Gedenktag

Als Russland dem Alkohol trotzte

14. Juli 1901: Gründung der ersten „Gesellschaft für öffentliche Nüchternheit“

Wassili Grigorjewitsch Perow 1861 Osterprozession
Wodka gehört(e) in Russland dazu, aber manch einer verpasste offenbar die Osterprozession: Gemälde von Wassili Grigorjewitsch Perow (1861)

Ohne Alkohol zu leben ist in Europa und in den USA populär: Man entwirft „bleifreie“ Alternativen von Gin oder Wein, die schön verpackt sind, gut schmecken und dadurch gut ankommen.

Auch in Russland gab es bereits Anfang des 20. Jahrhunderts den Versuch, eine Abstinenzler-Bewegung zu etablieren. Allerdings nicht ganz im heutigen Sinne, mit anderen Mitteln und mit einem anderen Ziel: Um Gewinne zu steigern und trotzdem die Zahl der Trinkenden zu reduzieren, verfügte die Zarenregierung ein staatliches Monopol auf Alkohol und initiierte zahlreiche „Gesellschaften für öffentliche Nüchternheit“. Die Gesellschaft in Moskau wurde vor 120 Jahren gegründet, am 14. Juli 1901.

Es war die Reaktion auf einen Missstand und gleichzeitig ein Dilemma: Seit dem 17. Jahrhundert stammt ein erheblicher Teil des russischen Staatshaushalts aus dem Verkauf von alkoholischen Getränken. Gleichzeitig erkannten die Staatsmänner, dass übermäßiger Alkoholkonsum in unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft den Bürgern und der Wirtschaft schadeten.

Die Bauern feierten statt zu ackern

Alexander Aksakow, der nicht nur durch seine spirituellen und mystischen Experimente bekannt war, sondern auch als Übersetzer und Publizist, beschrieb 1872 die Situation in russischen Kleinstädten und Dörfern. Demnach etablierten die Bürger unkontrolliert Trinklokale oder Kabaks, und häufig tranken die Gruppen von Bauern aus „Eimern“, so Aksakow. Diese Feiern konnten einige Tage dauern, und es beteiligten sich nicht nur Männer, sondern auch „Frauen jeglichen Alters“ und Minderjährige.

Die Bauern versäumten ihre landwirtschaftlichen Termine und konnten nicht richtig arbeiten. „Vor einigen Jahren in dem Dorf Bojarkino“, schreibt Aksakow, nach so einer Art „Party“, seien die Bewohner des Dorfs ohne Heu geblieben, weil alle tranken zu mähen – zwei Wochen lang, und dabei seien „20 Eimer Wein“ konsumiert worden. Dann kam das Unwetter, und zur Heumahd war es zu spät.

Um Entwicklungen dieser Art zu kontrollieren, kamen mehrere Politiker, Wissenschaftler und Publizisten auf die Idee, den Alkoholverkauf unter staatliche Kontrolle zu bringen. Finanzminister Sergei Witte befürwortete diese Idee bereits im Jahr 1894 mit der Behauptung, dass diese gesetzliche Innovation dazu führe, dass die Staatsbürger „guten Wein ohne Zusätze“ bekämen.

Begleitet wurde diese Kampagne schließlich durch die Gründung von „Gesellschaften für öffentliche Nüchternheit“. Diese Organisationen eröffneten Einrichtungen wie Teehäuser, in denen man essen, Zeitung lesen oder ein Brettspiel spielen konnte. Bezahlt wurde unter anderem mit Coupons der Gesellschaft für öffentliche Nüchternheit. Wohlhabende Bürger kauften diese Coupons und verschenkten sie statt Almosen. Die Gesellschaften für öffentliche Nüchternheit haben außerdem Freizeiteinrichtungen wie Theater oder Freizeitgärten gegründet.

Wenn man Historikern glaubt, war die Initiative beliebt und hat funktioniert. Der Konsum von Alkohol ging erheblich zurück. Im Jahr 1863 hatten russische durchschnittlich 15 Liter Wodka pro Jahr getrunken, 1913 waren es nur noch etwas mehr als drei Liter.

Viel effektiver war aber das Antialkoholgesetz 1914, das dabei beigetragen hat, der Konsum pro Einwohner auf 0,2 Liter im Jahr zu reduzieren.  TF