Russland-Sanktionen

Wem die Sanktionen nützen

Russland-Sanktionen schaden deutschen Unternehmen, sagt Lutz Reinhardt, sie sind ‚Spielball der Geopolitik‘

Russische Münzen
Wer den Rubel nicht ehrt: Deutsche Unternehmen beklagen Verluste im Russlandgeschäft.

Lutz Reinhardt, ist Sales Manager Aerospace beim Sensortechnik-Produzenten ADZ NAGANO GmbH in Ottendorf-Okrilla. Er ist seit Beginn seines Berufslebens 1979 mit der Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten verbunden, hat in Odessa studiert und ist sein gesamtes Berufsleben lang in zahlreichen Projekten auch längerfristig in diesen Ländern tätig gewesen.

Der Anteil des Russlandgeschäfts am Gesamtumsatz der ADZ NAGANO GmbH bewegt sich in der Größenordnung von fünf bis sieben Prozent. Die Sanktionen, so Reinhardt, „wirken sich auf unser Unternehmen nur moderat aus“. KARENINA hat mit ihm gesprochen.

KARENINA: Eine Studie des ifo-Instituts ergab kürzlich, dass Sachsens Unternehmen erheblich unter den Russland-Sanktionen leiden. 60 Prozent beklagen Behinderungen beim Export. Und Sie spüren die Sanktionen nicht?

Lutz Reinhardt: Wir haben sehr langfristige Verträge mit Firmen, die beispielsweise die Moskauer und St. Petersburger Metro servicemäßig betreuen. Diese Unternehmen beziehen von uns über viele Jahre Sensoren, z.B. für die Bremssysteme, die Pneumatik für Türen und Niveauregulierung und andere. Wir haben weiterhin auch langfristige Verträge mit KAMAZ, dem größten LKW-Hersteller in Russland. Er setzt unsere Sensoren unter anderem im Treibstoffsystem ein. Um mal eine Zahl zu nennen: Hier sind es etwa 7000 Sensoren pro Monat.

Was unsere russischen Kunden sehr schätzen: Unsere Produkte unterliegen keinerlei Exportbeschränkungen. Das ist insbesondere für die Sanktionen von US-amerikanischer Seite bedeutend. Laut US-Exportkontrollrecht wird das auf alle Produkte angewandt, die einen bestimmten US-Anteil enthalten unabhängig davon, wo diese Produkte entwickelt und hergestellt werden. Demnach gilt das auch für deutsche Produkte. Da in unseren Produkten der US-Anteil verschwindend gering ist, sind wir von diesen Bedingungen (und damit auch von entsprechenden Sanktionen) unabhängig. Danach fragen unsere russischen Kunden häufig. Dass wir diesen Einschränkungen nicht unterliegen, ist ein großer Vorteil.

Konkretes Beispiel?

Die Auswahl unserer Firma für das Luftfahrtprojekt IRKUT MS-21 erfolgte trotz der Sanktionen, auch weil wir keinen Exportbeschränkungen unterliegen. Das ist wichtig, weil das Flugzeug in alle Welt exportiert werden soll.

Der Suchoi Superjet 100 z.B. hatte genau dieses Problem: Da waren und sind zu viele US-amerikanische Komponenten enthalten. Als das Flugzeug in Drittstaaten exportiert werden sollte, gab es Probleme bei von US-Seite sanktionierten Staaten wie z. B. dem Iran. Es hieß: „Not Russian enough.“

Wie kommen Ihre Endkunden mit den Sanktionen zurecht?

Verunsicherung unter den Endkunden gab’s nur am Anfang, als noch vieles unklar war. Dabei ging es darum, wie wir das in Zukunft handeln können. Inzwischen hat sich das relativiert. Unsere Partner haben bestimmte Produktionsschritte übernommen, so dass wir in Fällen, in denen es notwendig und möglich ist, auf einen russischen Anteil an unseren Produkten verweisen können.

Einen größeren Effekt als die Sanktionen selbst hat der fallende Rubelkurs, was ja auch zum Teil eine Folge der Sanktionen ist. Unsere Produkte werden dadurch teurer. Viele Kunden sind Staatsunternehmen, und diese müssen ihre Bedarfe ausschrieben. Dafür werden dann Mittel eingeplant, die für eine bestimmte Zeit festgeschrieben sind. Wenn wegen des Rubelkurses der Preis steigt, müssen sie sehen, wie sie mit dem Budget zurechtkommen. Dann kann es sein, dass sie weniger einkaufen können oder sich nach Alternativen umsehen müssen.

Wieso müssen sie auf einen russischen Anteil verweisen?

Es gibt eine russische Strategie, die sieht vor, möglichst Importe aus dem Ausland durch russische Produkte zu ersetzen. Bei Ausschreibungen werden Produkte „Made in Russia“ bevorzugt. Da haben mittelständische Firmen wie wir ein großes Problem. Um diesen Status zu erlangen, sind Mindestinvestitionen gefordert, die wegen ihrer Größenordnung für mittelständische Unternehmen wie unseres nicht zu stemmen sind. Damit brechen für europäische Unternehmen Marktpositionen weg.

Importablösung betreiben auch andere Länder. Ungefähr gleich rigoros wie Russland macht das Indien. Man hat als Ausländer nur eine Chance, wenn man einen indischen Anteil an seinen Produkten nachweisen kann hat.

