Krieg in der Ukraine

Krieg gegen die Sünde?

Der russische Angriff auf die Ukraine und seine Folgen für die Russische Orthodoxe Kirche

Patriarch Kirill in der Christ-Erlöser-Kathedrale 6.3.2022
Gott möge sich „den fremdsprachigen Stämmen widersetzen, welche Streit suchen und sich gegen das heilige Russland bewaffnen": Patriarch Kirill am 6. März 2022 in der Christ-Erlöser-Kathedrale

Patriarch Kirill von Moskau und ganz Russland, das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK), ist nicht nur einer der bekanntesten Russen, sondern auch jemand, zu dem die Bürger Russlands – nach ihrem Präsidenten – lange Zeit das größte Vertrauen hatten. Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine ist dieses Vertrauen im Schwinden.

Zunächst schien es so, als wolle der Patriarch sich nicht deutlich zum Krieg äußern. Am Abend des ersten Kriegstags veröffentlichte das Moskauer Patriarchat eine sehr verklausulierte Erklärung, in der der Patriarch von „Ereignissen“ sprach, die ihn mit „tief empfundenem Schmerz“ erfüllten, und in der er „alle, die von Unglück betroffen sind“ seines „tiefen Mitgefühls“ versicherte.

Noch allgemeiner hätte sich der Patriarch kaum äußern können. Das Wort „Krieg“ verwendete Kirill nicht, auch nicht den Begriff „Spezialoperation“, mit dem die staatlich gelenkten Medien den Krieg in der Ukraine derzeit bezeichnen. Stattdessen forderte er „alle Konfliktparteien auf, alles zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden“, gerade so, als ob auch die ukrainische Armee in Russland Krieg führen würde.

Und doch gab es am Abend dieses ersten Kriegstags auch in Russland bereits mehr als 1700 Menschen, die zu Opfern geworden sind, allerdings zu Opfern der russischen Sicherheitsorgane, die sie verhaftet hatten, weil sie gegen den Angriff auf das Brudervolk der Ukrainer demonstriert hatten. Auch hierüber kein Wort aus dem Mund des Patriarchen.

Der Schlüssel zur Lösung des Konflikts, so Kirill, liege in der von Gott gestifteten Gemeinschaft des russischen und des ukrainischen Volks und in ihrer gemeinsamen, jahrhundertealten Geschichte, „die bis zur Taufe Russlands durch den Heiligen Apostelgleichen Fürst Wladimir zurückreicht“. Damit spielte er auf die legendarische Taufe der mittelalterlichen Rus in Kiew an, welche sich im Jahr 988 zugetragen haben soll und für die Völker Russlands, Weißrusslands und der Ukraine als Datum der Christianisierung gilt.

Der Patriarch schweigt

Viele Kirchenvertreter aus aller Welt hatten in den ersten Kriegstagen an den Patriarchen appelliert, sich öffentlich für ein Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine auszusprechen. Der Heilige Synod der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die selbst zum Moskauer Patriarchat gehört, hat die Gläubigen in der Ukraine dazu aufgerufen, die „staatliche Souveränität und territoriale Integrität“ der Ukraine zu verteidigen und an Patriarch Kirill appelliert, von Putin die unverzügliche Beendigung des Angriffs zu fordern. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen hat den Patriarchen gebeten, seine Stimme für die leidenden Brüder und Schwestern in der Ukraine zu erheben, ebenso der katholische Erzbischof von Posen im Namen der Polnischen Bischofskonferenz und auch der Münchner Kardinal Marx.

Anders als sein Vorgänger Alexij II., der im Sommer 2008 zur Beendigung der Kriegshandlungen zwischen Russland und Georgien aufgerufen hatte, reagierte der jetzige Patriarch auf all diese Appelle zunächst mit einem verstörenden Schweigen.

Noch unmittelbar vor Kriegsbeginn, am 23. Februar, veröffentlichte das Patriarchat ein Gratulationsschreiben von Kirill an Wladimir Putin aus Anlass des „Tags des Verteidigers des Vaterlands“. Patriarch Kirill pries darin „die glühende Liebe zum Vaterland“ des russischen Volks, dessen „Bereitschaft zur Selbstaufopferung“ und seine „Standhaftigkeit“. Die ROK habe sich selbst stets bemüht, „einen bedeutenden Beitrag zur patriotischen Erziehung ihrer Landsleute zu leisten, indem sie im Militärdienst eine aktive Manifestation der evangelischen Nächstenliebe und ein Beispiel der Treue zu den hohen moralischen Idealen der Wahrheit und Güte“ sehe.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Putin der Ukraine in seiner Rede an die Nation vom 21. Februar schon die Eigenstaatlichkeit abgesprochen und sie als Teil Russlands bezeichnet. Wenige Stunden später begann der russische Angriff auf die Ukraine.

