Dostojewski

Dostojewski: Der Prophet und seine Dämonen

Zu Fjodor Dostojewskis 200. Geburtstag: Ein Streifzug durch sein von Dramen geprägtes Leben

von Andreas Guski
Dostojewski
Fjodor Dostojewski 1872, als er "Die Dämonen" schrieb.

In der Sowjetunion war er wegen seiner kritischen Auseinandersetzung mit Sozialismus und Materialismus lange geächtet. Umso begeisterter gelesen, oft geradezu kultisch verehrt hat ihn dafür das europäische Publikum. Der Maler Ernst Liebermann stellt ihn 1898 als neuen Moses mit den Gesetzestafeln, Otto Fischer-Lambert wenig später als modernen Evangelisten dar.

Und auch in Putins Russland ist er mit seiner Idee von der Rolle Russlands als Antidot gegen den dekadenten Westen wieder zu Ehren gelangt. Als nationalem Propheten werden ihm Denkmäler und Museen gewidmet, Straßen, Plätze und Metrostationen nach ihm benannt; und sein 200. Geburtstag wird gegenwärtig als Haupt-und Staatsaktion inszeniert.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski wurde am 11. November 1821 als zweites Kind eines Moskauer Armenarztes geboren. Dem Wunsch des Vaters gemäß zum Offizier der russischen Pioniertruppen ausgebildet, verzichtet er 1844 auf eine militärische Karriere und entscheidet sich für den Beruf des freien Schriftstellers.

Literatur war bis dahin überwiegend ein Hobby begüterter Dilettanten gewesen. Der literarische Markt befindet sich in Russland damals noch in einem embryonalen und höchst labilen Zustand. Insofern war Dostojewskis Berufsentscheidung hochriskant.

Dostojewskis Lust am Risiko

Doch die Lust am Risiko ist und bleibt ein Wesensmerkmal dieses Autors. 1846 erscheint sein Briefroman „Arme Leute“, der ihm ein triumphales Debüt beschert. Seit 1847 besucht er regelmäßig die Freitagsrunden des vom utopischen Sozialismus Charles Fouriers faszinierten Michail Petraschewski. Im April 1849 werden mehr als 30 „Petraschewzen“ verhaftet, wegen Hochverrats angeklagt und 22, darunter Dostojewski, zum Tod durch Erschießen verurteilt.

Die Exekution wird zum makabren Beispiel des Willkürregimes von Zar Nikolaus I. Am 22. Dezember 1849 werden die Häftlinge zum Richtplatz gebracht, die erste Dreiergruppe, darunter Petraschewski, wird an Hinrichtungspfähle gefesselt. Vor ihnen pflanzt sich mit angelegten Gewehren das Peloton auf. Doch der Befehl „Feuer!“ lässt auf sich warten.

Dostojewski, der für die nächste Dreiergruppe vorgesehen ist, hat mit dem Leben abgeschlossen. Plötzlich erscheint ein hoher Offizier und verkündet, dass der Zar in seiner unergründlichen Weisheit und Güte beschlossen habe, den versammelten Staatsverbrechern das Leben zu schenken und die Todesstrafe in mehrjährige Haft- und Verbannungsstrafen umzuwandeln.

Das Trauma der Scheinhinrichtung hat sich für immer in Dostojewskis Seele eingebrannt. Vermutlich ist es der tiefere Grund seines Wandels vom Gegner zum Befürworter des Zarismus – ein psychologisches Paradoxon in der Nähe des Stockholm-Syndroms.

Die nächsten vier Jahre verbringt Dostojewski als Kettensträfling und Zwangsarbeiter im sibirischen Omsk. Die Erfahrungen dieser Zeit bringt er später in den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ (1860 – 1862) zu Papier. Dort freilich wendet er die Zuchthausleiden ins Positive, indem er die Schicksalsgemeinschaft mit Dieben, Mördern und Säufern, dem Bodensatz der russischen Gesellschaft, zum Modell der für Russlands innere Gesundung notwendigen Annäherung von Volk und urbanen Eliten stilisiert.

Nach der Haftentlassung muss er sechs weitere Jahre als gemeiner Soldat in einem ostsibirischen Linienregiment Dienst leisten. Die Tristesse dieser Zeit wird ihm versüßt durch die Liebe zu Maria Issajewa, der so attraktiven wie kapriziösen Frau eines befreundeten Beamten. Als dieser überraschend stirbt, ehelicht Dostojewski Maria im Februar 1857.

Schon in Sibirien beginnt er wieder zu schreiben. Im Dezember 1859 kehren die Dostojewskis nach Petersburg zurück. Hier hat sein Bruder Michail inzwischen ein Literaturmagazin mit dem Titel Die Zeit gegründet, das vor allem Fjodors literarischer Wiederauferstehung dienen soll. Mit den „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ gelingt ihm ein sensationelles Comeback.

