Russische Literatur

‚Ich möchte gesund sterben‘

Ljudmila Ulitzkaja verwandelt in ein Wunder, was der Verstand nicht erklären kann

Ljudmila Ulitzkaja will gesund sterben
Eine wunderbare Erzählerin: Ljudmila Ulitzkaja

Redet oder schreibt man in diesen Tagen über neue russische Literatur, sollte man zuerst erkunden, wo der Autor oder die Autorin zu Putins Krieg gegen die Ukraine steht. Nicht, dass es keine Literatur wäre, stellte er sich Putin an die Seite, aber es ist keine, die sich gegenwärtig moralisch rechtfertigen ließe.

Ljudmila Ulitzkaja, deren Bücher zur Weltliteratur zählen, hat kurz nach Kriegsbeginn Russland verlassen. Mit dem Gefühl von Scham: „Scham – weil offensichtlich ist, dass die Regierung unseres Landes die Verantwortung trägt für diese Situation, die großes Unglück über die gesamte Menschheit bringen könnte.“

Ulitzkaja, mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, ist eine russische Schriftstellerin, die von sich sagt, sie sei jüdischer Herkunft und christlicher Prägung. 1943 im Ural geboren, aufgewachsen in Moskau. Seit Beginn des Kriegs lebt die Autorin in Berlin. In einem Statement für die Freie Akademie Hamburg hat sie am 24. Februar geschrieben: „Ich dachte immer, meine Generation, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, hätte Glück gehabt, wir würden ohne Krieg weiterleben, bis zu unserem Tod.“

„Ich will einen leichten Tod kaufen“

Plötzlich steht „Alissa kauft ihren Tod“, ihr neuer Band mit Erzählungen, in einem anderen Licht: als Nachrichten aus einer Zeit des Friedens. Darin gab es auch bereits ein Nachdenken über den Tod, aber über einen Tod, der „friedlich, schmerzlos und nicht peinlich“ ist.

In der Titelerzählung erklärt die vierundsechzigjährige Alissa: „Ich möchte gesund sterben!“ Sie hat als alleinlebende Frau Angst vor Siechtum und Pflegebedürftigkeit. Dem Doktor, den sie um Hilfe bittet, erklärt sie es so: „Ich will auf keinen Fall in irgendeinem Krankenhaus liegen, leiden und unter mich machen. Das Schlafmittel brauche ich, damit ich es einnehmen kann, sobald ich mich dazu entschlossen habe. Ich will mir einfach einen leichten Tod kaufen. Halten Sie das für verwerflich?“

Literatur lebt von Überraschungen, wenn sie glaubwürdig sind. Der Leser ahnt, dass Alissa das Gift nicht nehmen wird. Aus dem ersten Gespräch der beiden entwickelt sich eine Romanze. Schließlich heiraten sie und der Arzt gibt als Hochzeitsgeschenk das gewünschte Sterbemittel.

Kurz nachdem er bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt, wird dessen Tochter Mutter. Plötzlich ist Alissa die Aufgabe einer Großmutter zugefallen, die keinen Gedanken mehr an das Gift zulässt.

Die Titelerzählung findet sich im ersten Teil der Auswahl, der mit „Freundinnen“ überschrieben ist. Gemeint sind Frauen, die die Autorin – so schreibt sie es in einem vorangestellten Gedicht – als Gefährtinnen braucht, denn es sind diese „leichtsinnigen, weisen, schamlosen, bezaubernden, verlogenen, wunderbaren, abergläubischen und treuen, diese überaus klugen und unfassbar dummen Frauen“. Zu ihnen passt sie.

Mit der Widersprüchlichkeit ihres Bilds der Freundinnen zeigt die Autorin, dass sie nicht an heroische Geschlechtsgenossinnen denkt. Da ist die Frau „mit birnenförmiger Figur und vorgereckter Brust“, die in einem Moskauer Park Ausschau nach einem Bräutigam für ihre Tochter hält. Sie findet einen in Moskau Mathematik studierenden Araber, als dessen Frau die Tochter sogar zur Ausländerin werden könnte. Doch der Mann ist nach Hochzeit und Geburt des Kinds verschwunden.

