Russische Orthodoxe Kirche

Kirche, Krieg und KGB

Das Moskauer Patriarchat rechtfertigt den Angriffskrieg in der Ukraine und dient Staat und Armee

von Regula Zwahlen
Kirill, Orthodoxe Kirche und die Armee
Kirill und die Offiziere: Der Patriarch am 8. Mai 2022 zur Feier des Kriegsendes in der vor zwei Jahren eingeweihten Hauptkirche der Streitkräfte Russlands in Kubinka, westlich von Moskau

„Militärische Spezialoperation und Frieden“ – wie ein Lauffeuer verbreitete sich der angepasste Titel von Leo Tolstois weltberühmtem Roman, nachdem in Russland am 4. März die Verwendung des Wortes „Krieg“ in Bezug auf die russische Invasion in der Ukraine verboten worden war. Tolstoi war bekanntlich einer der schärfsten Kirchenkritiker seiner Zeit und wurde 1901 aus der orthodoxen Staatskirche ausgeschlossen.

Wenn Patriarch Kirill (Gundjajev) heute in der neuen Armeekathedrale in Moskau das „friedliebende russische Volk“ und alle Verteidiger des Vaterlands zum notwendigen Kampf gegen die antichristlichen Provokationen auf ukrainischem Boden aufruft, während die Bilder unfassbarer Gräueltaten russischer Soldaten an der ukrainischen Zivilbevölkerung um die Welt gehen, wird Tolstois Kritik an der Kirche als Dienerin des Staats auf grelle Weise erneut aktuell: „Warum lebt ihr Christen nicht gemäß den Geboten Christi?“

Seit dem 24. Februar 2022 führt Russland einen grausamen Angriffskrieg gegen die Ukraine, und der Patriarch legitimiert ihn als Kampf gegen „die bösen Kräfte, die immer gegen die Einheit der Rus und die Russische Kirche gekämpft haben“. Diese Rhetorik ist nicht gänzlich neu. Das Moskauer Patriarchat kultiviert seit Beginn seiner „Wiedergeburt“ 1988 einen national-konservativen und apokalyptischen Diskurs, laut dem die Orthodoxie und die russische Armee gemeinsam den Antichristen aufhalten – wenigstens auf dem Gebiet der „Heiligen Rus“.

UdSSR: Kirche, Armee, Friedenspropaganda

Nach der Revolution von 1917, der Trennung von Kirche und Staat und Jahren beispielloser Verfolgung in der Sowjetunion machte Stalin der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) im Krieg gegen Nazi-Deutschland einige Zugeständnisse, da sie zum Widerstand aufgerufen hatte. Der bisherige Patriarchatsverweser Sergius (Stragorodski) wurde 1943 als Patriarch eingesetzt und gewisse Elemente kirchlichen Lebens waren wieder erlaubt.

1946 wurde die „Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen“ gegründet, zu deren zentralen Aufgaben die Schaffung eines positiven Images der ROK im Ausland gehörte. Hauptinstrument dafür war zunächst die Friedens- und Abrüstungspropaganda. Bereits 1949 nahm die ROK an der ersten Konferenz des Weltfriedensrats teil und prangerte die nukleare Aufrüstung der USA an.

1961 trat die ROK sowohl der Prager „Christlichen Friedenskonferenz“ als auch dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) bei, wo sie militärische Angriffe der USA scharf kritisierte und diejenigen der UdSSR verschwieg. In den 1970er- und 1980er-Jahren lancierte sie unzählige Konferenzen und Stellungnahmen zur nuklearen Abrüstung.

Als Michail Gorbatschow 1988 die Tausendjahrfeier der Christianisierung der Rus erlaubte, forderte er von der ROK, allen Gläubigen auf dem Planeten die „friedliebenden Bestrebungen des sowjetischen Volks“ zu zeigen, um den Menschen die Angst vor einem Atomkrieg zu nehmen.

