Bauhaus

Spektakulärer als das westliche Bauhaus

Anna Bokovs großartiges Buch über WChUTEMAS, die russische Schule des neuen Bauens

Herausgeputzt: das renovierte Narkomfin-Haus in Moskau

Allen, die den Verfall des berühmten Narkomfin-Hauses von Moisey Ginzburg in Moskau über die Jahre mitansehen mussten, wird es am Ende wohl wie ein Wunder erschienen sein. Dieses außergewöhnliche Zeugnis der sowjetischen Architekturmoderne ist zu guter Letzt doch noch gerettet worden.

Über Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben und durch grobe Einbauten verunstaltet strahlt das Narkomfin-Haus heute wieder inmitten der geschniegelten Investorenmoderne postkommunistischer Provenienz und wirbt auf Immobilienportalen mit lichtdurchfluteten Studios und Panoramablick auf Moskau. Es ist eine schneeweiße Edelimmobilie entstanden, die nicht mehr viel vom revolutionären Gestaltungswillen verrät, dem sie ihre Entstehung Ende der 1920er-Jahre verdankte.

Insofern teilt sie das Schicksal ihrer berühmteren Schwestern vom Bauhaus. Auch die haben sich längst eingefügt in das wohlgescheitelte Lebensgefühl der urbanen Eliten von heute. Moderne als Accessoire.

Aber während das Bauhaus zur Ikone des modernen, westlichen Bauens wurde, hat man das sowjetische Gegenstück, die zu ihrer Zeit nicht weniger wichtige und nicht minder berühmte Kunst- und Architekturschule WChUTEMAS einfach vergessen. Dabei ist es sicher keine Übertreibung, in diesen „Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten“, wie sie sich selbst bescheiden nannten, das wichtigste russische „Labor der Moderne“ zu sehen. Ein Ort, an dem die sowjetische Avantgarde die ästhetischen Formen der sozialistischen Gesellschaft von morgen entwarf.

Stalins Schatten überm russischen Bauhaus

Dass WChUTEMAS trotzdem zu einem der bestgehüteten Geheimnisse in der Entstehungsgeschichte der modernen Architektur wurde und das bis heute geblieben ist, wie es der englische Architekturhistoriker Kenneth Frampton im Vorwort zu einer neuen, monumentalen Monografie von Anna Bokov beklagt, hat seine Gründe. Im Osten legte sich der Schatten des Stalinismus sehr bald über die frühe, wilde Phase des neuen Denkens und Gestaltens nach der Oktoberrevolution.

Im Westen aber war es die bald nach Kriegsende einsetzende Selbststilisierung des Bauhauses und eines Teils seiner in die USA emigrierten Protagonisten, die das östliche Pendant rasch vergessen machten. Obwohl es auch eine eigene, tragische Geschichte der roten Bauhäusler gab, die in die Sowjetunion gegangen waren, um sich am Aufbau der kommunistischen Gesellschaft und ihren urbanen Visionen zu beteiligen. Vieles davon blieb lange verschüttet. Das Nachkriegsverständnis von Moderne war westlich geprägt. Im Kampf um die großen Begriffe hatte die westliche Welt gesiegt.

Die Rede vom „russischen Bauhaus“ ist deshalb entlarvend. Man hat der „verlorenen Avantgarde“ der russischen Revolutionsarchitektur zwar Beachtung geschenkt, aber im Sinne einer radikaleren, bolschewistischeren Spielart dessen, was man vom Westen her kannte. Das russische Bauhaus sei noch „moderner gewesen als die Moderne“, schrieb die Tageszeitung Die Welt aus Anlass einer Ausstellung über WChUTEMAS im Berliner Gropius-Bau 2015. Dort wurden jahrzehntelang verschollene Quellen und Dokumente zum ersten Mal wieder gezeigt, die russische Wissenschaftler aus den entlegensten Archiven der untergegangenen Sowjetunion zusammengetragen hatten.

Radikaler, voraussetzungsloser, wilder, spektakulärer

Dem deutschen Kritiker Dankwart Guratzsch erschien WChUTEMAS „radikaler, voraussetzungsloser, wilder und spektakulärer“ als das, was das Bauhaus einst hervorgebracht hatte. In der Berliner Ausstellung habe man plötzlich „Raum- und Konstruktionsbilder vor Augen“, für die es selbst heute noch keine „technischen Realisierungsmöglichkeiten“ gibt.

