Sergej Lebedew

Lebedew: ‚Die russische Zeit auftauen‘

Der Romanautor Sergej Lebedew kritisiert die starre russische Geschichtspolitik und Alexei Nawalny

Sergej Lebedew Das perfekte Gift
Will der russischen Gegenwartsliteratur ihre politische Dimension zurückgeben: Sergej Lebedew, Autor von "Das perfekte Gift".

Sergej Lebedew (geboren 1981) war Journalist, bevor er zu einer der wichtigsten Stimmen der russischen Gegenwartsliteratur wurde. Er schreibt Romane, in denen er Motive aus seiner eigenen Familiengeschichte verarbeitet. Das erweist sich als eminent politisch. Sein kürzlich in deutscher Sprache erschienener Roman erinnert an die jüngsten Giftanschläge. Und er zeigt, dass Angst „das perfekte Gift“ (so der Titel) ist. Denn mit Angst können Menschen kontrolliert und gelenkt werden, auch heute und in der Realität. Deshalb ist Swetlana Alexijewitsch zuzustimmen, wenn sie sagt: „Sergej Lebedew schreibt nicht über die Vergangenheit, das hier ist unsere Gegenwart.“

Mit Sergej Lebedew sprach Ulrich M. Schmid.

In Ihren früheren Romanen beschreiben Sie die Verschränkung von Geschichte und Biografie. Ist der Zusammenhang zwischen historischer und individueller Zeit Ihr Hauptthema?

Sergej Lebedew: Zeit ist nur der eine Aspekt. Die Zeit spielt sich im Raum ab. Ich reise oft in den enormen Raum, in dem sich die sowjetische Geschichte ereignet hat. Dieser Raum ist verzaubert – er ist zum Schweigen verdammt. Ich versuche, ihn zum Sprechen zu bringen.

Ich bin aber kein unbeteiligter Beobachter wie ein Forscher, der seinen Gegenstand nüchtern beschreibt. Von meiner Ausbildung her bin ich Geologe, ich arbeite im Feld. Die Geologie ist das Resultat eines Dramas, das sich vor Millionen von Jahren abgespielt hat: Es gibt Schichtungen, Verschiebungen, Umformungen – also genau das, was auch mit dem historischen Gedächtnis passiert. Meine Helden sind wie Elektroden, zwischen denen sich Spannungen entladen. Das ist immer mit Schmerzen und Gefahren verbunden.

Konkret geht es etwa um den namenlosen Schrecken, der sich in Sibirien abgespielt hat.

Als Geologe habe ich in Nordrussland gearbeitet, dort, wo der Gulag war, der in den sechziger Jahren aufgegeben wurde. Es gibt aber immer noch Überreste der Baracken. Acht Jahre lang habe ich die Wege der Häftlinge beschritten. Ich habe das Wasser aus den Flüssen getrunken. Ich habe in den Schächten gearbeitet. Es gibt das Russland der Lebendigen in den großen Städten, und es gibt das Russland der Toten, die kein ziviles Begräbnis erhalten haben und nicht verwesen. Die Zeit selbst ist angehalten. Meine Literatur ist der Versuch, die eingefrorene russische Zeit aufzutauen, damit sie wieder ins Fließen gerät.

Mit dem Roman „Das perfekte Gift“ greifen Sie nun ein politisches Thema auf.

In einem gewissen Sinne sind auch meine früheren Romane mit ihrer historischen Thematik politisch. Die Geschichte ist ja mittlerweile das wichtigste Instrument des Kremls. Man führt historische Traumata als Begründung für politisches Handeln an.

Für mich ist Dostojewski ein Vorbild. Er ging von einer Tagesaktualität aus, dem politisch motivierten Mord an einem Studenten. Auf diesem Ereignis baute er seinen Roman „Die Dämonen“ auf, der erst später seine allgemeine Gültigkeit erhielt.

Dostojewski gelang es, einen Wendepunkt in der revolutionären Bewegung zu erfassen. Seine literarische Deutung prägte die spätere Auffassung seiner Zeit. Im Gegensatz zu Dostojewski ist die russische Gegenwartsliteratur apolitisch.

