Datscha

Die Datscha ist ein Stück Heimat

Die russische Datscha trotzte aller Unbill der Zeiten, Corona verschafft ihr eine Renaissance

von Elena Chizhova
Datchenleben naheLeningrad
Der russische Schrebergarten: Datschenleben 1981 nahe Leningrad

Es gibt eine Vielzahl russischer Wörter, mit denen meine Muttersprache andere Sprachen bereichert hat: Sputnik, Perestroika, Pogrom, Intelligenzia, Wodka, Taiga. Jedes dieser Wörter hat seine eigene, manchmal tragische, manchmal aber auch grandios erfolgreiche Geschichte.

Zu dieser langen Liste gehört auch das erstaunliche Wort Datscha, das im Grunde kein Wort ist, sondern ein umfassendes Konzept, in dem die russische Geschichte seit Anfang des 18. Jahrhunderts enthalten ist wie der Ozean in einem Wassertropfen: Als Datscha (vom russischen Verb dat, geben, schenken) bezeichnete man zur Zeit Peters I. unbewirtschaftete Grundstücke in der Nähe der neu errichteten Hauptstadt Sankt Petersburg, die Seine Majestät der Zar den Höflingen schenkte, allerdings nicht aus Großzügigkeit, sondern damit sie sich auf diesem Land provisorische Wohnstätten bauen konnten – ihren Familienwohnsitz und ihre Stadtvilla behielten sie in Moskau, das damals für ein normales Leben weit besser geeignet war.

In der UdSSR ein Traum von „Eigentum“

Bis heute versteht man unter dem Begriff „Datscha“ ein Landhaus mit dazugehörigem Grundstück, in dem die Stadtbewohner ihren Sommer verbringen, also im Grunde ebenfalls ein vorübergehendes Heim. In diesem Sinne hat sich die vom ersten russischen Imperator begründete Tradition bis heute erhalten. Allerdings haben die Sowjets das System modifiziert.

In den ersten Jahrzehnten der Sowjetunion wurden bestimmten Kategorien von Bürgern staatseigene Datschen zur Verfügung gestellt: Parteifunktionäre, altgediente Bolschewiken (Kampfgefährten Lenins, die nicht von den stalinistischen Repressionen betroffen waren), Schriftsteller und Dichter (natürlich nur solche, die die Staatsmacht als „die Ihren» betrachtete) erhielten eine Datscha zum Zeichen besonderer Dankbarkeit und in Anerkennung ihrer Verdienste.

Andere, unter ihnen auch Angehörige des „siegreichen Proletariats“, hatten keinen Anspruch auf eine eigene Datscha. Ihnen standen sogenannte Sanatorien zur Verfügung, die sich nicht selten (oder sogar in der Regel) in den Palästen und Landgütern des Adels der Zarenzeit befanden, der damals bereits in Vergessenheit geraten war.

Natürlich war dabei nicht die Rede von Eigentum – die Datscha konnte einem genauso leicht wieder weggenommen werden, wie sie einem überlassen worden war. Da sämtliche Figurenverschiebungen auf dem sowjetischen Schachbrett hinter den politischen Kulissen vor sich gingen, war eine Datscha – neben einer eigenen Wohnung (anstelle einer Gemeinschaftswohnung) und einem eigenen Auto – eines der begehrtesten Symbole für Reichtum und Erfolg. Mit einem Wort: ein Traum.

Landparzellen zur Selbstversorgung

Nach landläufiger Meinung begann dieser Traum erst in den Chruschtschow-Jahren in Erfüllung zu gehen, als – neben den umfangreichen Wohnungsbauprogrammen, welche die Behörden lancierten, um die Anzahl der Gemeinschaftswohnungen zu verringern – den Arbeitern der großen Fabriken und Betriebe Landparzellen zur Verfügung gestellt wurden, auf denen sie sich ein kleines Häuschen errichten und vor allem einen Obst- und Gemüsegarten anlegen konnten.

In Wirklichkeit aber begann dieser Prozess der (letztlich erzwungenen) Landnahme für Stadtbewohner bereits viel früher, in den dreißiger Jahren. Damals initiierten die Behörden angesichts der furchtbaren Hungersnot infolge von Kollektivierung, Industrialisierung und Militarisierung die kostenlose Zuteilung von 1,5 Millionen zumeist außerhalb der Städte gelegenen Landparzellen, damit Arbeiter und Angestellte sich selbst versorgen konnten.

