Belarus

Belarus: ‚Wir wollten keine Gewalt‘

Zwei Nobelpreisträgerinnen wundern sich über die stetige Wiederkehr der Diktatur

Diskutierten über die Diktatur in Belarus: Herta Müller (rechts) und Swetlana Alexijewitsch mit Jens Bisky

Bühne frei für zwei Nobelpreisträgerinnen: Das Gorki-Theater hat Herta Müller und Swetlana Alexijewitsch eingeladen, um darüber zu sprechen, „wie Geschichte neu geschrieben werden kann und aus einer Praxis des Widerstands eine Sprache der Hoffnung wird“. Ein intensives, teilweise emotionales Gespräch, das online verfügbar bleibt.

Beide tragen eine sozialistische Erfahrung mit sich: Alexijewitsch kam 1948 in der Westukraine zur Welt, lebte in der Sowjetunion und in Belarus, war im  vorigen Jahr Mitglied im Koordinationsrat der Opposition und lebt seit September im Westen; die andere, Herta Müller, 1953 geboren im Banat, bedroht von der rumänischen Securitate, die sie zunächst anzuwerben versucht hatte, schrieb in „Atemschaukel“ über das Überleben in einem sowjetischen Arbeitslager und nannte Wladimir Putin 2014 „KGB-sozialisierter Diktator mit Personenkultallüren“.

Nach 25 Minuten Vorreden erstes Herantasten an das Sujet: Es geht um tote Russen und Deutsche, die gegen Kriegsende nebeneinander auf dem Feld lagen, so dass die Pferde nirgendwo hintreten konnten, invalide Kriegsheimkehrer und die Kindheit im Sozialismus; man redet über Frauen, die hart arbeiteten, karges Essen und wenig Freizeit hatten, aber viele fröhliche Lieder sangen. „Schönheit und Schrecken waren immer nah beieinander,“ sagte Alexijewitsch.

Wie kann ein Diktator ein ganzes Land stehlen?

Nach einer Stunde springt Herta Müller kurzentschlossen in die Gegenwart: „Wie kann ein Diktator ein ganzes Land beherrschen, wie kann ein Lukaschenko dieses ganze Land stehlen, wie kann Putin ein ganzes Land stehlen?“ Es sei absurd, sagt sie. Irgendwann käme zwar die entscheidende Wende. „Aber ein Menschenleben ist begrenzt“, sagt sie spürbar verzweifelt. „Dieses viele, viele gestohlene, zerstörte Leben ohne Grund, ohne Recht, ohne Legitimation, das macht mich heute noch verrückt.“

Dann berichtet Alexijewitsch von den Demonstrationen in Belarus. Viel Idealismus sei da gewesen, Romantik. „Aber wir wollten keine Gewalt, kein Blutvergießen. Wir wollten durch die Kraft unserer Überzeugung etwas verändern“, sagt sie. „Wir wollten mit dem Wort siegen.“ Mädchen seien auf die Straße gegangen mit weißen Kleidern und mit Blumen in der Hand denen in den Schutzanzügen und den Maskierten entgegengetreten. „Wir wollten mit Schönheit siegen“, sagt Alexijewitsch, „Und dann sind tausende von Menschen ins Gefängnis geworfen worden.“

Es gebe Leute, so Alexijewitsch, die sagen: „Wir haben verloren, weil wir nicht den ukrainischen Weg, sondern den von Luftballons und Blümchen gewählt haben. Der heutige Weg verlange Blutvergießen und Gewalt.“ Aber sie sei „nicht in der Lage, jemandem zu sagen, wir brauchen dein Blut, du musst dein Leben geben. Ich hatte immer das Gefühl, wir müssten andere Wege suchen. Vielleicht war das romantisch.“

In Belarus habe sich die Diktatur als stärker erwiesen mit ihren Wasserwerfern und Panzern und Militärtechnik. „Wir mussten sehr bald zurückweichen. Es ist gar nicht so einfach, die Welt der Gewalt zu besiegen.“

