Russische Orthodoxe Kirche

Die Kirche und der Kreml

Die Russische Orthodoxe Kirche hat sich politisch angepasst, aber manche Priester emanzipieren sich

von Roman Lunkin
Christ-Erlöser-Kirche, Moskau. Orthodoxe Kirche
Der größte russisch-orthodoxe Kirchenbau: Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau

Die Entwicklung der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) in den vergangenen 30 Jahren wird meistens mit Blick auf ihr Verhältnis zum Staat beurteilt. Die politische Rolle der Orthodoxie in der russländischen Gesellschaft wie generell im postsowjetischen Raum hängt in der Tat in vielerlei Hinsicht von der Regierungspolitik ab: ob und inwiefern sich der Dialog zwischen Staat und Kirche für beide Seiten als vorteilhaft erweist oder nicht. Was hingegen die „Wiedergeburt der Orthodoxie“ in den 1990er-Jahren betrifft, unterliegt man leicht einer Täuschung, wenn man den damaligen religiösen Boom, die politische Gestalt der Orthodoxie in der staatlichen Ideologie und die zahlreichen kirchlichen Neubauten als Stärkung des christlichen Glaubens betrachtet.

Von der gesellschaftlich-politischen Bedeutung der ROK war erstmals Ende der 1980er-Jahre unter Michail Gorbatschow die Rede. Vor dem Hintergrund von Perestroika und Glasnost revidierte die Sowjetmacht ihr Verhältnis zur Religion. Bahnbrechend mit Blick auf die Kirche wurde die Feier der tausendjährigen Taufe der Rus 1988. Die orthodoxen Hierarchen wurden gefragte Ansprechpartner für die Regierung, und zwar als selbständige Kraft und nicht wie zuvor als untergeordnete Struktur.

So nahmen orthodoxe Hierarchen im Obersten Sowjet der UdSSR Platz. Zu Symbolen der neuen Epoche in der Kirchengeschichte wurden die aktive missionarische Tätigkeit von Priestern wie Alexander Men (1935 – 1990) sowie die freie Wahl von Patriarch Alexij II. (Ridiger) nach dem Ableben von Patriarch Pimen (Isvekov) 1990.

Mit der Neuinterpretation der Revolution von 1917 und der Repressionen Stalins erwachte auch ein neues Interesse an der Kirchengeschichte: Publikationen über die Verfolgungen der Sowjetzeit, der Beginn des langen Kanonisierungsprozesses der Neumärtyrer, die in den Lagern umgekommen waren, halfen und helfen der Gesellschaft, das Erbe des Bolschewismus und des Stalinismus zu überwinden. Dabei interessierte sich die Gesellschaft insbesondere für die Religionsgemeinschaften, die in der sowjetischen Periode in den Untergrund getrieben worden waren.

Kirche: Unabhängig und verstrickt

Politisch gesehen verfügte die Kirche Anfang der 1990er-Jahre über die größtmögliche Unabhängigkeit in ihrer ganzen Geschichte. So waren die diplomatischen Dienste der ROK während des Putschs von 1991 und bei der Beschießung des Parlaments 1993 gefragt, als verschiedene Politiker auf die Ansprachen von Patriarch Alexij II. hörten.

Der Einfluss der ROK zeigte sich allerdings auch darin, dass 1992 auf persönliches Ersuchen von Patriarch Alexij II. die KGB-Archive nach nur wenigen Monaten Akteneinsicht wieder geschlossen wurden. Zuvor waren bei den Untersuchungen der „Kommission zur Untersuchung der Gründe und Umstände des Putsches“ vom August 1991, deren Mitglied u. a. der bekannte Menschenrechtler und Priester Gleb Jakunin (1934 – 2014) war, etliche Verbindungen zwischen kirchlichen Würdenträgern und dem KGB ans Licht gekommen. Teilweise wurden die Ergebnisse der Kommissionsarbeit in den Medien und in Jakunins Büchern über das Moskauer Patriarchat publiziert.

