80 Jahre Überfall auf die UdSSR

Kirche könnte mehr leisten

Erinnerung, Versöhnung, Hoffnung: Wie blicken Osteuropas Kirchen auf den 22. Juni 1941?

Zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni hat Renovabis, das Osteuropa-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, Christen aus den betroffenen Gebieten drei Fragen vorgelegt: Wie wird an das Ereignis und die vier Jahre Krieg heute erinnert? Ist Versöhnung möglich? Und wo gibt es trotz der Spannungen zwischen Ost und West Hoffnung?

KARENINA veröffentlicht drei der zehn Interviews. Das vollständige Dossier lesen Sie bitte auf der Webseite von Renovabis.

Begegnungen lösen Spannungen

Pater Aleh Shenda, Pfarrer in Minsk, Belarus:

Erinnerung – Am 22. Juni jährt sich zum 80. Mal der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Wie wird dieses Ereignis heute in Ihrem Land wahrgenommen? Erleben Sie einen Wandel, was die Art und Weise der Erinnerungskultur angeht?

Ich wurde fast 40 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren, und in dem Land, in dem ich lebe, wird bis heute der Kult des „Sieges“ als ein wesentliches Element der Staatsideologie künstlich gepflegt. Trotz der Tatsache, dass dieser Krieg in meiner eigenen Familie dramatischen Schaden angerichtet hat und einigen Verwandte sogar ihr Leben verloren haben, nehme ich persönlich die beiden Seiten des Kriegs wahr, und sehe die Verantwortung der beiden Seiten für all das, was in diesem Krieg geschehen ist.

Die Dynamik der Entwicklung und die Rivalität zwischen den beiden unmenschlichen totalitären Systemen war die Ursache für einen schrecklichen Krieg und das grenzenlose Leiden von Millionen von Menschen, darunter auch Zivilisten. Nach meiner Erfahrung ist es nicht so, dass der Großteil der Menschen in Belarus die Schuld an dem Krieg nur bei der Seite sehen, die die Aggression initiiert hat.

Zahlreiche Zeitzeugen dieses Kriegs, die ich persönlich gekannt habe, bezeugen, dass die Verantwortlichen von beide Seiten ein ungeheures Leiden verursacht haben. Sie erzählen aber auch über Soldaten von beiden Seiten, die in manchen Situationen auch eine heldenhafte Menschlichkeit gezeigt haben.

Versöhnung – Eine dauerhafte Versöhnung ist nur möglich, wenn die Nachkommen der ehemaligen Kriegsgegner sich zur Verantwortung gegenüber den Opfern bekennen und so vorurteilsfrei wie möglich versuchen, Schritte zur Versöhnung zu gehen. Wie ist Versöhnung aus einer christlichen Haltung heraus möglich?

Nach meinem Eindruck sind die Deutschen einen mühsamen, achtzigjährigen Weg des Erkennens der Ursachen der tragischen Ereignisse und auch der Anerkennung der eigenen Verantwortung gegangen. Leider sehe ich in den Gesellschaften der ehemaligen Sowjetrepubliken, insbesondere in Belarus, nicht den geringsten Versuch, die eigene Verantwortung für das Böse dieses Kriegs anzuerkennen und Reue dafür zu zeigen.

Das Gegenteil ist der Fall, Lügen, Terror und Aggression bleiben Teil des Lebens unserer Gesellschaft. Die Reue für die Verbrechen unserer Vorfahren wäre aber ein notwendiger Schritt, um einen dauerhaften Frieden und eine nachhaltige Entwicklung in unserer Gesellschaft zu erreichen.

Hoffnung – Auch wenn gegenwärtig die Spannungen zwischen Ost und West wieder zunehmen gibt es doch auch viele positive Signale in den Beziehungen zwischen den Menschen in Osteuropa und ihren westlichen Nachbarn. Welche Hoffnungszeichen sehen Sie diesbezüglich? Welche Rolle spielen die Kirchen in Ihrem Land dabei?

