Russische Seele

Seelenforschung bei verschlagenen Menschen

Joshua Yaffas ‚Die Überlebenskünstler‘ seziert Menschen in Russland zwischen Wahrheit, Selbstbetrug und Kompromissen

Joshua Yaffa Seelensuche bei den Überlebenskünstlern
Ist der russischen Seele auf der Spur: Joshua Yaffa

Die Suche nach der Seele des russischen Menschen hat Konjunktur. Victor Jerofejew hat es mit seiner „Enzyklopädie der russischen Seele“ getan und geurteilt: „In Russland existiert eine positive Unfähigkeit zu einem sogenannten normalen Leben.“ Der Held von Keith Gessen kehrt in „ein schreckliches Land“ zurück und lernt die Menschen verstehen und lieben. Jens Siegert hat das „Prinzip Russland“ entdeckt. Und nun hat Joschua Yaffa, Korrespondent des US-Magazins The New Yorker in Moskau, „Die Überlebenskünstler“ analysiert.

Zwei Jahrzehnte vor ihnen hat sich bereits Juri Lewada dieser Mühe unterzogen, zunächst im Allrussischen Zentrum der Erforschung der öffentlichen Meinung (WZIOM), wo er den Sowjetmenschen scannte. Was ihn an den Ergebnissen seiner Forschungen verstörte: Dass die Menschen sich nach dem Ende der Sowjetunion nicht änderten. Als er lange genug über seiner Erkenntnis gebrütet hatte, veröffentlichte Lewada im Jahr 2000 (als Putin ins Amt kam) einen Essay, dem er den Titel „der verschlagene Mensch“ gab. Für Lewada war der Homo sovieticus Geschichte.

Nun sagt Yaffa, den Charakter der Russen zeichne „etwas Langlebiges und Universelles“ aus. Die heutigen Russen nähmen den Umgang mit dem Staat als „Spiel aus Halbwahrheiten und Täuschungen, die man dem Bürokratieapparat darbringt und von denen man einander erzählt, um zu rechtfertigen, dass man persönliche Ambitionen und moralische Grundsätze beiseite schiebt“.

Menschen im Kampf gegen den Staat – und mit ihm

Das ambivalente Verhalten scheint aus der Not geboren zu sein, gefestigt in vielen Jahrzehnten, als der Mensch auf sich selbst gestellt war, weil die sozialen Bindungen so schwach waren wie der Staat und seine Institutionen. „Er passt sich der sozialen Realität an, sucht nach Freiräumen und Schlupflöchern in ihrem Normensystem, versucht, ihre ‚Spielregeln‘ für die eigenen Interessen zu nutzen und sie zugleich – was nicht weniger wichtig ist – ständig in einem gewissen Maß zu umgehen.“

Und so beschreibt Yaffa das Leben von engagierten Menschen, die mit den Widrigkeiten der russischen Gesellschaft kämpfen. Der deutsche Verlag hat dem Buch den aussagekräftigen Titel „Die Überlebenskünstler“ verpasst (Original: „Between two fires: Truth, Ambition, and Compromise in Putin’s Russia“). Gar nicht unpassend: Yaffa offenbart die tauglichen und untauglichen Methoden, mit denen Menschen versuchen, in einer feindlichen Umgebung zurechtzukommen.

Aber bevor er loslegt, stellt Yaffa klar: „Im Westen stellt man sich Russland als Nation unter der Knute eines Diktators vor, der nur an seiner eigenen Macht und seinem Profit interessiert ist.“ Das trotz der „großen Erschütterungen und Veränderungen“, der vergangenen Jahre eine falsche Wahrnehmung.

Yaffa schreibt, er sei „immer wieder ganz normalen Russen begegnet, die keineswegs den Eindruck machten, sie würden irgendwie gegen ihren Willen festgehalten. Sie waren nicht unbedingt begeisterte Anhänger Putins oder hatten auch nur für ihn gestimmt. Für sie war der Putin-Staat schlicht eine reale Gegebenheit – weder gut noch schlecht, sondern einfach da, wie ein Bestandteil der Erdatmosphäre. Und mit Blick auf diese Realität bauten sie ihr Leben auf.“ Dabei versuchten sie „zu erraten, was er von einem wollte, dem nachzukommen und dabei schlau genug zu sein, daraus einen gewissen Nutzen für sich selbst zu ziehen“.

Kann es ein richtiges Leben im falschen geben?

Und dann zeigt er die Menschen, die Ziele haben und Träume und die, so scheint es, herausfinden wollten, wieviel Opposition in ihrem Staat, der eher unter Alpträumen leidet, möglich ist. Andere schienen ergründen zu wollen, ob es ein richtiges Leben im falschen geben kann. Und es gibt bei Yaffa all jene dazwischen, die sich anpassen, weil sie es für nötig halten, dabei aber zu weit gehen, sich kompromittieren und ihre Ideale verraten.

Da ist der Fernsehdirektor, der Nachrichten unterdrückt, weil er es für „sonderbar“ hält, „wenn ein staatlicher Sender einem Standpunkt Ausdruck verleihen würde, der gegen die Regierung gerichtet ist“. Noch mehr: gegen den „Führer des Landes“, der doch „für alles zuständig“ sei, eine Person, die den ganzen Staat symbolisiert.

