Flüchtlinge

Panda Platforma: Ruheort für Geflüchtete

Panda Platforma in Berlin ist mehr als ein Treffort für Kunst und Kultur

von KARENINA
Svetlana Müller Panda Platforma
Für Putin-Fans ist bei ihr geschlossen: Svetlana Müller, Panda Platforma

Die Panda Platforma ist seit zwölf Jahren ein nichtkommerzieller Treffort für Kunst und Kultur, alternativ, divers und sehr politisch. Die belarussische Bürgerrechtlerin Svetlana Tichanowskaja und der Musiker Boris Grebenschtschikow standen auf der Bühne, die Autoren Wladimir Sorokin und Wladimir Kaminer.

Bis zu 140 Gäste passen in die kleine Location in der Kulturbrauerei im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Für diejenigen, die keinen Platz finden, werden einzelne Events gestreamt, bis zu 15 000 Leute pro Event haben das auf Facebook und Youtube genutzt.

Aber die Panda Platforma ist mehr als eine Bühne für Stars. Eine „Symbiose von Kunst, Kultur und Integration“ nennen sich die Verantwortlichen auf ihrer Webseite, sie seien ein Forum „für demokratisch denkende AuswanderInnen und Kulturschaffende aus der Post-Ost-Community“.

War, muss man jetzt sagen. Putins Krieg hat das Spektrum beträchtlich erweitert. Inzwischen ist „Russlands Aggression in der Ukraine in den Vordergrund gerückt“. KARENINA sprach darüber mit Geschäftsführerin Svetlana Müller.

KARENINA: Zu Putins Krieg, Russlands Krieg in der Ukraine schrieb Waleri Panjuschkin, er fühle in seinem Herzen Schuld, könne aber nicht erkennen, worin sie besteht. Sie sind Russin von Geburt. Was denken und fühlen Sie, da ja ein Russe diesen Krieg ausgelöst hat?

Svetlana Müller: Schmerz. Unendlichen Schmerz. Und Wut. Und auch Schuldgefühle. Ich habe zwei Großväter aus der Ukraine, davon einen jüdischen. Ein Drittel der Mitarbeiter der Panda Platforma kommt aus der Ukraine. Man muss aber unbedingt dazu sagen, dass es nicht nur ein Russe ist, der diesen Krieg angefangen hat und dass die Propaganda-Maschine in Russland seit Jahrzehnten erfolgreich arbeitet.

Haben Sie damit gerechnet? Den Krieg vorausgesehen?

Nein. Das war natürlich sehr kurzsichtig. Ich konnte mir diesen Alptraum nicht vorstellen.

Wie war das an dem Tag, als der Alptraum begann?

Ich habe erst mal zwei Stunden geheult. Und dann habe ich begonnen, die ersten Proteste mitzuorganisieren: potenzielle Rednerinnen angerufen, selber gesprochen.

Bei Panda geht’s allen gleich: Sobald wir stoppen, werden wir verrückt. Dagegen wirkt eine Therapie durch Tätigkeit. Ich wandle diese Gefühle in Taten um. Das hilft zu überleben.

Wie sehen die Tätigkeiten aus?

Wir arbeiten nicht nur hier. Manche helfen am Bahnhof, andere organisieren Unterkünfte für behinderte Kinder. Es ist nicht nur Panda, was wir hier machen. Auch politische Arbeit gehört dazu.

Und wir bieten Geflüchteten einen sicheren Ort, eine safe space. Einen Ort, wo sie ankommen und ausatmen können. Wir haben Psychologinnen da, Betreuerinnen für die Kinder, Catering.

Zu uns kommen Kreative, die fragen: Was können wir hier machen? Schauspieler, Künstlerinnen, Musikerinnen, Dichterinnen. Dafür sollen unsere neuen Vernetzungsnachmittage da sein, die CultureMeetUps. Die sind dann für sie gedacht und für die Deutschen, die vermitteln können oder vielleicht ein gemeinsames Projekt starten wollen.