Kürzlich wurde in einer Umfrage unter Kritikern, Literaten und Verlegern eine Liste der hundert wichtigsten Bücher des 21. Jahrhunderts erstellt. Wenn man die Titel anschaut, gewinnt man den Eindruck, dass in Russland alle Probleme gelöst seien, die Menschenrechte gewahrt würden, keine Verbrechen geschähen.

Anna Politkowskaja kommt in dieser Liste nicht vor, es gibt ein einziges Buch über den Tschetschenienkrieg. Ich versuche, der russischen Gegenwartsliteratur ihre politische Dimension zurückzugeben.

Warum ist die Skripal-Affäre denn mehr als eine russische Geheimdienstoperation?

Als der Anschlag in Salisbury geschah, wurde ich auf ein Detail aufmerksam. Das Nervengift war in einem kleinen geschlossenen Ort namens Schichany produziert worden. Genau an diesem Ort bestand bis 1933 ein Testzentrum, in dem die Reichswehr und die Rote Armee in einer geheimen Militärkooperation chemische Waffen testeten. Die Herstellung von Nowitschok und die damit verbundenen moralischen Dilemmata der Wissenschaftler haben also einen langen historischen Vorlauf.

Als geheimes Vorbild für meinen Kampfstoffchemiker dient Fritz Haber (1868 – 1934), der zunächst durch die Entwicklung des Stickstoffdüngers wie ein Prometheus die Landwirtschaft sicherte, aber später als deutscher Patriot im schlechtesten Sinne den Einsatz von Giftgas im Ersten Weltkrieg propagierte. Clara Immerwahr, seine Ehefrau, versuchte, ihn davon abzubringen, und beging schließlich Selbstmord.

Man kann das Böse jeder Epoche am Namen des chemischen Kampfstoffs ablesen: Sarin, Tabun, Napalm, Zyklon B. Und mir scheint, dass Nowitschok das Kainsmal unserer Zeit ist. Mein Roman spielt sich auf dieser großen historischen Achse ab. Beim Skripal-Anschlag in Salisbury gehörten Chemiker aus der nahe gelegenen Forschungseinrichtung Porton Down zu den ersten Einsatzkräften vor Ort.

Porton Down wiederum war 1916 als britische Antwort auf den deutschen Giftgaseinsatz gegründet worden. Als ich verstanden habe, wie diese historischen Kreise sich schließen, begriff ich, dass ich den Stoff zu einem Roman vor mir habe.

In welcher literarischen Tradition sehen Sie Ihren Roman?

Ich verwende die Form eines Thrillers als Motor der Handlung. Reine Spionageromane sind aber wenig interessant. Wichtig waren für mich vor allem drei Texte: Ich habe Mary Shelleys „Frankenstein“ wieder gelesen. Der Roman beginnt im äußersten Norden Russlands. Shelley hebt hervor, dass das Monster nicht ein zufälliges Forschungsergebnis war, sondern das erklärte Ziel monströser Absichten.

Natürlich habe ich auch Goethes „Faust“ erneut angeschaut. Schließlich ist Solschenizyns Roman „Im ersten Kreis der Hölle“ ein Vorbild. Im großen Korpus der russischen Literatur ist das der einzige Text, der die Frage nach der ethischen Verantwortung des Wissenschaftlers aufwirft. Das sind die literarischen Koordinaten meiner Schreibarbeit.

„Das perfekte Gift“ ist in einem der größten russischen Verlage erschienen. Gab es keine Schwierigkeiten bei der Publikation?

Wenn ich mich in einem Sachbuch zur Skripal-Affäre geäußert hätte, dann wäre eine Publikation wohl nicht möglich gewesen. Alle Untersuchungen zu diesem Thema kommen aus dem Ausland, etwa von Mark Urban oder Luke Harding. Es ist gleichzeitig eine Stärke und eine Schwäche der Belletristik, dass sie aktuelle Themen unter dem Schleier der Fiktion behandeln kann. Meine Bücher sind schmerzhaft für die russischen Leser, die sich in einer konstanten Verweigerungshaltung gegenüber der politischen Realität befinden. Sie können deshalb auch nicht populär sein.