Auf den Nachrichtenseiten des Moskauer Patriarchats wurde derweil weiter über vieles ausführlich berichtet, nur nicht über den russischen Krieg gegen die Ukraine. Scheinbar ungerührt veröffentlichte das Patriarchat noch am 3. März ein weiteres Gratulationsschreiben, dieses Mal an den Befehlshaber der russischen Luftlandetruppen. Aus Anlass von dessen 60. Geburtstag wünschte der Patriarch Generaloberst Serdjukow Gottes Beistand für seine weitere Arbeit zum Wohl des Vaterlands wünschte. Vom Krieg in der Ukraine erneut kein Wort.

„Das gemeinsame Taufbecken“

Dass diese „Business as usual“-Strategie nicht durchzuhalten sein würde, dürfte auch Kirill klar gewesen sein. Am ersten Sonntag nach Kriegsbeginn betete der Patriarch in der größten Kirche Moskaus, der Erlöserkathedrale, erstmals öffentlich für das Land der Ukraine, welches „von Streit und Unruhen zerrissen“ sei. Gott möge in der Ukraine „die Augen derer, die in die Irre gehen“ mit seinem Licht erleuchten und „die Feindschaft und die Unruhe“ in diesem Land beenden.

Wüsste man es nicht besser, könnte man angesichts dieser Worte denken, in der Ukraine sei ein Bürgerkrieg ausgebrochen. In seiner anschließenden Predigt sprach der Patriarch von „dunklen und feindlichen äußeren Kräften“, die „immer gegen die Einheit der Rus’ und der Russischen Kirche gekämpft“ hätten, und warnte davor, „dass zwischen Russland und der Ukraine eine schreckliche Grenze gezogen wird, welche mit dem Blut von Brüdern befleckt ist.“ Ausdrücklich rief der Patriarch dazu auf, das „gemeinsame historische Vaterland“ von Russen und Ukrainern gegen alle äußeren Feinde zu verteidigen und seine Einheit zu schützen.

Diese Interpretation des Geschehens zeigt sich auch in einem Gebet, das der Patriarch am 6. März während der Göttlichen Liturgie sprach und das allen russisch-orthodoxen Gemeinden zum Gebrauch anempfohlen wurde. In diesem Text wurde erneut das „eine Taufbecken“ von Russen, Weißrussen und Ukrainern beschworen. Die Bitte um „den Geist der brüderlichen Liebe und des Friedens“ verband der Patriarch mit dem Wunsch, Gott möge sich „den fremdsprachigen Stämmen widersetzen, welche Streit suchen und sich gegen das heilige Russland bewaffnen, und ihre Pläne zunichte machen“.

Nach dieser Sicht hat nicht etwa Russland die Ukraine angegriffen, sondern es sind feindliche, fremde Mächte, welche die historische, kulturelle, sprachliche und nicht zuletzt auch kirchliche Einheit von Russen, Weißrussen und Ukrainern bedrohen. Und Russland bemüht sich jetzt, diese Einheit zu verteidigen.

Diese Sicht der Dinge wiederholte und verschärfte der Patriarch am 10. März in seiner Antwort auf den Friedensappell des rumänisch-orthodoxen Generalsekretärs des Ökumenischen Rats der Kirchen. Demnach sei der Westen und die Präsenz der Nato an den Grenzen Russlands schuld an der jetzigen Konfrontation.

Der Westen habe nicht nur „die Ukraine mit Waffen und Ausbildungskräften zur Kriegsführung überflutet“, sondern auch versucht, die in der Ukraine lebenden Ukrainer und Russen „umzuerziehen“ und sie „zu Feinden Russlands zu machen“. Dasselbe Ziel habe auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios 2018 mit der Anerkennung der Schismatiker in der Ukraine verfolgt.

