Kann die Ukraine siegen?

Der Krieg endet, wenn eine Seite ausgeblutet ist, das ist wahrscheinlich die Ukraine

von Tomas Avenarius
Bucha, Ukraine: zerstörte Panzer
Siegen wird in dieser Abnutzungsschlacht, wer länger durchhält: zerstörte russische Panzer in Butscha

Unbedingt Kurs halten im Ukraine-Konflikt: So fordert es der Bundeskanzler. Bei den Sanktionen, den Waffenlieferungen, den Finanzhilfen, „bis Putin seine kolossale Fehleinschätzung endlich erkennt“.

An Eindeutigkeit lässt Olaf Scholz es nicht fehlen. Nur, worauf genau hofft er? Die kolossale Fehleinschätzung einzusehen, würde bedeuten, dass Wladimir Putin seinen Angriffskrieg abbricht, dass er sich mit seinem ukrainischen Gegenspieler Wolodymyr Selensky an den Verhandlungstisch setzt. Warum aber sollte der russische Kriegsherr das in absehbarer Zeit tun?

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg benennt als einer der Ersten die üble Wahrheit. Bis die Waffen in der Ukraine schweigen, so Stoltenberg, könnten Jahre vergehen. Er bestätigte, was jeder in der Tagesschau verfolgen kann: Der ukrainisch-russische Konflikt hat sich festgefressen.

Auch wenn sich manche Voraussage als falsch erwiesen hat, ist offensichtlich, dass die vom Kreml geplante Blitzoperation sich zur Abnutzungsschlacht entwickelt hat. Das bedeutet, dass das ukrainische Gemetzel wohl erst endet, wenn einer der beiden Gegner im Wortsinn ausgeblutet ist. So, wie es derzeit aussieht, wird das eher die Ukraine sein und nicht Russland.

Das militärische Geschehen ist bewegungsarm. Es ist an den meisten Stellen zum Artillerieduell und Grabenkrieg geworden, flankiert von der Pulverisierung ganzer Städte, samt Häuserkampf in den Ruinen. Während die Verluste beider Seiten beständig steigen, bewegen sich die Kampflinien nur sehr langsam. Aber seit Längerem, wenn auch kaum merklich, verschiebt sich der Frontverlauf zum Vorteil Russlands.

Auch ukrainische Soldaten desertieren

Längst mehren sich die Klagen ukrainischer Frontsoldaten über fehlende Waffen und Munition. Es gibt jetzt nicht mehr nur gefeierte Helden, sondern auch von der Mangelwirtschaft an der Front frustrierte Soldaten. Sie wollen nicht zu Kanonenfutter werden. Die Ersten desertieren.

Und die anhaltenden Verluste treffen eine Generation ukrainischer Soldaten, die am höchsten motiviert ist, die seit Kriegsbeginn kämpft. Die Soldaten, die in den nächsten Wellen folgen, könnten weniger kampfstark sein.

Von flächendeckender Kriegsmüdigkeit ist dennoch wenig zu spüren. Viele Ukrainer glauben an den Sieg. Präsident Selensky beschwört die Rückeroberung aller besetzen Donbass-Gebiete, auch die Krim will er befreien. Er wird wissen, dass dies vorerst unerreichbar ist. Aber er muss es sagen, um den Durchhaltewillen zu stärken.

Berechtigte Zweifel am versprochenen Triumph und die Suche nach einem politischen Kompromiss nehmen in solch einer Stimmung das Stigma von Verrat an. Der Ruf nach einer Verhandlungslösung ist daher nur im Paket mit ukrainischen Maximalforderungen zu hören.

Kein Waffenstillstand in Sicht

So ist ein Kriegsende oder wenigstens ein Waffenstillstand nicht in Sicht. Für eine Fortsetzung der Materialschlacht sind die Waffenlager auf beiden Seiten vorerst noch ausreichend gefüllt. Während Putins Armee bereits museales Kriegsgerät aus den Depots holt, liefern Amerikaner und Europäer den ukrainischen Truppen modernere Waffen. Aber nicht zu viel und nicht zu wenig. So gleicht beim Kriegsgerät die Qualität die Quantität aus.

Den allmählichen Vormarsch von Putins Armee stoppen könnten die Unterstützer der Ukraine in Washington, London und Berlin nur, wenn sie weiterreichende Geschütze und Raketenwerfer liefern, Jets und Panzer ins Land schaffen. Was sie nicht tun werden, weil die Nato zur Kriegspartei würde. Kann die Ukraine so siegen?

Putin hingegen kann festhalten am Ziel eines irgendwie sichtbaren militärischen Erfolgs, wie verlustreich auch immer: Den Rest des Donbass erobern, vielleicht die Hafenstadt Odessa. Dass der Kremlchef seine „militärische Spezialoperation“ beendet, bevor er einen guten Teil dieser Ziele erreicht hat, ist unrealistisch.

Manches spielt ihm in die Hände. Massenhafte Antikriegsproteste gibt es in Russland keine, Putin desinformiert sein Volk, verschweigt die Toten und die Kosten. Dass er seinen Angriffskrieg abbrechen muss, weil ihm das Geld ausgeht, ist auch nicht wahrscheinlich.

Die Sanktionen mögen enorme Schäden nach sich ziehen, Russland ökonomisch, technologisch und gesellschaftlich zurückwerfen. Aber derzeit steigen die Öleinnahmen. Sie sind höher als vor Kriegsbeginn: China und Indien kaufen ungeniert und zum Vorzugspreis das Öl, auf das die Europäer unter Mühen verzichten.

Auch wenn die meisten Menschen in München, Köln und Berlin ihren Zeithorizont eher am anstehenden Sommerurlaub ausrichten, stimmt die Bundesregierung die Bürger längst auf Härten ein. Der Wirtschaftsminister redet von der drohenden Gefahr des Gasnotstands, der Finanzminister twittert, die „Gefahr einer Wirtschaftskrise ist real“.

Wenn die Folgen des Ukraine-Kriegs spürbar werden, wird es schwieriger werden für Scholz und seine Mitstaatsmänner, Solidarität einzufordern. Dann wird die Unterstützung für die Ukraine schneller bröckeln als erwartet.

Dies wäre ein Grund, in Kiew nicht nur auf den Sieg zu hoffen, sondern konsequenter an eine akzeptable Verhandlungslösung zu denken. Denn was einen baldigen ukrainischen Sieg mit der Rückeroberung aller Gebiete samt der Krim angeht: Der Wunsch ist verständlich. Aber die Chancen tendieren gegen null.

Dieser Beitrag ist ursprünglich erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 24.6.2022 / Alle Rechte vorbehalten: Süddeutsche Zeitung GmbH, München

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