Krieg in der Ukraine

Träumen vom Abgang Putins

Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja: Abscheu vor Putins Politik und Ideologie

von Lothar Müller
Ljudmila Ulitzkaja
Ljudmila Ulitzkaja: "Noch will ich keinen Eisernen Vorhang zwischen mir und meiner Heimat errichten."

Die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja, 1943 in Dawlekanowo geboren und in Moskau aufgewachsen, hat vor einigen Tagen Russland verlassen. Zuvor hatte sie gegen den Angriffskrieg ihres Lands auf die Ukraine protestiert und ihn als „Schande“ für ihr Land bezeichnet. Sie lebt derzeit in Berlin.

Ihre literarische Karriere hat sie im Alter von fünfzig Jahren begonnen, in vielen ihrer Bücher leben die Figuren in der Zeit der Sowjetunion, in ihrem Roman „Jakobsleiter“ erkundet sie nach der Entdeckung der Briefe ihrer Großeltern die Geschichte ihrer Familie im Stalinismus. In diesen Tagen ist im Hanser Verlag ihr neuer Erzählungsband „Alissa kauft ihren Tod“ erschienen. Zum Interview hat sie sich mit ihrer Übersetzerin im Bibliothekszimmer einer lichtdurchfluteten Altbauwohnung in Pankow eingefunden.

Frau Ulitzkaja, Sie sind im Zweiten Weltkrieg geboren, wie blicken Sie heute auf den Krieg in der Ukraine?

Ljudmila Ulitzkaja: Ich erinnere mich sehr oft an die Erzählungen meiner Großmutter darüber, wie sie damals aus Moskau evakuiert wurden in den Ural, wo ich dann geboren wurde. Ich kann mich an die Erzählungen meiner Mutter erinnern, die berichtete, wie schwierig es war, auf dem Bahnhof an heißes Wasser zu kommen und wir fast den Zug verpasst hätten. Es sind Berichte darüber, wie groß die Angst war in diesem Moment. Diese Erinnerungen werden lebendig, wenn ich sehe, was jetzt in der Ukraine geschieht.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, Russland zu verlassen?

Ehrlich gesagt, habe ich diese Entscheidung nicht selbst getroffen. Ich wurde dazu gezwungen durch meinen älteren Sohn. Der kam vor ein paar Tagen, hat meine Sachen und Koffer gepackt und mich hierher nach Berlin gebracht. Mit meiner Kindheit verglichen und denen, die aus der Ukraine kommen, ist meine eigene Ausreise sanft verlaufen. Und das alles erleben wir vor dem Hintergrund des Frühlings, der Natur, die wieder grün wird. Ich muss ständig an den Kontrast zwischen diesem Aufblühen und dem Schrecken denken, der jetzt in der Ukraine herrscht.

Es gibt jetzt viele Appelle ukrainischer Autoren, die Waffenlieferungen von den Staaten des Westens fordern, auch die Schließung des Luftraums über der Ukraine. Haben Sie Kontakte in die Ukraine?

Ich habe den Brief russischer Autoren und Autorinnen gegen den Krieg in der Ukraine unterzeichnet, und das Honorar für meine aktuellen Lesungen in Deutschland werde ich für ukrainische Flüchtlinge spenden, nicht für militärische Zwecke, das scheint mir nachvollziehbar.

In Ihrem Roman „Medea und ihre Kinder“ ist die Krim der Schauplatz. Was sehen Sie darin?

Ich habe in meiner Kindheit und bis vor wenigen Jahren ziemlich viel Zeit auf der Krim verbracht, sie ist für mich immer sehr wichtig gewesen. Hätte ich mir einen Ort aussuchen können, um dort geboren zu werden, dann wäre es die Krim gewesen und nicht der Ural. Die Krim war für Russland immer eine Brücke nach Europa.

Die Welt Ihrer Romane ist eine Vielvölkerwelt, viele Familien sind Mikrokosmen dieser Welt, mit Wurzeln in Aserbeidschan oder Armenien, Griechenland oder der Türkei, in Russland, in der Ukraine.

Wenn die Sowjetunion irgendetwas Positives für mich geleistet hat, dann war es diese Erziehung zum Internationalismus, vor allem während meines Studiums an der biologischen Fakultät. Da gab es ausländische Studenten nicht nur aus Kuba, sondern auch aus Zentralasien, die aus ganz anderen Kulturen kamen, und da gab es keinen Schatten von Nationalismus oder Rassismus. Es gab eher ein betontes Interesse an der anderen Kultur.

Als eine Ursache des Angriffskriegs auf die Ukraine sehen viele die Kränkung der russischen Führung durch den Verlust des Imperiums. Bei Wladimir Putin scheint das offensichtlich. Wie sieht es in der Bevölkerung aus?

Ich kann nicht sagen, dass ich eine Vertreterin breiter Bevölkerungsschichten wäre. Putins Politik und Ideologie hat bei mir von Anfang an Abscheu erregt, und so ist es bis heute geblieben. Seine Herkunft aus dem Geheimdienst hat ihn mir immer verdächtig gemacht, ich war immer fern vom Staat und seinen Organen.

Der Stalinismus, die Bürokratie, die Repressionen der Sowjetzeit gehören zu Ihrer Lebenserfahrung. Ist die Putin-Ära die Fortsetzung dieser Tradition oder etwas anderes, Neues?

Sie ist ein Versuch, diese Tradition wieder aufzunehmen, ein Versuch, der aber nicht gelingen kann und nicht gelingen wird, weil die Welt sich sehr verändert hat. Mein Eindruck ist, dass es sich bei Putin um jemanden mit einem archaischen Bewusstsein handelt.

