Marina Zwetajewa

Liebe und Leidenschaft, kompromisslos

Ralph Dutlis kongeniale Übertragung von Gedichten Marina Zwetajewas

Marina Zwetajewa, 1925
Marina Zwetajewa, 1925, fotografiert von Pyotr Ivanovich Shumov.

Zwei renommierte deutsche Verlage engagieren sich gegenwärtig besonders für Marina Zwetajewa (1892 – 1941), deren tragischen Tods wir in diesem Jahr besonders gedenken. Im Suhrkamp-Verlag erscheinen die auf vier Bände angelegten „Ausgewählten Werke“, von denen der bemerkenswert zweite Band, „Lichtregen“, vor wenigen Monaten publiziert wurde.

Der Göttinger Wallstein-Verlag brachte von Marina Zwetajewa, „einer Liebenden voller ‚Maßlosigkeit in einer auf Maß bedachten Welt‘“, wie es in der Verlagsankündigung heißt, gleich zwei bemerkenswerte Bände heraus. Zum einen ist dies der von Marie-Luise Bott edierte, übersetzte und nicht anders als epochal zu bezeichnende Briefwechsel zwischen Pasternak und Zwetajewa, zum anderen eine neue Edition von Zwetajewas Liebesgedichten, „Lob der Aphrodite“.

Der aus der Schweiz stammende, jetzt in Heidelberg lebende Schriftsteller Ralph Dutli, der die Texte für diesen Band aus dem Russischen übertragen und mit einem vorzüglichen Essay kommentiert hat, kann mit Fug und Recht auch als einer der bedeutendsten Übersetzer unserer Zeit, insbesondere russischer Lyrik, bezeichnet werden. Seine Übertragungen der Texte von Osip Mandelstam sind ebenso legendär wie die Lesungen, in denen Dutli diese Texte vorträgt: auswendig das russische Original, vom Blatt gelesen die eigenen Übersetzungen. Allein diese außergewöhnliche Art, die Texte Mandelstams zu präsentieren, lässt erahnen, wie tief sich Dutli in die russischen Gedichte hineinbegibt, wie er sie buchstäblich inkorporiert, ehe er sie übersetzt.

Zwetajewas Lyrik: eigentlich unübersetzbar

Ähnlich wird man sich nun Dutlis neuerliche Annäherung an Zwetajewa – er hat bereits zuvor vieles von ihr übersetzt, auch einen Großteil der hier nun zusammengestellten Gedichte – vorzustellen haben. Zwetajewas Lyrik gilt eigentlich als unübersetzbar, sind doch ihre Texte so dicht mit der russischen Sprache verwoben, ja in sie hineingewoben, einzigartig in ihrer lexikalischen, lautlichen und syntaktischen Komposition. Dennoch, und dies zeigen die beiden genannten Publikationen aus dem Wallstein Verlag, stellen sich immer wieder Mutige dieser unlösbar scheinenden Aufgabe, manchmal sogar zur selben Zeit, wie eben Marie-Luise Bott und Ralph Dutli.

Wenn überhaupt ein kritischer Punkt angemerkt werden kann, dann die Tatsache, dass der Wallstein Verlag auch in diesem Band darauf verzichtet hat, die russischen Originaltexte zusammen mit der Übersetzung zu drucken. Die Leistung Dutlis, die Lyrik Zwetajewas kongenial übertragen zu haben, könnte damit mit noch größerer Bewunderung gewürdigt werden.

Der Vergleich eines der zahlreichen Texte, die sowohl von Dutli wie Marie-Luise Bott in ihren jüngsten Veröffentlichungen vorgelegt wurden, zeigt zudem, wie unterschiedlich die „übertragene“ Zwetajewa der deutschsprachigen Leserschaft begegnet:

Провода

Вереницею певчих свай,
Подпирающих Эмпиреи,
Посылаю тебе свой пай
Праха дольнего.
По аллее
Вздохов — проволокой к столбу —
Телеграфное: лю — ю — блю…

Умоляю… (печатный бланк
Не вместит! Проводами проще!
Это — сваи, на них Атлант
Опустил скаковую площадь
Небожителей…
Вдоль свай
Телеграфное: про — о — щай…

Слышишь? Это последний срыв
Глотки сорванной: про — о — стите…
Это — снасти над морем нив,
Атлантический путь тихий:

Выше, выше — и сли — лись
В Ариаднино: ве — ер — нись,

Обернись!.. Даровых больниц
Заунывное: не́ выйду!
Это — про́водами стальных
Проводо́в — голоса Аида

Удаляющиеся… Даль
Заклинающее: жа — аль…

Пожалейте! (В сем хоре — сей
Различаешь?) В предсмертном крике
Упирающихся страстей —
Дуновение Эвридики:

Через насыпи — и — рвы
Эвридикино: у — у — вы,

Не у —

17 марта 1923

Ralph Dutli

Kabel

Durch die singenden Pfähle hin
Die sie stützen: Empyreen,
send ich dir meinen Teil, was ich bin
An der hiesigen Asche.
Durch Alleen
Von Seufzern – in den Draht geschickt –
Telegraphisch: ich – lie – be – dich …

Fleh dich an… (das Formular
Kann’s nicht fassen! Die Kabel tun’s leichter!)
Das sind Pfähle, Atlas warf
Drauf den Himmel, einem Rennplatz gleicht er –
All der Götter…
In die Pfähle hinein,
Telegraphisch: Le – eb – wohl! Ver – zeih!

Hörst Du mich? Dies Le – eb – wohl – quer
Durch die Kehle, als letztes Reißen…
Dieses Takelwerk überm Äckermeer
Einer stillen atlantischen Reise:

Höher, höher – und dann ver – eint
Mit dem „Ke – ehr – um!“: Ariadnes Schrei,

Dreh dich um! … Wie aus Armenspitälern
„Nie mehr raus!“: „Wehmut-Wimmern!
In den Leitungskabeln stählerner
Abschiedsgeleite – Hades-Stimmen

Sich entfernend… Den fernen Tag,
Laut Beschwörendes: Scha – a – de, schad…

Habt Erbarmen! (Im Chor hier machst
Du es aus?) Im Schrei vor dem Sterben
Der sich sperrenden Leidenschaft –
Eurydikes Lufthauch, bebend:

Über Wälle – und – Gräben jäh
Aus Eurydikes Mund: A – ach – weh!

Geh nicht we…

17. März 1923

 

Marie-Luise Bott

Telegraphenleitungen

Durch die Reihe singender Masten,
Stützpfeiler der Empyreen,
Sende ich dir meinen Teil
Von der irdischen Asche.
Durch
Die Alleen meiner Seufzer, den Pfostendraht
Ein Telegraphisches „ich li-ie-be …

Fleh dich an…“ (Doch der Vordruck faßt
Es nicht! Einfacher durch die Leitungen!)
Das sind Masten, auf die ließ Atlas
Den Rennplatz der
Himmelsbewohner
Herab…
Die Masten entlang
Ein telegraphisches „leb wo-oh-l …“

Hörst du? Das ist das letzte Abreißen
Aus zerrissener Kehle: „Ver-zei-hen Sie…“
Das sind Taue überm Feldermeer,
Der atlantische Weg ist still:

Höher, höher – und sie ver-einen sich
Zu Ariadnes: „Kehr zu-rü-ück,

Kehr um!…“ Der Armenspitäler
Schwermütiges: „Ich komm nicht mehr raus!“
Das sind – im Abschiedsgeleit stählerner
Leitungen – die Stimmen des Hades,

Die sich entfernen … Die Ferne
Beschwörend: „Scha-a-ade …

Erbarmen!“ (Kennst du die eine
In diesem Chor heraus?) Im Todesschrei
Sich sträubender Leidenschaft –
Ein Anwehen von Eurydike:

Über Dämme und Gräben hin
Eurydikes: „Ach we-e-eh,

Geh ni-“

17. März 1923

 

Dutli hat diesem, in seiner Intensität fast schmerzlichen Band seinen Essay „Ich lebe von der Liebe in Freiheit. Über das Wunder des Fremden: Marina Zwetajewas Liebeslyrik“ beigestellt, mit dem auf fast 40 Seiten eine luzide Annäherung an die Liebeslyrik Zwetajewas ermöglicht wird. Mehr als „nur“ ein Kommentar zu den Gedichten, ist dies ein Text, der literaturwissenschaftlichen wie literarischen Rang gleichermaßen beanspruchen kann:

„Gelehrige Schülerin des Leichtsinns, Prophetin der bisexuellen Götter, Venus mit der Axt, fern-und-nahe Verwandte der ‚Ehebrecherin‘ Maria Magdalena, moderne Schwester Phädras, Ariadnes, Ophelias, Perlenbrüterin, furiose Verfechterin der Mutterschaft, Schmäherin der Aphrodite, Propagandistin der Psyche, eigensinnige Botschafterin der Leidenschaft, Philosophin des Schmerzes, des Abschieds. Sie war, mit Rilke zu sprechen: eine Liebende, die zu viel wusste.“

Marina Zwetajewa

Lob der Aphrodite
Gedichte von Liebe und Leidenschaft
Übertragen und mit einem Essay von Ralph Dutli

Wallstein Verlag
232 Seiten
Hardcover
24 Euro
ISBN 978-3-8353-3943-9
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