Russkij Mir und das Heilige Russland

Den ideologischen Hintergrund dieser Auffassung bildet Putins politisches Projekt der „Russischen Welt“ (Russkij Mir), das besonders der jetzige Patriarch um eine religiöse Dimension erweitert hat. Der Begriff der „Russischen Welt“ meint kein nationales, sondern ein transnationales Konzept einer sprachlichen, kulturellen und eben auch spirituellen russischen Identität, zu der neben der Russischen Föderation die Ukraine, Weißrussland, Moldawien und in gewisser Weise auch die meisten übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken gehören sowie letztlich alle Russen, wo immer auf der Welt sie leben.

Dieses Konzept der „Russischen Welt“ stellt einen Gegenentwurf zur westlichen Welt und deren Werten dar. So hat Kirill schon 2006 erklärt, die traditionellen Werte des Heiligen Russlands hätten Vorrang vor den westlichen Menschrechten und dem säkularen Konzept der Menschenwürde. Die ROK, die in den meisten postsowjetischen Staaten und der weltweiten Diaspora präsent ist, ist daher für Putin eine wichtige Säule seines Konzepts der „Russischen Welt“.

In Ergänzung zu dieser politischen Argumentation hat Patriarch Kirill aber am 6. März in seiner Predigt den Krieg gegen die Ukraine erstmals auch theologisch gerechtfertigt, und zwar als eine Reaktion auf den seit acht Jahren währenden Versuch, die Menschen im Donbass zu unterdrücken und ihnen westliche Werte aufzuzwingen. Im Donbass gebe es „eine grundsätzliche Ablehnung der sogenannten Werte, die heute von denen angeboten werden, welche die Weltmacht beanspruchen.“

Es gebe einen „Test der Loyalität gegenüber dieser Macht“, so der Patriarch weiter, nämlich die vom Westen erhobene Forderung, „eine Gay-Pride-Parade“ zu veranstalten. Obwohl Homosexualität Sünde sei, müssten Länder zur Aufnahme in die internationale Gemeinschaft solche Paraden abhalten. Es gehe darum, „den Menschen mit Gewalt die Sünde ... und also die Leugnung Gottes und seiner Wahrheit aufzuzwingen“, so der Patriarch. „Wir wissen, wie sich Menschen gegen diese Forderungen wehren und wie dieser Widerstand gewaltsam unterdrückt wird.“ Daher befinde man sich jetzt in einem Kampf, der „keine physische, sondern eine metaphysische Bedeutung“ habe.

Erste Priester verweigern die Gefolgschaft

Der russische Krieg gegen die Ukraine als „Kampf gegen die Sünde“? Mit dieser theologischen Rechtfertigung des russischen Angriffs hat der Moskauer Patriarch in der Tat deutlich gemacht, dass seine Vorstellung von christlichen Werten und deren Durchsetzung eine grundsätzlich andere ist als diejenige der großen Mehrheit der übrigen christlichen Kirchen. Mit seiner Rechtfertigung des Kriegs als einem Mittel zur Durchsetzung der sogenannten traditionellen Werte hat sich der Patriarch außerhalb des breiten christlichen Konsenses gestellt.

Dies wird nicht nur Folgen für die Ökumene haben, sondern es hat bereits jetzt Folgen für seine eigene Kirche, die dem Patriarchen in Teilen die Gefolgschaft aufkündigt. Schon in den ersten Kriegstagen hatten viele Priester der Eparchie Sumy im Nordosten der Ukraine mit Billigung eine Erklärung veröffentlicht, wonach sie ab sofort in der Göttlichen Liturgie nicht mehr den Moskauer Patriarchen, sondern nur noch Metropolit Onufrij von Kiew erwähnen würden. Onufrij, der ranghöchste Vertreter der ROK in der Ukraine, hatte selbst unmittelbar nach Kriegsbeginn Präsident Putin aufgefordert, den Bruderkrieg sofort zu beenden. Auch andere ukrainische Bischöfe, darunter auch der Metropolit von Lemberg, verzichten inzwischen in der Liturgie auf die Erwähnung des Patriarchen.

Dieser hat die ungehorsamen Kleriker umgehend als „Schismatiker“ bezeichnet und ihnen Strafen angedroht. Sollte die Ukraine als unabhängiger Staat erhalten bleiben, ist davon auszugehen, dass sich die meisten der bisher zum Moskauer Patriarchat gehörenden Gemeinden in der Ukraine von der ROK lösen werden und sich vielleicht mittelfristig mit der 2019 gegründeten selbständigen Orthodoxen Kirche der Ukraine vereinigen könnten.

