Erdgas

Die EU-Gaskrise ist hausgemacht

Über veränderte Regeln der Preisfindung und die Frage, ob Gazprom Europa helfen sollte

von Sergei Kapitonow
Gaspreis steigt

In Europa übersteigen die Gaspreise derzeit die 1000-Dollar-Marke pro tausend Kubikmeter und als Folge der galoppierenden Kosten haben europäische Düngemittel- und Stahlproduzenten ihre Produktion gestoppt und Exporte reduziert. Was hat zu dieser Krise geführt und wie kann sie gelöst werden?

Die gegenwärtigen Turbulenzen auf dem Gasmarkt sind hauptsächlich auf Europa selbst zurückzuführen. Über die letzten fünfzehn Jahre haben die EU-Staaten ein Preismodell aufgebaut, das günstige Preise sicherstellt, wenn die Nachfrage niedrig ist (wie im vergangenen Jahr aufgrund der Pandemie). Was gleichzeitig bedeutet: Wenn die Nachfrage höher ist, steigen auch die Preise.

Historisch betrachtet hat Europa sich immer auf seine eigene Gasindustrie und importiertes Gas aus der Sowjetunion, aus Norwegen und Nordafrika verlassen. Seit Gasproduzenten eine Art Amortisationsgarantie für ihre Millioneninvestitionen in die Erschließung der Lagerstätten und den Bau von Pipelines benötigen, wurde ein System von Langzeitverträgen mit 20 oder 30 Jahren Laufzeit etabliert, das die Abnahme von Gas über Jahrzehnte im Voraus garantierte.

Für lange Zeit orientierte sich der Mechanismus der Preisfindung am Ölpreis oder an einer Auswahl petrochemischer Produkte. Als der Ölpreis 2008 eine Rekordhöhe von 140 Dollar pro Barrel erreichte, was den Preis für russisches Gas auf 500 Dollar pro 1000 Kubikmeter steigen ließ, handelte Europa. Seit 2009 sah sich Gazprom mit einer Welle von Schiedsverfahren mit seinen europäischen Klienten konfrontiert, die hauptsächlich das Ziel hatten, die Preisformel zu verändern: weg von der Bindung an den Ölpreis und hin zu einem gaszentrierten Preis.

In den folgenden zehn Jahren haben die EU-Staaten erreicht, den Preisfindungsmechanismus in Verträgen über russische Gaslieferungen signifikant zu verändern. 2010 beinhalteten nur 10 bis 15 Prozent der Verträge mit Gazprom Vereinbarungen über sogenannte Barpreise, mit denen schnelle Lieferung und Bezahlung geregelt wird. Ende 2020 war diese Kennziffer auf 87 Prozent angestiegen.

Eine weitere Grenzüberschreitung war die Annahme des Dritten Energiepakets der EU 2009. Es bedeutete faktisch, dass Gazprom die Pipelines für den Transport des Gases nach Europa nicht mehr selbst besitzen durfte. Die neue Gesetzgebung forderte Russland dazu auf, sein Projekt einer South Stream Pipeline aufzugeben und verursachte die Probleme einerseits mit OPAL (der Verlängerung von Nord Stream 1) und anderseits mit Nord Stream 2.

Deregulierung ermöglicht Preisschocks

Die Langzeitverträge von Gazprom gerieten ebenfalls unter Druck. Eine sechs Jahre andauernde kartellrechtliche Untersuchung der Europäischen Kommission und gleichzeitige Markttrends zwangen Gazprom dazu, sämtliche Klauseln aus seinen Verträgen zu streichen, die einen Reexport in Drittstaaten verboten – obwohl solche Klauseln weltweit nach wie vor gängig sind in Verträgen über Flüssiggas.

In dieser Zeit gab es außerdem Gaskriege zwischen Russland und seinen Nachbarn und die Versorgungskrise von 2014/15, als Gazprom wenig erfolgreich gegen Rückflüsse von Gas in die Ukraine kämpfte, was sich auch auf die Versorgung seiner europäischen Klienten auswirkte.

Heutzutage werden ölpreisgebundene Verträge auch von Gazprom selbst als Altlasten-Verträge angesehen. In Westeuropa handelt Gazprom nach nahezu den gleichen Prinzipien wie etwa Norwegen. Hätten die europäischen Staaten die Ölpreisbindung beibehalten, würden sie heute einen Preis von 300 Dollar oder sogar weniger pro 1000 Kubikmeter zahlen.

Die heutigen Preise sind das Ergebnis des schonungslosen Drucks, den Markt zu deregulieren. Dadurch werden Preisschocks möglich. Die diesjährigen hohen Preise führen in gewisser Weise dazu, die letztjährigen niedrigen Preise wieder auszugleichen, als diese auf dem internationalen Markt fast auf das Level der russischen Inlandspreise gefallen waren.

Gazprom könnte Europa aus der Gaskrise ziehen

Trotz aller Schwierigkeiten in den Beziehungen zu Europa in den vergangenen zehn Jahren hat Gazprom weiterhin umfangreich in die Erschließung von Lagerstätten investiert. Hinzu kam der Ausbau der Transportinfrastruktur in Russlands Norden und die Konstruktion von Verbindungspipelines für den Export.

Die Förderung auf dem gigantischen Bovanenkovo Gasfeld auf der Halbinsel Yamal begann 2012 und hat 2021 seine geplante maximale Kapazität von 115 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr erreicht. Mittlerweile bewegt sich Gazprom auf der Halbinsel Yamal weiter gen Norden und erschließt das Kharasavey Gasfeld, das im Maximum 32 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr erbringen soll.

Auf diesem Hintergrund hat Gazprom seinerseits immer wieder betont, dass das Unternehmen über einen riesigen Überhang an Produktionskapazitäten im Vergleich zur Nachfrage verfügt. Nach Aussagen von Gazprom CEO Alexei Miller beträgt der Überschuss bis zu 150 Milliarden Kubikmeter.

Das ist in der Tat ein enormes Volumen: mehr als die gesamte jährliche Produktion von Norwegen (dem zweitgrößten Lieferanten auf dem europäischen Markt) oder von Australien (dem weltweit größten Lieferanten von Flüssiggas). Wenn Gazprom tatsächlich so viel zusätzliche Produktionskapazitäten hat (nicht jeder Experte ist davon wirklich überzeugt), dann wäre das russische Unternehmen allein dazu in der Lage, Europa aus einer Energiekrise zu ziehen.

Aber Gazprom ist nicht zu Hilfe verpflichtet

Dazu fähig zu sein bedeutet allerdings nicht, auch dazu verpflichtet zu sein. Gazprom ist gesetzlich in keiner Weise gebunden, Sofortmengen an Gas auf dem Markt bereitzustellen, die über die in Langzeitverträgen vereinbarten Lieferungen hinausgehen.

Dasselbe gilt für die Transportkapazitäten. Zurzeit umgeht das Unternehmen Einschränkungen, nach denen es die deutsche OPAL Pipeline nur zur Hälfte nutzen darf. Es hätte genauso gut auf entsprechende EU-Richtlinien verweisen und sich zurückhalten können, diese zu umgehen – was zu einem noch größeren Lieferdefizit und zu noch mehr Unruhe auf den Märkten geführt hätte.

Wenn sich in Zukunft eine vergleichbare Gaskrise abzeichnen sollte und zugleich 50 Prozent der Kapazität von Nord Stream 2 geblockt wären, hätte Gazprom rein rechtlich gesehen allen Grund mit den Schultern zu zucken, die Erhöhung von Lieferungen durch andere Pipelines zurückzuweisen und Europa dazu aufzufordern, seine Probleme selbst zu lösen.

Unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten wäre das eine völlig verständliche Logik. Aber eine solche Logik bezieht nicht die „Gazprom Magie“ ein, an die sich die langjährigen und treuen Kunden des Unternehmens gewöhnt haben. Diese Magie befähigte Gazprom etwa dazu, während eines Kälteeinbruchs im Winter 2018 über volle zwei Wochen tägliche Rekordmengen an Gas nach Europa zu liefern. Es gab daneben genügend andere Anlässe, bei denen Gazprom zu Hilfe kam und weit größere Gasmengen lieferte als in Verträgen vereinbart.

Im Ergebnis ist Gazprom in den Augen vieler seiner Partner zu weit mehr als nur einem weiteren zertifizierten Gaslieferanten auf dem europäischen Markt geworden. In den letzten Jahren hat die EU nicht nur starken Druck auf Gazprom ausgeübt, sie hat zugleich viele Zugeständnisse gemacht.

Stabilisierung ist auch im Interesse von Gazprom

Selbst nach der Ukraine-Krise 2014 hat die EU Gazprom niemals gleichgesetzt mit der russischen Außenpolitik. Der Gasgigant erzielte weiterhin jährliche Gewinne in harter Währung im Umfang von 30 bis 40 Milliarden Dollar, umging dabei Sanktionen und vollendete neue Gaspipelines in EU-Staaten.

Die Aura der Magie aber könnte leicht in einer Wolke aus Rauch verfliegen, wenn in dieser Krise nicht Gazprom Europa zu Hilfe kommt, sondern zum Beispiel Norwegen. Oder Flüssiggaslieferanten, die in der Lage sind, ihre Lieferungen kurzfristig an europäische Ufer zu lenken, wenn der Preis stimmt. Haben die europäischen Staaten dann später einmal die Verluste aus der gegenwärtigen Gaskrise errechnet, könnten sie deutlich aktiver als bisher in die Transformation des Energiemarkts investieren und sich damit unabhängig machen nicht nur von russischem Gas, sondern von jeglichem Gas. Aus diesem Grund ist die zügige Stabilisierung des europäischen Gasmarkts nicht allein im Interesse von schwächelnden europäischen Unternehmen, sondern auch von Gazprom.

Paradoxerweise ist die EU zur Geisel ihrer eigenen Energiepolitik geworden: In ruhigeren Zeiten hat sie ihre Zusammenarbeit mit Gazprom reformiert und limitiert. Aber als die Krise zuschlug, hat sie an das Unternehmen appelliert, seine Lieferungen zu erhöhen.

Gazprom ist und bleibt weit mehr als nur einer von vielen Gashändlern in Europa: Man erwartet von dem Unternehmen, seine Macht einzusetzen und den Markt zu beeinflussen. Mit einem Anteil von mehr als 40 Prozent dominiert Gazprom noch immer die Gasimporte in die EU und damit verbindet sich eine enorme Verantwortung. Wie Gazprom in den kommenden Wochen und Monaten mit seiner einzigartigen Position umgeht, wird über die Zukunft aller russischen Gaslieferungen durch Pipelines nach Europa entscheiden.

Sergei Kapitonow ist Gasanalyst am Energy Center der Moscow School of Management Skolkovo. Von 2014 bis 2019 arbeitete er bei Gazprom Export als Analyst für Erdgasmärkte.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in englischer Sprache erschienen auf der Webseite des Carnegie Moscow Center. Die Redaktion dankt Autor und Carnegie für die Erlaubnis, den Beitrag zu übersetzen und auf KARENINA veröffentlichen zu dürfen.

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