Als Sohn von Belarus sehe ich meine Heimat als östlichen Teil der westeuropäischen Zivilisation. Eine Reihe von Ereignissen hat dazu geführt, dass die Ostgrenze der Europäischen Union heute zu einem künstlichen „Eisernen Vorhang“ zwischen Ost und West geworden ist, eine Linie der Spannungen und der Konfrontationen. Die letzten Jahrzehnte, die relativ friedlich waren, scheinen, nach meinem Empfinden, verloren zu sein, da wir sie nicht für einen aktiveren Dialog, für mehr Offenheit genutzt haben, und sich so mehr Menschen hätten in die Augen schauen können. Ich glaube, dass der sicherste Weg, Spannungen zu lösen, eine einfache Begegnung, ein persönlicher Kontakt und ein offenes Herz sind.

 

Alle im Krieg Beteiligten leiden

Inara Uzolina, Präsidentin des Lettischen Katholischen Frauenbunds

Erleben Sie einen Wandel bei der Erinnerungskultur?

Am 22. Juni 1941 war Lettland schon seit einem Jahr ein von Sowjetunion okkupiertes Land. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1941 wurden mehr als 15 400 Einwohner Lettlands (auch kleine Kinder, schwangere Frauen, alte Menschen), die dem sowjetischen System nicht passten, nach Sibirien zur Zwangsarbeit deportiert.

Für die Bürger Lettlands begann der Krieg im Jahr 1940 – und endete 1990. Fünfzig Jahre lang waren wir ein okkupiertes Land und gehörten zur Sowjetunion. In dieser Zeit wurden alle sowjetischen Feiertage gefeiert. Auch der 22. Juni wurde immer als Gedenktag mit verschiedenen Filmen über den Großen Vaterländischen Krieg und mit anderen Veranstaltungen begangen. Seit der wieder gewonnenen Unabhängigkeit hat dieser Tag auf der staatlichen Ebene keine Bedeutung mehr.

Versöhnung – Wie ist Versöhnung aus einer christlichen Haltung heraus möglich?

Letten wurden in die sowjetische und in die faschistische Armee einberufen. Unter zwei Flaggen mussten Letten gegen Letten kämpfen.

Ich glaube, dass die Versöhnung aus menschlicher Haltung heraus möglich ist. Die Vergebung und Versöhnung sind ein wichtiges Thema nicht nur im Christentum, sondern in der ganzen Gesellschaft. Aber erst wenn man politische Ereignisse von einzelnen Menschen und Nationalitäten trennen kann, dann gelingt es, Menschen nicht mehr in Kriegsgegner und Kriegsbefürworter zu unterteilen.

Dann beginnt man jeden Menschen als Opfer des Systems zu sehen und nicht als den Gegner. Alle im Krieg Beteiligten leiden. Und wenn wir das der nächsten Generationen beibringen können, werden wir den Frieden und die Verantwortung dafür stärken. Für Letten war es ein langer Prozess, der noch nicht ganz abgeschlossen ist, die aus Russland stammenden Mitmenschen nicht als Okkupanten anzusehen. Nur für Versöhnung offene Herzen und menschliches Miteinander im Alltag können diese Vorurteile auflösen.

Hoffnung – Trotz der gegenwärtigen Spannungen zwischen Ost und West: Welche Hoffnungszeichen sehen Sie? Und welche Rolle spielen die Kirchen in Ihrem Land dabei?

Für die junge Generation verschwinden die Grenzen. Sie teilen die Welt nicht mehr in Ost und West, sie fühlen sich überall zuhause, sie sind echte Europäer. Ich erlebe nur positive Beispiele hier in Lettland für die Ost-West Beziehungen.
Mit jedem Jahr wird diese Kooperation immer konstruktiver, weil wir beiderseits einander gut ergänzen können. Wir als christliche osteuropäische Frauenorganisation haben zum Beispiel sehr gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit anderen westlichen christlichen Frauenorganisationen gemacht, auch wenn wir verschiedene historische Hintergründe haben.

