Tschetschenische Flüchtlinge

Flucht und Vorurteil

Tschetschenische Flüchtlinge haben einen schlechten Ruf, weil niemand Geschichte und Gegenwart unterscheidet

Putins harte Hand im Nordkaukasus: Ramsan Kadyrow, Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien

Alles war bestens organisiert und ich weiß bis heute nicht, wer in Moskau grünes Licht dafür gab. Es war kein Bestechungsgeld geflossen. Nicht einmal die übliche Kiste Wodka hatten wir den russischen Beamten unter den Tisch gestellt.

An einem kühlen, diesigen Morgen Mitte März im Jahr 2000 näherte sich ein Kleinbus mit verhängten Scheiben dem streng bewachten Militärflugplatz Mosdok in Nordossetien, unweit der tschetschenischen Grenze. Wie von Zauberhand öffnete sich das Einfahrtstor. Der Bus hielt vor einem schon vorgeheizten Mi 8-Hubschrauber. Wir hievten unser Gepäck die Ladeklappe hinauf, stiegen ein und ab ging die Post, im Tiefflug die Ebene am Fluss Terek entlang. So tief, dass versteckte tschetschenische Freischärler den Hubschrauber erst spät entdecken konnten. Zu spät, um ihre Kalaschnikows auf ihn abzufeuern.

Nach einer knappen Flugstunde war Chankala erreicht, das Feldlager der russischen Armee vor den Toren von Grosny. Wir übernachteten in einem alten Eisenbahnwaggon, kletterten am nächsten Morgen in einen Schützenpanzerwagen und rollten, begleitet von einem halben Dutzend schwerbewaffneter Soldaten, ins Zentrum des Grauens. In die tschetschenische Hauptstadt Grosny. Oder das, was von ihr übriggeblieben war, nach wochenlangen russischen Bombardements.

Grosny im März 2000: eine Trümmerwüste

Was wir dort sahen und erlebten, werden wir unser Leben lang nicht vergessen. Wir: ein Kamerateam des ZDF, zwei Deutsche, eine Ungarin und ein Russe. Die ersten ausländischen Journalisten in Grosny nach der Eroberung durch russische Streitkräfte.

Grosny sah aus wie Dresden am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die grüne Stadt, in der einst 300 000 Menschen lebten, Tschetschenen und Russen, war dem Erdboden gleichgemacht. Ein Meer von Ruinen. Das Zentrum, der Minutka-Platz, eine Trümmerwüste.

Vier Monate lang hatte die russische Armee Grosny aus Artilleriegeschützen beschossen und aus der Luft bombardiert. Die wenigen überlebenden Rebellen waren geflohen, 30 000 Zivilisten ums Leben gekommen, als russische Truppen am 18. Januar 2000 Grosny einnahmen.

Der Mann, der die Zerstörung der Stadt befohlen hatte, wurde von den Russen bejubelt. Er hatte angekündigt, dass er alle Terroristen vernichten würde, und wenn er sie verfolgen müsste bis aufs Klo. Und Terroristen waren für ihn alle Tschetschenen: die Aufständischen, aber auch Frauen, Kinder und Alte. Nach der Schmach im ersten Tschetschenien-Krieg (1994 – 1996) hatte er jetzt die „Schwarzen“, wie alle Kaukasier verächtlich in Russland genannt werden, besiegt. Sein Name: Wladimir Putin.

Zum Dank wählten ihn die Russen im Mai 2000 mit großer Mehrheit zu ihrem Präsidenten. Putin ließ sich fotografieren mit seinen Soldaten in Grosny. Den Weg in die Ruinen, in die Keller darunter, in denen die Überlebenden hausten, den wagte er nicht. Das überließ er Generalmajor Wassili Prisemlin.

Der Kommandeur einer Panzerdivision von der Insel Sachalin war zum Stadtkommandanten von Grosny ernannt worden. In seinem Stab, in einer zerschossenen Möbelfabrik, hatte unser Team Quartier bezogen. Prisemlin ließ Gulaschkanonen aufbauen für die hungernden Einwohner. Er ließ kranke Zivilisten in seinem Militärlazarett behandeln, die zerstörten Trinkwasserleitungen reparieren. Ein russischer General, der uns sagte, seine Offiziersehre verbiete ihm, in jedem Tschetschenen einen Terroristen zu sehen.  Eine seltene Ausnahme in diesem Krieg, in dem auf beiden Seiten, von russischen Soldaten und von tschetschenischen Kämpfern, massenhaft Kriegsverbrechen begangen wurden.

