Deutsch-Russische Beziehungen

Und wer versteht uns?

Was junge Russen von den Deutschen halten und welche Ansprüche sie stellen

Deutsche: Immerzu belehrend
So sehen junge Russen die Deutschen: belehrend

Der Fall Nawalny besitzt Sprengstoff für die deutsch-russischen Beziehungen. Angesichts der neuen Enthüllungen zum vermeintlichen Giftanschlag auf den russischen Kremlkritiker ist die russische Seite in Zugzwang: Sie muss eigene Ermittlungsergebnisse präsentieren und die vorgelegten Indizien widerlegen. Ansonsten droht ein kaum wiedergutzumachender Imageverlust. Der Fall Nawalny darf dennoch die für den europäischen Gesamtfrieden so wichtigen deutsch-russischen Beziehungen nicht beschädigen.

Vernunftorientierten Politikern ist das bewusst. Rabiate Forderungen einzelner kompromissloser Spitzenpolitiker nach einer „Politik der Stärke“ gegenüber Russland führen geradewegs in einen neuen Kalten Krieg, den niemand will.

Um ein Licht auf die komplizierte Lage zu werfen, hat der Autor dieser Zeilen junge Russen gefragt, was sie von den Deutschen halten. Standartwerke deutscher Autoren, wie Deutsche die Russen betrachten, füllen hierzulande ganze Bibliotheken. Kaum bekannt ist, welche Ansprüche die Russen an die Deutschen stellen. Wer sind die russischen Deutschlandversteher?

Leider interessieren diese Fragen in Deutschland kaum jemanden. Sie sind jedoch für das historische Beziehungsgeflecht bedeutsam. Der Blick in den Spiegel hilft, eigenes Fehlverhalten zu entlarven.

Religiöser Eifer, belehrender Ton

Die Umfrage unter den russischen Mitgliedern des Jugendparlaments beider Länder hat Alarmierendes zum Vorschein gebracht. In der Vergangenheit konnte sich die junge Generation von Russen und Deutschen aus den Konflikten der älteren Generationen heraushalten – nirgends war die bilaterale Agenda so positiv bestimmt, wie im Jugendparlament. Das hat sich jetzt geändert.

Artem (Politologe): „Deutsche tun so, als ob sie im 22. oder 23. Jahrhundert leben würden, während die anderen noch im 21. Jahrhundert oder gar im 20. Jahrhundert herumtoben. Irgendwie erinnert mich das an die Idee der amerikanischen Exklusivität, wobei hier die Rolle des religiösen Eifers ein spezieller Rationalismus einnimmt. Oft stört dies den normalen Dialog.“

Alexandra (Germanistin): „Der aktuelle Streit offenbart uns im Unterbewusstsein, was wir in unserem deutschen Gesprächspartner früher gar nicht sehen wollten oder nicht erwartet hatten.“

Andrei (Jungunternehmer): „Zunehmend nimmt man bei den Deutschen die Ehrfurcht gegenüber den USA wahr, die sowohl im Verhalten als auch im Aussehen zum Ausdruck kommt. Wenn die jungen Deutschen Englisch sprechen, tun sie das in einem zusehends belehrenden Ton. Sie haben großes Vertrauen in die eigene Russlandexpertise, trotz Mangels an Wissen in diesem Bereich. Deutsche folgen dem universellen Maßstab der europäischen Werte und Minderheitenrechte; die Geschichte der UdSSR wird verteufelt, und die Geschichte Deutschlands in den 1930er- und 1940er-Jahren relativiert.“

Respekt muss Grundlage des Dialogs sein

Alexander (Wirtschaftswissenschaftler): „Ich spüre einen Unterschied darin, wie junge West- und Ostdeutsche über das Thema diskutieren. Junge Ostdeutsche, die nicht einmal die DDR erlebt haben, empfinden die DDR nicht als einen Unrechtsstaat und fühlen sich im Sinne der Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus sogar als kleine Gewinner. Vielleicht ist das eine Reaktion auf das niedrige Niveau der wirtschaftlichen Entwicklung in den östlichen Bundesländern.“

Alexander fährt fort: „Die Möglichkeiten des Jugendaustausches sind enorm. Wenn sich ein Deutscher für einen Besuch in Russland entscheidet, verspürt er den wirklichen Wunsch, unser Land kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln, die er in seiner Heimat nie haben wird, geschweige denn, wenn er ein anderes Land Westeuropas oder Nordamerikas besucht. Diese Respektgefühl ist wertvoll und wird zur Grundlage des Dialogs. Bei Themen wie Sport, Tourismus und Beruf kommen wir zusammen, solange die Deutschen nicht anfangen, den Lehrerton aufzusetzen und aufrichtig so zu tun, als ob sie dazu das Recht haben. Russen ist eine solche Arroganz fremd, obwohl Russland sich mit seinen Erfolgen nicht zu verstecken braucht. Belehrungen finden in Russland nicht statt.“

Bei jungen Deutschen, so Alexander, fehle oft der Wunsch, „die Besonderheiten der russischen Jugend zu verstehen, denn sie denken, dass jeder Russe nur emigrieren will. Im Allgemeinen wird eine vorsichtigere Haltung gegenüber Deutschland oder mehr Gleichgültigkeit laut. Und das vor dem Hintergrund der offenen antirussischen Rhetorik auf verschiedenen Ebenen. Es ist absolut unverständlich, warum in Deutschland das Feindbild Russland so fleißig aufgeblasen wird.“

Funktionalität vs. Improvisation

In ihrer Gesamtheit zeugen die Umfrageergebnisse aber von einem fortbestehenden Positivismus in den Ansichten der jungen Russen über die Deutschen. Hier eine typische Aussage von Oleg (Unternehmer): „Die Kombination des deutschen Wunsches nach Funktionalität und dem russischen Wunsch nach Improvisation kann letztendlich den ausschlaggebenden Erfolg im Business erzielen. Doch das funktioniert selten. Die Deutschen beginnen viel zu früh mit der Projektplanung, während die Russen erst dann damit anfangen, wenn es schon zu spät ist.“

Wie sehen die Russen ihre Zukunft mit Deutschland? Zumeist wird, in intellektuellen Kreisen, wenn es zum Schwur kommt, Nikolai Danilewski mit seinem Standartwerk „Russland und Europa“ (1871) zitiert. Das Buch besitzt noch immer hohe Aussagekraft. Dieser russische Historiker schrieb: „Da Russland seiner inneren Wesensart nach der europäischen weltfremd ist, da es zudem allzu stark und mächtig ist, um den Platz eines der Mitglieder der europäischen Familie einzunehmen, um eine von den europäischen Großmächten zu sein, vermag es nicht anders eine seiner und des Slawentums würdige Stellung in der Geschichte einzunehmen, als indem es zum Haupte eines besonderen, selbständigen politischen Staatensystems wird und Europa in seiner ganzen Gemeinschaft und Ganzheit zum Gegengewicht dient.“

Zweifellos stehen die deutsch-russischen Beziehungen vor ihren größten Herausforderungen seit dem Fall der Berliner Mauer. Sie werden, nicht zuletzt beim Wechsel der Kanzlerschaft im September 2021 einem Härtetest unterzogen.

Im Februar erscheint zu diesem Themenkreis das neue Buch von Alexander Rahr: „Anmaßung. Wie Deutschland sein Ansehen bei den Russen verspielt“, Eulenspiegel Verlagsgruppe (2021)