Der Russenseelsorger

Der katholische Priester Heinrich Knechten betreut russischsprachige Gläubige

Heinrich Knechten in Datteln-Horneburg

#2 – Für die KARENINA-Reihe "Zwischen den Welten" entdeckt Gemma Pörzgen bemerkenswerte Menschen, die eng mit Russland und Deutschland verbunden sind.

„Mich hat schon immer alles interessiert, was östlich war", erinnert sich Heinrich Knechten an seine frühe Faszination für Russland. Bei einigen Lehrern brachte ihm das Ärger ein, denn mitten im Kalten Krieg waren die Vorurteile groß. „Wer sich mit russischer Kultur abgab, galt als jemand, der eine feindliche und gefährliche Ideologie unterstützte.“ So geschah es auch ein wenig aus Trotz, dass der Jugendliche sich noch stärker in die Romane von Lew Tolstoi und Fjodor Dostojewski vertiefte und eifrig Russisch lernte.

Heute ist der 71-jährige Knechten katholischer Priester und „Russenseelsorger“ in Datteln-Horneburg in einem ländlichen Gebiet bei Recklinghausen. Die Liebe zu Russland hat sein Leben begleitet.

Als junger Mann studierte er zunächst Religionsgeschichte und Sprachen in Bonn, bevor er 1978 zum katholischen Priester geweiht wurde. In Rom widmete er sich dann dem Studium des Kirchenslawischen und der Ostkirchenkunde.

1984 reiste Knechten erstmals nach Russland, zunächst auf Kirchenfahrten, dann auf eigene Faust mit dem Auto. „Damals hat man uns noch von den Kirchen ferngehalten“, erinnert sich Knechten an diese Reisen in die vom verordneten Atheismus geprägte Sowjetunion. Doch dank seiner Sprachkenntnisse knüpfte der Deutsche schon damals vorsichtig erste Kontakte zu Priestern und religiösen Menschen in Russland.

Im Kofferraum ließen sich auch unentdeckt ein paar Bibeln schmuggeln. Da Knechten oft Verwandte in der DDR und in der Tschechoslowakei besuchte, verstand er sich darauf, sich in einem kommunistischen Land umsichtig zu verhalten.

Russische Spiritualität erwacht

Über die vergangenen Jahrzehnte hat der Kirchenmann die Wandlungen in Russland intensiv miterlebt. „Ich bin mit dem Auto, dem Schiff und der Bahn bis in die entlegensten Winkel des Landes gereist“, so Knechten. „Die Kurilen, Sachalin, Tschita – ich habe da nichts ausgelassen.“ Dabei lernte er die wichtigen Klöster kennen, besuchte kleine Dorfkirchen und vertiefte sein Wissen über Land und Leute. „Ich habe viele Orte besucht, wo bedeutende Menschen gelebt und gearbeitet haben.“

Im neuen Russland erlebte er, wie die Klöster und Kirchen wieder zum Leben erwachten. Es erschienen wieder viele theologische Schriften, darunter auch Nachdrucke aus dem 19. Jahrhundert. Knechten kaufte viele dieser Bücher und brachte sie nach Deutschland, wo sie seine riesige Bibliothek mit 30 000 Büchern bereicherten.

„Nach so vielen Jahrzehnten ein geistliches Leben wieder aufzubauen, ist schwierig“, sagt der Theologe über das religiöse Leben in Russland. Besonders problematisch findet er, wenn sich Religion mit Nationalismus verbindet.

Eingeflossen sind viele seiner Erfahrungen auch in das umfangreiche Werk des Geistlichen, der 20 Bände über die „Russische Spiritualität“ verfasst hat. Dieses Thema hat ihn besonders fasziniert, aber auch die Geschichte, die vor allem eine „Geschichte des Leidens“ sei.

Lange orthodoxe Tradition in Horneburg

Als „Russenseelsorger“ ist er seit 1991 in Datteln-Horneburg tätig. Der Geschichtsschreibung nach hat bereits Zar Peter der Große 1698 auf seiner Reise von Amsterdam nach Wien in Horneburg Station gemacht haben. Russische Truppen nahmen 1814 auf ihrem Feldzug gegen Napoleon auf der Horneburg Quartier, heißt es. Schon damals richteten die Soldaten den Nebenaltar der Schlosskirche für ihren Gottesdienst ein, sodass schon vor 200 Jahren erstmals die Liturgie der Ostkirche dort gefeiert wurde.

Auch die seelsorgerische Arbeit mit russisch-orthodoxen Christen hat in dem Dorf eine lange Tradition und begann bereits 1959. Mit dem Bau einer neuen Kirche wurde die alte Schlosskirche frei, sodass sie in den folgenden Jahren an die ostkirchliche Liturgie angepasst wurde und eine prächtige Ikonostase erhielt.

Knechten setzte dort die Arbeit seines Vorgängers fort, der sich im Ruhrgebiet schon der Ostarbeiter angenommen hatten, die in Zechen und beim Kanalbau tätig waren und fürchteten, in die Sowjetunion zurückkehren zu müssen. Die katholische Kirche half auf diese Weise bereits in der Nachkriegszeit, russischsprachige Migranten zu betreuen.

Offiziell nennt sich Knechtens Amt: „Seelsorger für Gläubige der russischen Sprache“, im Alltag heißt er einfach „Russenseelsorger“. Die mögliche Klientel ist groß: In Nordrhein-Westfalen leben schätzungsweise rund 700 000 Einwanderer aus der früheren Sowjetunion.

Damit ist die Vielfalt in der Gemeinde der Heiligen Boris und Gleb bereits vorgegeben, denn es zählen Spätaussiedler, russische Staatsbürger, aber auch Ukrainer oder Belarussen dazu. Der „Russenseelsorger“ hält einmal im Monat die Byzantinische Liturgie ab. In seine Gebete bezieht er sowohl den katholischen Papst in Rom als auch den Patriarchen der Russischen Orthodoxen Kirche ein.

„Früher waren hin und wieder orthodoxe Bischöfe zu Gast, und wir haben gemeinsam den Gottesdienst gefeiert“, sagt Knechten. Inzwischen sei das seltener.

Vom Erscheinungsbild her sieht Knechten mit seinem langen, weißen Bart und den Ikonen im Hintergrund wie ein orthodoxer Pope aus. Er tauft die Kinder in seiner Gemeinde, hält Hochzeiten und Beerdigungen ab. Die Gläubigen kommen aus dem ganzen Ruhrgebiet, einige nehmen sogar eine weite Anreise von der Nordsee oder aus Berlin in Kauf.

Messias, Moses oder Teufel?

Die politischen Konflikte der früheren Heimat spiegeln sich unter seinen etwa 120 Kirchgängern wider. „Für einige ist Präsident Putin ein Messias oder ein neuer Moses, andere sehen in ihm den Teufel“, so Knechten. „Ich versuche da als Seelsorger zu vermitteln und kein Öl ins Feuer zu gießen.“ Aber er habe schon erlebt, dass Gemeindemitglieder nicht mehr im selben Auto zur Kirche kamen, obwohl sie aus einer Familie stammten oder enge Freunde waren.

Vor allem über den Streit um den Ukraine-Konflikt seien viele Freundschaften auseinander gegangen, beobachtete der Priester. Er betrachtet mit Sorge, wie einige seiner Gemeindemitglieder immer mehr auseinanderdriften. Seine Aufgabe sieht er darin, die Wogen zu glätten. Er hat dazu viele Gelegenheiten, denn: „Zu mir kommen sie alle.“

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