Krieg in der Ukraine

Wer trägt Schuld am Krieg?

In meinem Herzen fühle ich Schuld, kann aber nicht genau erkennen, worin sie besteht

von Waleri Panjuschkin
Schuldig am Krieg

Wie kommt man sich als Monster vor? Das weiß ich jetzt. Ich fühle mich nicht deshalb als Monster, weil andere vor mir zurückweichen, sobald sie mich sprechen hören. Ich selbst weiche vor mir zurück, wenn ich morgens mit dem Rasiermesser in der Hand vorm Spiegel stehe. Der Syllogismus ist denkbar einfach. Die Russen haben einen Krieg begonnen, den nur Ungeheuer entfesseln können. Ich bin Russe. Folglich bin ich ein Ungeheuer.

Vor einigen Jahren hielt ich an der Kiewer Universität eine Vorlesung über literarisches Schreiben, das sogenannte creative writing. Ich erzählte den Studenten vom „character arc“, der „four-corner opposition“, der „text density“ und anderen Kniffen, die eine Erzählung interessant machen. Als es dann Zeit war, Fragen zu stellen, stand eine junge Studentin im Hörsaal auf und fragte, ob ich mich nicht erst mal im Namen aller Russen und in meinem eigenen Namen dafür entschuldigen wolle, dass Russland sich an den Wahlfälschungen in der Ukraine beteiligt und den Hochstapler Janukowitsch unterstützt hat, als dieser die Erschießung von protestierenden Menschen auf dem Maidan Nesaleschnosti befahl.

In jenem Moment fühlte ich keine Schuld. Ich legte den Studenten nahe, meinen Namen zu googeln und bei Wikipedia über mich zu lesen. Vom Maidan aus hatte ich Reportagen geschrieben, die genau dort auf dem Maidan von Demonstranten verlesen wurden, um zu zeigen, dass nicht alle russischen Journalisten lügen.

Ich bin Autor von elf Büchern, zwei davon über die russische Opposition. Ich wurde in Moskau bei einer oppositionellen Kundgebung festgenommen. Ich stehe auf den Listen der „Feinde Russlands“ bei allen sogenannten „patriotischen“ Websites. Meine Freunde sind im Gefängnis oder im Exil. Damals im Hörsaal der Kiewer Universität war ich absolut sicher, dass ich nichts mit der Einmischung Russlands in die Angelegenheiten der Ukraine zu tun habe, sondern, ganz im Gegenteil, nach Kräften Widerstand leistete.

Heute bin ich mir nicht mehr sicher.

Nach dem 24. Februar, nach der Invasion russischer Truppen in der Ukraine, schaffte ich es noch, vor der Einführung der totalen Zensur einen der letzten Antikriegsartikel zu schreiben. Als die Zensur dann in vollem Gange war, schrieb und veröffentlichte ich das pazifistische Lied „Schwarze Sonne“. Und dennoch fühle ich mich schuldig.

Ein Krieg braucht viele Befürworter

Bis ins Mark, im Genom ist dem gebildeten Russen die Vorstellung vom Krieg eingeschrieben, wie sie Lew Tolstoi in seinem Roman „Krieg und Frieden“ vorlegt. (Übrigens ist das Wort „Krieg“ derzeit in Russland verboten, die offiziellen Medien haben es durch das Wort „Spezialoperation“ ersetzt, und wir nennen Tolstois großartiges Buch nun im Scherz „Spezialoperation und Frieden“.) Am Anfang des zweiten Bands von „Krieg und Frieden“ schreibt Tolstoi, ein derart riesiges Ungemach wie der Krieg könne nicht durch den Willen eines einzelnen Menschen beginnen, sei es der Zar, ein Militärführer oder der Präsident. Für einen Kriegsbeginn reicht nicht der Befehl eines Herrschers aus, da müssen auch die Generäle gehorchen, die Soldaten dürfen nicht davonlaufen, die Diplomaten sind bereit, entsprechende Noten zu schreiben, die Journalisten verherrlichen den Krieg, und sogar einfache Bürger müssen den Krieg befürworten, zumindest dadurch, dass sie ihre Söhne dafür hergeben. Damit es zum Krieg kommt, schreibt Tolstoi, muss sich der Willen Tausender Menschen summieren mit Tausenden Umständen und Millionen von menschlichen Taten.

Wenn das zutrifft, dann bin auch ich am Krieg, den Russland am 24. Februar 2022 begann, mit meinem kleinen Willen beteiligt, und der hat sich mit anderen summiert.

