Belarus

Belarus: Wir leben unter Besatzung

Die Revolution in Belarus ist nicht vorbei, sagt die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch

von Sonja Zekri
Swetlana Alexijewitsch
In Opposition gegen Lukaschenko: Swetlana Alexijewitsch hat für ihre Bücher über Tschernobyl oder den Afghanistankrieg eine literarische Gattung entwickelt, den „Roman in Stimmen“. Sie bekam 2015 den Literaturnobelpreis.

Seit September lebt die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch auf Einladung des DAAD in Berlin. Sie verließ Belarus, nachdem die Einschüchterungen durch die Regierung von Präsident Alexander Lukaschenko zu bedrohlich geworden waren. Wann sie zurückkehren kann, ist völlig offen.

Swetlana Alexijewitsch lebt zurückgezogen, gibt selten Interviews, und wenn sie doch einmal das Haus verlässt, erkennen sie die Wenigsten. Da geht es den Berlinern nicht anders als Michail Gorbatschow. Der sowjetische Generalsekretär wartete mal eine halbe Stunde auf sie. Was sich diese Alexijewitsch herausnehme, fragte er unwirsch, ehe er begriff, dass sie die ganze Zeit ein paar Meter entfernt stand. Gorbatschow, einlenkend: Sie sei eben klein. Alexijewitsch, unerschrocken: Er sei ja auch nicht gerade ein Titan.

Es ist eine der wenigen heiteren Geschichten an diesem Nachmittag in Alexijewitschs Wohnung, einem Berliner Altbau mit imposanter Deckenhöhe, riesigem Kamin und endlosem Schreibtisch. Was mit Gorbatschow begann, könnte in Belarus sein Ende nehmen: das lange Sterben des Kommunismus. Mit ihren gewaltigen vielstimmigen Chroniken dokumentiert Swetlana Alexijewitsch dieses Ende nicht nur – sie beschleunigt es.

Mit Swetlana Alexijewitsch sprach Sonja Zekri.

 

Die Proteste in Belarus sind abgeebbt. Die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja hat zugegeben, dass der Versuch, Lukaschenko zu stürzen, vorerst gescheitert ist. War es das mit dem Aufbruch?

Swetlana Alexijewitsch: Natürlich nicht. Aber wie soll ich von den Menschen verlangen, dass sie auf die Straße gehen, wenn ich selbst ausgereist bin? Die meisten Mitglieder des alten siebenköpfigen Koordinationsrats sind im Exil oder im Gefängnis, deshalb hat sich ein neuer Koordinationsrat gebildet, dessen Kern aus 50 Personen besteht. Der gesamte Rat hat 3000 Mitglieder. Der Protest sucht andere Formen.

Welche?

Am Tag der Freiheit im März wimmelte es nur so von Soldaten und Militärfahrzeugen. Also haben sich die Menschen vor ihre Häuser gestellt, ohne Symbole, ohne Zeichen. Ich bin da, hieß das. Ich bin dagegen. 40 000 Menschen wurden bislang festgenommen, geschlagen, verkrüppelt oder umgebracht. Jede Familie ist betroffen, das ganze Volk wurde gedemütigt. Das werden wir nicht vergessen.

Dachten Sie, der Protest würde schneller siegen?

Die Jüngeren dachten das. Selbst wir Älteren hofften, dass sich die Ressourcen der Mächtigen bald erschöpfen. Der Anfang hatte uns alle überwältigt. Frauen in weißen Kleidern. Überall wehten weiß-rot-weiße Fahnen, Luftballons stiegen auf, Musik spielte. Ein Fest!

Wir erinnerten uns daran, wie es in den Neunzigerjahren angefangen hatte. Eine romantische Zeit! Damals waren wir überzeugt, dass wir nur die Kommunisten loswerden müssen, dann wartet die Freiheit um die Ecke. Auch in den Neunzigern dachten wir, die Freiheit sei ein Fest.

Dabei kam es ganz anders. Unternehmen schlossen, die Menschen verloren ihre Arbeit, einige wurden reich, andere stürzten in entsetzliches Elend. Selbst wenn wir in Belarus siegen, fürchte ich, dass wir nie wieder so einig sein werden wie jetzt.

Haben Sie Lukaschenko unterschätzt?

Wir haben sehr darüber gestritten, was für eine Revolution wir wollen. Ich wollte kein Blut, ich fürchtete Blutvergießen. Ich habe die anderen gewarnt, wenn es zu Gewalt komme, werden Hunderte sterben – es würde schlimmer als auf dem Maidan in Kiew.

