Senf

Sarepta: Der Senf der Witwe

Wie Lausitzer Christen in Russland den Sarepta-Senf zu einer Marke machten

Senf Samen Sarepta
Damit reüssierten die Herrnhuter in Russland: braune Senfsamen, aus denen sie Sarepta-Senf erzeugten, sogar für den Zaren.

Wenn man wie ich sich während der Schulzeit darauf kaprizierte, am liebsten Bücher in Frakturschrift zu lesen und dann noch in Wien zu studieren, konnte man seine Lektoren häufig mit ausgefallenen Wörtern verblüffen. „Veraltet oder österreichisch“ stand dann meistens im Duden dazu.

Ein Paradebeispiel dafür ist der österreichische Sarepta-Senf. Nur bei sehr Bibelfesten wird es da klingeln. Denn die alttestamentarische Geschichte der Witwe von Sarepta aus dem Buch der Könige ist selten dargestellt worden. Der Prophet Elias wirkte für sie Wunder, die ihn als Vorgänger Jesu erscheinen lassen. Er ließ ihren kärglichen Vorrat an Öl und Mehl nicht versiegen und erweckte ihren Sohn von den Toten.

Der Name des mit Kren aromatisierten, süß-scharfen Sarepta-Senfs, der bis heute unter der Marke Dr. Schweitzer in Österreich vertrieben wird, geht zugegebenermaßen nur auf höchst verschlungenen Umwegen auf die Bibel zurück. Sarepta-Senf, das ist eher ein kulinarisches Relikt aus der Zeit, als nicht nur „Böhmen noch bei Österreich war“, sondern auch die habsburgische k.u.k. Monarchie und das Zarenreich eine lange gemeinsame Grenze besaßen.

Denn Sarepta-Senf ist russischer bzw. russlanddeutscher Herkunft. Auch wenn meistens auf die verwendete Braunsenfsaat verwiesen wird, so ist diese Spezialität doch eine Nachahmung des beliebtesten Senfsorte des vorrevolutionären Russlands.

Sarepta wird Russlands Mostrich-Monopolist

Lüften wir das Geheimnis. Es begann mit einem Missionsprojekt. Die deutschen Herrnhuter, auch Böhmische Brüder genannt, weil sie sich auf den tschechischen Reformator Jan Hus zurückführen, entsandten 1765 eine Brüdergemeinde aus der Lausitz nach Südrussland. Aufgabe: die buddhistischen Kalmücken an der Wolga christianisieren. Ihre Siedlung beim heutigen Wolgograd nannten sie Sarepta, wohl weil die Tiefgläubigen sich trotz des versteppten und versalzten Bodens ein ähnliches Ernährungswunder erwarteten, wie es einst Elias gewirkt hatte.

Der Anfang war schwer. Sarepta wurde überfallen, geplündert, brannte ab. Die Ernten waren kärglich. Und die Kalmücken-Nomaden, durch die planmäßige Ansiedlung von Wolgadeutschen empfindlich eingeschränkt, zeigten wenig Neigung, sich dem Christentum zuzuwenden.

Erst als man einen Kurbetrieb mit eisenhaltigen Bädern einrichtete, begann die Siedlung zu florieren. 1806 arbeiteten und beteten dort mehr als 500 Brüder und Schwestern. Sarepta entwickelte sich allmählich zum Bildungszentrum der wolgadeutschen Intelligenz und zum Mustergut.

Der wirtschaftliche Erfolg ließ das ursprüngliche Anliegen in den Hintergrund treten – 1822 wurde die Mission auf staatlichen Druck ganz eingestellt. Sägewerk, Ziegelei, Tabakmanufaktur, Stoffweberei und Brennerei sorgten für solide Einnahmen.

Als besonders erfolgreich erwies sich die Senfherstellung, die sich zur frühesten Industrie der Region entwickelte. Der Herrnhuter Johann Caspar Glitsch hatte 1810 noch ganz klein damit begonnen, Samen aus dem eigenen Garten mittels seiner Kaffeemühle zu vermahlen. Bald wurde Glitschs Senf an den Zarenhof geliefert. Sareptskaya wurde zum Mostrich-Monopolisten Russlands und bis nach England und Deutschland exportiert.

1892 zogen sich die Herrrnhuter zurück und übergaben die Anlage der Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. In der Sowjetunion wurde der Ort säkularisiert und in Krasnoarmejsk umgetauft. Doch der biblische Senfname blieb.

Heute gibt es Sarepta-Senf nicht nur in Österreich zu kaufen. Auch Polen nennt seinen scharfen Senf immer noch musztarda sarepska.

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