Was habe ich falsch gemacht? Dass ich vor drei Jahren in den Urlaub nach Ingermanland fuhr, anstatt zum tausendsten Mal einen Artikel zum Wohl der Menschen zu veröffentlichen? Dass ich Texte über die Entbehrungen von Kindern in staatlichen Krebskrankenhäusern schrieb, anstatt mich über die unverhältnismäßige Höhe des Militärbudgets Russlands gegenüber dem für das Gesundheitswesen zu empören? Dass ich Steuern zahlte, von denen Waffen hergestellt wurden, die jetzt Zivilisten in Mariupol, Charkiw und Kiew töten? Dass ich mit meinen Töchtern und meinem Sohn beim Reiten war, anstatt im Moskauer Stadtzentrum erneut an einer oppositionellen Kundgebung teilzunehmen?

Was habe ich falsch gemacht? Ich weiß es nicht. Aber die Lektüre von Tolstoi bringt mich auf den Gedanken, dass auch ich an dem von Russland entfesselten Krieg schuld bin.

Wenn man andererseits alle, das gesamte Volk Russlands, für schuldig an der Entfesslung des Kriegs hält, dann kommt dabei heraus, dass niemand konkret Schuld hat. Wenn irgendwann alle hundertvierzig Millionen Russen niederknien und sich reumütig verneigen, dann heißt das, die Schuld liegt gleichermaßen beim Oberbefehlshaber, beim Kriegsminister, bei den Fernsehpropagandisten, beim Drechsler, beim Bäcker und bei der Kindergärtnerin.

Und beim Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow, der weiterhin die letzte wahrheitsliebende Zeitung Russlands herausgibt [inzwischen eingestellt], auf deren Seiten dort, wo das Wort „Krieg“ und andere, von der Zensur verbotene Wörter stehen sollten, Leerstellen in den Zeilen klaffen. Und bei Natalja Sindejewa, deren Fernsehsender gesperrt wurde. Und bei Alexej Wenediktow, Chefredakteur von Radio „Echo Moskwy“, der dreißig Jahre sendete und nun eingestellt wurde.

Und bei Journalisten, Künstlern, Wissenschaftlern, Musikern, Professoren, die aus Russland fliehen mussten. Und beim Oppositionsführer Alexei Nawalny, der zu Kriegsbeginn eigentlich im Gefängnis saß, Arbeitshandschuhe nähte und auf ein Treffen mit seiner Frau Julia wartete, die er seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hat. Alle diese Menschen sind dann also schuld, und so auch der Präsident, der Verteidigungsminister, die Abgeordneten der Staatsduma und die Fernsehpropagandisten – und doch sicher gleichermaßen?

Weil ich in meinem Herzen Schuld fühle

Mir ist klar, dass die Welt in der Aufregung der humanitären Katastrophe, niedergedrückt von einer Flüchtlingswelle, nicht geneigt ist, im Einzelnen zu klären, wer in Russland was mit diesen unverständlichen kyrillischen Buchstaben geschrieben hat. Aber ich möchte sehr, dass die Welt es klärt.

Für mich persönlich ist das nötig, weil ich in meinem Herzen Schuld fühle, aber nicht genau erkennen kann, worin sie besteht und wie groß sie ist. Ein britisches Militärgericht hat nach dem Zweiten Weltkrieg Hitlers Generalfeldmarschall Erich von Manstein zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach vier Jahren wurde er freigelassen. Bundeskanzler Konrad Adenauer bot dem erfahrenen Offizier an, der Bundeswehr zu dienen, was er auch tat. Die Schuld war getilgt.

Ich nehme an, meine Schuld ist unvergleichlich geringer als die von Manstein, aber es gibt keinen gesellschaftlich anerkannten Mechanismus ihrer Tilgung. Wie ein Kind fühlt man sich: Erklärt mir genau, worin genau meine Schuld besteht und wie ich sie tilgen kann.

Mit einem Wort, ich wünsche mir ein internationales Tribunal, denn die Formalisierung der Schuld und eine Bestrafung würden mich endlich befreien von den ständig an mir nagenden Mitleidsgefühlen für Getötete und Flüchtende, von der Scham ihnen gegenüber.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich jetzt in Russland für diese meine Gedanken und Gefühle als Landesverräter vor Gericht komme, ist leider um einiges größer.

Waleri Panjuschkin, geboren 1969 in St. Petersburg, ist Regisseur, Drehbuchautor und arbeitete zehn Jahre lang als internationaler Reporter für die Tageszeitung „Kommersant“. Auf Deutsch erschienen von ihm Bücher über den gestürzten Oligarchen Michail Chodorkowskij und über den Energiekonzern Gazprom.

Dieser Beitrag ist auch in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Wir danken dem Autor, den Text auf KARENINA veröffentlichen zu dürfen. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg