Die Rossebändiger

Die Rückkehr der Rossebändiger

Die Berliner Figurengruppe sollte endlich wieder in Richtung St. Petersburg grüßen

Blickrichtung St. Petersburg: Die Rossebändiger vor dem Berliner Schloss (Gemälde von Wilhelm Brücke, 1800-1874)

месте Первоначально они были установлены перед Королевским дворцом в Берлине, после Второй мировой войны перенесены в парк Генриха Клейста. После завершения воссоздания Королевского дворца в 2020 году установлены на прежнем (ru.wikipedia.org)

Ursprünglich waren sie (die Rossebändiger) vor dem Königlichen Schloss in Berlin aufgestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie in den Kleistpark versetzt. Nach dem Abschluss der Wiedererrichtung des königlichen Schlosses im Jahre 2020 wurden sie auf ihrem früheren Platz aufgestellt. (ru.wikipedia.org zur Anitschkow-Brücke in St. Petersburg und den Rossebändigern in Berlin)

 

Die Rede ist von zwei bronzenen Figurengruppen, den „Rossebändigern“, die ursprünglich vor dem Berliner Schloss standen. Doch die Verfasser des russischen Textes irren: Die Rekonstruktion des Berliner Schlosses wurde zwar 2020 vollendet, aber die Rossebändiger sind aus dem Kleistpark bis heute nicht mehr zu ihrem alten Standplatz vor dem Portal IV des Schlosses zurückgekehrt.

Für die Russen war diese Rückkehr offenbar ein solche Selbstverständlichkeit, dass sie den Vorgang nach 2020 bereits als vollzogen angenommen und beschrieben haben. Aber der Berliner Senat lehnt die Rückführung der Rossebändiger aus dem Kleistpark ab.

Die Rossebändiger in St. Petersburg

Wer sind nun diese Rossebändiger? Unter Zar Nikolaus I. (1796 – 1855) genoss der deutschbaltische Bildhauer Peter Clodt von Jürgensburg eine besondere Wertschätzung. Diese ging so weit, dass ihm der Zar die beiden schönsten Pferde aus seinem Reitstall als Modelle zur Verfügung stellte für die zwei Bronzegruppen von Rossebändigern, die er in Auftrag gegeben hatte. Clodt schuf zwei Jünglinge, die mit Anmut und Kraft jeweils ein wildes Ross bändigen. Die erste Gruppe beendete der Künstler 1838, die zweite stellte er 1841 fertig.

Das Motiv war nicht neu und dem Zaren vertraut. Der Auftrag für Clodt hatte die Rosse von Marly bei Paris zum Vorbild, ebenfalls Rossebändiger. Guillaume Coustou hatte sie 1743 bis 1745 im Auftrag Ludwigs XV. aus Carrara-Marmor für den Park des Schlosses in Marly geschaffen, ein hochrangiges Werk: Die Originalfiguren stehen heute im Louvre, Kopien im Schlosspark von Marly und am Place de la Concorde in Paris.

Gedanklich findet sich das Motiv durch den Menschen gebändigter Pferde bereits bei Platon: als Bild des Menschen, der die Triebe beherrscht. Jüngling und Pferd verbindet auch das antike Bild der Dioskuren, der Sternenzwillinge Castor und Pollux, wie sie am Ende der Treppe zum Kapitolsplatz in Rom aufgestellt sind, kolossal aus Stein gehauen. Sie wurden formale Vorbilder für Figuren wie die Rossebändiger in Marly oder von Peter Clodt. Die Dioskuren gab es, wie wir sehen werden, schon vor den Rossebändigern auch in Berlin.

Clodt trat also in bedeutende Konkurrenz. Und seine Arbeit konnte sich sehen lassen: Die Figurengruppen wurden nicht nur an zentraler Stelle in St. Petersburg aufgestellt, Abgüsse fanden auch Platz bei der Sommerresidenz des Zaren Schloss Peterhof, auch in Strelna bei St. Petersburg und in Kusminki bei Moskau, ja sogar vor dem königlichen Palast in Neapel. In St. Petersburg, Moskau und Neapel stehen sie vielbeachtet noch heute am originalen Aufstellungsort.

Die Anitschkow-Brücke

Die Anitschkow-Brücke in St. Petersburg führt den Newski-Prospekt, die Hauptstraße der Residenzstadt des Zarenreichs, zwischen dem Belosselski-Beloserski-Palast und dem Anitschkow-Palast über die Fontanka, einen Arm des Newa-Deltas. Die Brücke war bis 1841 neu errichtet worden – sie hatte dem wachsenden Verkehr der aufblühenden Stadt nicht mehr standgehalten. Gleichzeitig vollendete Peter Clodt die beiden Figurengruppen der Rossebändiger.

Ursprünglich dachte der Zar an eine Aufstellung am Newa-Ufer. Clodt konnte den Zaren jedoch davon überzeugen, dass die Figuren auf der neuen Brücke über die Fontanka die beste Wirkung entfalten würden. So wurde der erste Guss der beiden Gruppen 1841 am westlichen Ende der Brücke aufgestellt.

Ein zweiter Guss derselben Gruppen sollte 1842 das östliche Ende zieren. Aber Zar Nikolaus I. ließ die beiden Zweitgüsse vom Gießhof abholen und zu seinem Schwager schicken, der war König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795 – 1861) in Berlin. Die Ostseite der Anitschkow-Brücke zierten von 1844 an zwei bronzefarben angemalte Gipsmodelle der westlichen Rosebändiger.

Bis 1851 schuf Clodt für die östliche Seite zwei weitere Gruppen, die sie bis heute verschönern. Seit dieser Zeit schmücken vier Gruppen von Rossebändigern die Anitschkow-Brücke.

Familienbande

Die beiden Herrscher standen in enger Familienbindung: Zar Nikolaus I. hatte 1817 die Schwester des preußischen Königs geheiratet: Prinzessin Charlotte war unter dem Namen Alexandra Fjodorowna Zarin von Russland geworden. Die Bindungen nach Deutschland waren intensiv: So war die Mutter des Zaren Nikolaus I. eine geborene Prinzessin Sophie Dorothee von Württemberg; sie heiratete als Maria Fjodorowna Zar Paul, den Sohn von Katherina der Großen. Sophie Dorothee war Urenkelin Friedrichs des Großen und die Schwester Friedrichs I., des ersten Königs von Württemberg. Sie war auch die Mutter des Zaren Alexander I.

Zwischen St. Petersburg, Berlin und Stuttgart bestand reger Austausch, die Sprache am Zarenhof war überwiegend deutsch. König Friedrich I. von Württemberg war zuvor General-Gouverneur in Russisch-Finnland gewesen. Der vormalige Ochsenmarkt, spätere Königsplatz in Berlin, erhielt 1805 nach dem Besuch Zar Alexanders I. in Berlin den Namen Alexanderplatz. Das sind nur Beispiele.

Die Rossebändiger in Berlin

Nach ihrer begeistert gefeierten Ankunft 1842 ergab sich die Frage nach dem Ort der Aufstellung der beiden Figurengruppen. Alexander v. Humboldt und Christian Daniel Rauch waren die prominentesten Ratgeber. Wir kennen Rauch vor allem als Schöpfer der Reiterstatue Friedrichs des Großen in der Straße Unter den Linden. Er war Schüler von Johann Gottfried Schadow, dem Schöpfer der Quadriga auf dem Brandenburger Tor.

Die Wahl der Fachleute fiel auf den Lustgarten zwischen dem Schloss und dem Alten Museum. Hier bot sich ein willkommener Gesamtzusammenhang: Auf der Treppe zum Alten Museum, dessen Hauptfassade der Erbauer Karl Friedrich Schinkel von 1825 bis 1830 ganz auf das Schloss ausgerichtet hatte, stand bereits als Bronzestatue eine Amazone zu Pferd von August Kiß 1841 geschaffen – wie die Rossebändiger eine Figur von äußerster Dramatik.

Auf dem Dach der Rotunde standen sich schon seit 1828 die Bronzefiguren von Kastor und Pollux mit ihren Pferden gegenüber, auch sie voll Dynamik. Gefertigt wurden sie nach Schinkels Entwurf von Christian Friedrich Tieck.

Der Platz vor Portal IV des Schlosses am Ende der Schlossbrücke, gleichzeitig Ende der Straße Unter den Linden, bot sich als Aufstellungsort an. Die Originalfiguren in St. Petersburg stehen ja ebenfalls in Bezug zu einer Brücke. Da die Anitschkow-Brücke in St. Petersburg breit, der Zugang zum Schlossportal im Vergleich dazu sehr schmal ist, stellte man die Figurengruppen umgekehrt auf, so konnten die bändigenden Jünglinge auch von der Seite und mit größerem Abstand betrachtet werden: Die Rosse stehen innen und die Jünglinge außen. In St. Petersburg auf der Brücke stehen die Jünglinge innen, die Rosse außen zur Wasserseite.

Der gestalterische Bezug zu St. Petersburg und der Anitschkow-Brücke wurde noch verstärkt: Friedrich Wilhelm IV. ließ vom Eisengeländer der Schlossbrücke, das Schinkel entworfen hatte – maritime mythologische Motive – Repliken für die Anitschkow-Brücke anfertigen und machte sie seinem Schwager zum Gegengeschenk. Diese Repliken sind ebenfalls von Schinkel entworfen, aber keine Kopien.

In Berlin sind die Mischwesen mythologischer Meeresbewohner mit menschlichem Oberkörper männlichen Geschlechts – Tritonen; in St, Petersburg sind sie weiblich – Nereiden. Vielleicht lässt sich ein Grund darin sehen, dass das Bindeglied der verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen russischem Zar und preußischem König ja eine Frau war: die Schwester des Königs, jetzt Zarin in St. Petersburg.