Am stärksten kam der neue politische Einfluss der ROK in den 1990er-Jahren in ihren Bemühungen um eine Anpassung der Religionsgesetzgebung zum Ausdruck. Noch 1990 war in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik ein neues Religionsgesetz verabschiedet worden, das allen Religionsgemeinschaften große Freiheiten gewährte und die Registrierung religiöser Vereinigungen vereinfachte. Die demokratische Intelligenzia, darunter Gleb Jakunin, setzte sich für den Erhalt dieses Gesetzes ein, doch dem Moskauer Patriarchat war eine Einschränkung der aus seiner Sicht unkontrollierten Missionierung „nicht traditioneller“ Vereinigungen wichtig.

Das Religionsgesetz von 1997

Das neue „Gesetz über Gewissensfreiheit und über religiöse Vereinigungen“ wurde 1997 angenommen. Der regste Lobbyist für die Interessen der Kirche in den 1990er-Jahren war Metropolit Kirill (Gundjajev) von Smolensk und Kaliningrad, der heutige Patriarch, der die Position des Patriarchats aktiv auf den höchsten Machtebenen vertrat und in den Debatten im Duma-Komitee für religiöse und gesellschaftliche Vereinigungen vorbrachte.

Das Religionsgesetz von 1997 wurde im Westen und von russischen Menschenrechtsaktivisten dafür kritisiert, dass es zwischen sogenannten traditionellen Religionen und „neuen Religionen“ unterscheidet. Das Gesetz anerkennt mehrere Religionen – „Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus und andere Religionen“ – als „integralen Bestandteil des historischen Erbes der Völker Russlands“, spricht aber der Orthodoxie eine besondere Rolle in der Geschichte Russlands zu. Der Begriff „traditionelle Religionen“ kommt im Gesetzestext zwar nicht vor, prägte jedoch dennoch den Diskurs.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in

Religion & Gesellschaft in Ost und West

Ausgabe 12/2021

Institut G2W: Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
32 Seiten
Zeitschrift (monatlich)
13 Euro
ISBN ISSN: 2253-2465
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Für die ROK wurde das Religionsgesetz jedoch zum goldenen Käfig, weil es sie in den Rahmen einer „traditionellen Religion“ presste, die zum Teil der neuen Staatsideologie wurde. Auf die anderen Religionen, insbesondere auf die anderen christlichen Konfessionen, hatte das Gesetz einen negativen psychologischen Einfluss, weil sie sich nun als Bürger zweiter Klasse fühlten.

Im Wesentlichen schränkten die gesetzlichen Normen die Tätigkeit der nicht orthodoxen Kirchen und Bewegungen bis Anfang der 2000er-Jahre theoretisch nicht ein. In der Praxis jedoch verfügten lokale Beamte Einschränkungen auf der Grundlage willkürlicher Einteilungen der religiösen Organisationen in „traditionelle“ und „nicht traditionelle“, indem sie letzteren keine Gebäude für Gottesdienste zur Verfügung stellten oder Antisekten-Kampagnen organisierten, und dies teilweise mit Interessen der ROK begründeten.

Erst Mitte der 2000er-Jahre wurden Maßnahmen gegen „Extremismus“ zu einer Priorität des Staates, und die diesbezüglichen Gesetze konnte die ROK teilweise zu ihrem Nutzen korrigieren (wie z. B. das Gesetz zur Regulierung missionarischer Tätigkeit von 2016.

Instrumentalisierung durch den Staat

Trotz der großen Bedeutung der Orthodoxie als Element des Patriotismus und der staatlichen Ideologie nahm der politische Einfluss der ROK seit Beginn der 2000er-Jahre unerbittlich ab. Mehrere bedeutende Ereignisse zeigen, dass der Staat die Kirche lediglich als Instrument benutzt oder benutzen will. So war 2007 Präsident Wladimir Putin der zentrale Akteur bei der Vereinigung des Moskauer Patriarchats mit der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland – als Symbol einer vereinten „weißen“ und „roten“ russischen Welt und der Kontinuität der russischen Geschichte.

