Russische Literatur

Vladimir Sorokins Welt der Groteske

Ungezügelte Lust am Experiment: Vladimir Sorokins neuer Erzählungs-Band „Die rote Pyramide“

Vladimir Sorotkin
Schreibt Parodien auf realistische Literatur: Vladimir Sorotkin

Wer noch nie ein Buch des russischen Schriftstellers Vladimir Sorokin gelesen hat, kann das jetzt nachholen. Gerade ist seine Sammlung mit neun Erzählungen erschienen, „Die rote Pyramide“.

Gesagt werden soll dem Sorokin-Neuling, dass dieser Autor an Gewaltszenen und Pornographie nicht eben spart. Eine Lektüre klassischer Art wie bei Tolstoi und Dostojewski ist nicht zu erwarten.

Bei Sorokin, Jahrgang 1955, setzt sich die russische Moderne fort, wie sie nach der Oktoberevolution entstanden ist und Namen trägt wie Majakowski, Malewitsch, Rodtschenkow. Da knallten die neuen Programme wie Konstruktivismus und Suprematismus wie Gewehrschüsse im Sturm um die Köpfe eines neuen Kulturmenschen, ehe Stalin seine Gewehre auf die Künstler richtete.

Die ungezügelte Lust am Experiment hat sich bei Vladimir Sorokin erhalten. Postmoderne nennen es die einen, die, etwas näher dran sind, nennen es Moskauer Konzeptualismus, was immer das sein mag. Ein Dutzend Romane sind seit seinem ersten „Die Schlange“ von 1983 entstanden.

Sorokin war Feind der sowjetischen Literaturwächter und der neurussischen gleich wieder. Seine Bücher durften in der Sowjetunion nicht erscheinen, nahmen ihren Weg über den Samistad, den illegalen Selbstverlag. In Russland erscheinen sie, aber sie riefen beispielsweise die putinnahe Jugendbewegung „Gemeinsamer Weg“ auf den Plan, die 2002 nach Erscheinen seines Romans „Himmelblauer Speck“ eine öffentliche Klospülung seines Werks vornahm und – als ihnen das Spektakel nicht half – eine Bücherverbrennung.

Parodien auf realistische Literatur

Es ließe sich über Sorokin noch viel mehr Spannendes erzählen, bevor ich auch nur mit einer Zeile auf sein neues Buch eingegangen bin. Sorokin, der schon seit mehr als zehn Jahren sowohl in Berlin wie in Moskau lebt, ist ein literarischer Provokateur, der auch den Literaturkritiker auf die Probe stellt.

Der neue Erzählungsband „Die rote Pyramide“ ist sehr klug zusammengestellt. Von der ersten, der Titelerzählung, bis zur letzten steigert sich der Grad des Grotesken beträchtlich.

Die Erzählung „Die rote Pyramide“ beginnt wie eine Liebesgeschichte, in der sich die Liebenden wegen Tollpatschigkeiten verpassen. Jura, der den falschen Zug genommen hat, begegnet einem merkwürdigen Mann, der sein großes Wissen mit dem roten Rauschen erklärt. Für ihn ist der Kommunismus nicht die lichte Zukunft, sondern das rote Rauschen.

Ein Erlebnis, das Jura längst vergessen hat, als er eine Familie gründet und sich als Journalist in die sowjetische Hierarchie hineinarbeitet. Er erleidet unerwartet einen Herzinfarkt und sieht im Sterben mitten auf dem Roten Platz die rote Pyramide, wie sie vibriert und das Rauschen verstrahlt.

Ähnlich rätselhaft endet auch die nächste Geschichte „Das schwarze Pferd mit dem weißen Auge“. Hauptfigur ist die zehnjährige Dascha, die einem freilaufenden Pferd, das ein blindes Auge besitzt, in den Wald folgt. Als sie später dem Pferd ins Auge schaut, ist dies gar nicht weiß, sondern sie entdeckt darin eine riesige rote, blutige Kehle. Der Schreck lässt sie zurückkehren in ihr Leben bei Eltern und Großeltern, als wäre nichts gewesen. So endet die Geschichte, als wäre nichts gewesen.

In der dritten Geschichte erzeugt der Geschlechtsakt eines älteren Paares Wellen, erst auf dem Fußboden des Schlafzimmers und dann im Kopf des Mannes, die seine ganze gedachte Welt erfassen und in einem U-Boot münden, mit dem sich die Welt wegspülen lässt.

