksfeinde“ deklariert.

Bis 1960, sieben Jahre nach Stalins Tod, durften sie das Omsker Gebiet nicht verlassen. Der Landrat Bruno Reiter weinte bitterlich, als er die geheimen Papiere las. Die FSB-Offiziere standen daneben und grinsten.

Noch in der Amtszeit von Boris Jelzin, als er einen gewissen Wladimir Putin erst zum Chef des Geheimdienstes, dann zum Ministerpräsidenten ernannte, wurden die Archive des KGB wieder weitgehend geschlossen.

Mit Wadim Tumanow an der Kolyma

Von Wadim Tumanow hatte ich schon viel gehört. Man nannte ihn den „König des russischen Goldes“. Er war befreundet mit Jewgeni Jewtuschenko, Wladimir Wyssozki und Marina Vlady, hatte eine bekannte Fernsehansagerin zur Ehefrau. Schon zu Sowjetzeiten galt er als einer der reichsten Russen. Immerhin hatte Tumanow den Staat mit 400 Tonnen Gold versorgt, als Chef der größten Goldgräber-Artels (Genossenschaften) des Landes und dabei selbst gut verdient. Er besaß eine riesige Wohnung in Moskau und eine Datscha auf der Krim.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Wadim Tumanow zu einem der größten Bauunternehmer Russlands. Ein untersetzter, drahtiger Mann mit Vollglatze. Sprachgewaltig und einflussreich. Niemand im FSB wagte sich zu widersetzen, als Tumanow im Sommer 1999 eine Reise nach Magadan antrat. Zusammen mit einem ZDF-Team wollte er die berüchtigte Trasse an der Kolyma abfahren, die dort begann. Die „Trasse des Todes“ hatte man sie zu Stalins Zeiten genannt.

Hunderttausende Häftlinge waren dort im Gulag gestorben. Erschossen, verhungert, erfroren. Tumanow hatte diese Hölle überlebt. Acht Jahre lang, von 1948 bis 1956, war er Lagerhäftling an der Kolyma, musste als Zwangsarbeiter Gold schürfen. Im eisigen Wasser des sibirischen Flusses. Gold für den Kreml.

Warum, was war passiert? Auf unserer langen Reise die Kolyma entlang, von Magadan bis Susuman, erzählte mir Wadim Tumanow seine Geschichte: Der Komsomolze Tumanow wurde im Zweiten Weltkrieg Matrose auf sowjetischen Handelsschiffen, die amerikanische Lastwagen und Waffen für die Rote Armee von Seattle nach Wladiwostok brachten. Nach dem Krieg war er Navigations-Offizier auf der „Uralmasch“, befuhr Häfen in China, Japan, bis in die Ostsee führten die Routen.

Im Sommer 1947 wurde Tumanow in die Verwaltung seiner Reederei in Wladiwostok bestellt, wo ihm zwei NKWD-Offiziere eröffneten, er sei verhaftet. Der Grund: In einem Restaurant der Stadt habe er Gedichte von Jessenin vorgetragen, einem zu Stalinzeiten verfemten Dichter. Dies sei verbotenes, konterrevolutionäres Handeln. Außerdem habe man ihn beobachtet, wie er in einer chinesischen Hafenstadt mit einer Rikscha gefahren sei. Dies sei strafbares, reaktionäres Verhalten. Hinzu käme, dass ein Freund von ihm, der 2. Offizier auf der „Uralmasch“, Schiffspapiere gefälscht habe. Ohne Prüfung wurde Tumanow der Mitwisserschaft beschuldigt. Drei Anklagepunkte.

Der „Konterrevolutionär“ Wadim Tumanow wurde zu acht Jahren strenger Lagerhaft an der Kolyma verurteilt. Erst drei Jahre nach Stalins Tod kam er frei und blieb in Sibirien, wo er mit anderen entlassenen Sträflingen Goldgräber-Genossenschaften gründete und mit den Jahren ein wohlhabender Mann wurde.