Kirche und KGB

Mit der Wahl des neuen Patriarchen Alexius II. (Ridiger) 1990 begann für die ROK eine neue Ära der Freiheit. Für die personelle Ausstattung des Moskauer Patriarchats hatte die Zeitenwende jedoch kaum Konsequenzen. Zwar hatte die „Kommission zur Untersuchung der Gründe und Umstände des Putsches“ vom August 1991 einige Monate lang Akteneinsicht in die KGB-Archive und deckte dabei Verbindungen zwischen kirchlichen Hierarchen und dem KGB auf.

Auf Ersuchen des Patriarchen wurden diese Archive jedoch bereits 1992 wieder geschlossen, um das Wiederaufleben des kirchlichen Lebens nicht unnötig zu belasten. Aus der Kommissionsarbeit resultierende Empfehlungen – z. B. ein gesetzliches Verbot der geheimen Zusammenarbeit von kirchlichen Verantwortungsträgern mit Staatsorganen – blieben unbeachtet.

Der heutige Patriarch, Metropolit Kirill, war von 1989 an Leiter der Synodalabteilung für Außenbeziehungen. Zwar wies er Anfang der 1990er-Jahre selbst auf die Zusammenarbeit der Kirche mit dem KGB hin, doch hielt er dies für „moralisch irrelevant“, da der kirchliche Dienst in der UdSSR anders nicht möglich gewesen sei.

Priester Gleb Jakunin (1934 – 2014), der in den KGB-Archiven geforscht hatte, kommentierte dies mit dem Hinweis, dass die heutige Zusammenarbeit Kirills mit dem Staat aus freien Stücken geschehe und auf dessen Erfahrungen zu Sowjetzeiten beruhe. Eines der ersten Projekte des Moskauer Patriarchats nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war eine neu etablierte Zusammenarbeit der Kirche mit der russischen Armee.

Kirche, Armee und „nukleare Orthodoxie“

Patriarch Alexius II. und Metropolit Kirill gehörten zu den führenden Hierarchen, welche die ROK Anfang der 1990er-Jahre als gesellschaftliche Kraft positionierten, die Glaube, Patriotismus, eine enge Beziehung der Kirche zum Staat und damit auch zur Armee ideell miteinander vereinen sollte. Alexius feierte bereits 1989 eine Zeremonie zur Rückführung der Reliquien des Heiligen Alexander Newski, dem Bezwinger des Deutschen Ordens im 13. Jahrhundert, in die Kazaner Kathedrale von St. Petersburg. Dort platzierte er die Reliquien in der Nähe der Grabstätte von General Michail Kutuzov, dem Sieger über Napoleon.

Unter Alexius‘ Leitung wurden auch die administrativen Strukturen des Moskauer Patriarchats ausgebaut. Dazu zählt auch die 1995 gegründete „Synodalabteilung der Zusammenarbeit mit den Streitkräften und den Rechtsverfolgungsorganen“. Am Aufbau dieser Abteilung war wiederum Metropolit Kirill wesentlich beteiligt: Der gegenwärtige Chef der Abteilung, Boris Lukitschev, bezeichnet ihn als „Initiator und Organisator“ der Kooperation zwischen der Kirche und den Streitkräften.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in:

Religion & Gesellschaft in Ost und West
"Erbschaften: 30 Jahre nach dem Zerfall Jugoslawiens"
Ausgabe 4-5/2022

Institut G2W. Ökumenisches Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West
32 Seiten
Zeitschrift
13 Euro
ISBN ISSN 2235-2465
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Kirills Teilnahme an den erweiterten Sitzungen des Kollegiums des Verteidigungsministeriums wurde von 1993 an zur gewohnten Praxis. Die Hauptaufgabe der ROK sah er in der „pastoralen Seelsorge und geistlichen Bildung der Armeedienstleistenden und ihrer Familienmitglieder“. Gleichzeitig äußerte sich Kirill immer wieder in der Öffentlichkeit zu dem Thema und betonte die Tradition der ROK, den „Geist der russländischen Streitkräfte zu stärken“ und die Soldaten zur Erfüllung ihrer heiligen Kriegspflicht zu inspirieren: der Verteidigung des Vaterlands.