Dieselbe Logik – die in der Chruschtschow-Zeit nicht mehr mit einer drohenden Hungersnot, aber doch mit einem Mangel an Grundnahrungsmitteln zu tun hatte – führte zu der Entscheidung, sogenannte Gartenbau-Genossenschaften zu begründen. Mit anderen Worten: Datschensiedlungen, die nicht zur Erholung dienten, sondern in denen die Städter unermüdlich arbeiteten, ihre gesamte Energie und Freizeit, einschließlich der Jahresferien und der Wochenenden, in die mühselige Bestellung ihrer Bodenparzelle steckten – und wirklich reiche Ernte einbrachten.

Das stellte in Ermangelung von fließendem Wasser (das Wasser zur Bewässerung wurde in Eimern herbeigeschleppt) eine gewaltige Aufgabe dar. Dennoch konnte jede Kolchose nur neidisch auf die Ernteerfolge sein.

Wer mit Landwirtschaft zu tun hat, der weiß, dass es nicht damit getan ist, eine reiche Ernte einzubringen, man muss sie auch verarbeiten. Heutzutage, da man in jedem Fachgeschäft eine voluminöse Gefriertruhe oder ein leistungsstarkes Dörrgerät für Obst und Gemüse kaufen kann, ist dies bequemer und einfacher als früher. Zu Sowjetzeiten aber konnte man von derlei Elektrogeräten nur träumen.

Man bediente sich also aller möglichen Methoden, darunter auch solcher „nach der Großväter Sitte“. Ich erinnere mich, dass geschickte Gemüsegärtner ihre Kartoffeln und Möhren in tiefen Gruben lagerten, die sie im Wald oder auf ihrem Grundstück aushoben; in so einer trockenen, tiefen Grube hielt sich das Wurzelgemüse bis zum nächsten Frühjahr wunderbar frisch.

Die Datscha war eine kleine Einmachfabrik

Die weitaus verbreitetste Methode aber war das Einmachen. Zum Herbst hin, wenn die Ernte allmählich heranreifte, verwandelten sich die Datschen in richtige kleine Einmachfabriken. Reihen von Konservengläsern mit Köstlichkeiten – in Salzlake oder Essigaufguss eingelegtes Gemüse, zu Kompott und Konfitüre verarbeitete Früchte, sorgfältig sterilisiert und luftdicht verschlossen – zierten die Vorratskammern der Stadtwohnungen.

Die Einmachgläser mit hausgemachten Delikatessen bewahrte man auch in der Unterkellerung der Datscha auf (meine Datscha hat ebenfalls einen Keller, in den ich aber vor etwa dreißig Jahren zum letzten Mal hinabgestiegen bin) oder auf der Veranda, in speziellen Wärmekisten – im Winter, bei Frost, konnten die Gläser sonst zufrieren und platzen.

Der Name des Genies, das diese günstige und äußerst effektive Aufbewahrungsmethode erfand, ist nicht überliefert. Aber ich erinnere mich an die aufrichtige Begeisterung in den Augen meiner Mutter, als mein Vater, der damals schon Chefingenieur eines großen wissenschaftlichen Forschungsinstituts war, eigenhändig eine solche Zauberkiste baute.

Anstatt diese über Jahrzehnte gesammelten Fertigkeiten und Techniken zu übernehmen und sie nach Möglichkeit in die trostlose sozialistische Produktion einzubringen, war der Staat unablässig darauf bedacht, dass die Datschengärtner keine „kleinbürgerlichen Instinkte“ entwickelten: Alles, was das Leben auf der Datscha betraf, war strengstens reglementiert, angefangen bei den Dimensionen des Hauses (nicht mehr als dreißig Quadratmeter plus Veranda – maximal zehn Meter pro Familie), bis hin zur Anzahl der Obstbäume und -sträucher für jede Fruchtart: soundso viele Apfelbäume, soundso viele Johannisbeer- und Stachelbeersträucher.

Das Ziel lautete: kein einziges Glas für den Verkauf! Der Obst- und Gemüseanbau war ausschließlich für den Bedarf der eigenen Familie gestattet. Spezialkommissionen gingen regelmäßig die Parzellen ab, zählten sorgfältig alles nach, und wenn sie auf Unregelmäßigkeiten stießen, verlangten sie, diese unverzüglich zu beseitigen.

