Weiße Rose

Gegen Hitler und Bolschewismus

Die russische Seele der Weißen Rose: Alexander Schmorell aus Orenburg

Alexander Schmorell auf einer bearbeiteten Photographie von Angelika Knoop-Probst (1918–1976), der Schwester von Christoph Probst, Ostern 1939 bei Marienau

Über die Entstehung des Namens der Weißen Rose gibt es unterschiedliche Versionen. Nach Nikolai Nikolaeff-Hamazaspian (1921 – 2013), dem armenischen Freund Alexander Schmorells, der diesem nach Aufdeckung der Widerstandsgruppe mit seinem bulgarischen Pass zur Flucht verhelfen suchte, war es Schmorell, welcher der Gruppe den Namen gab. Er soll dabei an Dostojewskis Legende vom Großinquisitor gedacht haben, in welcher der wiedergekehrte Heiland zu Sevilla ein Mädchen von den Toten erweckt: Auf die Worte „Talitha Kumi“ erhebt sich das Mädchen und hält in den Händen einen Strauß weißer Rosen, mit denen es zuvor im Sarg lag. Die weiße Rose wäre somit ein Symbol der Auferstehung, vielleicht auch des Sieges über die Herrschaft der Lüge und die Verkehrung des Rechts, in der Legende verkörpert durch den Großinquisitor.

Alexander Schmorell wurde am 3./16. September 1917 in Orenburg als Sohn des deutschen Arztes Hugo Schmorell und der russischen Priestertochter Natalja Wwedenskaja geboren und in der Peter-Pauls-Kathedrale getauft. Nach dem Tod der Mutter Alexanders heiratete Hugo Schmorell die Deutsche Elisabeth Hoffmann. 1921 floh die Familie vor den Bolschewiken nach Deutschland, wo sich der Vater in München niederließ.

Das Kindermädchen Feodossija Lapschina, das die Familie nach Deutschland begleitete, erzog Alexander im orthodoxen Glauben und brachte ihm und seinen Geschwistern russische Märchen und Lieder bei. Durch den Priester der russischen Kirche in München erhielt Alexander privat orthodoxen Religionsunterricht.

SA-Reitersturm und russische Kultur

Die Familie Schmorell sprach Russisch und pflegte die Erinnerung an die verlorene Heimat. In ihrem Hause verkehrte der Maler Leonid Pasternak, der Vater des Dichters des Doktor Schiwago und Nobelpreisträgers Boris Pasternak. Die Pflege der russischen Kultur brachte zunächst jedoch auch den orthodoxen Alexander nicht in Gegensatz zu seiner deutschen Umgebung.

Im Gegenteil: Mit seinem Halbbruder Erich trat Alexander Schmorell 1933 dem deutschnationalen Jungstahlhelm bei. Im Zuge der Gleichschaltung wurde dieser der SA unterstellt, deren Reitersturm Alexander angehörte.

Widerspruch zum Nationalsozialismus regte sich bei Alexander allerdings schon früh. Wie sich sein jüngerer Bruder erinnerte, nannte Alexander Spielkameraden gegenüber Hitler bereits nach dem Röhmputsch 1934 einen Mörder.

Als er 1937 zum Heer eingezogen wurde, geriet er in einen Gewissenskonflikt, da er einen Treueid auf Hitler leisten musste. Dies meldete er seinem Abteilungskommandanten mit der Bitte um Entlassung aus der Wehrmacht.

Wie er im Verhörprotokoll der Gestapo 1943 bekannte, hatte er innerlich Hemmungen, da er „einerseits den Rock des deutschen Soldaten trug“ und „andererseits für Russland sympathisierte“. Durch Immatrikulation an der medizinischen Fakultät der Universität München konnten er und sein Schulfreund Christoph Probst (1919 – 1943) den Militärdienst ein halbes Jahr früher beenden.

Erste Flugblätter der Weißen Rose

Schon 1940 hatte er in der 2. Studentenkompanie Hans Scholl (1918 – 1943) kennengelernt. Mit ihm verfasste und verbreitete er im Sommer 1942 die ersten vier Flugblätter der Weißen Rose, die zum Widerstand gegen den Unrechtsstaat aufriefen.

In diesem Sommer wurden die beiden und Willi Graf (1918 – 1943) als Sanitätsfeldwebel an die Ostfront nach Gschatsk (seit 1968 Gagarin) in der westrussischen Smolenstschina abkommandiert. Alexander nahm Kontakt mit dem örtlichen Priester und der Bevölkerung auf. Die Studenten erlebten diesen Sommer als eine glückliche Zeit, in der sie sich für die Kultur des Landes begeisterten.