Und weil der Chef das so sieht und vorlebt, handeln die Untergebenen entsprechend. Nawalny, zum Beispiel, findet im Staatsfernsehen schlicht nicht statt. Das braucht der „Führer des Landes“ gar nicht befehlen, heißt das, die Schere im Kopf funktioniert. „Wer innerhalb des Systems arbeitet“, so Yaffa, „soll von selbst die richtigen Entscheidungen treffen, anhand von Intuition und Vermutungen, und im Zweifel lieber zu vorsichtig sein.“ Und wer, wie Putin, über die Geringschätzung Russlands verärgert sei, halte eine Gegenkampagne für gerecht und notwendig.

Eine von Yaffas Protagonistinnen ist eine Aktivistin, die darauf aus war, Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien zu dokumentieren: Heda Saratowa. Mehrere Mitstreiterinnen wurden ermordet: Anna Politkowskaja, Natalja Estemirowa, um zwei zu nennen.

Saratowa, auch in Europa vielfach ausgezeichnet, zog Konsequenzen. Sie arbeitet nun unter Kadyrow als Tschetscheniens Ombudsfrau für die Menschenrechte. Sie holte die Nachkommen von tschetschenischen IS-Frauen aus dem Irak und Syrien zurück und dankte Putin öffentlich „für die Rückkehr unserer Kinder“. Wenn sie das nicht täte, würden keine Kinder mehr heimkehren, sagte sie. Wenig später stimmte sie ungerührt der Aussage zu, in Tschetschenien sei die Ermordung Homosexueller gesellschaftlich akzeptiert. Yaffa gegenüber sagte sie: „Wenn es solche Leute gibt, dann ist das ihr Leben, ihr Problem.“

Yaffa beschreibt das widerständige Leben eines Gemeindepfarrers, Pawel Adelheim aus Pskow, der die zunehmende Verschmelzung von Kirche und Staat seit Putins Machtübernahme kritisierte, die Symphonia, den „kunstvollen Tanz mit der Macht“. Auch dahinter, so Adelheim, stehe „eine Mischung aus Angst und Eigennutz“.

Ganz oben unterstützte Patriarch Kyrill, der den Krieg in Afghanistan verurteilt hatte, nun die Intervention in Syrien als „gerechtfertigt“. Sein Sprecher sagte: „Der Kampf gegen den Terrorismus ist eine heilige Schlacht.“ Man lernt: Auch die russisch-orthodoxe Kirche ist durchdrungen von „verschlagenen Menschen“.

Da ist Oleg Subkow, der auf der Krim mehrere Zoos besaß und gern mit Tigern schmuste. Er begrüßte die Annexion enthusiastisch, was viele Russen, so Yaffa, als „eine Vergeltung für all die Herabsetzungen und Kränkungen“ verstanden, die sie seit dem Zerfall der UdSSR erfahren mussten. Aber bald merkt Subkow, „dass das neue Russland nicht der Ort war, den er sich ausgemalt hatte“.

Yaffa schildert den Kampf der Betreiber einer Gedenkstätte der Geschichte politischer Repression, das Gulag-Museum Perm-36, gegen willfährige Bürokraten, die für ihre Schikane gegen diesen „ausländischen Agenten“ keine Anweisungen aus dem Kreml brauchten: „Im ganzen Land versuchten Untergebene und Funktionäre, sich in Pflichteifer zu überbieten oder die Gunst der Stunde zu nutzen, um eigene Ziele zu verfolgen.“ Verschlagene Menschen.

Und da ist Doktor Lisa, Jelisaweta Glinka, die sich in ihrem Einsatz für Kinder in der Ostukraine vor den Karren der russischen PR hat spannen lassen. Oder, wie Michail Fedotow (bis 2019 Vorsitzender des Menschenrechtsrats beim Russischen Präsidenten) es interpretierte: „Sie hat das umgekehrt gesehen – sie bediente sich des Staates um Gutes zu tun.“ Alles für die Schwachen, auf deren Seite sie unbeirrbar stand; sie rettete Dutzenden das Leben.

Überall Konzessionen und Kompromisse

Yaffa beschreibt die Konzessionen und Kompromisse seiner Protagonisten, durchaus verständnisvoll. Doch könne „die Logik des Kompromisses“ nur funktionieren, wenn beide Seiten sich an die oft unausgesprochenen Vereinbarungen halten. Derzeit hielten sich die Menschen an die Gesetze, aber der Staat breche die Regeln. „Beim Eintritt in seine geriatrische Spätphase überspielt das Putin-System seine nachlassenden Fähigkeiten durch ein immer ungeschickteres und paranoideres Vorgehen“, schreibt er. Stabilität jedoch lasse sich so nicht auf Dauer aufrechterhalten.

Offenkundig verstört ist zum Ende der Autor über Zahlen des Lewada-Zentrums. Die Zustimmungswerte für Putin sind bei der russischen Jugend am höchsten. Yaffa nennt sie die „Generation Putin“, die sich gleichzeitig von Nawalnys Veränderungen wie von Putins Stabilitätsversprechen angezogen fühle. „Sie ist offen, neugierig und ehrgeizig, aber nicht verzweifelt und aufrührerisch.“ Die russische Jugend – auch diese – sei „auf eine aufschlussreiche Weise verschlagen“.

Yaffas Buch ist eine Kerze in einem dunklen Raum, nein, eine Halogenlampe, die dorthinein leuchtet. Wer Russland und die Russen verstehen will, sollte es aufmerksam lesen. Bei Yaffa ist nichts bloß schwarz-weiß, er leuchtet alle Schattierungen von Grau aus.

Joshua Yaffa

Die Überlebenskünstler
Menschen in Putins Russland zwischen Wahrheit, Selbstbetrug und Kompromissen

Econ
560 Seiten
Hardcover
24,99 Euro
ISBN 9783430210607
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