 

Kirchen müssen Entspannungspolitik fördern

Erzpriester Vladimir Khulap, Studiendekan der Theologischen Akademie St. Petersburg

Erleben Sie einen Wandel bei der Erinnerungskultur?

Der 22. Juni ist in Russland „der Tag des Gedenkens und der Trauer“, an dem der Große Vaterländische Krieg ausbrach. An diesem Tag gedenkt man all derer, die auf dem Kriegsfeld, in Gefangenschaft, vor Hunger und Not starben. In vielen Kirchen werden an diesem Tag Totengedächtnis-Gottesdienste zelebriert, da der Krieg der schrecklichste Einschnitt in der russischen Geschichte war und zu Millionen von Menschenopfern geführt hat.

Obwohl dieses Datum in den Medien traditionell breit dargestellt ist, spielt der „Tag des Sieges“ – 9. Mai – eine viel größere Rolle, da an ihm Militärparaden, Friedhofsbesuche und in den letzten Jahren das sogenannte unsterbliche Regiment stattfindet, Massenprozessionen von Menschen mit Porträts ihrer Verwandten, die im Krieg gekämpft haben.

Versöhnung – Wie ist Versöhnung aus einer christlichen Haltung heraus möglich?

Die Versöhnungsinitiativen auf verschiedenen Ebenen entwickelten sich besonders aktiv nach der Wende, als sich Russland und Deutschland in neuen politischen Umständen getroffen und kennengelernt haben. So gab es z. B. im Leningrader Gebiet Programme zur Erhaltung der russischen und deutschen Friedhöfe, die von einem orthodoxen Priester initiiert wurden. Die heutige jüngere Generation lebt schon in ganz neuen globalen Realitäten, wo diese historischen Spannungen zwischen unseren Völkern keine große Rolle spielen, aber in der Zeit der neuen internationalen Abkühlung bekommen die christlichen Kirchen im Westen und Osten eine neue Aufgabe, die „Entspannungspolitik“ zu fördern.

Hoffnung – Trotz der gegenwärtigen Spannungen zwischen Ost und West: Welche Hoffnungszeichen sehen Sie? Und welche Rolle spielen die Kirchen in Ihrem Land dabei?

Ich denke, dass die direkten persönlichen Kontakte zwischen konkreten Menschen dabei am wichtigsten sind. In den letzten Jahren fanden z. B. gegenseitige Besuche von deutschen und russischen Theologiestudenten im Rahmen des Petersburger Dialogs statt. Hier liegt ein großes Potenzial, weil gerade diese Leute in einigen Jahrzenten unsere ökumenischen Kirchenlandschaften bestimmen und hoffentlich zu christlichen Friedensbotschaftern werden können, die dann die gesamte Gesellschaft beeinflussen.

 

Suche nach Ursachen und Folgen der Shoa

Arunas Kučikas, Direktor der Caritas Kaunas (Litauen)

Erleben Sie einen Wandel bei der Erinnerungskultur?

Seit dem letzten Jahrzehnt beschäftigt man sich in Litauen recht intensiv mit dem historischen Gedächtnis. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs und der Einzug der Deutschen in Litauen werden im Kontext von Ereignissen wie dem tatsächlichen Verlust der Unabhängigkeit Litauens und der Eingliederung in die Sowjetunion im Juni 1940 und den im Juni 1941 begonnenen Deportationen von Litauern in den Osten der Sowjetunion gesehen. Diskussionen über die Erinnerungskultur hängen weniger mit dem Einzug der Deutschen als mit dem Thema der nachfolgenden Shoa zusammen, insbesondere angesichts des Anteils der Juden, die in Litauen lebten und während der Shoa ermordet wurden.

Versöhnung – Wie ist Versöhnung aus einer christlichen Haltung heraus möglich?