Inzwischen gibt es viele Events und viel Besuch von Menschen aus der Ukraine. Geht das zusammen? Gibt es Ärger?

Bisher nicht. Wir hatten mehrere Veranstaltungen von Flüchtlingen aus der Ukraine und bereits hier lebenden Menschen aus der Ukraine und Russland. Die gingen sehr einfühlsam miteinander um.

Wir hatten russische Events und ukrainische, und es gab Gäste der jeweils anderen Gruppe. Das funktioniert. Es ist aber immer eine Gratwanderung.

Ich rechne aber damit, dass es Streit geben könnte um die Frage, ob jetzt Russen und Ukrainer gemeinsam auf einer Bühne sitzen können. Was für mich klar ist: Ich organisiere keine Events für Russinnen und Ukrainerinnen, aber wenn sie es selbst organisieren, wenn es von allein entsteht, biete ich ihnen gern die Bühne. Und ich darf keinen Fehler machen, weil ich einen russischen Pass habe.

In welchem Sinn keinen Fehler?

Ein Beispiel: Bald kommt Sergei Babkin von 5'nizza, der ukrainische Manu Chao. Er ist sehr populär. Aber er hatte Auftritte in Russland noch nach der Annexion der Krim. Das hat ihn in der Ukraine fragwürdig gemacht. Darf ich ihm die Bühne bieten oder nicht? Er hat seinen größten Hit „Soldat“ umgeschrieben, worin er die ukrainischen Kämpfer besingt. Das hat ihn in vielerlei Hinsicht rehabilitiert. Und doch kann meine Entscheidung, ihn bei uns auftreten zu lassen, für Probleme sorgen. Ich muss mir also immer genau überlegen, wen ich auf die Bühne lasse.

Das ist ja gerade üblich, beginnend bei Gergiev oder Netrebko…

Bei denen gibt’s keine Fragen. Opportunisten dieser Art und wer Putin unterstützt – für die ist hier geschlossen. Es gibt aber nur wenige Anfragen aus dieser Richtung. Wenn ein Literaturfestival auch nur ein bisschen Geld zur Finanzierung von Gazprom bekommt, machen wir nicht mit. Es gibt ein russisches Sprichwort: Man muss seine Ehre von jung an bewahren. Seit Jahren kämpfen wir gegen die Kremlpropaganda und gehen keine Kompromisse ein.

Nicht alle Russen in Deutschland denken jetzt an das Wohl der Geflüchteten. Einige scheinen Putin den Rücken stärken zu wollen. Die Demonstration der Russen in Berlin, der Autokorso. Wie müssen wir das verstehen?

Es ist eine Schande, dass in Deutschland noch immer das russische Fernsehen erlaubt ist. Dass mehr als 100 000 Haushalten diese Propagandaquelle noch immer direkt ins Haus geliefert bekommen. Die Leute, die da mitgefahren sind, haben ihre Überzeugungen dank dieser Sendungen. Neulich in einem Gesprächskreis hat die CDU-Ortsvorsitzende von Marzahn, Medina Schaubert, berichtet, dass in ihrem Bezirk die überwiegende Mehrheit der Russlanddeutschen Putin unterstützen. Aber in meiner Blase gibt es solche Leute nicht.

Es gab auch Interpretationen, wonach die Demonstranten sich gegen die „Diskriminierung von russischsprachigen Menschen in Deutschland“ wehren wollten.

Dafür brauchst du nicht so viele russische Fahnen. Und schon gar nicht die Fahnen, die von den Rechten benutzt werden. Wer die Demo angemeldet hat, ist ja inzwischen bekannt. Und dessen Social Media sind untersucht, unter anderem bei odnoklassniki.ru, und da kam heraus, dass er für eine ultrarechte Partei ein Aktivist ist.

Die Fragen stellten Tatiana Firsova und Peter Köpf.