Hierzu zitierte er mit Vorliebe den Vers aus Joh 15,13: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Dieser Grundsatz, in dem Christi Erlösungswerk mit dem heroischen Soldatentod im Krieg für das Vaterland gleichgestellt wird, findet sich auch im Kapitel „Krieg und Frieden“ der „Grundlagen der Sozialdoktrin der ROK“ aus dem Jahr 2000 wie auch im Dokument zur Menschenwürde von 2008. Darin wurde betont, dass die Menschenrechte der Liebe zum Vaterland und zum Nächsten nicht widersprechen dürften (III.4). Den Bibelvers zitierte jüngst auch Präsident Wladimir Putin bei seinem Auftritt am 18. März 2022 zur Feier der Krim-Annexion vor acht Jahren.

Die zunächst schleppende institutionelle Einführung der Militärgeistlichkeit wurde erst 2009 mit Putins Unterstützung intensiviert. Ende 2013 publizierte der Hl. Synod der ROK das Statut zur Militärgeistlichkeit der ROK zwecks Wiederbelebung der „geistlichen Kräfte des Militärdienstes“.

Mittlerweile sorgt die ROK in den verschiedenen Armeeeinheiten für Kirchen, Gebetsräume und die pastorale Betreuung der Armeeangehörigen durch Priester, welche die „Disziplin und das moralisch-psychologische Klima in den Kollektiven“ positiv beeinflussen sollen. Zudem organisiert sie Kurse für Militärgeistliche, in denen sowohl die Kommunikation mit den Soldaten als auch den Umgang mit Waffen geübt wird.

Allerdings ist die Synodalabteilung mit der Zahl der Militärgeistlichen in der Armee bei weitem noch nicht zufrieden – das zeigt die Kernaussage eines Videos der Synodalabteilung mit dem Titel „Wird die Spezialoperation zum Heiligen Krieg?“ vom 17. April 2022: Im Kampf gegen „jenseitige infernale Kräfte“ auf ukrainischem Territorium bräuchten die russischen Soldaten unbedingt mehr geistliche Unterstützung.

Explizit nicht zu den Aufgaben der Militärgeistlichen gehört laut Luchitschev, die berüchtigte Dedowschtschina („Herrschaft der Alten“) direkt zu bekämpfen. So werden die massiven Menschenrechtsverletzungen in der russischen Armee bezeichnet, bei der ältere Soldaten oder Offiziere jüngere Wehrpflichtige bis hin zu schwersten körperlichen und seelischen Misshandlungen quälen. Vielmehr soll sich der Priester um das Recht auf Glaubensausübung, Predigt- und Beichtmöglichkeiten und die Arbeit mit den Offizieren als moralische Vorbilder kümmern.

Kirche und Atombombe

Die Kirche positioniert sich auch schon lange nicht mehr als Befürworterin nuklearer Abrüstung. Im Gegenteil forcierte sie in den 1990er-Jahren den Erhalt des Nukleararsenals als Garantie für die Souveränität und Aufrechterhaltung des weltweiten Einflusses Russlands. Zahlreiche Teilnehmer der von Patriarch Alexius II. und Metropolit Kirill 1996 organisierten Konferenz über „Atomwaffen und russische nationale Sicherheit“ betrachteten Abrüstungsbemühungen, ökologischen Aktivismus und die „Ausschlachtung“ der Tschernobyl-Tragödie als westliche Strategien zur Diskreditierung Russlands.

Um die Stadt Sarow, der Wirkungsstätte des Heiligen Seraphim und zu Sowjetzeiten „Geburtsstätte“ der ersten sowjetischen Atombombe, rankte die ROK den Mythos des vom Heiligen geförderten Aufbaus eines „Schutzschilds des Mutterlands“. Das inoffizielle Konzept der „nuklearen Orthodoxie“ besagt, dass Russland eine große Atommacht sein muss, um seinen orthodoxen Charakter zu bewahren.

In der Tat spielen in Putins sicherheitspolitischer Rhetorik sowohl die ROK als auch der „Atomschild“ eine zentrale Rolle, wie er bereits 2007 ausführte: „Beide Themen sind eng miteinander verbunden, weil die traditionelle Konfession der Russischen Föderation und der Atomschild Russlands die notwendigen Voraussetzungen für die Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit des Landes sind.“

Religion des Sieges

Die Website der kirchlichen Synodalabteilung für die Zusammenarbeit mit der Armee lautet pobeda.ru. „Pobeda“ heißt „Sieg“ und ist das Hauptmotto der jährlichen Feiern anlässlich des Sieges der UdSSR und ihrer Verbündeten über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Der von Leonid Breschnew 1965 eingeführte Feiertag am 9. Mai wurde bereits 2005 zum 60. Jubiläum wieder im großen Stil gefeiert. Damals betonte unter anderem eine vom Verteidigungsministerium und der ROK organisierte Konferenz über die zentrale Rolle der ROK im Krieg das Bild der Kirche als Hauptbewahrerin russischer Kultur.

Im Gegenzug prägte der gegenüber dieser Entwicklung kritische Erzpriester Georgi Mitrofanow, Dozent an der St. Petersburger Geistlichen Akademie, den noch immer geläufigen Begriff der „pobedobesie“ – für einen infantilen „Siegestaumel“, der den Krieg nicht mehr als Sünde betrachte.

Das 70. Siegesjubiläum von 2015 wurde noch pompöser gestaltet. Damals fiel ein Tabubruch auf, als neben dem Motto „Nie wieder [Krieg]!“ auf Moskauer Autos der Slogan „Wenn es sein muss, noch einmal!“ (russ. Если надо, повторим) auftauchte. So entwickelte sich der Sieg Stalins allmählich zu einer zivilen Religion des Sieges.

Auch Patriarch Kirill hat diesen rückwärtsgewandten Siegesdiskurs wesentlich geprägt: Bereits am 10. August 1987 hatte er in seiner damaligen Smolensker Eparchie große Feierlichkeiten zur 175-Jahrfeier des Siegs Russlands im Vaterländischen Krieg gegen Napoleon 1812 organisiert. Diesem Sieg ist auch die zentrale, von Stalin 1931 gesprengte Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau gewidmet, deren Wiederaufbau in den 1990er-Jahren von großer Symbolkraft war.

Zur gegenwärtigen kirchlichen Erinnerungskultur gehören auch die heiliggesprochenen Neumärtyrer, die Opfer der Sowjetzeit. Das Dilemma, den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ zu glorifizieren, ohne Stalin offen zu rehabilitieren, löste die Kirchenleitung, indem ihr zufolge der Sieg nicht dank, sondern trotz Stalin errungen wurde: Es war ein Gotteswunder, das nach Stalins Rehabilitierung der Kirche 1943 die entscheidende Wende gebracht habe.

Beispielhaft für diese Erinnerungskultur ist die Gedenkstätte Butovskij-Polygon bei Moskau, ein Erschießungsplatz, an dem der Opfer des Stalinismus gedacht wird. Die Verurteilung der Täter wird dabei getrost dem Gericht Gottes überlassen, um das Narrativ von der historischen Kontinuität des friedliebenden russischen Volks nicht zu stören.

Nach der russischen Krim-Annexion 2014 ließ sich eine Zunahme bildhafter militaristischer Aussagen und die Entwicklung einer offenen „Kriegstheologie“ unter Geistlichen beobachten. Laut Boris Knorre kommen dabei apokalyptische Gegensätze zwischen der „Heiligen Rus“ als „Katechon“ und den finsteren Mächten der „Euroatlantisten“ zur Anwendung.

