Samowar

Furchtbar, ohne Samowar zu leben

Der Samowar: Kultgegenstand, patriotisches Accessoire und Symbol für die gute alte Zeit

Samowar
Kleine, heile Welt: Stillleben mit Samowar

#31 – Peter Peters Zunge macht ihn zu einem wahren Kenner der Kochkunst und einem Meister des geschliffenen Worts. Für KARENINA schmeckt der Gastrosoph der russischen Küche nach.

Es dämmerte. Auf dem Tisch, glänzend,
Summte der abendliche Samowa
Und wärmte die chinesische Teekanne.
Darunter ballte sich der leichte Dampf.
Von Olgas Hand gereicht,
Füllte die Tassen als dunkler Strahl –
Der herrlich duftende Tee

Puschkin, Eugen Onegin

 

In Deutschland gilt er als klassenlos nostalgisches Symbol Russlands, das scheinbar alle Zeiten und Regime übersteht. Bei der tagelangen Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ist die provodniza, die Schaffnerin und Teepriesterin, die den dampfenden Heißwasserkessel hütet, wichtigste emotionale Ansprechpartnerin. Russische Maler, russische Dichter haben den Samowar immer wieder als Kultgegenstand und patriotisches Accessoire inszeniert.

Er steht für häusliche Vertrautheit und Intimität, für gesellschaftliches Beisammensein und Gastfreundschaft, aber auch für meditatives Abgeschottetsein. Der in der Vojvodina geborene Slawist Joseph Schütz hat 1986 in einem faszinierenden Parforceritt (Russlands Samowar und Russischer Tee) herausgearbeitet, wie der „kupferne Drache“ regelrecht zum Tröster, Kameraden und Dialogpartner der Literaten stilisiert wird:

Es begann damit, daß die praktische wie nützliche Sache Samowar phantasievoll verlebendigt, beseelt und schließlich vermenschlicht wurde. Wenn dieses Ding an sich schon sprachlich und dichterisch verführt wird, daß es singt, pfeift, faucht, stöhnt und jammert; hernach sogar verstummt, einschläft, schnarcht, röchelt und schließlich träumt und denkt und sogar in seiner Samowarsprache spricht, dann ist der Schreibende in seiner Gegenwart nimmer allein.

Der Samowar: Produkt von Waffenschmieden

So wie Russischer Tee, der über Karawanenstraßen ins Land kam, ist der Samowar eine über die tatarische Kultur aus Zentralasien importierte Idee. Heißwasserkessel gab und gibt es schließlich auch in Persien oder sogar in Kashmir – nur heißen sie leicht abgewandelt samawar.

Russische Metallhandwerker haben Technik und Machart verfeinert. Der älteste russische Samowar datiert wohl aus dem Jahre 1746 und sah noch ganz wie eine orientalische Teekanne aus. Vor allem um die Kupferminen des Urals hatten sich erste Samowar-Werkstätten angesiedelt.

Die Façon moderner bauchiger Wasserkessel mit aufgesetzter Mini-Teekanne (tschainik) wurde in den von Peter dem Großen gegründeten Waffenschmieden von Tula entwickelt, einer rund 200 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Stadt. Dort begannen 1778 die Gebrüder Lissizyn – neben der Produktion eiserner Gewehre, Hieb- und Stichwaffen – eine Manufaktur künstlerischer Kupfersamoware aufzubauen. In den 1820ern hatte sich bereits ein Dutzend Samowar-Schmieden etabliert.

Den endgültigen Durchbruch brachte die Ausstellung russischer Waren im Jahre 1829 in Sankt Petersburg. Um 1850 versandten die Werkstätten von Tula ihre Boiler bis in den Mittleren Osten.

„Einen Samowar nach Tula mitbringen“ wurde zum sprichwörtlichen Paradoxon und Pendant zu den „nach Athen getragenen Eulen“. An russischen Bahnhöfen wurden gigantische Samoware installiert, um die Reisenden mit heißem Tee zu versorgen. Aus Silber getriebene Exemplare wurden zum Luxusobjekt.

Um 1900 schätzt man den jährlichen Ausstoß von Tula-Samowaren auf mehr als eine halbe Million Stück. Samoware waren zum vertrauten Alltagsgegenstand geworden. Nicht verwunderlich, nahmen viele Immigranten nach 1917 ihren sperrigen, aber geliebten Haushaltsartikel mit in die Emigration, getreu dem Motto „Es ist furchtbar, ohne Samowar zu leben.“

Die Sowjetunion misstraute zunächst diesem Symbol bourgeoiser Häuslichkeit und Inaktivität. Wladimir Majakowski polemisierte:

Und abends
Hört solch ein windiger Schuft
Sein Weib
Auf verstummtem Piano klimpern
Und ringt
Vorm heißen Samowar nach Luft
Und keucht beim dampfenden Tee und Eingemachtem

...