Die Datscha: Rettung in Zeiten der Wende

Glücklicherweise war meine Familie von diesen strengen Maßnahmen nicht betroffen. Die Datschaparzelle, die meine Eltern Mitte der sechziger Jahre erhielten, gehörte nicht zu einer „Gartenbau-Genossenschaft“, sondern zu einer sogenannten „Datscha-Baugenossenschaft“, deren Mitglieder die Datscha nach eigenem Ermessen verwenden durften.

Sie hatten sogar das Recht, die Datscha nur zur Erholung zu nutzen, ohne etwas anzubauen. Wovon wir zugegebenermaßen regen Gebrauch machten, sehr zum Erstaunen unserer direkten Nachbarn, die ihr Bestes gaben, um uns für die Landwirtschaft zu begeistern – eine Aussicht, die meine Eltern ziemlich kaltließ. Die meisten Vorräte, die meine Mutter, Städterin in dritter Generation, für den Winter anlegte, hatte sie nicht selbst angebaut oder eingemacht, sondern gekauft.

Beim Zusammenbruch der Sowjetunion waren sowjetische Datschenbesitzer gut gewappnet. In den neunziger Jahren, als ein Industriebetrieb nach dem anderen schließen musste und Arbeiter und Angestellte von heute auf morgen keinen Lohn mehr bekamen, wurden die Datschaparzellen für viele zum Rettungsanker. Arbeitslose Städter nutzten das allgemeine Chaos jener Jahre und bauten Hühnerställe auf ihren Datschen, um ihre Familien mit Eiern und Fleisch zu versorgen. Meine Nachbarn hielten sogar Ziegen!

In den reichen Nuller-Jahren, als Russland dank der stetig steigenden Ölpreise ein beispielloses Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte, tauchten zwischen den Bretterhäuschen auf den Datschaparzellen plötzlich teure, solide gearbeitete Häuser auf, deren Besitzer es nicht nötig hatten, selbst etwas anzubauen oder einzumachen. Damals kam die Mode auf, die Ferien in ausländischen Ferienorten zu verbringen, in der Türkei, in Ägypten oder auch in Frankreich – je nach Höhe des Familieneinkommens.

Für diejenigen, die sich der „Mittelschicht“ zugehörig glaubten, war das Datschaleben ein Anachronismus, etwas für Loser. Die Datschensiedlungen leerten sich allmählich, die Bretterhäuschen wurden baufällig, die Grundstücke wurden von Unkraut überwuchert. Die glücklichen Zeiten schienen kein Ende zu nehmen; niemand rechnete damit, dass auf die fetten Jahre auch wieder magere Jahre folgen würden und viele Familien erneut ums Überleben würden kämpfen müssen.

Renaissance in Zeiten von Corona

Die Covid-Pandemie hat ihren Teil dazu beigetragen, dass die Datscha eine Renaissance erlebt. Im Frühjahr 2020 strömten viele, die die Möglichkeit hatten, aufs Land, in der Hoffnung, dem tödlichen Virus zu entgehen. Zur selben Zeit wurden die Grenzen geschlossen und damit die gutsituierten Russen von ihren gewohnten Ferienzielen abgeschnitten. Infolgedessen haben sich die Mietpreise für Wochenendhäuser und Datschen beinahe verdoppelt, und auch der Wert bebaubarer Grundstücke außerhalb der Stadt ging beträchtlich in die Höhe.

Prognosen sind eine undankbare Aufgabe, aber ich glaube, dass man sich um das künftige Schicksal der Datscha als kulturelles und wirtschaftliches Phänomen keine Sorgen machen muss. Wenn ich mir anschaue, wie sich die russische Geschichte entwickelt, bin ich mehr als sicher, dass vielen meiner Landsleute ihr eigenes Fleckchen Land noch von Nutzen sein wird.

Elena Chizhova lebt als Schriftstellerin in St. Petersburg. Zuletzt ist bei dtv der Roman „Die Terrakottafrau“ erschienen. – Dieser Beitrag ist ursprünglich am 24.12.2021 erschienen in: Neue Zürcher Zeitung / © Neue Zürcher Zeitung – Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg