Deutsch-russische Beziehungen

‚Die Deutschen sind unendlich dumm‘

Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski will die europäischen Widersprüche endgültig lösen

Dostojewski
Fjodor Dostojewski

Fjodor Dostojewskis Werk scheint zweihundert Jahre nach seiner Geburt aktueller denn je. In zahlreichen Fragen vertritt der Schriftsteller pointierte Positionen. Ulrich M. Schmid hat sich auf klandestinen Wegen mit dem russischen Romancier unterhalten.

Ulrich Schmid: Fjodor Michailowitsch, im Jahr 2014 hat Russland die Krim annektiert. Wie beurteilen Sie dieses Ereignis?

Fjodor Dostojewski: Kürzlich habe ich in den „Moskauer Nachrichten“ einen Artikel über die Krim gefunden. Dort wird der kühne Gedanke formuliert, dass man die Tataren nicht schonen sollte, sie sollen abgeschoben werden, und an ihrer Stelle sollen Russen die Halbinsel kolonisieren. Ich bin von ganzem Herzen einverstanden, weil ich schon lange so über die „Krimfrage“ denke. Wenn die (selbstverständlich etappenweise) Ansiedlung von Russen außerordentliche Aufwendungen des Staats erfordern sollte, so müsste man sich auf jeden Fall dafür entscheiden. Eines ist allerdings sicher: Wenn die Russen diesen Ort nicht besetzen, dann werden sich die Juden darauf stürzen und den Boden zugrunde richten.

Die Pandemie hat auch in Russland zu einer starken Steigerung der Staatsausgaben geführt. Was raten Sie hier?

Mein Gedanke, meine Formel lautet: Wenn du in einem Staat, der gewisse Erschütterungen durchgemacht hat, gute Staatsfinanzen erzielen willst, so denke weniger an die laufenden Bedürfnisse als an die Gesundung der Wurzeln – und so kommst du zu einem ausgeglichenen Finanzhaushalt.

Die Türken und Russen blicken auf eine lange Geschichte von Kriegen zurück. Präsident Erdoğan hat die Hagia Sophia wieder in eine Moschee verwandelt. Wie soll sich Russland in dieser Situation verhalten? Soll es das orthodoxe Byzanz verteidigen?

Jawohl, das Goldene Horn und Konstantinopel, all das wird uns zufallen, aber nicht durch Eroberung oder Gewalt. Es wird ganz von selbst geschehen, weil die Zeit gekommen ist. In wessen Namen, im Namen welchen moralischen Rechts kann Russland heute Konstantinopel fordern? Als Anführerin, Beschützerin und Bewahrerin der Orthodoxie. Zu diesem Bund könnten schließlich auch irgendwann die orthodoxen europäischen Slawen stoßen, denn sie werden selbst erkennen, dass sie sich ohne diese riesige vereinigende Kraft vielleicht wieder in gegenseitigen Kämpfen und Konflikten verlieren.

Das Verhältnis zwischen Europa und Russland ist nachhaltig gestört. Warum ist das so?

Was hat denn Russland in den vergangenen Jahrhunderten getan, wenn nicht Europa gedient, vielleicht sogar mehr als sich selbst? Oh, die Völker Europas wissen nicht einmal, wie sehr wir sie lieben. Ein richtiger Russe zu werden, heißt: danach zu streben, die europäischen Widersprüche endgültig zu lösen, der europäischen Schwermut den Ausweg in die russische Seele zu weisen und vielleicht schließlich das letzte Wort einer großen, allgemeinen Harmonie, eines brüderlichen, endgültigen Einverständnisses aller Nationen in Christi froher Botschaft zu sprechen.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland befinden sich nach dem Mord an einem tschetschenischen Oppositionellen in Berlin und der Vergiftung Alexei Nawalnys auf einem Tiefpunkt. Wie nehmen Sie Deutschland wahr?

In Deutschland überrascht mich vor allem die Dummheit des Volkes. Die Deutschen sind unendlich dumm, sie sind unfassbar dumm. Wir dagegen haben eine Nation gebildet, Asien für immer gestoppt, unendlich viele Qualen erlitten, wir wussten sie zu erleiden, wir haben den russischen Gedanken nicht verloren, der die Welt erneuern wird, wir haben ihn gestärkt, wir haben schließlich die Deutschen ertragen, und trotzdem ist unser Volk unendlich viel höher, edler, ehrlicher, naiver, fähiger und beseelt von einem anderen, höchsten christlichen Gedanken, den Europa mit seinem verfaulten Katholizismus und seinem dummen, widersprüchlichen Lutheranertum nicht versteht.

Und wie blicken Sie auf die Schweizer?

Oh, wie dumm, stumpf, nichtig ist dieser Volksstamm! Das bürgerliche Leben in dieser schäbigen Republik ist bis zum nec plus ultra entwickelt. In der Regierung und in der ganzen Schweiz gibt es nur Parteien und ein ewiges Gezänk, Pauperismus, schreckliches Mittelmaß überall.

