Russische Flieger

Helden oder Verräter?

Warum zwei in Berlin abgestürzte Flieger in Russland nun doch noch gefeiert werden

JAK 28 Finowfurt Ralf Roletschek
Eine JAK 28 und ein Gedenkstein: Auch das Luftwaffenmuseum Finowfurt gedenkt der beiden abgestürzten Flieger.

Eine berühmteste Legende ist die von den 28 Panfilow-Infanteristen. Laut sowjetischer Propaganda soll die kleine Einheit im November 1941 hundert Kilometer westlich von Moskau den Vormarsch der Wehrmacht aufgehalten haben – bewaffnet nur mit Handgranaten und Molotowcocktails. Nur einer überlebte, schwerstverletzt, er erzählte die Geschichte in seinen letzten Atemzügen und starb. Welch Drama! Großes Theater.

Aber eine Fiktion, die als solche zu bezeichnen jedoch bei Strafe verboten ist. In der regierungsamtlichen Zeitung Rossijskaja Gaseta sprach der russische Kulturminister Wladimir Medinski 2018 bezüglich der Panfilow-Helden von einer „legendären Geschichte“, die „eine wahre Geschichte geworden ist“.

Wie hatte Wladmir Putin gesagt: „Wir müssen alles tun, damit die heutigen Kinder und überhaupt alle unsere Bürger stolz darauf sind, dass sie Nachfolger … von Siegern sind. Damit sie die Helden ihres Lands und ihrer Familie kennen, damit sie verstehen, dass das ein Teil unseres Lebens ist.“ Und deshalb versprach wiederum Medinski, wer „diese Heldentaten infrage stellt, wird in der Hölle brennen“. Wie Geschichte manipuliert wird, um die Gegenwart zu gewinnen, ist nicht nur an diesem Beispiel seit einigen Jahren in Russland wieder zu besichtigen.

Aber ob jemand Held ist oder Verräter, das hängt vom Betrachter ab, von den Umständen und von der Zeit. So war es auch bei Hauptmann Boris Kapustin und Oberleutnant Juri Janow.

Sie kennen die beiden nicht? Die Piloten der sowjetischen Luftwaffe? Sie wurden stadtbekannt in Berlin und weit darüber hinaus. Wegen des Ereignisses am 6. April 1966.

Mit einer brandneuen Jak-28P stiegen sie an diesem trüben Tag vom Militärflugplatz Eberswalde-Finow auf in Richtung des Himmels über Berlin. Wenige Minuten später stürzten sie in den unweit von Spandau gelegenen Stößensee.

Ein missglückter Angriff? Rowdys, deren Leichtsinn beinahe zu einer Katastrophe geführt hätte? Ein Absturz? Gerüchte gab es viele.

Die Bewohner von Berlins Westen ärgerten sich damals über tägliche Terror-Tiefflüge der „Russen“, häufig mit Knall – wegen des beabsichtigten Durchbrechens der Schallmauer über ihren Häusern, wobei nicht selten deren Fenster barsten. Und sie fürchteten sich vor Luftangriffen.

Bald aber kam das Gerücht auf: Die beiden Piloten haben unter Einsatz ihres Lebens die defekte Maschine bewusst ins Wasser gelenkt, damit sie nicht auf bewohntes Gebiet stürzen konnte. Sie haben nicht den Schleudersitz genutzt. Helden also?

Deutsche Taucher und britisches Militär holten die Maschine aus dem Wasser, sowjetische Offiziere mussten aus der Ferne zusehen. Für die Sojets waren die beiden bald Verräter, weil sie im Westen „landeten“ und dort Geheimnisse hinterließen statt den Selbstzerstörungsmechanismus auszulösen. Denn die Maschine war nun „begehrter Schrott“, die Briten bargen neueste Technik, darunter die Freund-Feind-Kennung. Für den Heldenstatus taugten sie deshalb in der Sowjetunion nicht.

Heldengedenken? Nee, lass mal

Die Hörfunkjournalistin Gesine Dornblüth und der TV-Journalist und -produzent Thomas Franke haben den Fall akribisch recherchiert, die Bemühungen um eine angemessene Erinnerung bewertet und zahlreiche Zeugen interviewt. Darunter auch Kapustins Witwe und seinen Sohn, die sich um ein ehrenvolles Gedenken bemühten.

Ein Trauerspiel: Berlin hat 1993 an der Brücke an der Heerstraße eine Tafel angebracht, deren Schrift kaum noch zu lesen ist. „Durch ihren selbstlosen Einsatz vermieden sie eine unabsehbare Katastrophe im nahen Wohngebiet. Diese Tafel gilt dem Gedenken an das Opfer der sowjetischen Soldaten als ein Zeichen der Menschlichkeit in Zeiten des Kalten Krieges.“ Die Tafel war umstritten. Und dabei soll es offenbar bleiben.

Die Sowjetunion und auch Russland schoben Entscheidungen immer wieder hinaus. Aber nun kommt Bewegung in die Sache: Die Russländische Militärhistorische Gesellschaft hat sich der Causa angenommen. Der Grundstein für ein Denkmal in Rostow am Don ist gelegt. „Die Regierung ist auf er Suche nach neuen Helden“, resümieren die Autoren, „und Kapustin und Janow passen perfekt in die heutige Zeit.“ Russland braucht Heldengeschichten. Geschichten von Menschen, auf denen die nationale Identität aufgebaut werden kann.

Ob es den beiden Fliegern gefiele, nach so langer Zeit nun für Putins Propaganda herhalten zu müssen? Darüber können uns auch Dornblüth und Franke nichts sagen. Aber es ist ihnen gelungen, ein Stück Zeitgeschichte spannend zu erzählen. Und für die Gegenwart lernt man auch noch etwas.

Gesine Dornblüth, Thomas Franke

Ruhmlose Helden
Ein Flugzeugabsturz und die Tücken deutsch-russischer Verständigung

be.bra verlag
192 Seiten
Paperback
20 Euro
ISBN 978-3-89809-199-2
Zum Verlag