Aber auch in Russland selbst regt sich im orthodoxen Klerus Widerstand gegen die De-Facto-Billigung des russischen Angriffs auf die Ukraine durch Patriarch Kirill. Mehrere Hundert orthodoxe Priester in Russland haben inzwischen einen Friedensappell unterzeichnet, der zu einem sofortigen Waffenstillstand und zur Versöhnung aufruft und unter Hinweis auf die von Gott dem Menschen geschenkte Freiheit das Recht des ukrainischen Volks zur eigenen und freien Wahl seines politischen Weges verteidigt.

Kritisiert wird auch die staatliche Unterdrückung des gewaltlosen Protests gegen den Krieg. Der Mut dieser Kleriker ist zu bewundern, denn man darf davon ausgehen, dass dieses öffentliche Bekenntnis gegen den Krieg sowohl von kirchlicher wie auch von staatlicher Seite Folgen nach sich ziehen wird.

Doch auch das Oberhaupt des Erzbistums der orthodoxen Gemeinden russischer Tradition in Westeuropa, Metropolit Jean Renneteau, hat sich am 9. März mit einem offenen Brief an den Patriarchen gewandt und diesen nicht nur gebeten, seine Stimme „gegen diesen ungeheuerlichen und sinnlosen Krieg“ zu erheben, sondern sich auch deutlich von Kirills Versuch distanziert, „diesen grausamen und mörderischen Angriffskrieg als ,metaphysischen Kampf‘ zu rechtfertigen“.

Weiter schrieb er: „Mit allem Respekt, den ich Ihnen schulde und von dem ich nicht abrücke, aber auch mit unendlichem Schmerz muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich einer solchen Lesart des Evangeliums nicht zustimmen kann“, so der in Paris residierende Erzbischof, der sich zusammen mit der Mehrheit seiner Gemeinden erst 2019 dem Moskauer Patriarchat unterstellt hatte. Die Einheit der Erzdiözese sei durch die Haltung des Patriarchen bedroht, da die Gläubigen erwarten würden, dass ihre Hirten „die Friedensbotschaft des Evangeliums weitertragen.“

In Amsterdam ist es inzwischen sogar zu einer Loslösung der dortigen russisch-orthodoxen Gemeinde von der ROK gekommen. Offenbar war der Klerus der Gemeinde vom zuständigen russischen Bischof in Den Haag zuvor massiv unter Druck gesetzt worden, sich nicht von Kirill zu distanzieren. Daraufhin hat die Leitung der Gemeinde um Aufnahme in die Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats gebeten. Auch andere russische orthodoxe Gemeinden sind inzwischen dazu übergegangen, nicht mehr Kirill, sondern den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios in der Liturgie zu kommemorieren.

Am 13. März, dem Sonntag der Orthodoxie, wurde darüber hinaus im Internet eine Erklärung orthodoxer Theologinnen und Theologen veröffentlicht, mit der die von der ROK unterstützte Ideologie der „Russischen Welt“ als ein „orthodoxer, ethno-phyletistischer religiöser Fundamentalismus von totalitärem Charakter“ und als eine „Häresie“ verurteilt wird, welche „die Kirche zerstöre und spalte“. Dieser Erklärung, die ähnlich wie die Barmer Theologische Erklärung von 1934 in sechs Thesen unterteilt ist, denen jeweils ein Bibelvers vorangestellt ist, haben sich inzwischen mehr als 500 orthodoxe Theologen angeschlossen, darunter auch sieben aus Russland selbst.

Der Versuch, mit militärischen Mitteln die Einheit der „Russischen Welt“ gewaltsam durchzusetzen und dies theologisch als Kampf gegen die Sünde zu rechtfertigen, hat bereits jetzt dazu geführt, dass die Einheit der ROK gefährdet ist. Ein weiteres kirchliches Schisma wird sich allenfalls durch staatliche Gewalt verhindern lassen.

Durch seine Äußerungen hat sich Patriarch Kirill in den Augen vieler Christen dauerhaft diskreditiert. Das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der ROK insgesamt wird davon abhängen, ob sich auf der Ebene der russischen Kirchenleitung in den nächsten Wochen auch andere Stimmen zu Wort melden werden.