Dostojewskis Reisen nach Europa

1862 tritt Dostojewski seine erste Europareise an. Ihr literarischer Ertrag erscheint unter dem Titel „Winternotizen über Sommerimpressionen“. Der maliziöse Stil dieser Feuilletons nimmt die antieuropäische Tendenz der fünf großen Romane vorweg.

1863 folgt eine weitere Europareise, diesmal in Begleitung Apollinaria Suslowas, seiner 18 Jahre jüngeren Geliebten, einer modernen émancipée und George-Sand-Jüngerin, mit der er seit zwei Jahren eine Affäre hat. In den Kasinos deutscher Kurorte wie Bad Homburg und Baden-Baden packt Dostojewski beim Roulette erstmals jene pathologische Spielsucht, die ihn finanziell und seelisch immer wieder zu ruinieren droht und das latente Motiv seiner Hassliebe zu Europa, namentlich zu Deutschland, darstellt, wo das in Russland verbotene Glücksspiel bis zur Reichsgründung von 1871 erlaubt bleibt.

Im April 1864 stirbt Maria, die seit langem an Schwindsucht gelitten hatte. Härter als der Verlust seiner Frau, der er sich seit langem entfremdet hatte, trifft ihn wenige Woche später der Tod seines älteren Bruders. Michail war sein engster Freund und Vertrauter gewesen, der ihn in Sibirien finanziell unterstützt und ihm mit der Zeitschrift regelmäßige Einkünfte gesichert hatte.

Doch das Journal steckt in einer finanziellen Krise. Michail hatte hohe Kredite aufnehmen müssen. Nach allem, was Michail für ihn getan hatte, entschließt sich Dostojewski, die Schulden des Bruders zu übernehmen.

Damit lastet er sich eine Bürde auf, unter der er bis an sein Lebensende leiden wird. Um die parallele Arbeit an gleich zwei Romanen zu beschleunigen, zu denen er sich unter finanziellem Druck verpflichtet hat, engagiert er die stenographiekundige Anna Snitkina als Sekretärin.

Bei den Romanen handelt es sich zum einen um den „Spieler“ (1866), der im fiktiven deutschen Kurort Roulettenburg jene Verschränkung von Erotik und Spielsucht behandelt, die Dostojewski 1863 mit Apollinaria Suslowa in Baden-Baden an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte. Zum anderen geht es um „Schuld und Sühne“, „den größten Kriminalroman aller Zeiten“ (Thomas Mann), der die Serie der fünf großen Romane des Autors eröffnet, die alle ein gemeinsames Ziel haben: die Warnung vor der Bedrohung der Identität des „heiligen Russland“ durch Ideologien wie Materialismus und Nihilismus im Schlepptau der europäischen Aufklärung.

Aus dem Arbeitsverhältnis mit Anna Snitkina wird bald eine intimere Beziehung. Im Februar 1867 wird das ungleiche Paar – sie ist 25 Jahre jünger als er – getraut. Die Hochzeitsreise nach Europa wächst sich zu einer viereinhalbjährigen Flucht vor den Gläubigern aus. Auf der Fahrt nach Genf wird Halt in Baden-Baden gemacht, wo Dostojewski beim Roulette sein gesamtes Geld verspielt und die Eheringe versetzt, um weiterspielen zu können.

In Dresden entsteht dann 1868/69 der Roman „Der Idiot“, dessen als russischer Christus konzipierter sanftmütiger Held, Fürst Myschkin, aus einer Schweizer Nervenklinik ins Russland der liberalen Reformära zurückkehrt und dort in einer durch Geldgier und sexuelle Exzesse enthemmten Gesellschaft buchstäblich „irre“ und neuerlich zu einem Fall für die Psychiatrie wird. Der antikapitalistischen Polemik des Romans „Der Idiot“, die der Entwicklungsroman „Der Jüngling“ (1875, neu: „Ein grüner Junge“), fortsetzt, folgt nach Dostojewskis Heimkehr nach Petersburg im Roman „Die Dämonen“ (1870, neu: „Böse Geister“) eine ebenso heftige Attacke gegen die russischen Sozialisten und Anarchisten.

Den krönenden Schlussstein seines monumentalen Werks bilden kurz vor Dostojewskis Tod „Die Brüder Karamasow“ (1880/81), die noch einmal zentrale Motive seines Schaffens aufgreifen wie die Konflikte zwischen Glauben und Zweifel, Russland und Europa, weltlicher und spiritueller Macht, die in Iwan Karamasows berühmter „Legende vom Großinquisitor“ grandios verdichtet werden.

Andreas Guski ist Professor Emeritus für Slavische Philologie an der Universität Basel. Er gilt als einer der besten deutschen Kenner von Dostojewskis Werk. 2018 erschien seine große Dostojewski-Biografie bei C.H.Beck. Dieser Beitrag ist ursprünglich im Rotary Magazin erschienen.

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