Wadim Tumanow zeigte uns die Überreste des Gulags. Entlang der Kolyma dutzende Lager für politische Gefangene. Als ihn ein FSB-Offizier fragte, warum er dieses düstere Kapitel sowjetischer Geschichte ausgerechnet westlichen Journalisten präsentiere, antwortete Tumanow: „Weil sich im heutigen Russland niemand mehr dafür interessiert.“

Auf Spurensuche an der Lena

Im Sommer 2001 führte uns eine lange Reportagereise die Lena entlang, den gewaltigen sibirischen Strom. Von der Quelle nahe des Baikalsees bis zur Mündung ins Nördliche Eismeer. Im Museum von Bodaibo, einem Städtchen in den Lena-Goldfeldern, wartete Nikolai Mungalow auf uns. Zusammen mit der Irkutsker Ortsgruppe von Memorial hatte er eine kleine Tafel dort aufhängen dürfen „Zur Erinnerung an die Opfer der Stalinschen Repression“. Mehr hatte der FSB nicht gestattet.

Vor der Ankunft des ZDF-Teams waren Mungalow und die Direktorin von den Geheimdienst-Offizieren gewarnt worden: Keine Interviews über die Erschießungen, keine Dokumente zeigen!

Der alte Kommunist und Bergwerks-Ingenieur hielt sich nicht daran und berichtete: Zwischen Januar und Juni 1938 waren 946 Einwohner von Bodaibo durch Genickschuss umgebracht worden, von Offizieren des NKWD.

Unter den Ermordeten war auch der Vater von Nikolai Mungalow, der damalige Schuldirektor. Sein Vergehen: Er sprach neben russisch auch deutsch. Für das NKWD „ein deutscher Spion“. Am 30. Juli 1937 hatte Stalins Volkskommissar für Innere Angelegenheiten Nikolai Jeschow den Geheimbefehl Nummer 00447 erlassen „Über Operationen zur Verfolgung früherer Kulaken, von verurteilten Verbrechern und anderen antisowjetischen Elementen“.

Eine Verhaftungs- und Erschießungswelle unvorstellbaren Ausmaßes erfasste die gesamte Sowjetunion. In jedem Verwaltungsgebiet wurde ein Plan aufgestellt, wie viele „Volksfeinde“ zu erschießen oder ins Arbeitslager zu schicken seien. Wirkliche Feinde der Sowjetmacht wurden damals nur wenige entlarvt.

Ein Buch von Goethe oder Shakespeare im Schrank: 10 Jahre Gulag, eine Schrift von Trotzki: 25 Jahre Lager, deutsche oder englische Sprachkenntnisse: Erschießung.

Nikolai Mungalow führte uns auf eine Lichtung am Ufer des Vitim, einem Nebenfluss der Lena. Nach langer Recherche hatte er herausgefunden, wo sein Vater erschossen wurde und von wem. Von NKWD-Oberleutnant Boris Kulwitz.

Warum die neue Obrigkeit unter Präsident Putin nicht will, dass die Russen die ganze Wahrheit über die Massenmorde der Stalinzeit erfahren, fragte ich Mungalow. „Vielleicht, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Unser Land wird heute wieder vom Geheimdienst regiert, vom FSB. Und der sieht sich in der Tradition von KGB und Tscheka. Die Morde gingen bis in die 1950er-Jahre, und mancher Mörder lebt noch. Vielleicht sogar unter uns, in dieser Stadt. Ich glaube, dass man auch deshalb die KGB-Archive wieder geschlossen hat.“

Nach unserer Abreise wurde der Kommunist Nikolai Mungalow drei Tage vom FSB verhört und mit einem öffentlichen Tadel bestraft „Wegen des Verrats von Staatsgeheimnissen“. Im Sommer 2001, 20 Jahre vor dem Verbot von Memorial.

Putin gegen die Wahrheit und für Stalin

In seiner mehr als 20-jährigen Regentschaft hat Wladimir Putin Schritt für Schritt die Wahrheit über Stalins Terrorregime eindampfen und dem Diktator wieder Ehre angedeihen lassen. Niemand, der meint, Russland zu kennen, soll heute sagen, er habe das nicht bemerkt.

Die Liste meiner eigenen Beobachtungen ist lang: Ich war 1995 in Perm-36 dabei, als Memorial und die örtliche Verwaltung darüber stritten, ob auf dem Gelände des berüchtigten Lagers für politische Gefangene, das bis 1987 existierte, ein Museum eingerichtet wird. Der FSB wollte das verhindern. Schließlich wurde es eröffnet, nach Maßgaben des Geheimdienstes.

Im Sommer 2001 bin ich mit der Litauerin Grazina Venzlavaite in Bykow Mys und Tit-Ary gewesen, früheren Arbeitslagern in Jakutien. Hinterm Polarkreis, kurz bevor die Lena das Polarmeer erreicht. Mehrere zehntausend Litauer waren dorthin verbannt worden, nachdem Stalins Armee 1940 die baltische Republik besetzt hatte. Die Mutter von Grazina war dort verhungert. Wie über die Hälfte der litauischen Verbannten. Die örtlichen Behörden untersagten dort auf Druck des FSB die Aufstellung eines Gedenksteins.

Dafür förderten sie 2008 die Errichtung eines Stalin-Denkmals in der westjakutischen Diamantenstadt Mirny. Gegen den Protest von Memorial. Aber unter dem Beifall der Putin-Partei Jedinstwo und des örtlichen Popen der russisch-orthodoxen Kirche. Auch das konnte ich ansehen.

Memorial-Verbot – Zäsur im Umgang mit Russland

Warum lässt Putin nunmehr Memorial verbieten? Das hat sicher mehrere Gründe: Einmal, weil er ein Mann des Geheimdiensts ist. Er sieht sich in einer Traditionslinie, die von der Tscheka über NKWD und KGB bis zum heutigen russischen Inland-Geheimdienst FSB reicht. Die Männer der gleichen Zunft „pinkelt man nicht an“, sagt man in Russland. Schon gar nicht, wenn vielleicht etliche der Mörder und Schergen oder ihre Nachfahren heute noch leben.

Immerhin wurden politische Gegner in der Sowjetunion bis Mitte der 1980er-Jahre verfolgt, eingesperrt und misshandelt. Bis Gorbatschow kam. Russland ist ein Land mit vielen Opfern – und vielen Tätern. Denen bietet Putin ewigen Schutz.

Putin ist heute der unumschränkte Herrscher über Russland, der Herr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Lands. Er sieht sich in einer Linie mit Peter I., Kerenski und Stalin. Mit Herrschern, die seiner Meinung nach Russland geeint und zu Großmächten erhoben haben. Über diese russischen Führer lässt Putin nur das seiner Meinung nach Positive, das Ruhmreiche verbreiten.

Stalin war für ihn in erster Linie der Souverän der Großmacht Sowjetunion und der Gewinner des Großen Vaterländischen Kriegs (2. Weltkrieg). Gewiss: Putin legt jedes Jahr Blumen am Denkmal für die Stalinopfer nieder. Er lässt Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ als Pflichtlektüre an den Schulen zu. Nach dem Motto: Ja, es hat politische Verfolgung unter Stalin gegeben. Aber es war alles nicht so schlimm!

Für mich stellt das Verbot von Memorial eine politische Zäsur in Russland dar. Aus dem autoritär geführten Staat ist ein „totalitärer Staat“ geworden.

Wie gehen wir in Deutschland damit um? Ist ein Dialog mit Russen noch möglich, die Stalins Verbrechen leugnen oder verschweigen oder auch meinen „Es war doch alles nur halb so schlimm?“ Ich meine „Nein“.

Ich frage mich, wie die Russen reagieren würden, wenn wir Deutschen den Holocaust leugnen würden und die anderen vielen Verbrechen Hitlers? Oder wenn in Deutschland die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) verboten würde? Es gäbe einen Aufschrei. Zu Recht.

Auch wir sollten aufschreien nach dem Verbot von Memorial und nicht zur Tagesordnung übergehen. Ein lauer Protest beeindruckt den Kreml nicht.

Wir Deutschen sollten weiter zu einem Dialog mit den Russen bereit sein. Aber nur mit den Russen, die Stalins Verbrechen weder leugnen noch herunterspielen. Nur mit den Russen, die gegen das Verbot von Memorial protestieren.

Dieser Beitrag erscheint auch im Rotary Magazin. Wir danken dem Autor und der Rotary-Redaktion für die Erlaubnis, den Text auf KARENINA zu veröffentlichen.

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