2009 war für Präsident Dmitri Medwedew das Thema der Sozialpartnerschaft des Staats mit gesellschaftlichen Kräften von großer Bedeutung. Deshalb verkündete er bei einem Treffen mit den Vertretern der „traditionellen Religionen“ eine ganze Reihe von Initiativen: die Einführung von Militärgeistlichen, Religionsunterricht an den Schulen, das Fach Theologie an Hochschulen sowie ein Gesetz zur Übergabe von Vermögen religiöser Bestimmung an religiöse Organisationen.

Doch keine einzige dieser Initiativen wurde vollständig umgesetzt. Die ROK erhielt zwar in der Tat sehr viel kirchliches Eigentum zurück, doch dies rief auch zahlreiche Konflikte hervor, z. B. bei der Übergabe von musealen Einrichtungen, Bibliotheken und Kindergärten an die Kirche. Theologie wurde erst 2015 als wissenschaftliches Fach anerkannt. Das Unterrichtsfach „Grundlagen der Orthodoxie“ in den Schulen wählt im Schnitt nach wie vor nur ein Drittel der Schulpflichtigen in Russland. Die Militärgeistlichen werden in der Armee nicht wirklich gebraucht, deshalb gibt es von jeder Konfession nur Kuratoren für die Zusammenarbeit mit den Streitkräften.

Pussy Riot, Opposition, Ukraine: Was sagte die Kirche?

2012 wurden die Grenzen des politischen Einflusses der ROK besonders deutlich: Das war die Zeit der stürmischen Straßendemonstrationen in Russland für ehrliche Wahlen, nachdem Putins Kandidatur für eine dritte Amtszeit als Präsident publik geworden war. Ungeachtet der zahlreichen Anhänger der Opposition, auch unter den Gläubigen und Geistlichen, trat die Kirchenleitung in Person des Patriarchen aktiv gegen die demokratischen Kräfte auf. Nach dem Auftritt von Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kathedrale benutzte der Staat die Kirche mühelos dafür, um einen Großteil der Gesellschaft gegen die Opposition aufzubringen.

Wenn die Kirchenleitung geglaubt hatte, ihre Position gegenüber der Regierung und dem konservativen Teil der Gesellschaft auf diese Weise zu stärken, so erwies sich dies doch nach und nach als Illusion, vielmehr betrachtete die Regierung die Kirche seitdem endgültig als Instrument ihrer Politik. Die Teilnahme des Patriarchen an der öffentlichen Mobilisierung gegen die Demonstrationen hatte einen weiteren folgenschweren Nebeneffekt: Ein bedeutender Teil der Gesellschaft, vor allem der jungen Generation und bei weitem nicht nur oppositionell eingestellte Menschen, wandte sich von der ROK ab.

Dass die Kirchenleitung über keinen Einfluss auf die staatliche Politik verfügt, zeigte sich am deutlichsten bei der Ukraine-Krise 2014. Die russische Politik im Verhältnis zur Ukraine zerstörte oder entkräftete zumindest die Konzeptionen, von denen Patriarch Kirill ständig gesprochen hatte: die Doktrinen der russischen Zivilisation und der russischen Welt für den ganzen postsowjetischen Raum und die Russischsprachigen im Ausland.

Aufgrund der Politik des Kremls wurde die russische Welt nun vor allem mit „Aggression“ assoziiert, und der Patriarch sah sich gezwungen, von der Verwendung dieser Begriffe komplett abzusehen. Außerdem hat der Staat nicht einmal zur Kenntnis genommen, dass die Kirche die Krim nicht als russisch anerkannte und an den Propaganda-Kampagnen der Regierung gegen die Ukraine nicht teilnahm. Der Kreml und Putin persönlich sind mit einer solch bescheidenen unpolitischen Rolle der Kirche durchaus zufrieden.

Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass es der Kirche nicht gelingt, die Regierung im Bereich der christlichen Moral und Familienethik zu beeinflussen. So haben die mehrfachen Aufrufe des Patriarchen und anderer Priester zur Einschränkung von Abtreibungen und zum Verbot der Leihmutterschaft bisher keine Früchte getragen.

