Russland und der Westen

Die Provokation von HMS Defender

Beschuss oder nicht? Worum es beim Streit über die Durchfahrt des britischen Zerstörers geht

von Tatiana Firsova und Peter Köpf
HMS Defender im Hafen von Odessa 18. Juni 2021
Opfer oder Provokateur im Schwarzen Meer? Die HMS Defender am 18. Juni 2021 im Hafen von Odessa.

Stefan Kornelius formulierte es in der Süddeutschen Zeitung so: „Die britische Navy lässt einen Zerstörer demonstrativ durch Gewässer fahren, die Russland seit der Annexion der Krim für sich reklamiert.“ Und dann fährt er lapidar fort: „Es kommt beinahe zum militärischen Zwischenfall, aber der Punkt ist gemacht.“

Der Punkt ist gemacht. Sieg für GREAT Britain und den Westen? Wie heißt die Sportart, die da betrieben wird? Bei welchem Wettbewerb werden da die Muskeln gezeigt?

Und wozu dient der Streit um die Frage, ob ein Schiff der russischen Küstenwache Warnschüsse in Richtung des britischen Zerstörers HMS Defender, ein Su-24-Kampfflugzeug gar Bomben abgeworfen haben will?

Zunächst ging und geht es um die Nichtanerkennung der Krim als Teil Russlands und damit auch der von Russland behaupteten Grenzen. Die Briten hissten demnach am 23. Juni die Fahne des „Westens“ und durchquerten einen „Teil des souveränen Staatsgebiets der Ukraine“, wie der britische Premierminister Boris Johnson sagte.

Das geschah offenbar in Zusammenhang mit dem Nato-Manöver „Sea Breeze“ (28. Juni bis 10. Juli) im Schwarzen Meer, vor der Haustür Russlands also. 32 Länder aus sechs Kontinenten sind beteiligt, rund 5000 Soldaten, 32 Schiffe, 40 Flugzeugen. Es ist die größte Übung in der Ukraine, seit es diese gibt, seit 1997.

Auf der anderen, der Kremlseite geht es darum, den Menschen in Russland zu zeigen, dass der Präsident und sein Militär die „territoriale Integrität“ (Vize-Außenminister Sergei Rjabkow) zu verteidigen und Eindringlinge in „unser Gebiet“ abzuweisen weiß. Auch in Russland wir bald gewählt.

Dass es zu einer Konfrontation kam und Schüsse zu hören waren, bestätigten britische Journalisten, die an Bord des Zerstörers waren. Der britische Kapitän habe das Kap Fiolent am Südzipfel der Krim „absichtlich“ angesteuert, „um bei den Russen einen Punkt zu setzen“, schrieb die Frankfurter Allgemeine. Der Kapitän habe das eine „selbstbewusste, aber nicht konfrontative Mission“ genannt.

Dass die Briten mit scharfen Reaktionen auf die Durchfahrt der HMS Defender rechneten, erschließt sich offenbar aus Dokumenten, die ein Bürger an einer Bushaltestelle in Kent gefunden hatte. Offenbar hatte ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums die Papiere verloren.

Die Meinung russischer Medien

„Der Unwillkommene“, titelte die russische Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta und zeigte dazu ein Foto des britischen Zerstörers, der unerlaubt „unsere Gewässer“ befahren habe. Für die russische Regierungszeitung ist der Fall eindeutig „eine Provokation“. Das Verhalten des britischen Zerstörers, so die Zeitung, sei von den „höchsten politischen Kreisen“ in London genehmigt worden; dabei habe Premierminister Boris Johnson nicht nur das Leben britischer Seeleute riskiert, sondern er „erlitt ein demütigendes politisches Fiasko“.

Die Zeitung findet noch einen weiteren Grund für den Zwischenfall: Britische Beobachter betonen das bekannte Konzept des „globalen Großbritannien“, das das Königreich, ehemalige „Herrin der Meere“, nach dem Austritt aus dem Europäischen Union umsetzt. Es sei klar, dass London vom ehemaligen imperialen Ruf träumt und plane, sich mit militärischer Stärke global durchzusetzen.

Die Zeitung Kommersant machte die erhöhte Nato-Präsenz im Schwarzen Meer für die Eskalation der Lage verantwortlich. Als Ergebnis stellt sie fest, dass das Schwarze Meer von Kriegsschiffen „vollgestopft“ sei. Dazu kommen Zwischenfälle zwischen den russischen und Nato-Flugzeugen. Das alles könne am Ende zum „großen Krieg“ führen und das gefährlichste in einer solchen Situation sei, dass es zu unwillkürlichen Aktionen der Technik kommen könne: zum Beispiel, dass ein Schiff versehentlich versenkt werden könnte. Man sehe zurzeit leider keine Perspektiven eine Vereinbarung zu treffen und das mache die Situation noch besorgnisvoller.

Für die Zeitung Nowaja Gaseta ist klar: Die militärische Auseinandersetzung in russischen Gewässern nimmt seit dem Jahr 2014 kontinuierlich zu, nachdem Krim annektiert worden war. Großbritannien und die USA werden in die kommende Zeit nicht darauf verzichten, dem russischen Präsidenten ihre Stärke in der Nähe von seinen Küsten zu demonstrieren – und das Recht, sich dort nach Belieben zu bewegen.

Die staatliche Presseagentur RIA Nowosti zitiert Alexei Podberjoskin, den Leiter des Zentrums für politisch-militärische Studien des Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO). Er meint: Der Zwischenfall im Schwarzen Meer wird seine Folgen haben. Die britische Aktion war provokativ. Podberjoskin will nicht ausschließen, dass ihr Ziel war, die russische „Reaktion“ und Funktionsfähigkeit der Raketenabwehr zu prüfen. Konkrete mögliche Folgen hat er allerdings nicht genannt.