In einem Brief in die Heimat schrieb Hans Scholl über Schmorell und die Russen: „Wie schade wäre es, wenn zu ihnen auch das Misstrauen und der Geschäftsverkehr von uns ,hochstehenden‘ Europäern hineingetragen würde. Auch Schurik hat diese bezeichnenden Eigenschaften, dieses Vertrauen jedem gegenüber und schrankenlose Hilfsbereitschaft.“

Im Herbst 1942 kehrten sie nach München zurück. Alexander erklärte einer Freundin: „Es war die schönste, reichste Zeit meines Lebens gewesen – diese drei Monate, sie erschienen mir lang wie ein ganzes Leben.“

Fluchtversuch in die Schweiz

Nach der Rückkehr nach Deutschland erweiterten die Studenten ihren Widerstands- und Aktionskreis. Am 18. Februar 1943 wurden Hans Scholl und seine Schwester Sophie (1921 – 1943) verhaftet. Alexander versuchte, in die Schweiz zu fliehen. Schneestürme zwangen ihn zur Rückkehr nach München, wo ihn eine Bekannte an die Gestapo verriet.

Nach der Verhaftung gab Schmorell zu Protokoll: „Vorweg will ich unterstreichen, dass ich Russland nicht mit dem Begriff des Bolschewismus gleichsetze, im Gegenteil ein offener Feind des Bolschewismus bin. Nichts sähe ich lieber, als wenn der Bolschewismus verschwände, aber natürlich nicht auf Kosten so wichtiger Gebiete, wie sie Deutschland bisher erobert hat, die ja fast das ganze Kernrussland umfassen. Ich glaube, Sie würden als Deutscher nicht anders denken, wenn angenommen Russland einen so großen Teil Deutschlands erobert hätte, wie es Deutschland im Osten getan hat! Das ist doch ein selbstverständliches Gefühl – es ist direkt ein Verbrechen, wenn man seinem Vaterlande gegenüber in einem solchen Falle andere Gefühle entgegenbrächte. Das würde doch besagen, dass man ein heimatloser Mensch ist, irgendein internationaler Schwimmer, bei dem es sich nur darum dreht, wo es ihm am besten geht.“

Alexander Schmorell in der Todeszelle

In der Todeszelle las er Schriften des heiligen Theodor Studites, der während des oströmischen Bildersturms des 9. Jahrhunderts als Bekenner verhaftet worden war. Am Morgen des 13. Juli 1943 wurde Alexander mitgeteilt, dass er abends hingerichtet werden sollte. In seinem Abschiedsbrief schrieb er seinen Eltern die Zeile: „Eins vor allem lege ich Euch ans Herz: Vergesst Gott nicht!“ – Worte, die nach seiner Kanonisierung auf seiner Ikone festgehalten wurden.

Nach Ablegung der Beichte und Empfang der Kommunion durch Archemandrit Alexander Lowtschy, den späteren Erzbischof von Berlin und Deutschland, besuchte ihn sein Rechtsanwalt Siegfried Deisinger. Schmorell teilte ihm mit, dass er seiner Bekannten, die ihn verraten hatte, verziehen habe und bat den Anwalt, dafür zu sorgen, dass ihr kein Schaden zugefügt würde, sollte man sie einst zur Verantwortung ziehen: „Denn ich bin überzeugt, dass mein Leben, so früh es auch erscheinen mag, in dieser Stunde beendet sein muss, da ich durch meine Tat meine Lebensaufgabe erfüllt habe. Ich wüsste nicht, was ich noch auf dieser Welt zu tun hätte, auch wenn man mich jetzt entlassen würde.“

Unweit des Grabes Alexander Schmorells am Perlacher Forst in München hat die Russische Kirche des Auslands in den 2000er-Jahren die „Kathedralkirche der Heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands“ errichtet, zu denen Alexander Schmorell seit seiner Kanonisierung 2012 als „Alexander von München“ zählt. Wenn ein Deutsch-Russisches Jugendwerk gegründet wird, sollte es seinen Namen tragen.

 

 

Белой розой (памяти Александра Шморелля)

Белой розой, крест в деснице, Александр преспокоен.
Невечерний свет же встретить. Он пресветел. Доблесть. Воин.
Оренбург — моя отчизна. Ухожу я в добрый час.
Душу не могу хранить я, даб я этим душу спас.
Имя мое — Александр. Муж-защитник. Я готов
За Того, Кто искупил мя, сам же пролить свою кровь.
Рад всему я, лучшей жизни и не мог бы я избрать.
Бога вы не забываете.
Шурик.
Я целую вас.
Белой розой, крест в деснице, Мнихов града светлый воин,
Невечерний свет он встретит плахой, сердцем преспокоен.

Philipp Ammon