Russland: Sanktionen können auch im Westen schaden

John Cassidy erklärt, weshalb mehr Wirtschaftssanktionen Putin nicht abschrecken – und welche fehlen, The New Yorker, 15.2.2022

von KARENINA

Üblicherweise wissen amerikanische Medien schneller als europäische, was im Konflikt mit Russland als nächstes kommen wird, was Putin plant und wann er die Ukraine überfällt. Schließlich sitzen sie näher an der „Informationsquelle“ US-Geheimdienste.

Aber nun beschäftigt sich das Magazin The New Yorker mit möglichen Sanktionen – darunter solche, die in Europa seit Monaten diskutiert werden. Interessant daran ist, weshalb sie inzwischen nicht mehr im Fokus stehen.

Aber der Reihe nach: Hausautor John Cassidy kommt zum Schluss, dass die bekannten Maßnahmen Wladimir Putin nicht weiter beeindrucken, manche hätten in der Vergangenheit gar zu einer Stärkung der russischen Wirtschaft beigetragen. Außerdem habe Russland Devisenreserven aufgebaut, mit denen es Sanktionen gegen die Wirtschaft standhalten könnten.

Nützlich dagegen wären laut Cassidy Sanktionen, die nicht mehr auf der Liste stehen: Ein Embargo gegen die Energieexporte und das Abschneiden Russlands vom internationalen Bankensystem.

Zum Energiekaufboykott schreibt Cassidy: Pauschale Sanktionen gegen den russischen Energiesektor, so Cassidy, gehörten nicht zu den erwogenen Vergeltungsmaßnahmen. Der Grund: Europas Abhängigkeit von Gas- und Ölimporten aus Russland und mögliche weitere Verteuerungen. „Es wäre eine enorme Herausforderung, eine alternative Energiequelle dieser Größenordnung zu finden, zumal Deutschland und andere EU-Länder sich aus dringenden Umweltgründen zum Ausstieg aus der Kohleförderung verpflichtet haben.“ Und eine dauerhafte Sperrung von Nord Stream 2 „würde sich nicht unbedingt auf die derzeitigen Gasexporte Russlands auswirken“.

Zum Ausschluss russischer Finanzinstitute vom internationalen Bankensystem SWIFT schreibt Cassidy unter Berufung auf „einige Experten“: Das könnte Russlands Exporte negativ beeinflussen und einen großen Abfluss von Finanzkapital auslösen. Vor allem aber hätten europäische Kreditgeber Bedenken geäußert, weil möglicherweise „Milliarden von Dollar an ausstehenden Krediten, die sie in Russland haben, nicht zurückgezahlt würden“.

Was steht derzeit als Option? Cassidy nennt die Einschränkung des Betriebs einiger der größten Banken Russlands, darunter V.T.B. und Sberbank. Außerdem die Beschränkung des Exports von Halbleiterchips für die großen Luft- und Raumfahrt- sowie Rüstungsindustrien Russlands sowie weitere Maßnahmen gegen russische Oligarchen, die mit Putin in Verbindung stehen.  PHK