Corona in Russland

Covid-19: Hoffen auf den Impfstoff

Anmerkungen zur Pandemie in Russland und zur Entwicklung eines Vakzins

In der Vergangenheit wurde immer wieder Kritik an Russland und dem Umgang der Verantwortlichen mit der Corona-Pandemie geäußert. Diese bezog sich auch auf die Impfstoffentwicklung und das Krisenmanagement der russischen Regierung. Kennt man allerdings die Situation vor Ort und die beteiligten wissenschaftlichen Institute und Behörden, ist eine differenziertere Analyse angebracht.

Zwar sind die Infektionszahlen auch in dem flächenmäßig größten Land der Erde seit Ende September wieder deutlich gestiegen. Verzeichnete man während der ersten Welle noch einen Höchststand von 11 656 täglichen Neuinfektionen, so wurde dieser Wert im Zuge der sogenannten zweiten Welle nahezu täglich überschritten. Vor kurzem wurde ein neuer Rekordwert von mehr als 27 500 Neuinfektionen an einem Tag erreicht (Stand 1. Dezember: 26 402). Dies ist mehr als eine Verdopplung des Höchstwerts der ersten Welle und zeigt, mit welcher Brutalität und Stärke das Virus zurückgekommen ist.

Angesichts der ca. 140 Millionen Einwohner infizieren sich – prozentual gesehen – in Russland jedoch weniger Menschen als in Deutschland, insgesamt 2,32 Millionen. Die Zahl der Todesfälle hat mit 569 Fällen innerhalb eines Tages hat kürzlich einen neuen Höchstwert erreicht, insgesamt sind es seit Beginn der Pandemie 40 464 (Stand 1. Dezember). Nach Aussagen eines Kreml-Sprechers werde die Lage immer komplizierter, sei aber kontrollierbar.

Die Entwicklung der Fallzahlen

Während in Deutschland und dem Rest Europas bereits im Januar die ersten Infektionen mit SARS-CoV-2 nachgewiesen wurden, traf die Pandemie Russland etwas zeitverzögert. Dort wurden erstmals Mitte März Infektionen registriert. Wie auch im Rest der Welt verlief die Entwicklung sodann exponentiell und erreichte Mitte Mai den bereits genannten Höchstwert.

Im weiteren Verlauf konnte auch Russland das Infektionsgeschehen bremsen, die Zahl der täglichen Neuinfektionen pendelte sich auf einem erhöhten Niveau ein und fand Ende August seinen Tiefpunkt mit rund 4 600 täglichen Neuinfektionen. Im weiteren Verlauf war mit Beginn des Septembers erneut ein Anstieg zu verzeichnen, der Ende September erneut drastisch ausfiel. Seither ist mit einigen wenigen Ausnahmen ein stetiger Anstieg der täglichen Neuinfektionen zu beobachten.

Beachtenswert ist, dass die Zahl der schweren Fälle im Vergleich zur ersten Welle deutlich höher ist. So wurden in den vergangenen Wochen etwa sechs Mal mehr Patienten mit schweren Symptomen und Verläufen in die Krankenhäuser eingeliefert als bei der ersten Welle.

Maßnahmen während der zweiten Welle

Angesichts der stark gestiegenen Infektionszahlen verschärfte Russland die Anti-Corona-Maßnahmen. So gilt für belebte Straßen und Plätze, öffentliche Verkehrsmittel, Taxis und Aufzüge nach Anordnung der zuständigen Verbraucherschutzbehörde Maskenpflicht. Darüber hinaus dürfen zwischen 23 Uhr und 6 Uhr keine öffentlichen Veranstaltungen stattfinden, Cafés und Restaurants bleiben in dieser Zeit geschlossen. Die Umsetzung der Sperrstunde fällt in den Bereich der jeweiligen Regionalverwaltung.

Vereinzelt wurden zudem die Ferien verlängert oder Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Auch die Universitäten wurden geschlossen. Weitere Beschränkungen lehnt die Regierung von Wladimir Putin zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab, um die Wirtschaft nicht erneut lahmzulegen. Der Lockdown im Zuge der ersten Welle hatte der russischen Wirtschaft schwer zugesetzt.

Situation in den Krankenhäusern

Das dynamische Infektionsgeschehen spiegelt sich nur teilweise in den russischen Krankenhäusern wider. So befindet sich das russische Gesundheitssystem nur in wenigen Regionen an der Grenze der maximalen Auslastung. Lediglich in drei bis vier der insgesamt 86 Regionen besteht Bettenknappheit. Dazu zählen insbesondere St. Petersburg und die Krim mit einer nahezu hundertprozentigen Auslastung. In Moskau hingegen liegt die Bettenauslastung bei 56 Prozent.

Um das Krankenhauspersonal in den stark getroffenen Regionen zu unterstützen, stellte die Regierung umgehend zusätzliche Gelder für Schutzausrüstung, Tests und Medikamente zur Verfügung. In weiteren 30 bis 40 Regionen ist die Bettenkapazität weitestgehend unproblematisch, hier liegt die Auslastung zwischen 60 und 65 Prozent. In den übrigen Regionen des Landes liegt die Auslastung sogar unterhalb von 60 Prozent und ist daher nahezu unproblematisch.

Umstritten: die Impfstoffentwicklung

Sowohl Russland als auch China wurde von der EU und Amerika vorgeworfen, die Impfstoffentwicklung als „politischen Wettlauf“ zu verstehen. Dabei verfügen beide Länder über fachkundig geleitete und wissenschaftlich anerkannte Institute, die sich akribisch mit der Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 befassen.