Sie wettern gegen den Sozialismus und sehen ihn als Gipfel der Zerstörung jeglicher Freiheit der Menschen. Bietet der Liberalismus bessere Perspektiven?

Was ist Liberalismus, allgemein gesprochen, wenn nicht eine Attacke auf die gegenwärtige Ordnung der Dinge? Ist es nicht so? Die Liberalen gehen so weit, dass sie Russland selbst verneinen, mithin ihre eigene Mutter hassen und schlagen. Jedes unglückliche und negative russische Phänomen reizt sie zum Lachen und weckt in ihnen Triumphgefühle. Sie hassen die nationalen Traditionen, die russische Geschichte, alles. Wenn es für sie eine Rechtfertigung gibt, so ist sie allenfalls darin zu suchen, dass sie nicht wissen, was sie tun, und dass sie ihren Hass auf Russland für einen besonders zukunftsträchtigen Liberalismus halten.

Lassen Sie uns über die Religion sprechen. Sie sind ein überzeugter Anhänger des russisch-orthodoxen Glaubens.

Der Russe kennt nichts Höheres als das Christentum und kann sich auch nichts Höheres vorstellen. Er nennt sein ganzes Land, seine ganze Gemeinschaft, ganz Russland – Christentum. Denken Sie doch an die Orthodoxie: Sie besteht doch nicht nur in kirchlichen Gebräuchen, sie ist ein lebendiges Gefühl, das sich bei unserem Volke in ein lebensspendendes Element verwandelt hat. Ohne dieses Element kann keine Nation leben.

Wie stehen Sie zu anderen Konfessionen, was halten Sie von Atheisten?

Der römische Katholizismus ist noch schlimmer als der Atheismus. Jawohl, das ist meine Meinung! Der Atheismus verkündigt nur die Null, der Katholizismus aber geht weiter: Er verkündigt den entstellten Christus, den er selbst verleugnet und geschändet hat, den Gegen-Christus! Er verkündigt den Antichrist, ich schwöre es Ihnen! Der römische Katholizismus glaubt, dass eine Kirche, die nicht ein mächtiger Weltstaat ist, sich auf dieser Erde nicht wird behaupten können, und ruft: Non possumus! Meine Meinung ist, dass der Katholizismus sogar nicht einmal eine Religion, sondern ganz eindeutig die Fortsetzung des Weströmischen Imperiums ist und dass alles an ihm von dieser Idee beherrscht ist, beim Glauben angefangen. An die Stelle des tausendjährigen römischen Katholizismus wird durch den Willen der Vorsehung das wiedergeborene östliche Christentum treten.

Was ist in Russland besser?

Wenn ich noch irgendwo die Saat und die Idee der Zukunft sehe, so nur bei uns, in Russland. Warum gerade bei uns? Weil bei uns, in unserem Volke, und zwar bei der überwiegenden Zahl, sich bisher das Prinzip erhalten hat, dass die Erde alles sei, dass das Volk alles aus der Erde und von der Erde bekomme. Das Wichtigste aber ist, dass es das normale Menschengesetz ist. In der Erde, in der Scholle, steckt etwas Sakramentales. Die Kinder müssen auf der Scholle und nicht auf dem Pflaster geboren werden. Später kann man wohl auf dem Pflaster leben, aber geboren werden und heranwachsen muss die Nation in ihrer überwiegenden Zahl unbedingt auf der Erde, auf der Scholle, auf der das Getreide und die Bäume wachsen. Weil bei uns, in unserem Volke, sich das Prinzip erhalten hat, dass die Erde alles sei, dass das Volk alles aus der Erde und von der Erde bekomme.

Sie sind einer der erfolgreichsten Autoren der Weltliteratur. Was macht gute Literatur aus?

In der Dichtung braucht es Leidenschaft, eine eigene Idee ist nötig und unbedingt der energisch erhobene Zeigefinger. Gleichgültigkeit und die detailtreue Wiedergabe der Wirklichkeit bringen buchstäblich nichts, und – was wichtiger ist – es bedeutet nichts. Solche Kunst ist überflüssig: Ein einfacher, auch nur minimal aufmerksamer Blick wird in der Wirklichkeit viel mehr entdecken.

In jüngster Zeit wird gefordert, dass die Menschen angesichts der Herausforderungen durch den Klimawandel, den Populismus und die Pandemie „woke“ sind. Wie stellen Sie sich dazu?

Die Wahrheit ist nicht außerhalb deiner, sondern in dir selbst; finde dich in dir selbst, füge dich dir selbst, bemächtige dich deiner selbst, und du wirst die Wahrheit sehen. Wenn du dich besiegst, wenn du an dir selbst arbeitest, wirst du so frei sein, wie du es dir niemals hast träumen lassen, und du wirst ein großes Werk beginnen und die andern frei machen und das Glück erblicken, denn dein Leben wird voll werden, und du wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen.

Sämtliche Antworten Dostojewskis sind Originalzitate.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen am 7. Januar 2021 im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung. Wir danken für die freundliche Genehmigung, ihn auf KARENINA publizieren zu dürfen.