Man muss nur in Minsk aus dem Fenster schauen und sieht Dutzende gepanzerte Fahrzeuge, Militärtransporter voller Soldaten. Was sollen wir ihnen entgegensetzen? Luftballons? Für uns ist das unbekanntes Territorium.

Welche Chance hat der Protest?

Belarus ist ein Beispiel für eine neue Art der gewaltlosen Revolution. Wir wollten es ohne Blutvergießen schaffen. Es war ein idealistischer Plan. Und die Menschen haben ihre Überzeugungen bis heute nicht aufgegeben, aber sie wissen, dass der Preis dafür hoch ist.

Musste man nicht damit rechnen, dass die „letzte Diktatur Europas“ sich rücksichtslos verteidigt?

Ich war verblüfft, wie schnell die stalinistische Maschine wieder angelaufen ist. Niemand hatte irgendetwas vergessen. Überall tauchten Spitzel auf, die lokalen KGB-Abteilungen laufen auf vollen Touren. Ein Arzt denunziert seinen Vorgesetzten, dieser wird entlassen, und der Denunziant bekommt seinen Posten. Das ist das Terrorjahr 1937 in Reinform. Darüber sind Bibliotheken geschrieben worden, jetzt wiederholt sich alles bei uns.

Sie schreiben ein Buch darüber?

Ja. Tschechow hat gesagt, die Aufgabe der Literatur sei es, eine Diagnose zu stellen. Viele Menschen rufen mich an, schicken mir ihre Erinnerungen. Bei allen finde ich dieselbe Ratlosigkeit, dieselbe Verstörung.

Wir wollen ein unabhängiges, wohlhabendes Land schaffen. Aber wie? Wir leben zwischen zwei Gefahren: Lukaschenko und Russland. Ich bin Schriftstellerin, keine Politikerin, in meinem Buch suche ich Antworten auf diese Frage. Wissen Sie, was die Menschen sagen, wenn ich frage, wie es in Belarus ist? Swetlana, wir leben unter Besatzung.

Was berichten sie noch?

Sie erzählen von ihrem absurden, schrecklichen Leben. Von einem Pizzaboten, der verhaftet wurde, weil er auf einem roten Fahrrad mit roter Tasche Pizza austrug, es war die Farbe des Unternehmens. Oder von einem Mann, dessen Wohnungstür aufgebrochen wurde, weil auf seinem Balkon eine rote Unterhose auf der Wäscheleine hing. Rot und weiß sind die Farben unserer Revolution. Zu Neujahr durften die Weihnachtsmänner keine roten Mäntel und Mützen tragen, nur blaue. Es ist ein Irrsinn. Und das ganze Volk lebt so.

Im Internet sind Aufnahmen, wie Menschen auf offener Straße verschleppt werden, während Passanten so tun, als wäre nichts. Ist das Angst oder halten einige noch immer zu Lukaschenko?

Einige wenige glauben noch an ihn. Andere hassen ihn. Dazwischen liegt eine Grauzone jener, die sich nicht entschieden haben. Sie fürchten den Wandel, sind zufrieden damit, dass sie ausländische Autos kaufen, Urlaub in Ägypten machen und Kleidung aus China kaufen können. Das alles hatten sie vorher nicht. Sie fürchten, dass nach Lukaschenko das russische Kapital kommt, dass Fabriken und Unternehmen billig aufgekauft und die Kolchosen aufgelöst werden. Sie haben Angst vor Russland, vor diesem russischen Modell des Kapitalismus.

Davon wird Ihr Buch handeln?

Ja. Und auch davon, wie Belarussen ihre eigenen Landsleute umbringen und verhöhnen konnten. Die Entlassenen haben berichtet, dass sie im Gefängnis Schreie von Männern hörten, die nicht mehr menschlich klangen, sondern wie die Schreie von Tieren. Vor den Gefängnissen warteten die Mütter und Väter auf ihre Kinder und hörten sie ebenfalls... Das müssen Sie sich vorstellen!

Die Kleidung der Gefangenen wird mit Farben markiert, rot für die Opposition, mit denen kann man machen, was man will. Andere werden gelb oder blau gekennzeichnet. In den Zellen wird Chlor ausgestreut, das die Augen und die Lungen verätzt. Wo haben die Belarussen das gelernt?

Sie haben deutsche Politiker getroffen, den Außenminister, den Bundespräsidenten. Was haben Sie ihnen gesagt?