In Russland sind unter anderem das Gamaleya-Forschungszentrum in Moskau, das staatliche Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie „Vector“ in Nowosibirsk und das Chumakov-Institut für Poliomyelitis und Virusenzephalitiden, ebenfalls in der Moskauer Region gelegen, mit der Impfstoffentwicklung befasst. Bereits im Sommer wurde der im Gamaleya-Institut entwickelte Impfstoff Sputnik V an Freiwilligen erprobt. Internationale Bedenken wurden dahingehend geäußert, dass der Impfstoff bereits vor Beginn der entscheidenden Phase-III-Studie in größeren Mengen eingesetzt wurde.

Während die Unternehmen von Pfizer und BioNTech den Ansatz einer RNA-Impfung verfolgen, setzt Sputnik V auf die Methode, abgewandelte Adenoviren als sogenannte Impfstoffvektoren einzusetzen. Die Viren enthalten statt ihres eigenen Erbguts eine Bauanleitung für das Spikeprotein des Coronavirus, sozusagen den Schlüssel, mit dem Sars-CoV-2 in menschliche Zellen eindringt. So lernen die Immunsysteme der Geimpften Antikörper gegen das S-Protein zu bilden und sich damit gegen das echte Coronavirus zu schützen.

Nach Angaben von Charles Bangham vom Londoner Imperial College sei der Vorteil des russischen Ansatzes, dass der Impfstoff robuster für den Transport sei, weil er weniger kühl gelagert werden müsse. Die Lagerung kann bei Temperaturen zwischen zwei und acht Grad Celsius erfolgen. Dem gegenüber stehe das Problem, dass die verwendeten Adenoviren vermehrt Nebenwirkungen wie Fieber oder Kopfschmerzen hervorrufen könnten, diese würden jedoch voraussichtlich milder ausfallen.

Zwischenergebnisse im neuen Jahr erwartet

In der Zwischenzeit wurde mit der Phase-III-Studie begonnen. Es liegen erste Ergebnisse vor. Nach Angaben des Gameleya-Instituts und des Investmentfonds der russischen Regierung erreiche der Impfstoff einen 92-prozentigen Schutz gegen das Virus. Basis dieser Abschätzung seien insgesamt 20 bestätigte und unterschiedlich verteilte Corona-Fälle unter den Probanden, die je zur Hälfte den Impfstoff oder ein Placebo erhalten hatten.

An den klinischen Tests von Sputnik V nehmen derzeit etwa 40 000 Probanden teil. Zusätzlich zu dieser Gruppe sei nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums damit begonnen worden, Vertreter des Militärs zu impfen. Aus allen Daten zusammengenommen zeige sich, dass der Impfstoff einen mindestens 90-prozentigen Schutz vor einer Infektion mit Covid-19 biete. Schwere Nebenwirkungen seien bei den Probanden bisher nicht aufgetreten, so die Mitteilung der Verantwortlichen. Das Endergebnis der Studie soll im Dezember veröffentlich werden.

Zudem sei geplant, die von unabhängigen Wissenschaftlern geprüften Daten in einem internationalen Fachjournal zu veröffentlichen. Der Direktor des Gamaleya-Instituts, Alexander Gintsburg, geht davon aus, dass in den kommenden Wochen mit Massenimpfungen in Russland begonnen werden könne. Eine Zertifizierung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht indes noch aus.

Mitte Oktober hat Russland einen weiteren Impfstoff zur Anwendung gegen das neuartige Coronavirus freigegeben. Der Impfstoff mit der Bezeichnung „EpiVacCorona“, der vom staatlichen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie „Vector“ in Nowosibirsk entwickelt wurde, soll vom Zeitpunkt der Registrierung an gemäß den gesetzlichen Bestimmungen in den Verkehr gelangen können. Dies wurde sowohl von dem stellvertretenden russischen Gesundheitsminister Alexei Kusnezow als auch Präsident Wladimir Putin im Oktober bekannt gegeben.

Dieses Impfstoffprojekt basiert auf synthetischen Peptid-Antigenen. Nach aktuellen Informationen wurde EpiVacCorona zunächst in klinischen Versuchen mit 100 Freiwilligen erprobt. In der Zwischenzeit wurde auch hier mit der Phase-III-Studie begonnen. Mit ersten Ergebnissen sei im Januar oder Februar 2021 zu rechnen.

Das Chumakov-Institut beschäftigt sich ebenfalls mit der Entwicklung eines Impfstoffs. Dieser Impfstoff, mit welchem der traditionelle Ansatz der Impfstoffentwicklung (vollständig inaktivierte RNA des Virus) verfolgt wird, befindet sich ebenfalls in der Phase-III-Studie. Mit Zwischenergebnissen ist im Januar oder Februar 2021 zu rechnen.

Licht am Ende des Tunnels

Zwar bleibt die Lage in Russland und der Welt weiterhin angespannt. Die Menschen in Russland reagieren jedoch deutlich ruhiger auf die verschärfte Lage als dies noch während der ersten Welle der Fall war. Aufgrund der vielen positiven Ergebnisse in der Impfstoffentwicklung, an denen insbesondere auch Russland einen Anteil hat, ist alsbald mit dem Beginn von Massenimpfungen zu rechnen.

Es gilt nun die entscheidenden Ergebnisse der Studien abzuwarten und sodann schnellstmöglich die Infrastruktur für die Impfung der gesamten Bevölkerung zu schaffen. Bis dahin müssen sich die Menschen weltweit noch in Geduld üben und die auferlegten Beschränkungen auf sich nehmen. Die gute Nachricht jedoch ist: Ein Ziel ist in Sicht.