Aber es gibt ein gutes Ende, genauso wie für Lidija, die sich für sich selbst einen Schweizer angelt. Der ist leider verheiratet und leitet die Firma seiner Frau, so dass er die Versprechungen, die er Lidija beim amourösen Kaviaressen in Moskau macht, nicht einhält. Doch es kommt anders.

Mit vierzig Seiten ist „Züü-rich“ die längste Geschichte. Auch bei ihr, die ein halbes und abenteuerliches Leben zwischen Russland und der Schweiz beschreibt, entsteht der Eindruck, es handle sich um einen verschenkten Roman, was ein großes Kompliment für eine Erzählung ist.

Die Weisheit des Alters

Der zweite Teil versammelt sieben Kurzgeschichten, wiederum von einem Gedicht eingeleitet. Es stellt selbstironisch die Frage, warum man bei Eintritt in die letzte Phase seines Lebens noch immer so wenig von ihm verstanden hat.

In diesen Geschichten zeigt sich die Ulitzkaja von einer anderen Seite. Sie benutzt oft surreale Erfindungen, die sie auf vier, fünf Seiten zu einer Pointe führt.

In „Aqua Allegoria“ ändert Sonja nach ihrer Scheidung ihre Essgewohnheiten. Fleisch, wonach ihr Mann so süchtig war, kommt ihr nicht mehr in die Wohnung. Von nun an isst sie nur noch Äpfel. Über die Jahre hat es Folgen, denn Sonja wachsen kleinen Fäden aus ihrer Haut, mit denen sie sich eines Tages verpuppt. Als wunderschöner Schmetterling verlässt sie die Wohnung, trifft sich mit Artgenossen und ist nicht mehr allein.

Vielleicht liegt darin eine Form der Weisheit des Alters, dass alles, was der Verstand nicht erklären kann, in ein Wunder verwandelt wird. Wenn sich die Fantasie mit Witz und Humor zusammentut, sind auch diese Überraschungen sehr gelungen. Sie müssen gar nicht verbergen, dass sie schriftstellerische Erfindungen sind.

Im dritten Teil des sorgsam komponierten Bands spielt die Autorin bestimmte Phänomene in Form von Miniaturen durch: Weltuntergänge, Tode, Geburten, Krankheiten, Zwillingspaare und Ehepaare. Unter den Zwillingspaaren findet sich eines, bei dem ein Zwilling zur Überwacherin für den Geheimdienst geworden ist und der andere zur Dissidentin. Was die Autorin mit dem Schlusssatz kommentiert: „Die frühere Ähnlichkeit war verflogen, niemand hätte sie für Schwestern gehalten.“

Die Unterschiedlichkeit der Prosa im Band „Alissa kauft ihren Tod“ zeigt die stilistische Artistik der Ulitzkaja. Die Texte stammen aus zwanzig Jahren, aber sie haben einen Band ergeben, der für diese und keine andere Abfolge komponiert scheint. Alle Texte gelten einem großen Thema: dem Tod und dem Sterben.

Dass dazu vor allem Frauengeschichten erzählt werden, geschah vermutlich im Vertrauen, dass sie sich dieser letzten Arbeit im Leben am besten gewachsen zeigen. Aus dieser Gewissheit, die meist als Gewitzheit vorgeführt wird, entsteht das Bild einer russischen Schriftstellerin, das ihrem Land im Krieg guttut. Man hat Ludmila Ulitzkaja als eine der letzten Vertreterinnen der russischen Intelligenzija genannt. Das ist sie.

Ljudmila Ulitzkaja

Alissa kauf ihren Tod

Hanser
300 Seiten
Hardcover
25 Euro
ISBN 978-3-446-26965-1
Zum Verlag