Doch bereits in einem programmatischen Artikel von 2004 über das komplexe Verhältnis der ROK zum Krieg hatte Wladimir Legojda, heute Vorsitzender der Synodalabteilung für die Beziehungen zu Gesellschaft und Massenmedien sowie Pressechef des Patriarchen, erklärt, dass ein Krieg in der orthodoxen Ideologie (sic!) nicht wie in der liberalen humanistischen Theorie (oder bei Tolstoi) um jeden Preis vermieden werden sollte, denn ein „Weltfrieden“, dem es einzig und allein um den physischen Erhalt der Menschheit gehe, sei „eine Voraussetzung für den Antichristen und nicht Teil des Reichs Gottes“. Frieden ist also nur unter Menschen erstrebenswert, die sich an Gottes moralische Ordnungen halten, alle anderen sind zu bekämpfende Feinde.

Diese Rhetorik findet sich auch in Kirills jüngsten Predigten, wenn er davon spricht, dass die russische Orthodoxie das „Katechon“ sei (2.Thess 2,6), das die Ankunft des Antichristen aufhalte. Auch der gegenwärtige Leiter der Synodalabteilung für Außenbeziehungen, Hilarion (Alfejev), sieht sein Amt nicht mehr nur als „kirchliches Außenministerium“, sondern auch als „eine Art Verteidigungsministerium, weil wir die heiligen Grenzen unserer Kirche verteidigen müssen.“

Kanonisches Territorium und Heilige Rus

Eine der größten Herausforderungen nach dem Zerfall der Sowjetunion war die Auflösung der sowjetischen Armee. Am 17. Januar 1992 fand im Kreml eine Aussprache statt, an der ca. 5 000 Vertreter der Offiziersversammlungen, der russische Präsident Boris Jelzin, der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew sowie der damalige Vorsitzende der Synodalabteilung für Auslandsbeziehungen der ROK, Metropolit Kirill, teilnahmen. Letzterer präsentierte die ROK erfolgreich als Institution mit integrativer Wirkung. Er sprach von der jahrhundertealten Kooperationsgeschichte von Kirche und Armee und von der historisch gewachsenen Gemeinsamkeit, „zumindest für die Slawen, die im einen Taufbecken von Kiew getauft wurden“, vom Kummer über die Ausbeutung dieser Gemeinsamkeit durch eine totalitäre Ideologie „ohne Gefühl für nationale, kulturelle und religiöse Prinzipien“, von der deshalb verständlichen Entwicklung nationaler Bewegungen, und von der Wichtigkeit, dass „sich die freie nationale Entwicklung souveräner Staaten in harmonischer Verbindung mit der jahrhundertealten historischen Gemeinsamkeit ihrer Völker verbindet“.

Den dafür notwendigen moralischen und geistigen Zusammenhalt könne die ROK bieten, um einen Krieg zwischen zwei unabhängigen postsowjetischen Nationalstaaten zu verhindern. Deshalb warb Kirill für eine „freiwillige Selbsteinschränkung der souveränen Staaten“.

Zudem sorgt sich die ROK damals wie heute um das Schicksal der ethnischen Russen in den neuen postsowjetischen Nachfolgestaaten; die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt zu lenken, bezeichnete die ROK im Dokument „Über die Beziehungen der Kirche zu Staat und säkularer Gesellschaft auf dem kanonischen Territorium des Moskauer Patriarchats“ von 1994 als wichtigste Aktivität ihrer öffentlichen Mission. Auch in der „Sozialdoktrin“ von 2000 ist „der orthodoxe Christ aufgerufen, sein Vaterland im Sinne eines bestimmten Territoriums [und] desgleichen seine über die Welt verstreuten Blutsbrüder“ zu lieben und gegen den Feind zu verteidigen (II.3).