Mit einem Mal
Tut er (Karl Marx) den Mund auf und brüllt:
„Die Revolution darbt unterm Philistertum.“

Erst als Tulaer Metallarbeiter dem formalen Staatsoberhaupt und Genossen Kalinin einen Riesensamowar verehrten, der 250 Liter auf einmal erhitzen konnte, wurde die weitere Produktion akzeptiert. Trotzdem verkam der nunmehr elektrifizierte Samowar zum unmodernen Relikt und touristischen Souvenir – in der Sowjetenzyklopädie wurde er nicht erwähnt.

Der Samowar: Symbol für die gute alte Zeit

Heute führt nur noch eine Werkstätte die Tradition der Tula-Samoware weiter. Dafür sind historische Stücke zu begehrten Sammelobjekten sich nach slawophiler Tradition sehnender Russen avanciert. Denn für viele steht er für die „gute alte Zeit“, für das vorrevolutionäre Russland, in dessen Literatur, in dessen Klassikern er – als mit unterschwelliger Bedeutung aufgeladenes Requisit – allgegenwärtig ist.

„He Dunja! Mach den Samowar an und geh und hol Sahne!“ ruft Puschkins Postmeister seiner Tochter zu, als der Erzähler, der sie bald küssen wird, die Station betritt. In Tschechows „Drei Schwestern“ wird ein Samowar zum ungeschickten Werbungsgeschenk des faulen Regimentsarztes Tschebutykin. Und in Nikolai Leskows Mörderinnennovelle „Lady Macbeth von Mzensk“ wird das Teetrinken beim Samowar im Garten zum Verdrängungsmechanismus, zur Flucht in eine heile Welt.

Einen Samowar zu besitzen und zu pflegen, ist gleichbedeutend damit, ein Heim zu haben. Noch einmal Tschechow: In seiner Erzählung „Muschiki“ (Die Bauern) wird die soziale Misere und menschliche Verrohung am Samowar-Missbrauch manifest. Infolge Unachtsamkeit setzt er die Hütte in Brand. Dass der Samowar der verschuldeten Bauern schließlich gepfändet wird, besiegelt den Zerfall der prekären Hausgemeinschaft.

Es geht auch poetischer, intimer, harmonischer. 1914 widmete der Symbolist Boris Sadowskoj einer klugen Frau verliebte Verse.

Durch natürliche und künstlicher Schölnheit
Bist du vor mir erblüht
Als wir beide in der Stube
Allein beim Teetisch saßen.
Und erstmals habe ich dich
Beim Samowar kennengelernt und dich begriffen:
Als sich aus der Teekanne in weitem Bogen
Der Strahl plätschernd ergoß.
Mit seelenruhiger Hingabe
Hast du den Hahn bedient,
Und mit vorsichtigem Lächeln
Mir das Teeglas gereicht.

Erotisch aufgeladene solitude à deux strahlt auch das berühmte in Blautönen gehaltene „Paar mit Samowar“ (1926) des Künstlers Kusma Sergejewitsch Petrow-Wodkin aus der Tretjakow-Galerie aus. Die Abgeschlossenheit des Zimmers, der voyeurhafte Blick des Mannes, die den Betrachter fixierende Frau im Negligée, die in halb liebkosender Geste ihr Dekolleté verhüllt, das zum Austrinken ladende Teeglas und der spiegelnde Samowar schaffen eine knisternde Vertrautheit.

Um innige Mutter-Kind-Beziehung geht es hingegen in dem stimmungsvollen Poem „Kleines Gedicht“, das W. I. Gorjanskij 1913 veröffentlichte:

Abends, da es finster geworden
Las Marja Iwanowna nach dem Tee
Dem Sohne schauerliche Geschichten vor.
Der Samowar sang unklar sein Lied dazu,
darin ein Junge irgendetwas begehrte.

Und wem das alles zu bedeutungsschwanger ist, der dicke Samowar kann auch ziemlich komisch und lebendig sein. Mein Lieblingsbeispiel steht in Tolstois „Anna Karenina“: „Samowar nannte er die überall bekannte Gräfin Lydia Iwanowna, und zwar weil sie immer und über alles mögliche sich erhitzte und aufbrauste.“