Großen Einfluss auf das folgende Bauhausjahr und seine hagiografische Sichtweise hatte diese Berliner Ausstellung freilich nicht. Umso wichtiger ist daher die jetzt erschienene Gesamtdarstellung der amerikanischen Architekturhistorikerin Anna Bokov, die in jeder Hinsicht überwältigend ist: optisch, inhaltlich, was den Erkenntnisgewinn anbetrifft und die gestalterische Präsentation. Ein schönes, ein liebevoll gestaltetes, ein in jeder Hinsicht gewichtiges Buch!

Anna Bokov

Avant-Garde as Method
Vkhutemas and the Pedagogy of Space, 1920–1930

Verlag Park Books
624 Seiten
Hardcover, 965 color and 80 b/w illustrations
58 Euro
ISBN 978-3-03860-134-0
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Trotzdem ist daraus keiner jener opulenten Bildbände geworden, die man nach dem Durchblättern rasch wieder im Bücherregal verschwinden lässt. Anna Bokov hat sich lange und gründlich mit den Ideen und Fantasien dieser frühen sowjetischen Bauschule befasst und lässt deren Eigenständigkeit gegenüber anderen Reformströmungen und nicht zuletzt dem Bauhaus deutlich werden. Nicht das einzelne Bauwerk, nicht die geronnene Form steht im Zentrum der Betrachtung, sondern der methodische Weg dorthin, die Schule des Formens und man möchte sagen: des Modellierens der neuen Gesellschaft und ihrer sozialen Räume.

„Avant-Garde as Method“ heißt deshalb der Titel ihres Buches und sie meint damit eine Pädagogik des Raumes, was zunächst rätselhaft klingt, aber verständlicher wird, wenn man die unterschiedlichen Schul- oder besser: Lehrkonzepte von Bauhaus und WChUTEMAS gegenüberstellt.

Ton, der kollektive Werkstoff

Man hat dem Moskauer Experiment von Anfang an die „innige Vermengung von Ideologie und technischem Ehrgeiz“ attestiert und ihm die Weimarer Ideen der „Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen“ im Geiste einer neuen Baukunst gegenübergestellt. Aber bei der Lektüre der Ausführungen von Anna Bokov kommen einem doch Zweifel, ob solche holzschnittartigen Kontrastierungen der Vielfalt der unterschiedlichen Strömungen und Richtungen gerecht wird, die unter dem Dach von WChUTEMAS aufeinandertrafen und sich heftige Konflikte lieferten.

Natürlich ging es dabei vorrangig um die Schaffung von „Kadern der bildenden Kunst“, die den neuen „Forderungen des Staates in Kunstangelegenheiten mit maximal vollendeter Technik und einem klaren Verständnis für die Aufgaben des Aufbaus des Arbeiter- und Bauernstaates“ gerecht werden konnten. Aber im Zentrum des russischen Konzepts standen Ertüchtigung und Ausbildung von jungen Architekten und Gestaltern, während man beim Bauhaus zeitgleich von der kristallinen Kathedrale der Zukunft träumte. Man hat nicht in Stein gedacht. Modellierbarer Ton war das bevorzugte Material; in gewissem Sinne der kollektive Werkstoff schlechthin.

Auch die unbestrittene Dominanz von Walter Gropius beim Bauhaus – Paul Klee nannte ihn einst den Silberprinzen – unterschied sich von der Vielzahl konkurrierender Ideen und Lehrmeinungen bei WChUTEMAS, deren Verfechter sich gegenseitig heftig bekämpften. Rationalisten stritten mit Konstruktivisten oder Psychoanalysten, aber am Ende siegten die Klassizisten der stalinistischen Herrschaftsarchitektur. Während jedoch die Bauhäusler, wie es Gregor Harbusch in der „BauNetz“ so treffend formuliert hat, aus dem Exil heraus fleißig an ihrem Nachruhm stricken konnten, war „das Sprechen über die WChUTEMAS bis in die 1960er-Jahre hinein politisch tabuisiert“.

Das großartige Buch von Anna Bokov wischt den dicksten Staub weg, der jahrzehntelang auf diesem Erbe lag. Aber es zwingt uns zugleich, von liebgewonnen Vorstellungen über die Geschichte der modernen Architektur Abschied zu nehmen, für die es dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs und der Teilung Europas keine Berechtigung mehr gibt.