Russische Weihnacht

Der Weihnachtsmann kommt später

Weshalb der Nikolaus in Russland Väterchen Frost heißt und andere Merkwürdigkeiten

Sowjetische Postkarte der 1950er-Jahre aus dem Familienalbum der Familie Firsova

„Verstehen kann man Russland nicht, und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land.“ Für viele Russen sind diese Zeilen von Fjodor Tjutschew ein geflügeltes Wort, das sie als Witz einsetzen oder in einem Gespräch über die „geheimnisvolle“ russische Seele. Wer einen Russen fragt, warum die Straßen im Land so schlecht sind oder die Korruption so verbreitet ist, erhält als Antwort wahrscheinlich Tjutschews Zitat, ergänzt um den Satz: „Aber dafür haben wir eine breite Seele.“ Das Gedicht aus dem Jahr 1866 ist noch immer aktuell, nicht nur wenn es um Straßen und Korruption geht, sondern auch um Weihnachten und Silvester in Russland.

Für die meisten Europäer ist Weihnachten das wichtigste Fest des Jahres. Anders ist das in Russland. Nicht die Tage vom 24. bis zum 26. Dezember werden als großes Familienfest gefeiert, zu dem Cousin und Cousine, Oma und Enkel, Nichte und Schwager anreisen, um sich einmal im Jahr zu sehen und gemeinsam unterm Tannenbaum am schön gedeckten Tisch ein köstliches Abendessen zu verspeisen. Nein, dieser Tag ist in Russland der 31. Dezember, Silvester.

Die beiden Feste – Weihnachten und Silvester – sind in Russland seit Jahrzehnten miteinander verschmolzen. Das orthodoxe Weihnachten wird sogar erst nach Silvester gefeiert, im Januar. Wie konnte das passieren?

Bolschewiki und die Kirche

Vor der Revolution 1917 feierten die Russen Weihnachten am 25. Dezember. Es war ein stilles gemütliches Fest, Silvester galt eher als Nebenfest, bei dem auf deutsche Weise Böller krachten und Raketen zischten, um vom Himmel herab die Nacht farbenfroh zu erleuchten.

Die Bolschewiki begannen nach der Revolution eine massive Repressionskampagne gegen die Kirche. Bis dahin war die orthodoxe Gemeinschaft eine Stütze des Kaiserreichs gewesen, nun, nachdem das Haus Romanow zerstört war, machten sich die neuen Machthaber über die Kirche her.

Mit dem Dekret von Lenin "Über die Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche" wurde die Kirche 1918 faktisch enteignet, Priester und Gläubige wurden mehr und mehr verfolgt – wie mein Urgroßvater. Seine Geschichte ist ein kleines Beispiel dafür, was damals passiert ist.

Mein Urgroßvater Klimentij Firsov, Jahrgang 1873, betrieb in Oral, einer Stadt am Fluss Ural, 1300 Kilometer südwestlich von Moskau, ein Herren-Maßatelier. Gemeinsam mit dem Gemeindepriester seiner Gemeinde, dem Bischof Weniamin, und einigen anderen Mitgliedern wurde Klimentij in Februar 1930 durch einer NKWD-Trojka zu 18 Monaten Haft verurteilt. Der Vorwurf lautete auf „Konterrevolutionstätigkeit“. Selbstverständlich war mein Urgroßvater weder ein Revolutionär noch ein Konterrevolutionär, er war ein schlichter Schneider und fleißiges Gemeindemitglied, das mit seinem Pfarrer einen Briefwechsel pflegte.

Klimentij hatte Glück, mehr Glück als der Bischof Weniamin, der in Oral als aufgeklärter weiser Pfarrer galt und von Gemeindemitgliedern sehr beliebt war. Er starb 1932 im Gefängnis nach zwei Jahren Haft im Alter von 61 Jahren.

Kalenderreform vom 1918

Die sowjetische Regierung hat Märtyrerreliquien zerstört, Kirchen geschlossen, Gläubige und Geistliche verhaftet, in den GULAG geschickt und ermordet. Ist es ein Wunder, dass die russische orthodoxe Kirche die durch die Bolschewiki initiierte Umstellung des Kalenders 1918 nicht unterstützte?

Vor der Revolution nutzte Russland den julianischen Kalender, die Bolschewisten führten nach der Revolution den „neuen“, gregorianischen Kalender ein, der in Europa seit 1582 galt. Die Kirche aber blieb beim julianischen Kalender. Deshalb ist in Russland Weihnachten erst 13 Tage später als in Europa. Auch andere Kirchenfeste werden bis heute nach dem julianischen Kalender berechnet.

Aus dem Weihnachtsbaum wird der Silvesterbaum

Die neuen Machthaber wollten die religiösen Feste aus dem öffentlichen Leben verdrängen. Von 1922 an erschien die Zeitung „Bezbozhnik“, der Name lässt sich als „gottloser Mensch“ übersetzen, außerdem ein satirisches Magazin mit demselben Namen, auf dessen Seiten Gläubige und ihre Feste verspottet wurden. 1929 wurde verboten, Weihnachtsbäume für „religiöse Feste“, sprich Weihnachten, zu fällen. Außerdem waren christliche Feste keine gesetzlichen Feiertage mehr. Langzeitig hat das dazu geführt, dass Weihnachten als Fest nur in sehr religiösen Familien erhalten blieb.

Weil aber nun eine Alternative zum wichtigsten Fest des Jahres fehlte, dachten sich die sowjetische Regierung etwas aus: Der Tannenbaum durfte 1935 zurückkehren, aber die Feierlichkeiten wurden auf Silvester verlegt. Aus dem Weihnachtsbaum machten sie den „Silvesterbaum“, um den sich die ganze Familie versammelte. Zum Jahreswechsel kam der russische Weihnachtsmann als „Silvestermann“, genannt „Väterchen Frost“. In Begleitung seiner Enkelin, wahlweise Tochter Snegurotschka, kam er auf einer russischen Pferdetroika zu den Kindern und brachte Geschenke mit.

Orthodoxe Weihnachten in Russland

Aber Weihnachten war nicht totzukriegen. Gläubige Familien feierten Weihnachten heimlich. Und nach der Perestroika 1991 wurde der Weihnachtstag wieder zum Feiertag – allerdings im Januar. In der Nacht vom 6. auf den 7. Januar gehen die Familien zum Gottesdienst, danach wird zuhause gegessen und gefeiert.

Die Winterferien in Russland ziehen sich deshalb weit in den Januar hinein, nicht nur für die Kinder. In diesem Winter dauern sie sogar besonders lang. Weil seit dem Jahr 2005 der Tag nach dem 1. Mai, der 7. November (Revolutionstag) und der 12. Dezember (Tag der Verfassung der Russischen Föderation) nicht mehr als Feiertage gelten, wird im Januar mehrere Tage länger gefeiert, mit Brückentagen bis zum 10. Januar. Danach kommt noch ein besonderer Tag, der zwar kein Feiertag ist, aber man muss die Feste feiern, wie sie fallen: Auf den 13. Januar fällt dieses Jahr „Altes Silvester“. Wie das orthodoxe Weihnachten kommt nach dem alten julianischen Kalender Silvester 13 Tage später. Und das – warum nicht – lässt sich eine russische Familie nicht entgehen.