Aufleben der Kirche als zivilgesellschaftliche Institution

Beim Zerfall der Sowjetunion befand sich die Kirche in einem zerrütteten Zustand, der nicht nur die Gebäude der Kirchen und Klöster betraf. Auch das soziale und Gemeindeleben der Orthodoxie war weitgehend zerstört. Die Gemeinde als Ort der Begegnung aktiver Gemeindeglieder mit Sozialdiensten und kulturellen Projekten gab es in der orthodoxen Kirche 1991 praktisch nicht, also das, was den Einfluss der Kirche als zivilgesellschaftliche Institution ausmacht.

In der Sowjetzeit hatten nicht nur die Geistlichen, sondern auch die Laien das Gemeindeleben verlernt. Einzelne Bewegungen um beliebte Priester wie Dmitrij Dudko (1922 – 2004) oder Alexander Men bestätigten als Ausnahme bloß die Regel.

Außerdem erregte jede Art von gemeinsamer Aktivität, Sozialarbeit oder intellektuellen Gesprächskreisen im kirchlichen Umfeld großes Misstrauen. Noch Anfang der 2000er-Jahre sagten mir viele Priester und Bischöfe in Interviews, dass Sozialarbeit nichts für die Kirche sei: „Unsere Sache ist Frömmigkeit“, und alles andere sei eine Neigung zum Protestantismus. Vor diesem Hintergrund war die Bewegung um Priester Georgij Kotschetkov (*1950) und seine „Verklärungs-Bruderschaft“ (Preobraženskoe sodružestvo malych pravoslavnych bratstv, psmb.ru) eine einflussreiche Erscheinung.

Kotschetkov, auch Gründer und Rektor des Orthodox-Christlichen St. Philaret-Instituts, führte obligatorische Katechese, regelmäßige Gottesdienste und Kommunion für die Mitglieder der Gemeinschaft ein, hielt die Liturgie in russischer Sprache und versammelte seine geistige Herde zu gemeinsamen „Agape-Feiern“. Die Verwendung der russischen Sprache in der Liturgie galt bis in die 2010er-Jahre als unannehmbar und konnte öffentlich nicht diskutiert werden.

Ein Umbruch im kirchlichen Leben ereignete sich in den 2010er Jahren, nachdem Patriarch Kirill 2009 zum Oberhaupt der ROK gewählt worden war. Die Bürokratisierung der Kirche unter Kirill bremste teilweise die Wiedergeburt des Gemeindelebens.

Zu dessen Gedeihen trug auch nicht die viel zu große Abhängigkeit kirchlich-administrativer Reformen und Projekte von der Regierung bei. So hängen beispielsweise das Bauprojekt von 200 Kirchen in Moskau und bescheidenere Projekte in den Hauptstädten der Regionen vollkommen von der Regierung und Sponsoren ab, können aber auch ohne Vorhandensein einer realen orthodoxen Gemeinde in diesem oder jenem Bezirk verwirklicht werden.

Dennoch kam es zu einem Neuaufbruch im Gemeindeleben, was sich an einer ganzen Reihe von Elementen ablesen lässt, die in den 1990er-Jahren noch schwer vorstellbar gewesen waren: Erstens eine zunehmende Integration des Sozialdienstes als untrennbarer Bestandteil christlichen Lebens, was die monolithische Gestalt der ROK in der Gesellschaft und die Beziehungen innerhalb der Gemeinden nach und nach zu verändern begann. Ein gewaltiges Verdienst in der Entwicklung der sozialen und Freiwilligenbewegung in der Kirche kommt Bischof Panteleimon (Schatov) zu, dem Leiter der Abteilung für kirchliche Wohltätigkeit und Sozialdienst der ROK, der den orthodoxen Sozialdienst Miloserdie („Barmherzigkeit“) gründete und die Freiwilligenarbeit in den Eparchien förderte.

