Babi Jar

Das Massaker von Babi Jar

Der Massenmord an Juden in Babi Jar jährt sich zum achtzigsten Mal

von der KARENINA-Redaktion
Babi Jar Babyn Jar
Der Ort des Massakers: Eine Gedenkstätte am Rand der Schluchten erinnert an den Massenmord an Juden im September 1941.

Es war, so der Historiker Bert Hoppe, „das größte Einzelmassaker des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Boden“. Verübt haben es deutsche Polizisten, SS-Männer und Wehrmachtsangehörige, unterstützt von ukrainischen Milizionären, vor den Toren Kiews am 29. und 30. September 1941. Sie ermordeten an diesen beiden Tagen in Babi Jar, der Altweiberschlucht, binnen 36 Stunden 33 771 Juden, Frauen, Kinder, alte Leute zumeist, viele junge Männer hatten – kann man das überhaupt sagen – Glück, sie waren zum Wehrdienst in der Roten Armee abkommandiert worden.

Wenige Tage zuvor, die Rote Armee hatte sich aus der Stadt zurückgezogen, die Wehrmacht war eingerückt, war es zu mehreren Explosionen gekommen. Die erste Zeitzündermine, gelegt vom sowjetischen Geheimdienst, explodierte am 20. September, weitere Anschläge folgten. Dabei starben neben Einheimischen auch deutsche Soldaten. Das bot eine günstige Gelegenheit, die Kiewer Juden – ausschließlich Juden – zu töten, was ohnehin geplant war. Die Besatzer nannten es „Vergeltungsmaßnahmen“.

Der Marsch in die Todesschlucht

Mittels Plakaten forderten die Deutschen die jüdische Bevölkerung auf, sich am 29. September um 8 Uhr am westlichen Stadtrand einzufinden, um, so schien es, umgesiedelt zu werden. Sie sollten warme Kleidung mitbringen, Ausweise und Wertsachen.

Von dort wurden sie in einer unvorstellbaren Kolonne aus der Stadt geführt, den letzten Kilometer vor dem Ziel durch einen Panzergraben mit Stacheldrahtverhau, gesäumt von Bewaffneten. „Die ganze Strecke war beidseitig durch Postenketten deutscher und ukrainischer Polizisten abgesperrt“, so Hoppe.

Hoppe geht davon aus, dass am Anfang dieses abgeschirmten Bereichs die Eintreffenden gezählt wurden, „so dass die Sipo später die angesichts des Ausmaßes des Massakers irritierend exakte Zahl von 33 771 erschossenen Männern, Frauen und Kindern nach Berlin übermitteln konnte“.

Schließlich standen sie am südlichen Ausläufer von Babi Jar. „Auch das Exekutionsgelände war vollständig von deutschen Bewaffneten umstellt“, so Hoppe, „darunter zahlreiche Wehrmachtsangehörige.“ Die Menschen mussten ihre Koffer und Taschen abgeben, ihre Ausweise und Wertsachen.

Dann wurden sie an die Abhänge der Schlucht getrieben und – mit dem Gesicht zur Erde liegend – per Genickschuss ermordet. Als die Nacht hereinbrach, waren 22 000 Menschen tot. Nachdem dieses Drama am nächsten Tag planmäßig vollendet war, mussten sowjetische Kriegsgefangene die Leichen mit Sand bedecken, den Wehrmachtspioniere von den Steilwänden gesprengt hatten, und das Gelände einebnen.

Die Verfolgung von Juden war damit nicht beendet. Tausende weitere fielen in Kiew den Deutschen zum Opfer – auch durch Denunziationen der einheimischen Bevölkerung.

Gesamtzahl der Opfer in und um Babi Jar: 65 000

Als die Rote Armee anrückte, versuchten die Deutschen, die Spuren des Massenmords zu beseitigen. Häftlinge mussten, bewacht von SS-Männern und streng abgeschirmt von der Wohnbevölkerung, die Leichen ausgraben. „Welche Arbeiten die Häftlinge dort ausführten, konnten Außenstehende also nicht sehen, bald aber riechen“, schreibt Hoppe. Rauchschwaden seien aus der Schlucht aufgestiegen, der Gestank verbrannten Fleischs durch die Luft gezogen.

Als die Arbeit getan war, erkannten die Häftlinge, dass nun sie die letzten Opfer in Babi Jar werden sollten. Im Morgengrauen liefen einige davon. 18 entkamen lebend. 15 weitere, so Hoppe, „erlebten die Befreiung durch die Rote Armee. Die meisten wurden sogleich einberufen, vier von ihnen fielen bis Kriegsende.“

Die Gesamtzahl der in und um Babi Jar ermordeten und verscharrten Opfer schätzt Hoppe auf 65 000, darunter 1600 zivile Opfer, und 20 000 sowjetische Kriegsgefangene sowie 1700 Häftlinge in den Gefängnissen der Stadt.  PHK

Lesen Sie auch den hervorragenden, detaillierten Beitrag von Bert Hoppe in der Zeitschrift Osteuropa.