„Jede Diktatur besteht aus denen“, weiß Herta Müller, „die Angst machen, und den anderen, die Angst haben.“ Der totalitäre Staat als Angstgebäude. Sie sieht auch die einzelnen Menschen verantwortlich. „In jeder Diktatur findet sich das Personal, das Menschen tötet. Kein Diktator wird so einsam, egal wie furchtbar und blutig er ist, dass ihm das Personal abhandenkommt.“ Bezüglich Belarus müsse man sagen: „Putin stützt Lukaschenko. Wenn Putin wollte, wäre Lukaschenko in einer Stunde verschwunden.“

Fast erstaunt ergänzt sie: „Lukaschenko kann Traktor fahren, und sonst nichts.“ Die Unterdrücker seien „einfache Leute. Die sind so brutal und einfach im Kopf gestrickt, dass man es nicht aushalten kann.“ Es empört sie, dass Flüchtlinge aus Belarus nicht sofort und ohne Papierkram aufgenommen werden. „Sie sind jetzt darauf angewiesen.“

Autoritäres Regime? Es ist eine Diktatur!

Um das zu unterstreichen, prangert Müller den gängigen euphemistischen Sprachgebrauch im Westen an: „Wir sagen hier autoritäres Regime, aber es ist eine Diktatur.“ Und wie die aussieht in den Gefängnissen, kann sie sehr eindringlich schildern: Sie hörte von einem Siebzehnjährigen in Belarus, dem im Gefängnis die Zähne ausgeschlagen wurden, dessen Haftstrafe auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist. Ein solchermaßen Verurteilter werde ständig beobachtet und könne jederzeit wieder eingekerkert werden. Der könne sich nicht um seine Zukunft kümmern.

„Was für ein zerstörtes Leben!“, sagt sie. Für den Jugendlichen bedeute Freiheit, dass er nicht im Gefängnis ist. Und hier meinten die Leute, die Freiheit sei bedroht, wenn sie nicht einkaufen können. „Das macht mich ziemlich nervös.“

Alexijewitsch nennt die Zahl von 30 000 Menschen, die durch die Gefängnisse gegangen seien. Das Wasser werde dort absichtlich und willkürlich abgestellt, Angehörige dürften den Frauen keine Unterwäsche bringen. Es gebe unvorstellbare Erniedrigungen. Sie habe Aufnahmen gesehen von Menschen, die nur noch ein Stück Fleisch waren. Durch Misshandlungen, durch Folter. Beim Betrachten von Fotografien habe sie das Gefühl gehabt, das Bewusstsein zu verlieren.

„Woher kommen solche Menschen?“ fragt sie. Und wundert sich über eine Aufseherin in einem Gefängnis, die mit Vorliebe Männer misshandelte, sie auf deren empfindlichste Teile schlug und danach erzähle, „dass die Männer schön waren in diesem Moment“. Das sei eine „doppelte Erniedrigung“. Die Menschen in Europa wüssten überhaupt nicht, „was für entsetzliche Dinge in unserem Land vorgehen. Was für ein Schrecken sich in unserem Land niedergelassen hat.“

Kann Kunst helfen? Und wenn ja, wie?

Kann, so fragte Diskussionsleiter Jens Bisky, der Westen helfen? Alexijewitsch antwortete nüchtern: „Belarus kann nicht geholfen werden, weil es unter dem Schutz Russlands steht. Das berücksichtigt der Westen. Damit rechnet der Westen. Und es stimmt: Die Geschäfte stehen im Vordergrund.“

Und die Literatur, was kann die leisten in solchen Zeiten?

Müller: Literatur könne die Dinge nicht unmittelbar ändern. Extremsituationen führten immer dazu, dass Literatur sich damit beschäftige. Das komme im Nachhinein. Und daraus könne man dann lernen. Was? „Dass das Humane übrigbleiben muss.“ Literatur „behütet, ohne zu lügen“, müsse trösten, ohne zu täuschen. Und zeigen: Wie halte ich das aus? Es gehe darum, „eine humane Welt zu sein und Gefühle zu erziehen“.

Alexijewitsch sagt: „Die Kunst muss eine Macht entfalten, eine Kraft, die den Menschen herausreißt aus der Banalität, mit der er sich schützt.“ Ausflüchte, warum sie nicht auf die Straße gehen können. „Die Kunst erlaubt es dem Menschen nicht, sich endgültig in etwas zu versenken in eine Welt, die eher eine Tierwelt ist. Die Kunst zieht den Menschen daraus immer wieder heraus.“