Das Konzept des „kanonischen Territoriums“ entwickelte die ROK vor diesem Hintergrund, also mit dem Ziel, die geistige Gemeinsamkeit der Völker des einstigen russländischen Imperiums und der Sowjetunion zu erhalten. Es tauchte im Jahr 2000 auch in den Änderungen des Kirchenstatuts auf und definiert das Gebiet der Jurisdiktion der ROK. Aktuell umfasst es außer Russland vor allem die Ukraine, Belarus, die Republik Moldau – und erst ab hier in alphabetischer Reihenfolge (kyrillisch): Aserbaidschan, Kasachstan, China, Kirgistan, Lettland, Litauen, Mongolei, Tadschikistan, Turkmenistan, Estland, Japan und freiwillige Mitglieder in anderen Ländern.

Die geographische Definition der russischen „multinationalen autokephalen“ Kirche stützt sich auf die Interpretation des Begriffs ethnos im orthodoxen Kirchenrecht als „Provinz“, weshalb eine Veränderung der Staatsgrenzen nicht zu einer Teilung der Kirche führen soll. So hat laut Metropolit Hilarion „nach dem Zerfall der UdSSR das Moskauer Patriarchat seine territoriale Integrität bewahrt, obwohl auf seinem kanonischen Territorium (insbesondere in der Ukraine) auch eine Reihe schismatischer Strukturen entstanden ist.“ Diese „geographische“ Interpretationsweise ist jedoch im orthodoxen Kirchenrecht umstritten und gehört zu den ungelösten Fragen auf panorthodoxer Ebene.

Während das kanonische Territorium der ROK weitgehend dem später entwickelten ideologischen Konzept der „Russischen Welt“ entspricht, so umfasst das „Kernland“ der ROK zweifellos die orthodoxe „Heilige Rus“, bestehend aus Russland, der Ukraine, Belarus und der Republik Moldau. Der im 19. Jahrhundert entwickelte Begriff dient scheinbar der Kritik der postsowjetischen ethnischen Nationalismen, de facto bezweifelt er mit dem Verweis auf das „gemeinsame Taufbecken“ das Recht der Ukraine, von Belarus und der Republik Moldau auf unabhängige Staatlichkeit.

Neben einer außenpolitischen Stoßrichtung kann er aber auch gegen vermeintliche innere Fehlentwicklungen gerichtet sein. So kritisierte Patriarch Kirill 2013, dass sogenannte Minderheiten staatliche Gesetze durchsetzen, die sündhaftes Verhalten legitimieren: „Das ist ein sehr gefährliches apokalyptisches Symptom, und wir sollten alles dafür tun, dass die Sünde im Raum der Heiligen Rus niemals durch ein staatliches Gesetz bestätigt wird, weil das bedeutet, dass das Volk den Weg der Selbstzerstörung gewählt hat.“

Diesen „sündhaften Weg der Selbstzerstörung“ hat aus Kirills Sicht die Ukraine 2014 mit ihrer Neuausrichtung nach Westeuropa und der Abkehr von den „traditionellen Werten der russländischen Zivilisation“ sowohl in außenpolitischer als auch in innenpolitischer Hinsicht gewählt. Deshalb war die Gründung der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) 2018 und deren Anerkennung durch das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel für die Moskauer Kirchenleitung ein Supergau. Auch der russische Sicherheitsrat stufte die Gründung der OKU als Gefahr für die nationale Sicherheit ein, und der russische Außenminister Sergei Lawrow sprach von einer Manipulation des Ökumenischen Patriarchats durch die USA.

In seinem Bestreben, den „Antichristen“ in der Heiligen Rus aufzuhalten, hat das Moskauer Patriarchat in den vergangenen 30 Jahren neben viel Aufbauarbeit in der Tat vieles aufgehalten: eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte, die Überwindung imperialen Denkens und vor allem die Wiedergeburt der ROK als vom Staat unabhängige und friedensstiftende Kirche als Teil der russländischen Zivilgesellschaft.