Danach revanchiert sich die Frau mit einem Traum, in dem auch Wellen die Hauptrolle spielen. Am Ende verspeisen sie beide einen Schmelzkäse, der den Markennamen Welle trägt. Eine absurde Verbindung, die das Wort Welle schafft, die aber tief in die beiden Figuren blicken lässt und am Ende in ihre sowjetische Umgebung.

Sorokins Erzählen schöpft das Genre der Groteske, in der die Welt ist wie wir sie kennen, nur dass sie auf dem Kopf steht, hier noch recht maßvoll aus. Aber im Mitteltext „Der Fingernagel“ steigert sich der Übermut. Geschildert wird eine Familienfeier, zu der die Gastgeber noch zwei weitere Ehepaare und Onkel und Nichte eingeladen haben.

Der Tisch biegt sich unter den Köstlichkeiten. Alles beginnt ganz manierlich, bevor es – der Anlass ist fehlendes Toilettenpapier – so aus der Form gerät, dass am Ende Tote zu zählen sind. Diese Erzählung ist handwerklich ein Kabinettstückchen. Sorokin behält alle Personen im Auge und treibt die Situation mit steigendem Tempo ins Absurde. In der ganzen Geschichte spielt der Fingernagel des Titels überhaupt keine Rolle. Erst nach fast dreißig Seiten malt er im letzten Satz „eine liegende Acht in die Luft“.

Sorokins Erzählungen bauen nicht auf das Verstehen, wie wir es von realistischer Literatur kennen. Gerade die parodiert der Autor, der dem sozialistischen Realismus im letzten Moment entkommen ist.

Zwei Texte haben die Form eines Mini-Dramas. In „Der Tag des Tschekisten“ gibt zunächst einer, der den sowjetischen Uniformmantel eines Stasi-Hauptmanns trägt, seine Untaten zu. Jedes Geständnis wird für beide zum Toast für einen Wodka. Dann wechselt der Mantel zum anderen und die Rollen kehren sich um: Jetzt gesteht der, der bisher das Verhör geführt hat, seine Untaten und wieder werden Schuld und Scham mit einem Wodka heruntergespült.

Schon das ist eine eiskalte Pointe. Sie mündet darin, dass einer von beiden preisgibt, warum er zur Stasi gegangen ist. Er hat einmal belauscht, wie ein Pionierleiter ein junges Mädchen zum Sex gezwungen hat, indem er ihr mit seinen Verbindungen zum KGB drohte: „Die mächtigsten Leute bei uns im Land sind heutzutage die Offiziere des KGB.“ Diese Erfahrung hat dann auch seinen Lebensweg zum KGB entschieden.

Die Welt steht bei Sorokin Kopf

Sorokin steigert mit seinen Überspitzungen und Verzerrungen von Erzählung zu Erzählung die Absurdität. Damit schafft er (oder seine Herausgeber) eine sehr gelungene Dramaturgie, denn die Einzelgeschichten sind zwischen 2002 und 2018 entstanden und werden nicht chronologisch geordnet.

Eine, in der er die orthodoxe Kirche und das russische Militär attackiert, erzählt von der Verwandlung des radioaktiven Materials in allen russischen Atomraketen in Zucker. Wie aus dieser Panne herauszukommen ist, soll der Starze helfen, der gerade dabei ist, sich einzumauern.

Der Starze ist der Klösterälteste, dessen Auskünfte als Religionsgelehrter gewissermaßen heilig sind. Er süßt mit dem radioaktiven Zucker lediglich den Tee dessen, der von ihm die Lösung verlangt und zieht sich in seinen Turm zurück.

In Vladimir Sorokins Literatur steht die Welt Kopf oder die reale Welt, die Kopf steht, stellt er in seiner Literatur wieder zurück auf die Füße. Über solche Deutungen ergibt sich eine Annäherung an den Sinn seiner an Provokation überbordende Literatur. An ihr hat vor allem jener Leser seine Freude, der nicht ständig auf Verstehen pocht. Belohnt wird der Leser mit dem Vergnügen, dass Sorokin die Groteske zum Leuchten zu bringen vermag und sie die Momente des Absurden in Russlands Vergangenheit und Gegenwart preisgibt.

Vladimir Sorokin

Die rote Pyramide
Übersetzung: Andreas Tretner und Dorothea Trottenberg

Kiepenheuer & Witsch
192 Seiten
22 Euro
ISBN 978-3-462-05370-8
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