Russische Küche

Zu Gast bei Freunden

Archivfund unseres Gastrosophen: Wie ein russisches Kochbuch die Küche der DDR bereicherte

Sowjetische Küche in der DDR
Nur noch antiquarisch und bei ebay zu erwerben: das Buch "Kulinarische Gerichte" aus dem Verlag für die Frau der DDR

#15– Peter Peters Zunge macht ihn zu einem wahren Kenner der Kochkunst und einem Meister des geschliffenen Worts. Für KARENINA schmeckt er der russischen Küche nach.

Liebe geht durch den Magen. Drushba narodow, sprich: Völkerfreundschaft auch? Das nahm sich jedenfalls ein Kochbuch vor, das wohl schon in den 1960er-Jahren in einem Moskauer Verlag erschienen ist. Die Redakteurinnen (oder Redakteure?) L.I. Worobjowa und E.I. Jakubowitsch hatten sich mit kulinarnye rezepty vorgenommen, die Speisevielfalt des Vielvölkerstaats Sowjetunion zu würdigen.

Das war ein durchaus systemkonformes Vorhaben. Hatte doch die UdSSR vor allem für ihre neugegründeten asiatischen Republiken ein Programm zum nation building vorgegeben. Eine Sowjetrepublik wie Kirgisistan oder Usbekistan braucht eine Nationalflagge, eine Nationaloper, Nationaltänze, einen modernistischen nationalen Baustil – und eben auch eine Nationalküche.

Kulinarische Correctness: Soljanka regional

Ein wenig erinnert das Werk damit an die culinary correctness der ausgehenden österreichischen k.u.k.-Monarchie. Damals warben Kochbücher mit so peniblen Untertiteln wie „2262 Recepte mit specieller Berücksichtigung aller in den Kronländern der österreichischen Monarchie heimischen Nationalspeisen“.

Die Autoren des sowjetrussischen Kochbuchs haben fleißig zusammengetragen. Sage und schreibe neun Soljanka-Rezepte bekommt der Leser serviert. Die Geheimnisse kasachischer Basturma (gegrilltes in Essig mariniertes Rinderfilet), moldauischer Tefteli-Frikadellen, kirgisischer Schorpo (Hammeleintopf) und russischer Golubzy-Krautwickel werden enthüllt. Schon einmal Hackschnitzel nach Odessaer Art, Salzgurkensuppe mit Rindsnieren oder belorussische Matschanka-Rippchen zubereitet? Oder Forschmak, eine Art jiddischen Labskaus, dessen Genesis allerdings verschwiegen wird?

Das Cover der deutschen Ausgabe aus dem Verlag für die Frau mit dem Titel Kulinarische Gerichte. Zu Gast bei Freunden zieren eine Matrjoschka, zwei appetitliche Schaschlik-Spieße auf Erbsenreis und ein auf einer Sonnenblume drapierter Keramikteller. Stolz rühmt das Vorwort: „Es ist die erste Übersetzung aus dem Russischen in unsere Muttersprache auf dem Gebiet der Kochkunst überhaupt.“

Das allerdings stimmt Was nicht ganz. Helena Molochowetz hatte die eigene Übersetzung ihres in der Sowjetunion geächteten Bestsellers „Geschenk für junge Hausfrauen“ bereits 1877 in Leipzig herausgebracht.

Kulinarische Internationalität, sozialistische Solidarität

Zeitgeistig ist der Anspruch, dass die Rezepte „fremdartig und anziehend“ wirken sollen. Deutsche in Ost und West hatten nach den Hungerjahren der Weltkriege und der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Abschottung einen Riesenappetit und eine Riesenneugier auf ausländische Küchen entwickelt. In der Bundesrepublik wurde die gestillt durch amerikanische Care-Pakete, Toast Hawaii, italienische Gastarbeiter-Trattorien und griechische Sirtaki-Lokale. Da musste die Heimat der Werktätigen mitziehen und ebenfalls mit kulinarischer Internationalität locken, die geschickt mit sozialistischer Solidarität verknüpft wurde.

Wirklich „fremdartig“ ist aus heutiger Sicht bis auf die Namen der Gerichte herzlich wenig. Die Anweisung, Fleisch in Tomatensauce zu kochen, auch mal Knoblauch zu verwenden sowie Speisen mit Smetana-Schmand oder Rassol (Salzgurkenlake) abzuschmecken und sich an Hammelfleisch zu trauen, garantiert noch keine Authentizität. Doch für die deutsche Hausfrauenküche der 1970er-Jahre waren das kecke Tabubrüche, die das kulinarische Fernweh und die virtuelle Reiselust befriedigten.

Gerichte für die Fantasie

So hat dieses Kochbuch mit seinen neuen Impulsen viele beglückt und Glanz und Abwechslung in den manchmal grauen gastronomischen Alltag der DDR gebracht. Auch wenn die Umsetzung der Rezepte problematisch war. Angesichts der benötigten Fleischsorten dürften einige Gerichte wie Fantasien aus einer schlaraffischen Gegenwelt ohne Versorgungsengpässe gewirkt haben.

Was ist von Zu Gast bei Freunden geblieben? Das auch politisch verordnete Interesse an sämtlichen sowjetischen Küchen erwies sich als nicht nachhaltig. Der usbekische Tomatenhackbraten Tuchum-Dulma ist ebenso vergessen wie die armenische Hammelsuppe Bosbasch. Die vegetarische Gemüse-Soljanka hat sich leider nicht durchgesetzt, sondern die Variante mit geschnipselter Billigwurst. Dafür schreibt man bis heute in den neuen Bundesländern Schaschlik in korrekterer Orthografie mit y: Schaschlyk. Schließlich hatte man Russisch gelernt.

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