Der Engel von Grosny

General Prisemlin half auch einer jungen Tschetschenin, die wir in den Trümmern von Grosny getroffen hatten. Chadyschat Gatajewa suchte nach Waisenkindern. Viele Kinder, die ihre Eltern im Krieg verloren hatten, fand sie in den Ruinen.

Chadyschat war mit ihrem Mann Malik vor den Bomben ins benachbarte Inguschetien geflohen. Auf einem Bauernhof hatten sie ein kleines privates Waisenhaus aufgebaut. Dorthin wollte die Tschetschenin die in Grosny aufgesammelten Kinder bringen. 60 Kilometer Fahrt in einem uralten Bus. Durch vermintes Gelände, durch Dörfer, in denen sich Rebellen versteckt hielten. Ein riskantes Abenteuer. Es gelang, weil General Prisemlin die Waisenkinder von Elitesoldaten mit zwei Schützenpanzern eskortieren ließ.

So kam Chadyschat Gatajewa mit ihren Schutzbefohlenen wohlbehalten jenseits der Grenze an. Eine Frau, die man in ganz Tschetschenien damals den „Engel von Grosny“ nannte.

Kinder im Waisenhaus: endlich Frieden

Im Dorf Plijewo hatten 80 Waisenkinder bei den Gatajews Unterschlupf gefunden. Ein Dach überm Kopf, einmal am Tag warmes Essen. Zwei Kinder teilten sich ein Bett. Chadyschat kümmerte sich sogar um Schulunterricht. Das Wichtigste: endlich Frieden!

Viele der Kinder hatten Schlimmes erlebt. Sie kannten nur den Krieg. Waren nicht in die Schule gegangen. Die achtjährige Tamara hatte zusehen müssen, wie ihre Eltern von russischen Soldaten erschossen wurden. Die Mutter von Denis, 7 Jahre alt, wurde bei einem Raketenangriff der „Föderalen“ getötet. Auf dem Markt von Grosny. Vor den Augen ihres Sohnes.

Bei Chadyschat tanzten die Kinder wieder den Sikr, den tschetschenischen Kreistanz, und sie lernten wieder zu spielen. Aber 80 Kinder zu versorgen, das kostet Geld. Der „Engel von Grosny“ flehte die russischen Behörden an, den Kriegswaisen zu helfen. Doch Chadyschat bekam nicht einen einzigen Rubel.

Hilfe kam aus Deutschland. Meine Familie gründete einen Hilfsverein. Unsere Tochter, die damals an der FU Berlin studierte, übernahm den Vorsitz von „Kaukasuskinder e. V.“. Wir sammelten Geld, Kleidung und Lebensmittel unter Journalistenkollegen und Studenten. Fernsehzuschauer spendeten. Unterstützung leistete auch Cap Anamur. So gelang es, den geretteten Waisenkindern aus Grosny ein sicheres Obdach zu finanzieren.

Doch der Frieden währte nicht lange. Der Grund: Plijewo liegt auf dem Staatsgebiet der Russischen Föderation. Kaum hatte die russische Armee im Zweiten Tschetschenien-Krieg die Oberhand gewonnen, begann eine mörderische Jagd auf die wenigen überlebenden tschetschenischen Rebellen, die sich in den Bergen versteckt hatten. Auf alle Tschetschenen, die im Verdacht standen, bei den Freischärlern gewesen zu sein, mit ihnen kooperiert zu haben oder politisch für die Unabhängigkeit ihrer Republik von Russland eingetreten zu sein. Trupps des Geheimdienstes FSB waren auf „Terroristenjagd“, zahlreiche Einsatzkommandos der besonders brutalen Sonderpolizei OMON. Überall in Russland.

Hunderte Tschetschenen wurden damals verhaftet, gefoltert und ermordet. Auf der „schwarzen Liste“ der Jagdkommandos standen auch Chadyschat und Malik Gatajew, die Leiter des Waisenhauses. Sie waren im Ersten Tschetschenien-Krieg bei den Aufständischen gewesen: Chadyschat als Sanitäterin, Malik als Kämpfer. Kurz bevor die russischen Häscher in Plijewo eintrafen, gelang ihnen die Flucht, mit den Kindern und einem Teil des Hausinventars. Über die Ukraine und Belarus in den EU-Mitgliedsstaat Litauen. Dort beantragten sie politisches Asyl und bekamen einen Aufenthaltsstatus.

In Kaunas waren die Tschetschenen endgültig in Sicherheit. Chadyschat Gatajewa konnte ihr Waisenhaus wiedereröffnen. Eine von tausenden tschetschenischen Fluchtgeschichten.

Die tschetschenische Diaspora

Immer wieder sind Tschetschenen in den letzten zwei Jahrhunderten aus ihrer Heimat geflohen. Aus Angst vor politischer Verfolgung, nach militärischen Niederlagen gegen russische Besatzer, nach Fehden zwischen verfeindeten Clans und aus Hungersnot. Tschetschenen mussten fliehen zur Zeit der russischen Kolonialkriege vor 250 Jahren, nach dem Einzug der Sowjetmacht Anfang der 1920er-Jahre, im Zweiten Weltkrieg (als einige Hundert Aufständische unter Hassan Israilow die vorrückende Hitler-Wehrmacht unterstützten). Viele verließen ihre Heimat nach den beiden Tschetschenien-Kriegen, die zwischen 1994 und 2003 über 150 000 Tote forderten.

Heutzutage fliehen die Menschen aus einer Diktatur, aus dem Regime von Ramsan Kadyrow. Der Statthalter des Kremls beherrscht Tschetschenien seit 2007 mit seiner 80 000 Mann starken Privatarmee.

So ist im Verlauf von 200 Jahren in den Ländern rund ums Mittelmeer, in Zentraleuropa und Skandinavien eine tschetschenische Diaspora entstanden. Mit Vertretern aller 150 Taips (Familienclans). Redliche, friedfertige und integrationswillige Menschen, aber auch Islamisten und Mitglieder krimineller Strukturen.

Auf etwa eine Million Menschen wird die tschetschenische Diaspora heute geschätzt, und sie ist bestens vernetzt. Tschetschenen leben in der Türkei (etwa 70 000), im Libanon, in Syrien, Ägypten und Jordanien (wo sie die Palastwache des Königs stellen). Sie flohen nach Frankreich (etwa 60 000), Belgien und in die Niederlande. Tschetschenen haben sich in Schweden und Norwegen niedergelassen. Auch in Finnland und den baltischen Staaten. In Österreich wird ihre Anzahl auf 30 000 geschätzt und in Deutschland auf 40 – 50 000 (wie Marit Cremer unlängst bei KARENINA schrieb), was durchaus kritisch zu hinterfragen ist.

Leben 40 000 Tschetschenen in Deutschland oder 50 000 oder vielleicht mehr? Keiner weiß das so genau. Die deutschen Behörden haben offenbar den Überblick verloren. Denn die Fluktuation ist groß. Viele Tschetschenen hält es nicht an einem Ort.

Sie ziehen quer durch Europa. Dorthin, wo ihre Taips sie erwarten und die vermeintlich besten Chancen auf Asyl bestehen. Ein Beispiel: Zwischen 2003 und 2019 haben in Polen 95 000 Tschetschenen Asylanträge gestellt. 71 000 sind weitergereist Richtung Westen, ohne einen Entscheid abzuwarten. 18 000 erhielten ablehnende Bescheide. Sie reisten auch weiter in den Westen. 6000 Tschetschenen wurden in Polen Asyl gewährt, von denen leben aber nur noch 2500 dort.

Wo sind diese Tschetschenen alle hingereist? Zu ihren Taips in West- und Nordeuropa, viele nach Deutschland. Legal über die Zentrale Aufnahmestelle Eisenhüttenstadt oder schwarz, irgendwo untergetaucht bei Verwandten oder Freunden.

Wer kommt zu uns und auf welchem Weg?

Zahlreiche Tschetschenen, die nach den beiden Unabhängigkeitskriegen vor rund 20 Jahren aus politischen Gründen nach Deutschland flohen, haben in unserem Land eine Art „sicheren Hafen“ gefunden. Einer der Kaukasus-Kenner hierzulande, der seit Jahrzehnten tschetschenische Flüchtlinge unterstützt, ist Ekkehard Maaß. Der Vorsitzende der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft sagt: „Die meisten, die damals zu mir kamen, sind inzwischen integriert.“

Er berichtet, dass vor allem die Kinder der damals Geflohenen die Chancen nutzen, die ihnen das demokratische Gemeinwesen bietet: Schule, Lehre, Studium. Sie sprächen fließend Deutsch und ständen ihren Eltern und älteren Verwandten zur Seite.

Diejenigen Tschetschenen, die damals kamen, waren noch in der Sowjetunion aufgewachsen. Viele von ihnen hatten Schul- oder Hochschulabschluss, waren säkular erzogen worden oder in der Tradition des gemäßigten traditionellen Sufi-Islam.

Doch die Situation hat sich verändert. Die Tschetschenen, die heute nach Deutschland kommen, entfliehen vor allem wirtschaftlicher Not und politischer Verfolgung in der Diktatur des Ramsan Kadyrow. Am südlichen Rand der autoritär regierten Russischen Föderation hat sich seit 2007 eine Diktatur etabliert. Der Kreml sorgte mit viel Geld für den Wiederaufbau und die unbeschränkte Macht Kadyrows. Der Diktator garantierte im Gegenzug Wladimir Putin Ruhe im Nordkaukasus, die Bekämpfung aller Arten von Separatismus und Islamismus.

Die Folge: Kadyrow lässt jeden, der Kritik an seinem Herrschaftssystem äußert, brutal verfolgen. Entführungen und politische Morde sind an der Tagesordnung. Wer sich nicht an die von Kadyrow verordneten streng-islamischen Moralregeln hält oder gleichgeschlechtliche Beziehungen pflegt, dem drohen Folter und Tod. Wer Familienangehörige hat, die bei islamistischen Terrorgruppen wie dem IS mitkämpfen, dem wird das Haus abgebrannt, der verliert seine Arbeit und alles, was er besitzt. Dem bleibt nur die Flucht.

Die meisten Tschetschenen aber fliehen heute aus wirtschaftlicher Not. Die Arbeitslosigkeit bei Männern zwischen 18 und 50 Jahren liegt bei 90 Prozent, berichten unabhängige Journalisten dieser Tage. „Die fetten Jahre für Kadyrow sind vorbei, in denen sich gewaltige Rubelströme aus Moskau nach Grosny ergossen“, meint der Moskauer Publizist J. Plotnikow (Name geändert). Der Krieg in Syrien, die Versorgung der annektierten Krim und die Finanzierung der Separatisten in der Ostukraine würden derart viele Rubel verschlingen, dass der Kreml seit gut zwei Jahren in Tschetschenien auf die Geldbremse treten muss. Es reiche noch für Kadyrow und seine Privatarmee, ansonsten herrsche Ebbe in der Kasse.

Die Folge: Viele Tschetschenen, vor allem junge Leute, stehen in Grosny Schlange nach Reisepässen. Sie wollen weg, in die Europäische Union. Angelockt auch von Erzählungen aus der Diaspora über hohe Sozialleistungen dort und von Gerüchten, die Schleuserbanden und der russische Geheimdienst FSB seit Jahren streuen. In Deutschland erwarte die Ankömmlinge vier Hektar Land und ein Startkonto bei der Bank, heißt es dort.

Wen wundert es da, dass von Januar 2013 bis Ende August 2019 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor) allein in Deutschland 41 500 Tschetschenen um Asyl baten. Fast alle kamen über Belarus und Polen. Bis Ende 2016 auf legalem Weg. Seit Polen Anfang 2017 ein strenges Regime an seiner EU-Außengrenze einführte und nur noch wenige Asylbewerber einreisen lässt, verdienen sich kriminelle Schleuser eine goldene Nase. Sie kassieren zweitausend Euro für jeden Tschetschenen, den sie durch Schlupflöcher illegal von Belarus über die Grenze nach Polen bringen. Für weitere 1000 Euro pro Kopf bringen sie die Flüchtlinge bis vor die Tür der Zentralen Aufnahmestelle (ZAST) in Eisenhüttenstadt.

Hauptproblem: Die „Kadyrowzy“ Die Neuankömmlinge unterscheiden sich in vielem von den Tschetschenen, die vor zwei Jahrzehnten zu uns kamen. Sie haben einen deutlich niedrigeren Bildungsgrad und sind in ihrer Mehrzahl orthodoxe Muslime. Viele Männer diskriminieren ihre Frauen. Nicht wenige von ihnen, die in Krieg und Diktatur aufwuchsen, neigen auch zur Gewalt.

Ihre Bereitschaft hingegen, deutsch zu lernen und sich in die hiesige Gesellschaft zu integrieren, ist eher gering. Diese Beobachtung teile ich mit den Mitarbeitern etlicher Flüchtlingseinrichtungen in Berlin und im Land Brandenburg. Für kriminelle Tschetschenen-Clans und Salafisten ein ideales Rekrutierungspotenzial.

Das gilt offenbar auch für die „Kadyrowzy“, die Anhänger, Vertrauten und Agenten des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow. Wie ein übergelaufener FSB-Oberst im ZDF 2017 berichtete, werden Kadyrow-Leute seit Jahren mit gefälschten Pässen eingeschleust, um in Sportvereine einzudringen, Aufträge des Diktators zu erfüllen und Unruhe zu stiften. Mitten in Deutschland tobt ein zuweilen mörderischer Kampf zwischen „Kadyrowzy“ und „Anti-Kadyrowzy“.

Es sind diese Typen, die Schläger Kadyrows, die Kriminellen und eine Handvoll gewaltbereiter Islamisten, die den Ruf der tschetschenischen Flüchtlinge in Deutschland nachhaltig beschädigen. Dabei ist die Mehrheit von ihnen friedfertig. Sie leidet unter der Brutalität und Gesetzlosigkeit einer Minderheit.

Schutz gegen Beachtung der Regeln

Gibt es Chancen, diese unbefriedigende Situation zu ändern? Menschenrechtler beklagen, in erster Linie hindere das Asylsystem der EU die geflohenen Tschetschenen an Integration, nicht etwa ihr mangelnder Wille dazu. Sie würden schlechte Erfahrungen mit Behörden machen. Viele hätten das Gefühl, in Deutschland nicht willkommen zu sein. Das, finde ich, ist zu kurz gegriffen.

Zwar stimmt es, dass ihre Asylverfahren oft nur schleppend bearbeitet werden, dass deutsche Behörden oft schwerfällig arbeiten, die bürokratischen Wege lang sind. Zwar stimmt es, dass die Menschen jahrelang in Flüchtlingsheimen hocken und nicht arbeiten können. An den misslichen Zuständen unserer Asylpolitik gibt es nichts schönzureden. Dennoch gibt das keinem Geflohenen, auch den Tschetschenen nicht das Recht, gegen hiesige Gesetze zu verstoßen.

Ekkehard Maaß verlangt von den Tschetschenen, die ihn um Hilfe bitten, dass sie unsere Rechtsordnung respektieren und über ihre Traditionsgesetze stellen. So wie er als Gast ihre Regeln achte, müssten sie in Deutschland nach unserem Grundgesetz leben: Die Frau ist dem Mann gleichgestellt, Religion ist Privatsache.

Das sei eine Art Vertrag. Der deutsche Staat garantiert dem Geflüchteten Schutz vor Repressionen und soziale Sicherheit. Sie müssen dafür nach den deutschen Regeln und Gesetzen leben, solange sie hier sind. Das sei eigentlich selbstverständlich.

Über Fluchtursachen reden

Auch über die Bekämpfung heutiger Fluchtursachen müssen wir offen reden. Die liegen in Tschetschenien, und das liegt in der Russischen Föderation. Unsere Politiker müssen endlich von ihren Gesprächspartnern in Moskau fordern, die Lage der Menschen dort zu verbessern. Nur zu klagen, solange Putin und Kadyrow an der Macht sind, werde sich sowieso nichts ändern, ist zu wenig.

Wir müssen vom gewählten russischen Präsidenten Wladimir Putin, der sich gern als Verteidiger der Menschenrechte aufspielt, konsequent verlangen, dass er eine offene Diktatur im Süden seines Staats beendet. Außenminister Lawrow, der sich gern um die Rechte russischer Passinhaber im Ausland sorgt („unser Mädchen Lisa“), sollte sich darum kümmern, dass seine tschetschenischen Landsleute in Frieden und sozialer Sicherheit zu Hause leben können.

Tschetschenien – ein Drama ohne Ende? Keineswegs, es kann ein Ende finden, wenn Russlands Führung ihrer Verantwortung für das Wohlergehen aller ihrer Staatsbürger endlich gerecht wird. Im Dialog mit russischen Partnern zu bleiben, auch in schwierigen Zeiten, das heißt, auch Probleme offen anzusprechen. Wer Probleme verschweigt oder kleinredet, der gilt in Moskau als schwach. Tschetschenien ist ein Problem und wir müssen, auch um den Flüchtlingsstrom einzudämmen, offen und in klaren Worten darüber reden. Die Lösung liegt nicht in Berlin oder in Brüssel, sondern in Moskau und Grosny.

Und was ist aus den Menschen geworden ist, die wir vor 21 Jahren in der zerstörten Hauptstadt Tschetscheniens trafen und die am 11. April 2000 die Helden der ZDF-Dokumentation „Der Engel von Grosny“ waren. Chadyschat Gatajewa, ihr Mann Malik und einige der jüngeren Kriegswaisenkinder leben heute in Finnland, wo sie politisches Asyl erhielten. Die meisten der geretteten Kinder sind inzwischen erwachsen. Sie haben Schule und Lehre in Litauen beendet und sind dort geblieben. Einige haben geheiratet. Der ehrenwerte russische General Wassili Prisemlin, der keinen Krieg gegen tschetschenische Zivilisten führen wollte, lebt heute als Pensionär in St. Petersburg.