Deutsch-Russische Beziehungen

Das Theater als Brücke

Anna Sarre beklagt die Schwierigkeiten des deutsch-russischen Kulturaustauschs seit der Annexion der Krim

Hofft auf eine Renaissance ihres deutsch-russischen Berliner Theaterfestivals: Anna Sarre

#1 – Für die KARENINA-Reihe "Zwischen den Welten" entdeckt Gemma Pörzgen bemerkenswerte Menschen, die eng mit Russland und Deutschland verbunden sind.

Schon in ihrer Kindheit lebte die Moskauerin Anna Sarre ganz selbstverständlich in Künstlerkreisen. Die Mutter war Architektin, der Vater Kameramann und die Familie wohnte im Stadtteil Zaryzino, etwa 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. „Unser Haus war fröhlich und voller Musiker, Maler und Schauspieler, aber auch einfacher Arbeiter“, erinnert sich Anna an das anregende Milieu, das ihr Leben schon damals so selbstverständlich begleitete. „Ich lebte immer im gleichen Haus, mit dem Blick auf das Schloss und den Park“, erinnert sie sich an den beliebten Ausflugsort Zaryzino, der einst Landsitz von Katharina der Großen war.

Als Expertin für Kunst und Theater organisierte Anna viele Ausstellungen, mal für das Kulturministerium, mal für private Museen. 2007 gehörte sie zu den Gründern des „Bulgakow-Hauses“, des ersten privaten Museums der Hauptstadt. Es entstand in der Wohnung des Schriftstellers Michail Bulgakow und damit am zentralen Schauplatz seines berühmten Romans „Meister und Margarita“.

Anna zog 2008 mit ihrem zehnjährigen Sohn Iwan nach Berlin und begann dort ein neues Leben. Doch die Bindung zur Heimat blieb unverändert eng. Ein- bis zweimal jährlich reiste sie nach Russland, um Verwandte und Freunde zu sehen, aber auch Kulturprojekte über die Grenzen hinweg voranzutreiben. So kuratierte Anna seit 2011 das Kunstlabor „Der Mensch“ in Moskau, Susdal und in Berlin, in dessen Rahmen Videokunst, Kurzfilme und Theaterperformances entstanden.

In Berlin fühlte sich die Kuratorin gleich wohl, anders als in anderen deutschen Städten. „Ich hatte das Gefühl, ich komme nach Hause“, sagt die 44-jährige Russin. Das lag nicht nur daran, dass inzwischen viele russische Freunde in Berlin lebten, sondern auch am internationalen Charakter der Stadt. „Die Stadt ist warm und es finden sich Menschen nach ihren Interessen zusammen“, sagt Anna. Es gebe in Berlin viele russische Kreise, mit denen sie nie in Kontakt komme.

Russisches Theater gegen Klischees

Ihr Sohn ist mittlerweile 20 Jahre alt und längst ein Berliner, der sich in Russland genauso beheimatet fühlt. „Iwan spricht über seine Sehnsucht nach dem Geruch der Metro und ich wundere mich dann immer, wie russisch er ist.“

Seit ihrer Ankunft in Deutschland war Anna erstaunt, wie viele Deutsche mit russischer Kultur vor allem Matrojschkas, Schwanensee oder Kosakenchöre verbinden. „Für mich ist das zeitgenössische Theater, die moderne Kunst und das russische Arthouse-Kino die lebendige Kultur meines Landes“, sagt Anna. „Aber das, was da oft zu Gastspielen aus Russland nach Deutschland kommt, bedient gerne die Klischees.“

Die Kuratorin arbeitete zunächst bei Ausstellungen und beim Kinofestival „Russische Filmwoche“ mit, bevor sie selbst ein Theaterfestival initiierte und dafür beim Berliner Senat,  bei der Lotto-Stiftung und später im Auswärtigen Amt finanzielle Unterstützung fand. „Die Karten waren nach eineinhalb Tagen ausverkauft“, erinnert sich Anna an das rege Interesse an russischem Theater in Berlin. Sie lud zum Festival „Russischer Theaterfrühling“ die renommierten kleineren Bühnen Teatr Dok, Theater Praktika und das Zentrum Meyerhold aus Moskau ein.

Sie verhandeln in ihren Aufführungen aktuelle gesellschaftliche Themen und ermöglichen tiefere Einblicke in das russische Leben. „Die Theater waren auch für ein Gastspiel gut geeignet, weil sie mit kleinem Ensemble und kleinem Budget arbeiten“, sagt Anna über die Auswahl. Ihr Festival schien sich in Berlin zu etablieren.

Krim + Ostukraine = Theatersterben

Von 2014 an bekam Anna zu spüren, wie das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland sich verschlechterte. Die Annexion der Krim und der Krieg in der Ostukraine, politische Konfliktthemen der Regierungen, schlugen immer stärker auch auf die Kulturbeziehungen der beiden Länder durch. „Selbst Matrjoschkas und Kosakenchöre gingen nicht mehr“, sagt Anna über den veränderten Kurs in den russischen Kulturbehörden.

Die Abkühlung des gegenseitigen Interesses war für sie auf beiden Seiten spürbar. „Das ist sehr, sehr schade, denn so ein Theaterfestival ist eine wichtige Brücke zwischen unseren Ländern.“

Für das letzte Festival 2018 musste Anna privates Geld bei Freunden auftreiben, damit es überhaupt zustande kam. Zwar gab es auch diesmal einen Besucheransturm und gute Presseberichte, aber die Kuratorin beschloss, die Aktivitäten nun erst einmal ruhen zu lassen, bis die Beziehungen beider Länder sich wieder verbessern.

Brücken schlagen

Anna hat seither umgesattelt, noch vor Corona. Sie arbeitet jetzt für die Firma Hartmann Handelsgesellschaft, die sich den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen widmet, und bringt dort ihre Erfahrungen ein. „Das ist eine ganz andere Welt, aber auch hier werden Brücken zwischen unseren Ländern geschlagen“, sagt Anna.

Die Firma liefert unter anderem deutsche Ersatzteile nach Russland, denn in vielen russischen Betrieben steht bis heute deutsche Technik, in einigen Fällen noch aus der vorrevolutionären Zeit. „Das zeigt die Verbindung über viele Generationen hinweg“, sagt Anna.

Sie ist im Moment glücklich in diesem Aufgabenfeld tätig zu sein, das ihr sehr viel stabiler erscheint als die fragilen Kulturbeziehungen. „In dieser Hinsicht beruhigt mich meine jetzige Arbeit, denn die Unternehmen werden nicht stillstehen.“

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist sie in Sorge um die Zukunft der Theater in Russland und Deutschland. „Wichtig ist, dass die Kultur jetzt nicht stirbt“, sagt Anna. In beiden Ländern sei es jetzt wichtig, das Publikum nicht zu verlieren.

Anna bleibt optimistisch und hofft, dass die Beziehungen beider Länder sich in der Zeit nach Corona wieder verbessern. Sie möchte dann auch wieder ihr Berliner Theaterfestival aufleben lassen und neue Gastspiele organisieren. „Nach der jetzigen Abkühlung wird auch wieder eine neue Phase der Wiederannäherung und Freundschaft kommen“, sagt Anna. „Ich glaube an eine Renaissance.“