Sergej Lebedew

Das perfekte Gift
Übersetzt von Franziska Zwerg

S. Fischer
256 Seiten
Hardcover
22,00 Euro
ISBN 978-3-10-397058-6
Zum Verlag

„Das perfekte Gift“ würde sich auch fürs Kino gut eignen.

Ich habe einzelne Szenen streng visuell komponiert und mit Blick auf eine mögliche Verfilmung geschrieben. Ich wollte ein breiteres Publikum erreichen. Sowohl westliche als auch russische Filmstudios haben Interesse an dem Stoff angemeldet. Seit die New York Times Anfang des Jahres ein Porträt über mich gebracht hat, erreichen mich viele Anfragen.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Werken die ideologisch starre russische Geschichtspolitik aufzumischen vermögen?

Nicht wirklich. Während der Perestroika wollten wir alles mit dem Wort und mit der Literatur ändern. Es bestand ein wunderbarer Glaube an die Wahrheit. Wir meinten, es reiche, sie auszusprechen, und alles würde von selbst gut werden. Niemand wurde für die Verbrechen der Vergangenheit strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.

Ich habe zu Hause ein privates Fotoalbum. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1914 zeigt eine enorme Familie mit etwa fünfzig Angehörigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb von all diesen Menschen nur noch meine Großmutter übrig. Alle anderen waren dem Ersten Weltkrieg, der Revolution, dem Stalin-Terror oder der Leningrader Blockade zum Opfer gefallen. Ich bin der Letzte in dieser Linie.

Wie sehen Sie die Zukunft Russlands?

Die russische Gesellschaft weigert sich immer noch, Verantwortung für die Verbrechen der Vergangenheit zu übernehmen. An dieser Abwehrhaltung sind die Perestroika und die demokratische Transformation gescheitert. Heute ist das Hauptthema der Opposition der Kampf gegen die Korruption, in der Perestroika war es der Kampf gegen die Privilegien der Nomenklatura.

Allerdings ist Korruption überhaupt nicht das wichtigste Thema der vergangenen dreißig Jahre. Der Tschetschenienkrieg übertrifft an Blutzoll und Grausamkeit alles, was unter Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow geschah – mit Ausnahme des Afghanistankriegs, der jedoch eine Auslandmission war. Wir haben monströse Verluste erlitten.

Der Tschetschenienkrieg ist das Schwarze Loch, aus dem die heutige Gesetzlosigkeit in Russland entstanden ist. Er ist die Wurzel des Übels, aber wir sprechen über die Korruption, über große Paläste und darüber, wer wem wie viele Millionen gestohlen hat.

Ist das auch eine Kritik an Nawalny?

Ja, natürlich. Mir gefriert das Herz, wenn ich sehe, wie sehr die Wertepyramide sich verkehrt hat. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit wiegen hundertmal schwerer als alle gestohlenen Geldsummen. Für mich ist der Totalausfall des moralischen Kompasses in Russland das Schlimmste.

Ich war 2004 in Beslan, und ich verbrachte später einige Tage in einer Moskauer Klinik, wohin man die verletzten Kinder gebracht hatte. Diese Kinder wiesen Kriegswunden auf. Ich war überzeugt, dass mein Land eine solche Tragödie nicht einfach achselzuckend zur Seite schieben konnte. Als genau das geschah, habe ich verstanden, dass das Rückgrat und das Herz des Landes gebrochen waren.

Und Beslan war der Grund, warum Sie vom Journalismus zur Literatur gewechselt haben?

Das war ein langer Prozess. Ich habe eingesehen, dass Zeitungsartikel immer weniger Einfluss und damit auch kaum mehr Sinn haben. Ich habe also gewissermaßen von 2-D auf 3-D umgestellt. Die Zeitungsseite ist flach, das Buch weist eine gewisse Dicke auf. Ein Buch hat eine andere Lebensdauer als eine Zeitungsseite. Die Zeitung hält einen Eindruck aus der historischen Zeit fest, das Buch existiert hingegen selbst in der historischen Zeit. Das Buch ist eine Flaschenpost, die ich an meine zukünftigen Leser sende.

Dieser Beitrag ist ursprünglich am 11.10.2021 erschienen in: Neue Zürcher Zeitung / © Neue Zürcher Zeitung.