Das Volumen übersteigt auch die Möglichkeiten Ihrer Firma?

Ja. Das machen nur die Großen. In der ifo-Studie ist z. B. Mercedes Benz genannt. Aber auch andere deutsche Unternehmen wie Volkswagen haben diese Möglichkeiten. Die bauen in Russland ein Werk, und damit sind die Rahmenbedingungen bereits zu einem erheblichen Teil erfüllt.

Wir können mit unseren Vertriebspartnern nur bestimmte Produktionsschritte nach Russland verlagern. Damit sind sie in der Lage zu sagen: Wir geben uns Mühe, soweit es geht. Das haben unsere Kunden, die darauf großen Wert legen, auch bei Besuchen vor Ort kontrolliert. Aber eine komplette Produktion würde sich im Moment vom Umfang her nicht lohnen.

Das heißt, dass die Lokalisierungspolitik und „Made in Russia“ in manchen Bereichen gar nicht umsetzbar ist. Richtig?

Für unser Unternehmen gesprochen: Ja.

Zur grundsätzlichen Bewertung der Sanktionspolitik sagen Sie: Sächsische Unternehmen werden zum Spielball der Geopolitik…

Nicht nur die sächsischen, die europäischen. Am Ende sind die Vereinigten Staaten der einzige Profiteur. Sie nutzen die Möglichkeit, über eine weltweite Kontrolle der Geldströme Sanktionen in ihrem Interesse durchsetzen zu können. Das beste Beispiel dafür sind die Iransanktionen. Da nach einhelliger Auffassung der EU-Staaten Iran die Bedingungen des Atomabkommens erfüllte, gab es Bestrebungen, eigene von den USA unabhängige Vertriebswege zu schaffen, um europäische Waren in den Iran liefern zu können. Dieses Vorhaben ist gescheitert.

Warum? Weil immer noch sämtliche Finanzströme der Welt von den USA kontrolliert werden können und europäische Firmen, die ebenso Geschäfte mit den USA unterhalten, mit entsprechenden Strafen rechnen müssen. Dieses Risiko wird in der Regel nicht eingegangen. Mit den Russlandsanktionen ist das im Prinzip genauso.

Im Pipelinestreit ist es so, dass die USA selbst aus Russland Rohstoffe beziehen, nämlich Öl. Heißt: Die Europäer sollen den Bau stoppen, aber die USA organisieren weiterhin größere Mengen Öl aus Russland.

Das kann ich an dieser Stelle nicht kommentieren, aber trotzdem gilt aus meiner Sicht: Wir sind ein Spielball geopolitischer Ambitionen. Die USA sind nicht daran interessiert, dass die EU mit Russland vertrauensvoll zusammenarbeitet. Man kennt das ja: Wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte.

Sie sagen, die Sanktionen seien prinzipiell in Ordnung. Aber sie müssten konsequent befolgt werden. Wen meinen Sie damit?

Das ist ein Dilemma: Außer Sanktionen und diplomatischen Bemühungen haben wir im Prinzip keine Möglichkeiten, von außen auf die russische Politik einwirken zu können. Aber wenn man sanktioniert, dann sollten sich alle daran gleichermaßen halten. Das gilt auch innerhalb der EU. Aber auch andersrum: Dann müssten wir eigentlich doch auch andere Länder sanktionieren.

Begründet werden die Sanktionen vor allem mit der Annexion der Krim. Es gibt aber weltweit noch eine Anzahl weiterer ähnlicher Annexionen oder Rechtsverstöße von anderen Staaten, bei denen es keine Sanktionen gibt. Es wäre gut, wenn die Europäische Union mehr Selbstvertrauen zeigen würde, eine eigene Lösung zu finden. Zumal die Sanktionen in Russland nur eingeschränkte Wirkung zeigen.

Wie das?

Sie müssen ja nur in die russischen Supermärkte gehen und das Angebot mit dem vor zehn Jahren vergleichen. Dort hat sich der Anteil der russischen Produkte extrem erhöht, Folge der russischen Gegensanktionen gegen europäische Produzenten. Vor den Sanktionen gab es offenbar keinen besonderen Druck. Durch die Sanktionen haben sich viele russische Firmen etablieren können, vor allem in der Landwirtschafts- und Konsumgüterproduktion. In diesen Bereichen sind langfristig Marktpositionen für europäische Exporteure weggebrochen. Zumindest sehe ich das so.

Außerdem geben wir der russischen Regierung mit den Sanktionen Schützenhilfe.

Wieso das?

Das ist eine persönliche Beobachtung. Der Präsident hat jetzt eine schöne Ausrede. Bei ökonomischen Problemen wird schnell gesagt: Daran sind die Ausländer, sind die Sanktionen schuld, der Westen ist schuld. Wir unterstützen damit Putins Politik, indem wir ihm auf diese Weise Schützenhilfe geben. Diese Propaganda funktioniert tatsächlich. Und sie schadet dem Ansehen der westeuropäischen Staaten.

Iwan Normalbürger weiß nicht, was genau sanktioniert ist. In den russischen Medien wird sehr viel darüber geredet, aber meistens ohne Inhalt. Es wird nicht gesagt, was wirklich sanktioniert ist. Deshalb glaubt das ein bedeutender Teil der russischen Bürger auch.