Russische Autos

Autos: Als die Russen fahren lernten

Hätten Sie es gewusst: Vor 125 Jahren fuhr in Russland das erste Automobil

von Peter Zehner
Eine Sensation: Das erste russische Automobil, präsentiert 1896 auf der Allrussischen Industrie- und Handwerksausstellung in Nischni Nowgorod.

Das Automobil kam in Deutschland zur Welt. Carl Benz meldete sein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ 1886 ordnungsgemäß an und erhielt dafür die Patenturkunde DRP 37435. Zehn Jahre später, am 14. Juli 1896, bewiesen zwei Russen, dass auch im Zarenreich tüchtige Tüftler lebten.

Auf der Allrussischen Industrie- und Handwerksausstellung in Nischni Nowgorod präsentierten Jewgeni Jakowlew und Peter Frese ihren Prototypen. Er wog 300 Kilogramm und fuhr mehr als 20 Stundenkilometer schnell, wurde von einem Zylindermotor angetrieben, der zwei Pferdestärken entfaltete. Vorbild war „der Benz“. Allerdings konnten beim russischen Auto die Vorderräder durch Kufen ersetzt werden, ist in Wikipedia zu lesen – für Fahrten im Winter.

An englische Pferdekutschen erinnerten sich die Russen, als vier Jahre später der erste von zwei Elektromotoren angetriebene Omnibus von Ippolit Romanow durch St. Petersburg rollte. Aus derselben Halle stammte der erste Omnibus, der um die 25 Passagiere – stehend oder sitzend – befördern konnte. Um doppeltes Schritttempo erreichen zu können, mussten zwei Motoren je 6 PS Leistung aufbringen.

Die Firma Dux experimentierte mit Dampf. Das Unternehmen von Juri Alexandrowitsch Meller (Möller) hatte ursprünglich Fahrräder hergestellt, wollte aber von 1902 an auch am erwarteten Automobilboom teilhaben. Als sich aber eine herausforderndere Zukunftsbranche anbahnte, sattelte Meller um: auf die Produktion von Flugzeugen.

Laut Russia Beyond träumte der Designer Iwan Pusyrjow davon, „ein einzigartiges russisches Auto zu schaffen, das nicht von europäischen Modellen beeinflusst wurde“. Muster seines Automobils mit der Bezeichnung Pusyrjow 28/35 sei zwar ein amerikanisches Fahrzeug gewesen, aber die meisten Komponenten stammten aus inländischer Produktion. Das sei damals ungewöhnlich gewesen. „Der Wagen war jedoch so teuer“, ist auf der genannten Webseite zu lesen, „dass es kein Aufsehen in der Autoindustrie erregen konnte.“

Dafür sorgte in Riga ein anderer für Furore: Laut Wikipedia sei das erste Auto des Rigaer Werks Russo-Balt „das Werk des damaligen Chefkonstrukteurs, eines Schweizers namens Julien Potterat“ gewesen. Er sei 1911 mit dem Auto von Riga durch Europa und dabei auch in die Schweiz gefahren. 347 Stück des Russo-Balt S-24-40 seien produziert worden.

Ein riesiger Erfolg. Die Zarenfamilie saß bald im Russo-Balt, der Generalstab der russischen Armee. Eine Rennwagenversion soll bei internationalen Autorennen Siege davongetragen haben, darunter 1912 bei der Rallye Monte Carlo, gefahren von Andrei Platonovics Nagel und Vagyim Alekszandrovics Mihajlov. Die Russen starteten in St. Petersburg am 13. Januar und kamen als Neunte am 23. Januar an. Unser Foto zeigt die Männer mit ihren Frauen kurz vor dem Start. Es siegte Julius Beutler aus Berlin auf einem Berliet 16 CV.

Doch bald kamen Krieg und Revolution. Und damit war der Aufstieg der russischen Automobilproduktion offenbar für alle Zeiten beendet.