In Ihrem Roman „Jakobsleiter“ haben Sie die eigene Familiengeschichte im Stalinismus erforscht, haben Erinnerungen von Mitbürgern an das Leben in der Sowjetunion von 1945 bis 1953 gesammelt, bis zum Tod Stalins. Sein Name steht für den Staatsterror, der viele Opfer in Russland forderte, und für den Großen Vaterländischen Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland. Welche Rolle spielen diese beiden Seiten im gegenwärtigen Russland?

Jedes Volk ist ein Subjekt, das man erziehen kann. Das russische Volk lässt sich vielleicht besonders leicht erziehen, weil es lange unter den Bedingungen des Totalitarismus gelebt hat. Für Russland, so paradox das klingen mag, ist die freieste Zeit die von Gorbatschow und Jelzin gewesen. Zugleich ist aber der Zweite Weltkrieg natürlich noch sehr lebendig in der Erinnerung der Völker, gerade in Russland, er ist in den Familiengeschichten lebendig. Das spielt eine Rolle, wenn jetzt viele in Russland den Krieg unterstützen, weil man ihnen, wie es ja von der Regierung gemacht wird, sagt, dass er gegen den Faschismus geführt wird.

Sie haben sich einmal als eine russische Schriftstellerin jüdischer Herkunft und christlicher Prägung bezeichnet. In welchem Verhältnis stehen das jüdische und das christliche Element?

Was das Christentum anbelangt, so schleiche ich mich da langsam heraus. Ich kenne die russisch-orthodoxe Kirche recht gut und habe darin viele Jahre verbracht. Ich bin noch immer ein gläubiger Mensch, aber nicht an irgendwelche Institutionen gebunden. Die Anthropologie gibt vor, dass der Mensch immer eine Art Religion braucht, etwas Höheres, an das er glaubt. In meiner Lektüre haben biblische Texte immer eine große Rolle gespielt, und natürlich auch Texte über die jüdische Geschichte und den jüdischen Glauben.

Ein Kriegsziel des russischen Präsidenten ist die „Entnazifizierung“ der Ukraine. Der ukrainische Präsident ist jüdischer Herkunft. Wie denken Sie darüber?

Ich denke nicht, dass Putin bei dieser Aussage die jüdische Herkunft von Selensky im Blick hatte. Der Begriff „Entnazifizierung“ ist hier völlig unpassend, aber Putins Politik ist insgesamt nicht unbedingt von Antisemitismus geprägt, soweit ich weiß.

Aktuell gibt es keine Kritik der russisch-orthodoxen Kirche am Krieg.

Es gibt immer die offizielle Seite der Kirche, die es für ihre Pflicht hält, den Staat zu schützen. In Russland hängt die Kirche zum großen Teil vom Staat ab. Und doch gibt es in den Gemeinden viele kluge, nüchtern denkende Menschen, die die heutige politische Situation und Putin ganz richtig einschätzen. Vielleicht sind das nicht sehr viele, aber ich zumindest kenne einige.

Es gibt keine massenhaften öffentlichen Proteste in Russland gegen den Krieg. Ist das nur ein Effekt der Repression?

Am Anfang gab es einige größere Aktionen und Kundgebungen, dann kamen sehr rasch die Repressionen, ich kenne einige Leute, die ihre Arbeit verloren haben, und ich denke, die Situation wird sich noch mehr zuspitzen. Dafür gibt es Anzeichen.

Die Kultur, die Sprache spielt in der Wahrnehmung der Vorgeschichte des Kriegs eine große Rolle. In Deutschland dachten viele, Ukrainer, die Ukrainisch sprechen, sind für ihren Nationalstaat, Ukrainer, die Russisch sprechen, wollen zu Russland gehören. Das war falsch, wie jetzt der gemeinsame Widerstand gegen die Invasion zeigt. Welche Rolle spielen die Sprachen?

Unter meinen ukrainischen Freunden ist niemand, der nicht Russisch sprechen würde und das nicht als ganz normale Kommunikationssprache betrachten würde. Die gesamte gebildete Schicht in der Ukraine, jedenfalls in der östlichen Ukraine, spricht Russisch. In der westlichen Ukraine ist das anders.

Ich glaube aber, dass sich die sprachliche Situation in den nächsten Jahrzehnten in Richtung auf das Ukrainische hin verschieben wird. Und was den Nationalstaat betrifft, so hatte die Ukraine sehr lange keine Eigenstaatlichkeit, während zugleich das Russische Reich aus der Kiewer Rus hervorgegangen ist.

Gibt es für Sie eine Option der Rückkehr nach Russland?

Im Prinzip schon. Es wäre aber sicher mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich habe mich nie mit politischen Äußerungen vorgedrängt, aber wenn ich gefragt wurde, habe ich immer so geantwortet, wie ich denke. Auch jetzt. Noch will ich keinen Eisernen Vorhang zwischen mir und meiner Heimat errichten.

Haben Sie eine Vorstellung, welche Konsequenzen dieser Krieg, wie auch immer er endet, für die russische Gesellschaft der Zukunft haben könnte?

Die beste Folge wäre ein Regierungswechsel, der Abgang Putins, das wäre das, wovon man eigentlich nur träumen kann. Aber Putin ist ein Irrer, der noch viel Böses anrichten kann. Was die schlimmstmöglichen Folgen angeht, so möchte ich darüber gar nicht reden, denn sie wären verheerend für die gesamte Menschheit.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 23.3.2022 / Alle Rechte vorbehalten: Süddeutsche Zeitung GmbH, München

Übersetzung: Ganna-Maria Braungardt