Russische Küche

Kürbiskerne knacken im Kaukasus

Tolstois „Die Kosaken“: Ein überflüssiger Liebhaber erlebt einen Sommer im Weinberg

Kürbiskerne Kürbis und Kerne

#22 – Peter Peters Zunge macht ihn zu einem wahren Kenner der Kochkunst und einem Meister des geschliffenen Worts. Für KARENINA schmeckt der Gastrosoph der russischen Küche nach – diesmal in einem Buch.

 

„Was für Hände Du hast – so weiß, so weiß, und so weich wie Quarkkäse“ hatte Marianka gesagt.

Olenin fährt Postschlitten. Tagelang. Weg von Moskau. Weg von der „guten Gesellschaft“, von Bällen, Salons, seichten Konversationen. Weg vom Ennui, von der Langeweile. Den Herausforderungen des echten Lebens entgegen. Um Sinn zu finden. Um aufwühlende Emotionen zu erleben. Auf der Suche nach einem Platz, an dem er sich nicht als lischnij tschelowek fühlt, als „überflüssiger Mensch“. Wo er nicht in Depressionen versinkt, sondern seinen jugendlichen Elan einsetzen kann.

Olenin hat sich trotz seiner adligen Herkunft nicht zu einem Garderegiment gemeldet, sondern zu einer kämpfenden Truppe, die in einem Kosakenrayon zu Füßen des Kaukasus stationiert ist. Auf der Fahrt träumt er nicht nur von Heldentaten, sondern von der odaliskenhaften Idealfrau: „Dort, inmitten der Berge, erscheint sie in der Gestalt einer tscherkessischen Sklavin, von schlankem Wuchs, mit langen Haarflechten und treu ergebenen, abgrundtiefen Augen.“

Es kommt anders. Olenin verschaut sich in Marianka, die Tochter des Quartiergebers. Die ist hübsch, aber auch selbstbewusst und schlagfertig, bodenständig und praktisch, ganz in der Haus- und Erntearbeit einer Jungkosakin aufgehend. Bezeichnenderweise wird sie in einer Genreszene eingeführt, wie sie eine Büffelkuh in den Stall treibt, melkt und zusammen mit ihrer Mutter fetten Kaimak kocht, eine Art Sahne-Ricotta, die bis heute im gesamten Balkan populär ist.

Olenin kommt in eine fremde, faszinierende Welt, die andere Werte, andere Leidenschaften, andere Lebenslust kennt. Er freundet sich mit Onkel Jeroschka an, der Wein eimerweise hinunterspülen kann. Ein hünenhafter Jäger, der statt Schuhe zu tragen die Füße mit Hirschlederlappen umwickelt hat und ihm spontan zwei erlegte Fasanen schenkt. Er erlebt die Kampfeslust der jungen Kosaken, die ihre Zeit mit Pferdestehlen und Raubzügen in den tschetschenischen Auls und Bergdörfern verbringen, um anschließend tagelang zu zechen und ihren Kater mit Kaviar und Rotwein zu kurieren.

Die Sonne bräunt ihn, er fühlt sich sportlicher. Und er spürt die wachsende Attraktion durch die bloße Präsenz der Kürbiskerne knackenden Marianka, die nach bäuerlicher Sitte unbefangen hin- und wieder mehr Bein sehen lässt als das die feinen Damen der Moskauer Gesellschaft je wagen würden.

Olenin im Garten Eden

Tolstois mitreißende Prosa strahlt pralle bunte Sinnlichkeit aus. Man erlebt in quasi operettenhafter Übersteigerung die Farben und Tänze, die Typen und Trachten, die Lieder und Gerüche des Dorfs. Das wilde Ungestüm der Kosaken scheint ganz natürlich eingebettet in die üppig fruchtende südliche Natur, in den Rhythmus der Weinernte. Olenin ist einem Garten Eden gelandet und sucht die dazugehörige Eva:

Schon von ferne unterschied Olenin Mariankas blaues Hemd zwischen den Reihen der Weinstöcke und ging, da und dort eine Beere abpflückend, auf sie zu. Auch sein Hund, dem vom raschen Laufen der Atem kurz geworden war, schnappte zuweilen mit der geifernden Schnauze nach einer niedrig hängenden Traube. Ganz rot von der Arbeit, die Ärmel hoch aufgestreift und das Kopftuch tief unter dem Kinn, schnitt Marianka rasch die schweren Trauben ab und legte sie in einen Korb ...

„Du könntest mir helfen!“ ...

Er nahm ein kleines Messer aus der Tasche ...

