Gedenktag

Zar Peter erobert die Festung Asow

Vor 325 Jahren, am 19. Juli 1696, nahmen russische Truppen erstmals das osmanische Asow

von Alexander Frese
Die Einnahme von Azow 1696, Stich von Adriaan Schoonebeek, 1699

Die russischen Truppen mussten die Stadt nicht stürmen. Die Festung des osmanischen Asow kapitulierte nach mehr als einem Monat Belagerung und Beschuss – auch vom Meer, durch eine neuerbaute russische Flotte. Damit erreichte der zweite Asowfeldzug am 19. Juli 1696 sein ambitioniertes Ziel.

Ein Jahr zuvor war die russische Armee noch daran gescheitert, die starke Festung zu erobern. Wichtig für den Sieg war der schnelle Aufbau einer russischen Flotte gewesen, die der junge Zar Peter vor dem erneuten Angriff mit ganzer Kraft betrieben hatte. Umso größer war der Triumphzug, mit dem er seinen ersten militärischen Erfolg in Moskau feierte.

Die Eroberung der strategisch wichtigen und alten Stadt an der Mündung des Don – die früher auch Asak bzw. Tana geheißen hatte und nach der heute das Asowsche Meer benannt ist – beendete eine lange Periode osmanischer Herrschaft. Wie die gesamte Schwarzmeergegend, war auch das Gebiet von Asow seit Jahrhunderten von Handel, vielen Einflüssen und wechselnden Herrschaften geprägt.

Schon im Altertum lag dort, unweit des heutigen Asow, die griechische Kolonie Tanais. Im Mittelalter hatten Venezianer und Genuesen dort eine Basis gehabt, bevor sie im 15. Jahrhundert unter türkische Herrschaft kam.

Kampf um den Zugang zum Schwarzen Meer

Der Feldzug von 1696 war ein kleiner Teil des großen Ringens zwischen dem Osmanischen Reich und verschiedenen europäischen Mächten. Er war zugleich aber auch ein Baustein in dem langen russischen Streben um Vorherrschaft in dieser umkämpften Region und um Zugang zum Schwarzen Meer.

Mehr als zehn Jahre zuvor, 1684, hatten das Habsburger Reich, Polen-Litauen und die Republik Venedig sich auf päpstliche Vermittlung in der „Heiligen Liga“ zusammengeschlossen, um der osmanischen Expansion gemeinsam entgegenzutreten und insbesondere die Gefahr einer Eroberung Wiens durch die Türken abzuwenden. Russland schloss sich 1686 – nach Abschluss eines „ewigen Friedens“ mit Polen-Litauen – dieser „Kreuzzugsallianz“ an und wurde damit Teil des Großen Türkenkriegs.

Der russische Schauplatz war in diesem Krieg zwar nicht zentral, fügte sich aber in bisherige Ambitionen des Russischen Reichs an der unruhigen Südflanke. Noch unter Sofia Alexejewna wurden 1687 und 1689 zwei Feldzüge gegen das unter osmanischer Vasallenschaft stehende Krimkhanat geführt, deren Misserfolg dazu beitrug, Peter I. 1689 an die Macht zu bringen.

Obschon Peter nach dem Sieg von Asow im nahegelegenen Taganrog gleich an die Errichtung einer russischen Marinebasis ging, hatte er den osmanischen Einfluss in dem Gebiet keinesfalls eliminiert. Mit dem Frieden von Karlowitz von 1699, der den Großen Türkenkrieg beendete, und dem Frieden von Konstantinopel von 1700, konnte der Zar zwar verbliebene Tributverpflichtungen gegenüber dem Krimkhanat beenden und hatte die von diesem Khanat ausgehende Gefahr weiter reduziert, musste den Osmanen aber zugleich wichtige Zugeständnisse machen.

So blieb die Meerenge von Kertsch unter osmanischer Kontrolle und das Schwarze Meer für die russische Flotte damit unerreichbar. Aus osmanischer Sicht wogen ihre Verluste auf dem Balkan weit schwerer.

Auch war die Eroberung Asows nicht von Dauer. Schon 1711 ging die Stadt erneut an die Türken und wurde erst ein weiteres Vierteljahrhundert später endgültig Teil des Russischen Reichs. Und der russisch-osmanische Konflikt in der nördlichen Schwarzmeerregion zog sich noch fast ein weiteres Jahrhundert und mehrere Kriege weiter fort.

Zunächst aber war Abschluss des „Großen Türkenkriegs“ für Peter I. zugleich auch eine Grundlage, von der er seine Aufmerksamkeit dann nach Norden wandte. Das Jahr 1700 markiert das Ende des Türkenkriegs, aber auch den Beginn des Großen Nordischen Kriegs.