Arktis

‚Die Arktis soll friedlich bleiben‘

EU-Arktis-Botschafter Michael Mann: Das Klimadesaster in der Arktis bedroht auch Russland

Michael Mann, Arktisbeauftragter der EU
Der europäische Mann für Eisfragen: Michael Mann

Der Deutsch-Brite Michael Mann ist seit eineinhalb Jahren Sonder-Gesandter für arktische Angelegenheiten im Auswärtigen Dienst der EU, kurz „EU-Arktis-Botschafter“. Mit ihm sprach Sylvia Schreiber in Brüssel über das Umdenken Moskaus beim Klimaschutz, die Interessen indigener Völker in der Arktis und das wachsende Engagement der Europäischen Union am Nordpol.  

Die EU wird bald ein Büro in der Arktis eröffnen mit einem Posten in der grönländischen Stadt Nuuk. Obwohl kein Arktis-Anrainer, ist die Europäische Union (EU) dort bereits seit 2008 aktiv. Was macht den Botschafter-Job im Hohen Norden aus?

Michael Mann:  Hauptaufgabe des neuen Büros der EU-Kommission ist die Unterstützung Grönlands bei Bildungsaufgaben. Die fördern wir bereits mit 30 Millionen Euro jährlich. Im Lichte drängender werdender Umweltprobleme und strategischer Aufgaben hält die Kommission zudem mehr Sichtbarkeit und Präsenz in der Arktis für angebracht. Grönland ist ein autonomer Teil des EU-Mitgliedslands Dänemark. Die EU setzt damit ein Zeichen ihrer Nachbarschaft zum Nordatlantik und am Arktischen Ozean.

Welche Themen sind für die EU in der gesamten Region wichtig?

Zuvörderst zielt unser Engagement auf Umwelt und Nachhaltigkeit, da die Konsequenzen des Klimawandels in der Arktis weitaus dramatischer sind als im Rest der Welt. Die Temperaturen steigen dort zwei- bis dreimal schneller mit der Folge riesiger Eisschmelzen und auftauender Permafrostböden.

Gegenwärtig erleben wir das zweitniedrigste Eisniveau seit Jahren, die eisfreien Perioden werden sich sogar bald auf den Winter ausdehnen. Es ist offensichtlich, dass die gestiegenen Temperaturen im Permafrost nicht nur für die Arktis ein Problem sind. Der Ausstoß großer Mengen von Methangas oder die Freisetzung von Pathogenen aus den Sümpfen kann den gesamten Planeten bedrohen mit einem Teufelskreis immer schnellerer Hitzezyklen und der Verbreitung gefährlicher Keime und Krankheiten.

Sie empfehlen, von der arktischen Ur-Bevölkerung, den indigenen Völkern, zu lernen. Was sagen die uns?  

Wir tauschen uns in verschiedenen Dialogformaten mit den Saami aus. Die Saami bewohnen die nördlichsten Zonen Finnlands, Schwedens, Norwegens und Nordwest-Russlands. Sie sind Europa am nächsten von insgesamt sechs indigenen Völkern in der Arktis.

Die Gemeinschaften am Polarkreis fühlen sich wirklich bedroht. Nicht nur wegen des Klimawandels, der ihre Lebensgrundlagen mit Landwirtschaft, Fischerei und Handel beeinträchtigt, auch die Öl- und Rohstoffförderung auf diesen Territorien wie auch die Windparks der grünen Energie haben das Potenzial, die Rentierherden zu gefährden und Wildpopulationen wie Vögel aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die indigenen Völker verfügen über ein grundlegendes Wissen hierüber, das wir nicht haben.

Wie geht die EU mit diesen Sorgen um?

Zuerst einmal handeln wir nach den Maßgaben der UN-Deklaration der Rechte der indigenen Völker. Das heißt, wir befolgen die Regeln des freien, vorherigen und informierten Einverständnisses aller Beteiligten bevor irgendetwas unternommen wird.

Darüber hinaus hat die EU mit dem Forschungsprogramm HORIZON 2020 Wissenschaftsprojekte gestartet über Permafrostentwicklungen. Dabei werden die wichtigen Beobachtungen der arktischen Bewohner einbezogen, genauso wie jene unserer ansässigen Forscher oder die Ergebnisse der Satellitenobservation. Liegen die Daten vor, können konkrete Maßnahmen geplant werden.

Haben die Naturkatastrophen, die mit dem Auftauen des arktischen Eises und des Permafrosts zusammenhängen, dazu beigetragen, die russische Haltung gegenüber dem globalen Klimawandel zu verändern?

Das ist ganz sicher so. Der aufgeweichte Boden auf jahrtausendelang gefrorener Landmasse hat zu einem verheerenden Zusammenbruch von russischer Öl- und Gasinfrastruktur in diesen Gegenden geführt. Die Anlagen versinken regelrecht im Morast.

„Die Russen wissen, dass sie so nicht weitermachen können“

Ein russischer stellvertretender Ex-Minister schätzt die potenziellen Infrastrukturschäden im auftauenden Permafrost auf 100 Milliarden Euro. Beim Ölunfall in der Nähe der Stadt Norilsk ist ein ganzes Heizöllager in den Sumpf eingebrochen. 20 000 Tonnen ausgelaufenes Öl haben danach die arktischen Gewässer verseucht. Die Russen wissen, dass sie so nicht weitermachen können. Auf der anderen Seite investieren sie weiterhin in Bohrungen und Flüssiggas-Infrastruktur, wie auch in militärische Anlagen und in den Ausbau der arktischen Seerouten. Diese werden natürlich kommerziell umso interessanter je eisfreier sie bei Erwärmung werden.

Russland gilt als arktischer Schlüsselstaat. Für die nächsten beiden Jahre führt    es den Vorsitz im Arktischen Rat. Der Rat ist eine Art Verwaltungsversammlung hoher Beamter aus insgesamt acht nordatlantischen Staaten mit Grenzen zur Arktis, neben Russland somit Kanada, USA, Island, Norwegen, Finnland, Schweden und Dänemark. Was schlägt Russland diesen Mitgliedern nun vor?

Die russische Seite hat einen äußerst ambitionierten Katalog vorgelegt mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit. Da werden eine Reihe von guten Maßnahmen und Veranstaltungen angekündigt. Das Papier hat meinen vollen Respekt. Es könnte durchaus auch von der EU geschrieben worden sein. Auf dem Papier sieht es wirklich toll aus. Aber wir wissen alle, dass erst die Praxis zeigen wird, was davon Wirklichkeit wird.

Wie sehen Sie die Rolle Chinas als neuer arktischer Akteur? Die Chinesen sind ja keine direkten Anrainer.

China strebt eine „polare Seidenstraße“ an, indem es seine „Road and Belt“-Initiative zum Nordpol hin erweitert.

Wir beobachten gewaltige chinesische Investitionen in der Region“

Wir beobachten gerade gewaltige chinesische Investitionen in der Region, in Flüssiggas-Anlagen beispielsweise, in Meereskabel oder auch Verkehrsinfrastruktur zur Nutzung der nördlichen Seepassage. Die Chinesen haben auch deutliches Interesse an wichtigen Mineralien, die in Zukunft in der Arktis geschürft werden könnten.

Wie ist die Haltung der EU zu Aktivitäten in der Arktis, die über Umweltschutz hinausgehen?

Die EU setzt sich dafür ein, dass Öl, Kohle und Gas im Boden bleiben, gleichzeitig könnte es für Europa bald wichtig werden, mehr in die Hebung kritischer Rohstoffe und Mineralien zu investieren, die für die erneuerbaren Energien benötigt werden. Schweden ist aktiv im arktischen Minengeschäft, es investiert dazu in Grönland. Die EU würde gern mehr davon sehen und könnte Investoren mit tauglichen Umweltstandards Sicherheit geben. Aber gegenwärtig interessieren sich nur wenige Minengesellschaften in unserem Bündnis für die arktischen Vorkommen.

Mit Russland, China und den USA treffen geostrategische Mächte im Hohen Norden aufeinander. Wie bewerten Sie die Gefahr eines militärischen Zusammenstoßes?

Russland rüstet militärisch auf in der Region. Aber dies scheint eher geopolitische Positionierung zu sein, und ist offenbar auch der Tatsache geschuldet, dass mehr und mehr Küstenzonen eisfrei werden, die sie schützen wollen. Viele Anlagen dort sind mehr oder weniger Schutzmaßnahmen.

Es ist auch beruhigend, dass die USA weit weniger aggressiv sind als noch unter Präsident Trump. Die Amerikaner verfolgen jetzt eine Arktis-Politik mit starken Klima- und Nachhaltigkeitsschwerpunkten. John Kerry, der US-Klimabeauftragte, spielt hier eine sehr gute Rolle. Die Arktis war immer ein friedlicher Platz und soll es auch bleiben.

Der EU wurde ja kein offizieller Beobachterstatus im Arktischen Rat zugestanden. Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit den hohen russischen Beamten?  

Wir kooperieren auf einer pragmatischen Ebene. Nach dem Handelsverbot von Robbenprodukten in der Europäischen Union hat Kanada unsere Bewerbung für den Beobachterstatus abgeblockt. Die Ereignisse auf der Krim haben die Beziehungen zu Russland natürlich auch nicht gerade befördert. Trotzdem werden uns seit 2013 die gleichen Rechte wie den Beobachtern zugestanden.

Die EU treibt Vorsorge in einer Region von planetarer Bedeutung

Als offizieller EU-Gesandter kann ich an allen Treffen und Sitzungen teilnehmen wie mit offiziellem Status. Daneben gibt es aber auch noch andere wichtige Zusammenarbeitsformen wie den Euro-Arktischen Barentseerat oder die Kooperation in der Nördlichen Dimension, wo wir uns als EU mit den arktischen Nachbarn über Abwasserströme, Steinkohle, U-Boote oder nuklearen Müll austauschen.

Sind diese Kooperationen tragfähiger als der Arktische Rat?

Das will ich nicht sagen. Alle Formate sind wichtig für die Wachsamkeit und Vorsorge in einer Region von planetarer Bedeutung. Was in der Arktis geschieht, bleibt nicht in der Arktis.

Ist die geographische Schlüsselstellung der Grund dafür, dass 60 Beobachter beim Arktischen Rat zugelassen sind, auch solche ohne jegliche räumliche Nähe zum Nordpol?

Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland und viele andere EU-Länder kommen als Beobachter, weil sie ein Interesse an Polarforschung, an Erdbeobachtung, an Umweltentwicklungen aber auch an maritimer Wirtschaft haben. Die Niederlande beispielsweise sind unmittelbar betroffen, wenn die Meeresspiegel steigen, was eindeutig mit der Eisschmelze zusammenhängt.     

Die Wissenschaftsdiplomatie ist das große Aushängeschild der EU in der Arktis. Welches sind die herausragenden EU-Forschungs- und Technologieprojekte in der Region?

Das monatelang zwischen den arktischen Eisschollen eingefrorene Forschungsschiff ist doch zur globalen Ikone für erfolgreiche Polarforschung der Europäer geworden. Deutschland führt diese MOSAiC-Expedition mit seinem Eisbrecher „Polarstern“ an. Zwanzig weitere europäische und internationale Partner beteiligen sich ebenfalls an den Aktivitäten, bei denen es in erster Linie ums Datensammeln über den Klimawandel geht. Die EU unterstützt, neben vielen Geldern aus den beteiligten Ländern, die Eisbrecher-Flotte mit fast sechs Millionen Euro.

Werden die Forschungsaktivitäten in der Arktis aufgestockt?

Rund 200 Millionen Euro betrug das EU-Forschungsbudget im Hohen Norden während der Budgetperiode in den vergangenen sieben Jahren. Es gibt klare Pläne, künftig draufzusatteln. Dabei reichen die Forschungsthemen von Klimaforschung, Biodiversität und arktischen Küsten-Ökosystemen bis zu nachhaltigen wirtschaftlichen und sozialen Anpassungen an den tauenden Permafrost.

Welchen Nutzen haben die Einheimischen von den Forschungen?

Viele der arktischen Gemeinschaften und indigenen Gesellschaften sind direkt in die Projekte integriert, wenn sie Forschungsaufgaben ausführen oder leiten. Sie artikulieren ihre Interessen auch auf den sogenannten Stakeholder Fora und Plattformen, die oft ein wichtiger Teil eines EU-Projekts sind. Aber weit über die Umweltforschung und das Monitoring hinaus gehen die EU-Aktionen zu Gesundheitsversorgung, Transportlogistik, Migration, Tourismus, Erziehung und Technologie.

Diese Entwicklungsthemen wurden bislang in einem Interreg-Förderprogramm für die Arktis und die Nördliche Peripherie gebündelt und mit einem Programm-Sekretariat in Kopenhagen verwaltet. Es handelt sich um Strukturmittel zur Förderung lokaler Wachstums- und Innovationschancen. Damit die Heimat dieser Gesellschaften zukunftsfest gemacht werden kann.

 

Vita Michael Mann

Der Deutsch-Brite Michael Mann war den größten Teil seines Berufslebens für die EU tätig. Seit eineinhalb Jahren ist er Sonder-Gesandter für arktische Angelegenheiten im Auswärtigen Dienst der EU, kurz „EU-Arktis-Botschafter“. Zuvor wirkte er von 2017 bis 2020 als EU-Botschafter in Island. Aus Kent stammend, hat Michael Mann Politikwissenschaften und Germanistik an der Universität Edinburgh studiert. Er ist Vater von vier Kindern und war vor seiner Tätigkeit im Hohen Norden der Leiter der Strategischen Kommunikation im Auswärtigen Dienst der EU, EEAS und Sprecher der Hohen Beauftragen für die EU-Außenpolitik, Catherine Ashton. Seine Berufslaufbahn begann er als Journalist. Für die Financial Times berichtete er aus Brüssel.