Ich denke, dass Europa nicht ganz begreift, welche große Gefahr von Belarus ausgeht. Es geht ja nicht nur darum, dass wir leiden. Die Stabilität Europas steht auf dem Spiel. Es kann einen Bürgerkrieg geben, Flüchtlingswellen.

Belarus ist die letzte Bastion des Kommunismus. Und wenn der Kommunismus siegt, wird es nationalistische Bewegungen und autoritäre Regierungen stärken – in Russland, in Polen, in Ungarn.

Was antworten die Politiker Ihnen?

Natürlich liegt auf Belarus der Schatten Russlands. Wir hören eindrucksvolle Worte der Unterstützung, aber wir brauchen jetzt Taten. Sanktionen gegen einzelne Regierungsmitglieder bewirken nicht viel. Wir brauchen eine entschiedenere Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft.

Mehr als drei Millionen Belarussen starben vor 80 Jahren nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion, ein Viertel der Bevölkerung. Sind sich die Deutschen dieser historischen Verantwortung bewusst?

Die Deutschen wissen wenig über uns. Ich habe viel darüber nachgedacht, warum das so ist. Vielleicht sehen sie uns als Teil Russlands, wir sind ein so kleines Land, ein Krümel am Rand der großen Reiche.

Hat die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs die Widerstandskraft der Belarussen gebrochen? Lange dachte man das.

Unsere Erfahrung von Katastrophen ist noch älter. Iwan der Schreckliche hat im 16.  Jahrhundert die unabhängigen belarussischen Städte niederbrennen lassen. Es gibt eine historisch bedingte Lähmung, ein Gen der Angst. Aber da ist auch etwas anderes, Sklavenhaftes. Selbst die Ältesten von uns können sich nicht an ein Leben in Freiheit erinnern. Wir haben keine Erfahrung mit der Freiheit. Es ist ja nicht so, dass ein Mensch sein Leben im Lager verbringt, entlassen wird und sofort frei ist. Dieser Mensch weiß nichts über die Freiheit. Wie kann er frei sein?

Und die Jungen?

Sie atmen eine andere Luft. Sie beherrschen die Technologien, das Internet. Die meisten Inhaftierten sind Akademiker, Unternehmer, Firmengründer, Studenten. Journalisten werden festgenommen, weil sie ihre Arbeit machten. Das ist das Erschütterndste. Dies ist keine Hungerrevolution, sondern eine Revolution der Würde.

Welche Rolle spielt das Internet?

Die sozialen Medien retten uns, Facebook, Telegram, Internetseiten wie Tut.by oder der Telegram-Kanal Nexta. Die Regierung glaubt, wenn sie Fernsehen und Zeitungen kontrolliert, reicht das. Und weil alle wissen, dass nur die sozialen Medien ein realistisches Bild zeichnen, haben das jetzt auch die Älteren gelernt. 70-, 75-Jährige verbringen ihre Zeit im Internet.

Es gibt Berichte, dass Belarussen in Russland festgenommen und ausgeliefert werden.

Ja, das stimmt. Eine Freundin wollte, dass ich sie besuche, dann sagte sie, um Gottes willen, komm nicht. Russland ist für uns nicht mehr sicher.

Fühlen Sie sich sicher in Berlin?

Ich habe keine Angst.

Wenn Lukaschenko doch geht – wer könnte ihm nachfolgen?

Viktor Babariko wäre ein guter Kandidat...

Der Ex-Bankier, der bei den Wahlen 2020 gegen Lukaschenko antreten wollte und seitdem im Gefängnis sitzt.

Oder Pawel Latuschko.

Ein Ex-Kulturminister und Ex-Theaterdirektor, derzeit im Exil in Polen.

Oder Swetlana Tichanowskaja, die unsere Revolution anführt. Die Menschen lieben sie.

Werden Sie Ihr Buch beenden, ehe Lukaschenko geht?

Ich hoffe doch, dass er geht, ehe ich fertig bin. Ich schreibe sehr langsam.

 

Dieses Interview ist ursprünglich erschienen in der Süddeutschen Zeitung, 5.4.2021 / Alle Rechte vorbehalten: Süddeutsche Zeitung GmbH

 

Siehe auch: "Belarus: ‚Wir wollten keine Gewalt': Zwei Nobelpreisträgerinnen wundern sich über die stetige Wiederkehr der Diktatur“, KARENINA, 27.2.2021