„Soll ich sie alle abschneiden? Ist diese hier nicht zu grün?“

„Zeig her!“

Ihre Hände berührten sich. Olenin ergriff ihre Hand, und Marianka sah ihn lächelnd an ...

„Wirklich, du bist ein so schönes Mädchen!“ ...

„Laß mich in Ruhe, du Schelm!“ sagte sie, sich erzürnt stellend. Aber ihr Gesicht, ihre glänzenden Augen, ihr üppiger Busen, ihre schlanken Beine sagten etwas ganz anderes.

Es ist auch die Präsenz von Wein und Früchten, von einfachen wohlschmeckenden Lebensmitteln, von archaischer Gastfreundschaft, die Olenin in den Bannkreis der altgläubigen Dorfgemeinschaft zieht. Der Spott seines Quartiergebers – „In Rußland haben Sie, vermut‘ ich, nicht nur getrocknete Pfirsiche, sondern auch Ananaskompott nach Herzenslust gegessen“ – prallt an ihm ab. Ihm schmecken längst die bäuerlichen Genüsse besser als die Gewächshausdelikatessen Moskaus. Wie eintönig wirkt der Buchweizenbrei, für den sich seine russischen Kameraden anstellen, doch gegenüber dem roten Wein, dem Bauernbrot, dem Wild und den Hirtenkäsetaschen, einer Kost, die im idyllischen Einklang mit der Region und, modern formuliert, den Produzenten steht.

Die Sonne ging Abend für Abend in einem feuerroten Glutkreise unter ... die gesamte Bevölkerung der Dörfer wimmelte in den Melonenpflanzungen und Weingärten umher ... überall hoben sich von den breiten, durchschimmernden Blättern die reifen, schweren, dunklen Trauben ab ... kleine Knaben und Mädchen liefen hinter ihren Müttern her, die Hemdchen ganz dunkel von Beerensaft, Trauben in den Händen und im Mund ... der Duft der Weintreber erfüllte die Luft. Unter den Schuppen sah man blutrote Tröge, auf den Höfen nogajsche Arbeiter mit aufgestreiften Beinkleidern und rotgefärbten Waden. Die Schweine fraßen grunzend die ausgepreßten Schalen und wälzten sich darin...

In den schattigen grünen Gärten, mitten in diesem Meer von Weinlaub, hörte man von allen Seiten Lachen, Lieder, Fröhlichkeit und munter plaudernde Frauenstimmen, während überall die hellen, farbigen Kleider der Mädchen schimmerten.

Traubenernte ist Frauensache

Obwohl er im tscherkessischen Schnürrock und kaukasischen Beschmet-Hemd umherstolziert, sind es winzige faux pas, die Olenins essenzielle Fremdheit entlarven. Er ist als Jäger wenig erfolgreich und dass er als kosakische Mannbarkeitsprobe glaubt, zu viel trinken zu müssen, verschreckt die eingeladene Mädchenrunde eher.

Sein Auftritt im Weinberg ist zwar geschickt, um sich an Marianka heranzupirschen, verstößt aber gegen den Männlichkeitscode des Dorfs. Traubenernte ist Frauensache, und dass Olenin so bereitwillig hilft, macht ihn zu einem russischen Werther, der seine angebetete Charlotte beim Erbsenpulen unterstützte, ohne sie dadurch zu gewinnen.

Deutlich wird das auch beim Leitmotiv des Kürbiskerneknackens. Das Geräusch macht Olenin unbewusst immer wieder auf Marianka aufmerksam, aber es ist sein kosakischer Rivale Lukaschka, der sich in einer Szene voll erotischer Symbolik die Kerne aus ihrem Busentuch angeln darf und sie schließlich heiraten wird.

Man kann „Die Kosaken“ von 1863 als spätromantische Folklore oder politisch als eine Art Urtext für die zivilisationsmüden Narodniki abtun, die den radikalen Umzug aufs Land propagierten. Sie stehen aber auch für etwas Dauerhafteres, die russische Spielart der Südsehnsucht.

Anders als seine blasierten Vorbilder Eugen Onegin von Puschkin oder Petschorin von Lermontow erliegt der „überflüssige Held“ Olenin nicht nur der Liebe in Gestalt von Marianka, sondern auch der Faszination des Kaukasus mit Haut und Haaren. Wird er damit nebenbei auch zum literarischen Vorläufer einer kulinarischen Kaukasus-Begeisterung, die die Sowjetunion überdauert hat und sich bis heute darin manifestiert, dass wir in Deutschland geschätzt genauso viele georgische wie russische Restaurants haben?