Georgien

Kloß im Hals: Russen in Georgien

Georgien hat Zehntausende Russen aufgenommen, aber die erleben die perverse Logik der Kollektivschuld

von Ekaterina Kotrikadze
Tiflis Badehäuser 2019
Badehäuser in der grünen Stadt: In Tiflis (Tbilissi) ist gut leben, aber Russen müssen derzeit mit Vorbehalten rechnen.

Seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine hat sich die georgische Hauptstadt zu einem der interessantesten Orte der Welt entwickelt. Große Teile der kulturellen und geistigen Elite Russlands – Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Schauspieler, Regisseure, Philosophen und Professoren – sind inzwischen hier zu finden. Man braucht nur ein Café zu betreten und hört unweigerlich Russisch und erkennt ein bekanntes Gesicht.

Das gemütliche, malerische Tiflis (Tbilissi) ist klein, und alles ist problemlos sichtbar. Es gibt unzählige ukrainische Flaggen mit Slogans, die die Unterstützung für das Land zum Ausdruck bringen. Und dann sind da die Botschaften, die auf die Zäune und Häuserwände gekritzelt sind: Fuck Putin. Fuck Russland. Russisches Kriegsschiff, go fuck yourself.

Letztgenannte Äußerung – die Antwort der ukrainischen Grenzschützer auf der Schlangeninsel im Schwarzen Meer auf die russische Aufforderung zur Kapitulation zu Kriegsbeginn – hat sich rasch zu einem Slogan des Widerstands entwickelt. Das Problem ist, dass alle Russen nun als Unterstützer von Präsident Wladimir Putin verurteilt werden, so als wären sie auf diesem Kriegsschiff gewesen.

Ich flog mit meinen Kindern und meinem Mann (dem Chefredakteur des jüngst geschlossenen unabhängigen russischen Fernsehsenders Doschd) nach Tiflis, nachdem das letzte Fenster der Redefreiheit in Russland zugeschlagen wurde. Selbst nachdem die russische Regierung den Sender im August 2021 zum „ausländischen Agenten“ erklärt hatte, war es meinem Mann und mir noch gestattet, unserer Arbeit nachzugehen, weil Putin es für nötig erachtete, eine demokratische Fassade aufrechtzuerhalten.

Die Invasion jedoch machte dem ein Ende. Trotz der Verfolgung von Opposition und Journalisten, korrupter Gerichte und des Autoritarismus hatte Russland vielen Liberalen vor dem 24. Februar etwas Luft zum Atmen und sogar die Möglichkeit gelassen, sich öffentlich zu äußern. Heute jedoch wird man als Russe für bis zu 15 Jahre eingesperrt, wenn man die Wahrheit über den Krieg ausspricht oder teilt.

Sind alle Russen schuldig?

Nach unserem Umzug, den als Emigration zu bezeichnen ich mich noch immer nicht traue, wurde mir klar, dass Putin nicht nur das Leben von Millionen von Ukrainern zerstört hat, sondern auch unseres. Zudem hat er etwas vorher Undenkbares erreicht: Die zivilisierte Welt mit ihren Werten des Humanismus und des Respekts für den Einzelnen reagierte auf die Invasion der Ukraine mit der pauschalen Verurteilung aller Russen. Wir alle sind verantwortlich für die Verbrechen der Putin-Regierung. Wir alle sind schuldig.

In Tiflis bestieg kürzlich ein Doschd-Kollege ein Taxi und grüßte den Fahrer auf Russisch. Es folgte eine kurze Unterhaltung auf Englisch:

„Russisch?“

„Ja.“

„Auf Wiedersehen.“

In ähnlicher Weise sagte mir, als ich kürzlich an einer Talkshow für Jugendliche im georgischen Fernsehen teilnahm, eine der jugendlichen Moderatorinnen, dass Russen, die in Georgien ankämen, gut daran täten, auf den Platz der Freiheit im Zentrum von Tiflis zu gehen und dort lauthals ihre Unterstützung der Ukraine zu äußern. „Was mich angeht“, sagte sie, „so würde ich im Café keine Russen bedienen, bis sie sich zu ihrer Einstellung gegenüber Putin geäußert haben.“

Mit einem Kloß im Hals murmelte ich etwas über Menschenrechte und Demokratie, dass es so etwas wie „alle Russen“ nicht gebe und dass wir nicht Putin repräsentierten. Doch die Diskussion bewegte sich nicht vom Fleck.