Den Bezug zu den Figurengruppen vor dem Schlossportal IV ergänzte schließlich 1861 die ebenfalls sehr angriffige Bronzefigur des Löwenkämpfers zu Pferd auf der Treppe zum Alten Museum, von Wolff nach einem Entwurf von Rauch gefertigt, der ihn ganz bewusst für diesen Platz gegenüber der Lusthausfassade des Schlosses mit den Rossebändigern entworfen hatte. Der Löwenkämpfer steht parallel zur Amazone.

Die Rossebändiger lassen sich im Sinne Platons als Bild der Autonomie des Menschen deuten, Löwenkämpfer und Amazone gegenüber am Alten Museum als Ergänzung dazu: Der Mensch erschafft Kultur und unterwirft dabei Wildnis und Chaos.

Der Lustgarten zwischen Schloss und Altem Museum, zusammen mit den Dioskuren, Rossebändigern, der Schlossfassade und der Fassade des Alten Museums bildeten nun eine spannungsreiche und doch harmonische Einheit wie die Anitschkow-Brücke mit ihren Palästen und dem Newski-Prospekt. Die Situation aber in den beiden Städten mit Rossebändigern, Brücke und Brückengeländer erinnerten in St. Petersburg an Berlin, in Berlin an St. Petersburg.

Historische Beziehungen erlebbar machen

Zar Nikolaus I. war nicht das Musterbild eines gemäßigten Autokraten. König Friedrich Wilhelm IV. hat bei allen Verdiensten um die Architektur – die Vollendung des Kölner Doms ist wesentlich ihm zu verdanken, auf seine Skizzen geht z. B. die Heilandskirche in Sacrow zurück – mit der Ablehnung der ihm von der Paulskirche angebotenen Kaiserkrone viel Unglück in der deutschen Geschichte ermöglicht. Aber es geht nicht um die Qualität der Herrscher, wenn wir an die Bindungen zweier Völker denken.

St. Petersburg: Leningrad, 871 Tage deutsche Blockade, ausgehungert, über eine Million toter Zivilisten. Aber mein Schwiegervater, ab 1945 drei Jahre Kriegsgefangener in der ausgebluteten Stadt, erzählte oft von der überraschenden Anteilnahme von einfachen Menschen auf der Straße.

Ich erlebte das im Sommer 1990 unmittelbar vor der Wiedervereinigung Deutschlands in einem winzigen Dorf im Wolgagebiet nördlich von Moskau: „Es sind gute Menschen da!“, rief eine alte Bäuerin zu ihrem noch älteren Mann ins Haus, bevor sie uns fünf Deutsche in das schlichte Innere des Blockhauses lud.

Wir waren erstaunt. Hatten doch im Zweiten Weltkrieg ringsum die entsetzlichsten Kämpfe getobt. Kaum eine Familie war von Verlusten verschont geblieben: Es sind gute Menschen da!

Wir hörten das noch oft auf dieser Reise, und die Herzlichkeit war groß und für einen geschichtsbewussten Deutschen eigentlich beschämend. Und wir hörten auch, dass zwischen Politik und den Menschen zu unterscheiden sei; diese Menschen hatten innerlich Ideologie und Diktatur längst beseitigt.

Die Granitpfeiler der Anitschkow-Brücke tragen heute noch die Einschläge deutscher Granaten aus der Blockade und sind als solche beschriftet. Im Reichstagsgebäude in Berlin kann man kyrillische Graffiti lesen, die Soldaten der Roten Armee nach der Eroberung Berlins in die Wände geritzt haben. Für die Russen aber ist es selbstverständlich, dass nicht nur Erinnerung an Krieg bewahrt werden soll. Sie haben das in Wikipedia auch für uns so vorausgesetzt. Der rot-rot-grüne Senat lehnt es ab: Der Preußenstaat wird verneint – dessen Staatsziel aber war doch jahrhundertelang auch gerade ethnische und religiöse Inklusion gewesen!

Es wäre sicher ein großes Ereignis in der Stadt, die heute nach einer Volksabstimmung 1991 wieder den deutschen Namen St. Petersburg trägt, wenn die Rossebändiger von der Schlossbrücke aus wie vor dem Krieg zur Anitschkow-Brücke grüßen dürften. Dem Forum in Berlin mit dem Namen Humboldt stünde es wohl an, beim Ort der Aufstellung der Rossebändiger wieder der Empfehlung des Mannes folgen zu dürfen, dessen Namen es trägt. Und Humboldts Weltoffenheit sollte in Berlin durch die Sichtbarmachung der erhaltenen historischen Zeugnisse deutsch-russischer Beziehungen wieder erlebbar gemacht werden.