Obwohl Litauen in die Sowjetunion eingegliedert wurde, kann sich der Großteil der Kriegsgeneration kaum einem der Kriegsgegner zuschreiben. Zu der Zeit war Litauen kein unabhängiger Staat mehr und seine Bevölkerung konnte an Feindseligkeiten auf beiden Seiten teilnehmen. Meiner Meinung nach besteht die wichtigste Aufgabe der litauischen Gesellschaft im genannten Kontext darin, sich weiterhin darum zu bemühen, die Shoa-Strategie, ihre Ursachen und Folgen zu kennen und anzuerkennen. Christen haben in letzter Zeit Initiativen zum Umgang mit der Geschichte ergriffen, aber ihre Rolle könnte viel größer sein.

Hoffnung – Trotz der gegenwärtigen Spannungen zwischen Ost und West: Welche Hoffnungszeichen sehen Sie? Und welche Rolle spielen die Kirchen in Ihrem Land dabei?

Im Angesicht des nun zunehmenden Nationalismus und Populismus werden in Litauen die Erscheinungsformen des Vorkriegsnationalismus in europäischen Ländern (nicht nur die deutsche oder italienische, sondern auch mildere Varianten in Litauen und anderen mitteleuropäischen Ländern) neu und kritisch betrachtet. Andererseits werden auch die Manifestationen des Nationalismus, die in der kommunistischen Ideologie existierten, wie auch die vereinfachten und oberflächlichen Lösungen der nationalen Frage kritisch betrachtet.

Als Hoffnungszeichen können wir über das Projekt Europa sprechen, das die Zusammenarbeit fördert und historische und kulturelle Spannungen zwischen Nachbarländern und ethnischen Gemeinschaften abbaut. Christliche Kirchen und Initiativen tragen dazu bei (und können noch mehr tun), indem sie Kooperationen entwickeln, insbesondere in den Bereichen der Jugendbildung (z. B. in Taizé), der sozialen Aktivitäten und sozialen Gerechtigkeit (Katholische Soziallehre), des Pilgerns, des Austauschs zwischen den Theologiestudenten und Seminaristen sowie der politischen Bildung.

Lesen Sie außerdem in der KARENINA-Serie „22. Juni 1941: Überfall der Wehrmacht auf die UdSSR“:

Johann Michael Möller kommentiert den 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion, die Großmut der Menschen in der UdSSR in der Zeit nach 1945 und was wir daraus für Schlüsse ziehen könnten.

Alexander Dynkin: 'Victor ist den Heldentod gestorben'. Der Präsident des IMEMO über die Toten seiner Familie und wie es weiterging

Andrei Kortunov: Feinde für ewig? Was der 22. Juni 1941 heute für Russen und deren Verhältnis zu den Deutschen bedeutet

Hans-Heinrich Nolte: Wieso überfiel Hitler die UdSSR? Ziel von ‚Unternehmen Barbarossa‘: Annexion Osteuropas als koloniale Basis deutscher Weltmacht

Nina Petljanowa: „Der Krieg und die Psyche der Soldaten: Weltkriegsveteran Daniil Granin: ‚Den Krieg, den ich erlebt habe, findet man nicht in Dokumenten‘“

Jörg Echternkamp: Stalingrad: Die Schlacht als Metapher. 22. Juni 1941: Überfall auf die UdSSR, Stalingrad und das Gedächtnis der Deutschen

Peter Köpf: Vergessene Opfer: Sowjetische Kriegsgefangene. Die Verbrechen der Wehrmacht an 5,7 Millionen Rotarmisten – und Rotarmistinnen

Das KARENINA-Interview mit der Kuratorin der Ausstellung "Dimensionen eines Verbrechens", Babette Quinkert, über Hunger, Mord und "Flintenweiber"

Das aktuelle Buch: Hannes Heer und Christian Streit bilanzieren den Überfall auf die UdSSR vor 80 Jahren.