Wie ist es dazu gekommen, dass der Westen eine komplette Nation ablehnt? Das Blockieren oder, um ein Modewort zu gebrauchen, „Canceln“ von 145 Millionen Russen ist ein simpler Weg heraus aus der gegenwärtigen Situation.

Was Putin in der Ukraine tut, ist eine Tragödie. Jeden Tag sehen wir herzzerreißende Bilder zerstörter ukrainischer Städte, auf zerbombten Straßen liegender Leichen und verwundeter Kinder, denen Arme und Beine fehlen. Als ich auf Twitter las, dass russische Truppen in Odessa ein drei Monate altes Mädchen und seine Mutter getötet haben, war ich von hilfloser Wut erfüllt. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Kann man Umfragen trauen?

Die unabhängigen Meinungsforscher vom Lewada Center melden, dass 83 Prozent aller Russen Putins Handeln befürworten. Natürlich tun sie das, sagen die entrüsteten Laien im Westen: Die Russen haben den Imperialismus und die Blutlust in den Genen, und sie lieben Diktatoren. Schließlich haben sie Putin gewählt. Also lasst sie auch dafür bezahlen. Verwehrt den Russen Visa. Friert ihre Bankkonten ein. Hindert sie am Besuch prestigeträchtiger Universitäten. Verbietet ihnen den Besuch der Scala. Schließt sie von Wimbledon aus. Lasst Russland wie Nordkorea werden. Lasst uns vergessen, dass es das Land gibt.

Doch kann man Meinungsumfragen aus einer Diktatur unmöglich glauben, selbst wenn sie ehrlich und kompetent durchgeführt werden. Verängstigte Menschen beantworten Fragen nicht wahrheitsgemäß. Wir wissen nicht, wie viele Russen Putin tatsächlich unterstützen. Was wir wissen ist, dass er in seinen 22 Jahren an der Macht eine freie Entscheidung unmöglich gemacht hat, indem er seine Rivalen entweder eingesperrt oder ins Exil getrieben und Wahlen zur Farce gemacht hat.

Das Trauma der Georgier

Vielleicht kann uns die jüngste Geschichte den Weg hin zu einer nuancierteren westlichen Reaktion gegenüber dem russischen Volk weisen. Im Jahr 2008 marschierte Russland in Georgien ein. Dieser Krieg war viel kürzer – er dauerte nur fünf Tage – und führte dazu, dass Russland 20 Prozent des georgischen Staatsgebiets besetzte. Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy vermittelte bei den Waffenstillstandsverhandlungen. Obwohl Russland seine Verpflichtungen aus der geschlossenen Vereinbarung nicht erfüllte, war Frankreich nicht einmal beleidigt, und die anderen westlichen Demokratien vergaßen die Episode rasch.

Es ist zudem nützlich, sich an die anschließenden Maßnahmen des damaligen georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili zu erinnern. Obwohl er einer der kompromisslosesten Kritiker Putins war (bekanntermaßen bezeichnete er den klein gewachsenen russischen Staatschef einmal als „Lilliputin“), schaffte Saakaschwili dreieinhalb Jahre nach dem Krieg Georgiens den Visumszwang für russische Bürger ab. „Wir werden die Grenzen für russische Bürger und Touristen nie schließen, denn wo Geschäfte gemacht werden, ist kein Platz für Panzerspuren“, sagte er.

Obwohl Georgien und Russland noch immer keine offiziellen diplomatischen Beziehungen unterhalten, bedeutet Saakaschwilis Entscheidung, dass zehntausende Russen heute in einem Land Zuflucht gefunden haben, das vor 14 Jahren von russischen Flugzeugen bombardiert wurde.

Viele Georgier allerdings haben das Trauma des Angriffs und der Besetzung noch nicht überwunden. Sie erleben Putins Invasion in der Ukraine als zweiten Krieg gegen sich selbst, was die antirussische Stimmung hier teilweise erklärt.

Wir wollen hoffen, dass der Westen einen weniger emotionalen Ansatz verfolgen und die perverse Logik der Kollektivschuld verwerfen kann. Statt alle Russen abzulehnen – darunter jene, deren Widerstand gegen Putin sie zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen hat –, sollten westliche Regierungsvertreter konsequent die Ressourcen, Reputation und wirtschaftlichen Möglichkeiten derjenigen ins Visier zu nehmen, die wirklich für diese Katastrophe verantwortlich sind.

Ekaterina Kotrikadze war Korrespondentin und Moderatorin beim vor kurzem geschlossenen unabhängigen russischen Fernsehsender Doschd.

Aus dem Englischen von Jan Doolan. Copyright: Project Syndicate 2022.