Patriarch Kirill sprach in den Jahren 2009 – 2011 selbst mehrmals davon, dass Gläubige auch aktive Staatsbürger sein sollten, und befürwortete die Organisation von Katechese-Gruppen sowie die Einstellung von Sozialarbeitern und Jugendmissionaren in den Gemeinden. Obwohl die Schaffung all dessen nicht automatisch von oben gelang, so wissen heute doch alle Bischöfe und Priester in den verschiedenen Regionen Russlands, dass sie solche Projekte vorantreiben sollen.

Moderne Geistliche emanzipieren sich von der ROK-Führung

Zweitens formierte sich ein „evangelischer“ Typ der Orthodoxie, für den verschiedenste Missionsformen, kulturelle und Bildungsprojekte, Gottesdienste in russischer Sprache möglich sind. Eine neue Generation von Geistlichen wendet seit den 2010er-Jahren missionarische Methoden an, die man in den 1990er-Jahren nur von den Baptisten und Pfingstgemeinden kannte: kirchliche Sport- und Musikgruppen, christliche Rockmusik, Rap und Videoblogs.

Dass die ganze Liturgie in russischer Sprache gefeiert wird, ist noch immer ungewöhnlich, doch fast überall werden russische Gebetsbücher verkauft, einzelne Gebete in der Liturgie und die apostolischen Lesungen werden auf Russisch gelesen. Die Predigt wurde ein wenig informeller und zu einem wichtigen Teil des Gottesdienstes, während sie in den 1990er-Jahren noch schlicht eine Nacherzählung von Heiligenviten war.

Drittens hat eine bürgerliche Emanzipation der Geistlichen stattgefunden: Dank der Entwicklung der Gemeinde und der Mission, die für den Vorsteher einer Gemeinde eine eigene soziale Basis bilden, sind diese nicht mehr ausschließlich von ihrem Vorgesetzten abhängig. Sozialökonomische und politische Fragen sind für die Geistlichen wichtig geworden.

Beispielsweise hat eine ganze Reihe von Priestern die Erhöhung des Pensionsalters in Russland kritisiert, 2019 unterstützten Priester die angeklagten Demonstranten nach den Protesten bei den Wahlen in die Moskauer Stadtduma, 2020 wandten sich Priester und Laien nach den Protesten gegen Lukaschenka mit einem offenen Brief an die Christen und alle Verfolgten in Belarus. 2021 setzte sich eine Reihe von Priestern in den sozialen Netzwerken offen für Alexei Nawalny ein, einige nahmen an Mahnwachen teil.

In den sozialen Netzwerken sind mehrere dutzend Telegram-Kanäle, Videoblogs, Facebook- Seiten entstanden, in denen Priester offen politische Fragen und die Handlungen der Kirchenleitung erörtern und letztere manchmal auch kritisieren. Manche Priester wechseln auch in säkulare Berufe – einige von ihnen nennt man „Coach-Geistliche“, weil viele von ihnen nun als Psychologen oder Coachs arbeiten. Neben Konflikten mit den Bischöfen aufgrund politischen Engagements sind auch Burnouts Beweggründe für den Berufswechsel.

Priester interpretieren die Rolle der Kirche neu

Es ist inzwischen schwer vorstellbar, dass man wie in den 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre nur drei Namen von Priestern nennen kann, die in Opposition zur Kirchenleitung stehen. Das waren Gleb Jakunin, Pavel Adelhejm (1938 – 2013) aus Pskov und Georgij Edelschtejn (*1932) aus Kostroma. Damals fürchtete sich die erdrückende Mehrheit der Geistlichen noch davor, irgendetwas ohne den Segen des Bischofs zu sagen.

Symbolische Figuren für die Neuinterpretation der Rolle und des Orts der Kirche in der Gesellschaft sind öffentlich auftretende Priester. Georgij Kotschetkovs Verklärungsbewegung ist im ganzen Land verbreitet, vertritt antisowjetische Positionen, ruft zur Buße für den Bolschewismus und zur Reorganisation des Gemeindelebens auf. Der St. Petersburger Priester und Historiker Georgij Mitrofanov regt in seinen Büchern zur vertieften Erforschung der Kirchengeschichte und der Kompromisse der ROK mit der Sowjetmacht und der Bedeutung der Neumärtyrer an, von denen die Mehrheit seiner Meinung nach nicht aufgrund ihres Glaubens, sondern einfach als Vertreter des zaristischen Russlands getötet wurden.

Hegumen Pjotr Meschtscherinov, Musikwissenschaftler und Übersetzer deutscher protestantischer Theologen, erörtert in seinen Artikeln die Überwindung des Formalismus der orthodoxen Frömmigkeit. Der Moskauer Priester Alexij Uminskij, der unter Intellektuellen sehr beliebt ist, entwickelt eine Theologie der Gemeinde und des Diensts an der Zivilgesellschaft. Zudem rief er zur Barmherzigkeit gegenüber Gefangenen einschließlich Alexei Navalnys auf.

Endlich: Selbstkritik aus dem kirchlichen Umfeld

Beispielhaft sind auch die Erörterungen des Kirchenhistorikers und Priesters Ilja Solovjov, dem willkürlich die Gemeinde entzogen wurde, und der nun gezwungen ist, als Taxifahrer zu arbeiten. Solovjov brachte in den sozialen Netzwerken ein Thema zur Sprache, das heftige Reaktionen hervorrief und in der Kirche eher gefürchtet wird: die „religiöse Wiedergeburt“ der 1990er-Jahre.

Solovjov fragte sich rückblickend: Was genau wurde damals wiedergeboren? Und kam zum Schluss: nicht gerade viel. 30 Jahre später ist vielen Priestern klar, dass die Kirchenthematik der postsowjetischen Gesellschaft fremd ist und eine bloß rituelle Ausübung der Religion langsam, aber sicher in der Vergangenheit verschwindet. Die Äußerungen Solovjovs zeigen, dass das kirchliche Umfeld sich allmählich auch in Selbstkritik übt.

Das gezeichnete Bild weist natürlich Ungenauigkeiten auf, doch spiegelt es die grundlegenden Tendenzen der Orthodoxie von den 1990er-Jahren bis heute wider. Die politische Rolle der ROK in Russland sticht einem zwar ständig ins Auge, etwa in der Form der neuen Hauptkathedrale der Streitkräfte unweit von Moskau. Doch lässt sie sich auch als Krise des orthodoxen Staatspatriotismus deuten, weil sie im Umfeld der Geistlichen und Laien, die mit einem solchen Triumph des Militarismus und den roten Sternen im Dekor der Kathedrale nicht zufrieden sind, zu großer Kritik geführt hat.

Das Gemeindeleben in der Kirche wächst, ist aber keine Massenbewegung und besteht nach wie vor nur aus drei bis fünf Prozent derjenigen, die sich als Orthodoxe bezeichnen. Doch vor dem Hintergrund der insgesamt schwachen zivilgesellschaftlichen Institutionen in Russland sind die Gemeinden in den Regionen durchaus bemerkbar.

Von den angedeuteten Tendenzen zeugt in Umfragen auch die Abnahme der Anzahl derjenigen, die sich selbst als „orthodox“ bezeichnen (2021 noch 66 Prozent im Gegensatz zu 75 Prozent 2017), im Gegensatz zu einem kleinen Wachstum an regelmäßigen Kirchenbesuchern. Die Umfragen zeigen, dass sich Russland Schritt für Schritt dem mitteleuropäischen Niveau von Religiosität wie z. B. in Deutschland anpasst.

Im Vergleich zu den 1990er-Jahren ist die ROK in den Bereichen des Sozialdiensts, der Mission, im Umgang mit den konkreten Bedürfnissen und Problemen der Menschen offener und vielseitiger geworden. Die Abnahme der politischen Rolle der Kirchenleitung und der Kirche als offizieller Institution ist gleichzeitig mit einem wellenförmigen und steten Wachstum des zivilgesellschaftlichen Einflusses der Kirche in Person der Geistlichen und Laien verknüpft. Das kann man nach einem Jahrzehnt der Stagnation im Umfeld einer äußerst säkularen postsowjetischen Gesellschaft als großen Erfolg verzeichnen.

Der Politologe Roman Lunkin ist Stellvertretender Direktor des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Moskau.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen