Russische Küche

Die Geschichte des O.

Iwan Gontscharows Held Oblomow denkt hunderte Seiten nur an das eine

Gontscharow, Autor von Oblomow
Nach dem Essen sollst du ruh'n: Gontscharow

#21 – Peter Peters Zunge macht ihn zu einem wahren Kenner der Kochkunst und einem Meister des geschliffenen Worts. Für KARENINA schmeckt der Gastrosoph der russischen Küche nach – diesmal in einem Buch.

Ein Held, der zweihundert Seiten braucht, um aus den Federn zu kommen. Mit Ilja Iljitsch Oblomow, der unermüdlich tachiniert, alle Pflichten verschleppt und in einem vegetativen Rhythmus aus Essen und Schlafen aufgeht, hat sich Iwan Alexandrowitsch Gontscharow in die Weltliteratur geschrieben.

Bis heute differieren die Deutungen dieser komplexen Persönlichkeit. Ist Oblomow der übersteigerte Prototyp der parasitären Adelsklasse, der auf Kosten seiner Leibeigenen lebt und verweichlicht nur seinem egoistischen Behagen frönt? Oder propagiert der Roman ein radikales Recht auf Faulheit, ist er eine provozierende Apologetik der vita passiva? Ist es ein wehmütiger Abgesang auf das alte Russland, eine Metapher für souveränen Fatalismus?

Weigert sich Oblomow, von seinem deutschrussischen Freund Stolz, einer aktiven Machernatur, in den Strudel der hektischen, Europa nachahmenden Moderne hineingezogen zu werden und hüllt sich stattdessen lieber lethargisch in seinen orientalischen Hausrock? Ist es ein kauziges Selbstporträt des zu Depressionen neigenden Dichters? Oder ist es das tragische Psychogramm eines seinen Kindheitsträumen nie wirklich entwachsenen Mannes?

Ein Tagtraum spielt eine zentrale Rolle. Oblomow, der den Dienst quittiert hat, weil er von seinen Vorgesetzten nicht so gehätschelt wurde wie einst auf dem elterlichen Gut Oblomowka, sehnt sich nach dieser ländlichen Idylle. Ein Bild des behaglichen Stillstands, des ewigen Russlands, des friedvollen Familienlebens und schlaraffischer Schlemmerei.

Die Sorge um das Essen war die erste und vorzüglichste Lebensfrage in Oblomowka. Wieviel Kälber zu den alljährlichen Feiertagen gemästet wurden! Wieviel Geflügel großgezogen wurde! Wieviel scharfsinnige Überlegungen, wieviel Sorgen und Mühen ihrer Wartung galten! Die für Namenstage und andere festliche Anlässe bestimmten Truthähne und Küchlein wurden mit Nüssen gefüttert; die Mastgänse wurden jeglicher Bewegungsmöglichkeit beraubt, einige Tage vor dem Fest in einen Sack gesteckt und darin unbeweglich hängen gelassen, so daß sie beim Schlachten vor Fett trieften. Was für Vorräte an Eingemachtem, Gesalzenem und Gebratenem gab es da! Wieviel Met und Kwaß wurde gebraut, was für Mengen Piroggen wurden in Oblomowka gebacken!

Auf diese opulenten Mahlzeiten folgt unweigerlich ein alles verschlingender, durch nichts zu besiegender Schlaf ... die Sonne hatte zu flimmern aufgehört und stand unbeweglich. Kein Baum, kein Wasser rührte sich; über Dorf und Flur lag panische Stille; alles war wie ausgestorben.

Essen als Aktivitätsblockade

Dieser entmündigende Idealzustand einer Kindheit, in der der kleine Ilja Iljitsch von seiner Mutter mit Semmeln, Zwieback und Sahne genudelt wurde, erweist sich als Obsession, als dauerhafte Aktivitätsblockade. Oblomows instinktives Ziel bleibt es, zu dieser wollüstigen Ruhe zurückzukehren, seine infantile Phase zu perpetuieren.

Die Versuche seines Freundes Stolz, ihn in Gesellschaft zu bringen und zur tatkräftigen Verwaltung seines Landguts anzuhalten, prallen von ihm ab. Die tiefe Liebe zur aparten erlebnishungrigen Olga, die so betörend Bellinis Arie Casta Diva singen kann und die Auslandsreisen nach Paris unternimmt, überfordert ihn. Zu viele Pflichten, zu viel Mühe.

Da nimmt Oblomow lieber den gesellschaftlichen Abstieg in Kauf und wirft sich seiner einfältigen unermüdlich kochenden Vermieterin Agafja Matwejewna mit den drallen weißen Ellbogen in die Arme. Der adlige Nichtstuer, der durch Schlendrian in Geldnöte gerät, hat sich mit einer unintellektuellen Ersatzmutter arrangiert, die ihn anbetet und hausfraulich umhegt. Und die ihren ganzen Lebenssinn darin sieht, ihn standesgemäß zu verpflegen, auch wenn sie sich das Geld dafür vom Munde abspart, selbst nur Kohlsuppe isst und ihren Schmuck dafür versetzt.

Wie soll dieser Herr, überlegte sie, statt Spargel Rüben mit Butter, statt Rebhühnern Hammelfleisch, statt Forellen aus Gatschina und bernsteinfarbenem Stör gesalzenen Barsch oder vielleicht gar Sülze aus dem Kramerladen essen ... er mochte so gern französische Zuckererbsen.

Das anfängliche Bratkartoffelverhältnis schlägt allmählich in Liebe um. Es ist nicht nur die gegenseitige kulinarische Abhängigkeit, es ist auch Agafjas noble Aufopferungsbereitschaft, die diese Mesalliance ermöglicht. Denn trotz gelegentlicher Schamanfälle ist auch der weltfremde Ilja Iljitsch ein ehrgeizloser, aber herzensguter, reiner und freigebiger Charakter, wie seine Freunde nicht müde werden zu betonen.

Zwei Seelenverwandte sind hier zusammengekommen. Der Phlegmatiker Oblomow hat sein kleines Glück gefunden, wenn er in Agafjas Stube herumsitzt, ihr beim Flicken zuschaut und ihren Küchengesprächen zuhört:

Es kam die Zeit der Piroggen mit Hähnchen und frischen Pilzen und der frisch eingelegten Salzgurken; alsbald erschienen auch die ersten Erdbeeren auf dem Tisch.

„Kalbsgekröse ist jetzt nicht mehr gut“, sagte die Hausfrau zu Oblomow. „Gestern verlangte man für zwei Paar siebzig Kopeken, dafür ist der Lachs frisch: Botwinja könnte man jeden Tag kochen.“

Oblomows Obsession: essen (und schlafen)

Sauerampfer-Fischsuppe und Pantoffel-Idylle, die sich über Klassenunterschiede hinwegsetzt und mit der sozialen Isolation nicht zu hadern scheint. Gegen alle Konventionen hat der apathische Oblomow seine instinktiven Kindheitsfixierungen durchgesetzt, auch wenn er dafür die gesellschaftliche Peinlichkeit seines Lebensstils verdrängen muss.

Er hat sich im Kokon eines Kleinbürgerhaushalts verpuppt. Die poetischen und künstlerischen Potentiale seiner Seele werden brachliegen. Der Rest seines schläfrigen liebevoll umsorgten häuslichen Lebens wird ganz wie in Oblomowka durch die Hauptbeschäftigung des Einnehmens von Mahlzeiten getaktet werden.

Wie essfixiert, wie gastrosophisch Gontscharows Klassiker angelegt ist, sieht man schlussendlich daran, dass sogar die erotische Beziehung und schließliche Heirat von Ilja und Agafja mit einer Metapher aus dem Besteckkasten angedeutet wird: In den Schränken lag neben ihrem schon längst eingelösten und nie wieder versetzten Silber das Silber Oblomows.

Lesen Sie weitere Beiträge unseres Gastrosophen Peter Peter in der Rubrik Leben/Kulinarisches.